^ß , ijpEWrORKBOTANIC^^B W«CH«Et, (S23 fnoM 6fNfMECT,A;vlCAI GAROF. 1 ' ! U.i-^ DUPLTCATA DE LA BIBLIOTHEQUE 1317 OONSERVATCIEE BOTANIQÜE DE GENEVE VENDÜ EN 1922 Beiträge 7A\r Biologie der Pflanzen. Begründet von Professor Dr. Ferd. Colin, herausgegeben von Dr. Felix Rosen, Professor an der Universität Breslau. Neunter Band. !Mit sieben Tafeln. WWitAÄT P»KW YORK ' , ivV^N- \^N Breslau 1909. J. U. ICern's Verlag (Max Müller). DTTPLTCATA Diu Ur. BIELIOTHEQUB DU OONSERVATCinE BOTATJIQÜE DE GENEVE VE^TDU EN 1922 Inhalt des neunten Bandes. Heft. Seite. Die Sporenverhreituiig bei den Basidiomyceteri und der biologiscbe Wert der Basidie. Von Dr. Riebard F alek, (Mit Tafel 1—6.) I. 1 Experimentelle Untersuclumgen über Lichtschutzeinricbtiingen an grünen Blättern. Von K urt Baumert II. 83 Über den Einlluß des geotropi.schen luid Iipliotropischen Reizes auf den Turgordruek in den Geweben. Von Karl Kerstan . . II. 163 Neue Untersuchungen über den Kältetod der Kartoffel. Von Arthur Apelt II. 215 Einfluß der Beleuchtung auf die heliotropische Stimmung, Von Ernst Pringsh eim II. 263 Untersuchungen über Stoßreizbarkeit, Von Julius Brunn . . , III. 307 Unterkühlung und Kältetod der Pflanzen. Von Hans V oigtländer III, 359 Studien zur heliotropischen Stinunung und I'räsentationszeit, (Zweite Mitteilung.) Von Ernst Pringsheim, (Mit Tafel 7.) . . . III. 415 Register zum neunten Bande. Heft Seite. Apelt, Arthur, Nene Untersuchuiigen über den Kältetod der Kartoffel II. 215 Biiilinert, Kurt, Experimentelle Untersuchungen über Lichtschutz- einrichtungen an grünen Blättern II. 83 Brnini, Julius, Untersuchungen über Stoßreizbarkeit III. 307 Fulck, Dr. Richard, Die Sporenverbreitung bei den Basidioniyceten und der biologische Wert der Basidie. (Mit Tafel 1 — 6) . . I. 1 Kerstan, Karl, Ul)er den Einfluß des geotropischen und heliotro pischen Reizes auf den Turgordruck in den Geweben .... II. 163 Priiigsheim, Erust, Einfluß der Beleuchtung auf die heliotropische Stimnnmg IL 263 — Studien zur heliotropischen Stimmung und Präsentationszeit. (Zweite Mitteilung.) (Mit Tafel 7) III. 415 Voigtläuiler, Haus, Unterkühlung und Kältetod der Pflanzen . . III. 359 Beiträge ziu- Biologie der Pflanzen. Begi'ündet von Prof. Dr. Ferd. Cohn, herausgegeben von Professor an der Universität Breslau. Neunter Band. Erstes Heft. Mit sechs Tafeln. Breslau 1904. J. U. ICern's Verlag (Max Müller). Inhalt des ersten Heftes. Seite Die Sporenverbreituiig bei den Basidiomyceten und der biologische Wert der Basidie. Von Dr. Richard Falck. (Mit Tafel I— VI.) 1—82 NEW YüRK BÜTaNICaL. I CD Die Sporenverbreituüg bei den Basidiomyceten und der biologische Wert der Basidie. Von Dr. Richard Falck. Mit Tafel I— VI. JL/ie Pilze sind ebensowenig den grünen Pflanzen wie den Tieren zu- zurechnen, sie bilden ein grosses Organismenreich für sich und beanspruchen eine eigne Disziplin, wie dies von meinem Lehrer Brefeld in seinen Vor- lesungen seit Jahren betont wird. Sie erreichen eine hohe und eigenartige morphologische Diftereuzierung und existieren in unzähligen Gattungen und Arten, ohne daß eine sexuelle Differenzierung an der Ausbildung dieses Formenreichtums beteiligt ist ' ). In dem Verlust der Sexualität bei ihren höher entwickelten Familien tritt die Eigenart der Pilze zu Tage gegenüber den beiden anderen Reichen der Lebewesen, doch sind sie von den grünen Pflanzen noch besonders unterschieden durch den Mangel des Assimilations- apparates, der Bildungsstätte aller organischen Substanzen, während das Fehlen differenzierter Bewegungs- und Sinnesorgane sie außerdem von den Tieren unterscheidet. Die Organisation der Pilze ist deshalb eine verhältnis- mäßig sehr einfache, und ihre Funktionen sind nur auf die Ausnutzung bereits gebildeter organischer Substanzen gerichtet, von denen sie aus- schließlich leben. Die Beziehungen, welche zwischen der Organisation der lebendigen Substanz und den Lebensbedingungen in der Außenwelt bestehen, werden deshalb bei den Pilzen am einfachsten zu analysieren sein. Hierauf wurde ich bereits durch meine ersten Untersuchungen über Sporodinia grandis^) hingeleitet, die das Resultat ergaben, daß die Funktionen und ^) Brefeld hat durch seine umfangreichen Untersuchungen, besonders im HI. VII. VIII. IX. und X. Hefte seines Werkes „Untersuchungen aus dem Gesamt- gebiete der Mycologle", den Nachweis erbracht, daß die bei den einfachsten Formen der 'Pilze noch vorhandene Sexualität allmählich erlischt und daß die Ascomyceten und die Basidiomyceten als geschlechtslose Lebewesen zu betrachten sind. Brefeld hat auch zuerst erkannt und betont, daß dies Moment die Ent- wicklungsrichtung der Pilze gegenüber deijenigen der grünen Pflanzen besonders charakterisiert. (Kcrnverschmelzungen im Askus und in der Basidie sind als sexuelle «cti DifTerenzierungen nicht wohl anzusehen.) 2) R. Falck, Die Bedingungen und die Bedeutung der Zygotenbildung bei Sporodinia t/ra7idis. Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Bd. VIII. Colin, Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Bd. IX, Heft I. 1 Gestaltungen der beiderlei Fruktifikatiousorgane als zweckniäßige Anpassuugs- zustände (Ökologismen ' )) dieses Pilzes an seine besonderen Lebensverhältnisse verständlich werden. Für das Studium der Anpassuugszustände und ihrer Entstehung (Ökogeuese ' )) im Pflanzenreich sind die Pilze daher die geeignetsten Objekte, und doch ist keine Gruppe der Lebewesen bisher biologisch so wenig ver- standen worden wie die am liöchsten differenzierten Pilze, die Basidiomyceten. Welchen Sinn hat die Ausbildung dieser mächtigen Hutpilze mit ihren reichen Nährstoffmengen, die für die Sporenbildung nur zum geringsten Teile verwertet werden? Wozu dient die Ausbildung der unzähligen Sporen, wenn sie über das Bereich des eignen Hutes nicht wesentlich hinan sgelaugen ? Welchen Zweck hat die Bildung der Sporen überhaupt, wenn sie nicht keimfähig sind, wie dies die bisherigen Forschungen bei den meisten Formen ergeben haben? Mit der letzten dieser Fragestellungen begannen meine Untersuchungen, und ich war zunächst in dem Glauben befangen, daß Maden und andere Tiere, welche den Nährstoffen der Hutpilze ihr Dasein verdanken, gleich- zeitig die Verbreiter der Pilzsporen seien, nach Analogie der saftigen Früchte bei den Pflanzen, die als Hilfsmittel für die Verbreitung der Samen gebildet werden. Ich ließ deshalb die Sporen verschiedener — weiter unten benannter — ■ Basidiomyceten den Madenleib passieren und prüfte sie dann auf ihre Keimfähigkeit. Die aus den Exkrementen der Maden wiedergewonnenen Sporen sind natürlich stark mit Bakterien verunreinigt, und es bedarf sehr sorgfältiger Versuche, um die Beobachtung der Sporen in Nährlösung für längere Zeit zu ermöglichen. In keinem einzigen Falle konnte aber eine Keimung beobachtet werden, ja selbst die keimfähigen Sporen von CoUybien und Brandpilzen, die in gleicher Art von Maden aufgezehrt und scheinbar ganz unversehrt aus den Exkrementen wiedergewonnen wurden, hatten ihre Keimfähigkeit fast vollständig eingebüßt. Anders verhält es sich mit den dunkelgefärbten Sporen der mistbewohnenden Basidiomyceten und Ascomy- ceten, die den Verdauungskanal der Säugetiere nicht bloß ohne Nachteil passieren können, sondern zum Teil erst hierdurch ihre volle Keimfähigkeit erhalten. Auch die Frage, ob die Sporen der Basidiomyceten, deren Keimung bisher nicht beobachtet werden konnte, vielleicht erst eine Ruheperiode durchmachen müssen, bevor sie keimfähig werden, ist von mir experimentell bei den folgenden Pilzen geprüft worden: Boletm edulis Bull., B. scaber Bull., B. luteus L., Gantarellus cibarkis Fr., TricJwloma «questre L., Russula emetica Schaeff., Lepiota procera Scöp., Lycoperdon piriforme Schaeff. und L. gemmatum Batsch, Sderoäerma vulgare Fl. dan., Elaphomyces granulatus Fr. Die frisch aufgefangenen reinen Sporen wurden für die Prüfung zwischen ausgeglühte poröse Tonplättchen gebracht, 1) Nach Carl Detto, Die Theorie der direkten Anpassung etc. Jena 1904. die auf den Innenfläclien kleine Vertiefungen trugen und an den Rändern teils mit Gips, teils mit Heftpflasterstreifen gedichtet waren. So vor Tier- angriflfen geschlitzt, wurden sie dann teils dicht unter der Erde, teils unter Moos au solchen Orten in der freien Natur aufbewahrt, an denen die be- treflfenden Pilze natürlich vorkommen. Nach einjähriger Aufbewahrung wurden die reiugebliebenen Sporen sowohl in Wasser wie auch in den verschiedenen Nährlösungen kultiviert, doch blieben alle diese Versuche resultatlos. Dagegen ist es mir gelungen, die beiden ersten Fragen nach der Bedeutung der Fruchtkörper- und Sporenbildung erfolgreich zu lösen und zwar durch die Beobachtung, wie diese Pilze ihre Sporen verbreiten. Unsere bisherigen Kenntnisse über die Sporenverbreitung bei den Basidiomyceten. Ganz allgemein bekannt sind die Sporenbilder der Basidiomyceten, die mau erhält, wenn man die abgeschnittenen Hüte mit der Unterseite auf ein gefärbtes Papier legt. Die Summe der abgefallenen Sporen zeichnet dann im Verlauf einiger Stunden das genaue Bild der hymeniumtragenden Unter- seite des Hutes — der Hymenophore — auf das Papier ab, sodaß mau aus den Sporenbildern genaue Aufschlüsse über den Verlauf der Lamellen, der Poren etc. erhalten kann. In Pilz-Herbarien werden deshalb neben den durch das Trocknen geschrumpften Hüten solche Sporenbilder zur Dar- stellung gebracht ' ). Der erste, der meines Wissens die weitere Beobachtung gemacht hat, daß die Sporen der Basidiomyceten sich auf der Unterlage über den Bereich des Hutes hinaus verbreiten, „wenn sich ein Z\säscheuraum befindet zwisclien dem Rand des Hutes und dem Körper, dem er aufliegt," ist Bouillard'). Dieser Mykologe hält die Basidien deshalb für elastische Fäden, welche die Sporen mit einer Schleuderbewegung ausstreuen. Ähnliche Beobachtungen haben nach ihm noch Hoffmann^) und de Seynes*) mitgeteilt. Hoff mann gibt an, „daß die Sporen infolge ihrer ungeheuren Leichtigkeit weit fortgetragen würden, doch stets nur schief abwärts, in ruhiger Luft niemals aufwärts." Bei Polyporxis destructor sah er in schwach bewegter Luft weiße Wolken von Sporen wie rauchend aufsteigen und langsam fortziehen. In vollständig abgeschlossener und ruhiger Luft gelangten da- gegen keine Sporen auf eine Glasplatte, welche nur ^U Zoll über dem Pilze schwebte, während auf einer 2V2 Zoll unterhalb des Pilzes befindlichen Glastafel die Sporen fast über das sechsfache des Pilzurafanges gleichmäßig M Vergl. G. Her pell, Sammlung präparierter Hutpilze. St. Goar, Selbstverlag. 2) Bouillard, Champ. de Fr. I, p. 52. 3) Jahrbücher für wissenschaftliche Botanik, Bd. 2, 1860, p. 315. ^) De Seynes, Annales des scicnces nat. V. Ser., 1864, p. 252. 1* 4 bis au den Rand bedeckten. Hoffmann glaubt, daß die Sporen etwa durch Ausreckung und Verkrümmung der austrocknenden Sterigmen schwach seitwärts geschleudert werden und dann niederfallen. Auch de Seynes gibt an, beobachtet zu haben, daß die Sporen manchmal die Punkte über- schreiten, wohin sie naturgemäß fallen müßten, nämUch unter die Lamellen. Er hat schon versucht, das Phänomen der außerordentlichen Zartheit der Sporen zuzuschreiben, die durch die geringsten Luftströmungen fortgeführt werden könnten. Doch beschreibt er dann ausführlich eine Beobachtung, daß ein Hut von 8 cm Durchmesser seine Sporen über eine 17 cm breite Grundfläche ausgebreitet hat in einem gut verschlossenen Schreibtisch, wo Bewegungen der feuchten Atmosphäre damit nicht in Verbindung zu bringen waren. Hierdurch glaubt auch de Seynes die Tatsache des Schleuderns seitens der Basidien konstatiert zu haben. De Bary') glaubt, indem er in seiner Morphologie und Physiologie der Pilze über diese Beobachtungen von Bouillard und Hoffmann berichtet, daß die Sterigmen der Basidiomyceten ähnliche hygroskopische Erscheinungen und Drehungen zeigen wie die Couidienträger von Peronospora^ welche beim Austrocknen zur Zeit der Sporenreife zu bandförmiger Blättergestalt coUabieren und sich dabei um ihre eigene Längsachse drehen. Die erste mikroskopische Beobachtung, wie das Sporenabwerfen bei den Basidiomyceten tatsächlich erfolgt, ist meines Wissens von Brefeld^) gemacht worden, als er die Entwicklungsgeschichte des Coprmus fitercorarius lückenlos verfolgte. Bei diesem Pilz werden nach Brefeld die Sporen und die Sterigmen gleichzeitig ausgebildet und auch gleichzeitig entleert, sodaß hier der Akt des Sporenwerfens ein einmaliger ist. Brefeld sagt wörtlich : „Die Sporen fallen von der Spitze der Sterigmen, die an ihrer Spitze aufplatzen, wie ein dichter Regen in dunklen Wölkchen sichtbar zur Erde herab. Es genügt eine Minute Zeit während dieses Aktes, um auf einem untergelegten Glase den Abdruck des Hutes zu bekommen. Der ganze Akt dauert nur 2 — 3 Stunden, und dichte Sporenmassen bedecken den Boden rings um den Stiel." In der Anmerkung 2 auf Seite 65 1. c. sagt Brefeld über den Mechanismus des Sporenwerfens dann folgendes: „Die Sporen werden durch Aufplatzen der Sterigmen abgeschleudert. Es tritt nach dem Abwerfen der Sporen, welches bei allen 4 Sporen einer Basidie stets gleichzeitig ei-folgt, aus den Sterigmen ein kleines Tröpfchen hervor, welches anzeigt, daß sie otfen sind. Die Basidien sind vor dem Abwerfen der Sporen elastisch ge- spannt; ebendarum erfolgt ein plötzlicher Ruck, wenn die Sporen ab- geworfen werden, die Sterigmen aufplatzen und die Basidien durch Contraktion ihrer elastisch gespannten Membran nach Maßgabe ihrer Spannung von ihrem Inhalt entleeren. Die abgeworfenen Sporen führen 1) de Bary, Morph, und Phys. der Pilze etc. Leipzig 186G- 2) Brefeld, Botanische Untersuchungen über Schinmielpilze, III. Heft, Basidio- myceten I, S. 6.5 und 66. stets von dem ejakulierteu Inhalt der Basidie mit sich. Sobald man sie in zweckmäßiger Weise auf einem reinen Deckglase auffängt und zugleich den Prozeß der Sporenentleerung unter dem Mikroskop continuierlich verfolgt, sieht man, wie sie mit dem Inhalte ankommen, wie dieser aber, weil er nicht bedeutend ist, schnell verdunstet, also entweder gar nicht, oder nur kurze Zeit gesehen werden kann." Bei den meisten anderen Hutpilzen er- folgt die Sporenentleerung nach Brefeld aber in anderer Art, weil bei diesen die Huthaut des gespannten Hutes intakt bleibt und die Lamellen nicht aufgespalten werden wie bei Coprinm. Es kann daher die Entleerung der Sporen nicht durch einfaches Abfallen von den gespalteten und horizontal ausgebreiteten Hymenialflächen geschehen. Die Lamellen bleiben hier geschlossen, und es bestehen nur enge Zwischenräume, in welche die Sporen durch schwache Ejakulation geworfen werden, um dann zu Boden zu fallen. (Brefeld, 1. c. S. 32, bei Ämanita muscaria.) Weitere Beobachtungen über die Sporenverbreitung bei einigen mist- bewohnenden Basidiomyceten sind dann von Emil Christian Hansen veröffentlicht worden'). Hansen gibt gleichfalls au, daß z. B. bei Coprinus stercorarius die Sporen mit großer Kraft ausgeschleudert würden. Hansen hat dann besonders den Agariciis semiglohatus beobachtet. Diese Form soll nur einen kleinen Teil der Sporen am Tage mit geringer Kraft, den Hauptteil aber des Nachts im Dunkeln mit großer Kraft ausschleudern. Ein Fruchtkörper, dessen Stiel 60 mm hoch war, warf seine Sporen in eine Entfernung von 100 mm von demselben aus. Sowohl des Tags wie des Nachts wTirden die Sporen in derselben Richtung, nämlich nach der vou dem Licht entfernten Seite, ausgeworfen. Die ausgeworfenen Sporen können auf Papier, das unter dem Hut angebracht ist, aufgefangen werden. Das Tagesbild ist ein ziemlich schwach gefärbtes fächerförmiges, des Nachts dagegen eine schwarzbraune, lange, keilförmige Figur. In einem Versuche wurde nun ein Stückchen der von dem Lichte entfernten Seite des Hutes abgeschnitten. Es zeigte sich dann, daß der äußere Teil der von den Sporen gebildeten Figur einen entsprechenden Ausschnitt bekam. Hansen glaubt, hierdurch dargetan zu haben, daß die in der größten Entfernung ausgeschleuderten Sporen aus dem von dem Licht entfernten Teil des Hutes herrühren. Dieselbe Beobachtung an mistbewohnenden Agaricineen ^ welche ich schon im Jahre 1902 mitgeteilt habe"^), war der Ausgangspunkt zu diesen Untersuchungen. Die Fruchtkörper von Aganais coprophüus, Ckalymotta 1) Nogle Undersögelser over Agaricinres Biologie (Einige Untersuchungen über die Biologie der Agaricineen). (Vortrag in der biologischen Gesellschaft zu Kopenhagen am 28. Oktober 1897. Hospitalstitende 1897, No. 46, p. 1109.) Referat im Botanischen Zentralblatt, Bd. 74, S. 114. 2) R. Falck, Die Kultur der Oidien und ilne Rückführung in die höhere Fruchtform bei den Basidiomyceten in Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Bd. VIII. campanulata imd Auellarki semiglohnfa verbreiten ihre Sporen, wie dies in meiner Arbeit beschrieben ist, nicht bloß über die Fläche des Substrates, sondern auch allseitig in den Raum hinein, sodaß sie in auffälliger Art die Obei-fläche der eigenen Hüte bedeckten, obgleich jeder von außen kommende Luftzug in den unter Glasglocken befindlichen Kulturen vollständig ab- geschlossen war. Da ich wie Hansen und alle früheren Autoren zunächst daran glaubte, daß die Sporen von den Basidien abgeschleudert werden könnton, suchte ich vergeblich nach emer Erklärung, wie den Sporen von ihren Basidien eine solche Richtung erteilt werden kann, daß sie auf den eignen Hut ge- langen. Die Beobachtung des Sporenauswerfens sporenreifer, senkrecht ge- stellter Lamellenteilchen von Ghalymotta unter dem Mikroskop ließ zudem nichts von einem derartigen Abschleudern der Sporen erkennen, sie fielen vielmehr blitzschnell von den Sterigmen senkrecht herunter auf das Objekt- glas. Über diesen Punkt kamen meine Untersuchungen zunächst nicht hinaus. Die vorstehend zusammengefaßten bisherigen vereinzelten Beobachtungen waren nicht im stände, bei den Botanikern die Überzeugung herbeizuführen, daß die Hutpilze ihre Sporen tatsächlich selbsttätig über das Bereich des eignen Hutes hinaus auf weitere Strecken verbreiten können. (Abgesehen von den lamelleuspaltenden Coprinusioxm^n^ bei denen die Sporen etwa wie aus Asken rings um ihren Hut auf kurze Entfernungen hin abgeworfen werden.) Bei allen übrigen Basidiomyceten ist eine Schleudertätigkeit der Basidie etwa nach Art eines elastischen Bandes tatsächlich nie beol>aclitet worden, und wenn dies auch gelungen wäre, hätte es unverständlich bleiben müssen, wie die Sporen aus den engen Spalten zwischen den Lamellen nach unten und dann seitlich weitergeschleudert werden können. Die auf- fälligen Hutpilze bieten sich jedem Naturforscher, sei es auf Exkursionen im Freien, sei es im eigenen Haushalte, zur Beobachtung dar, und er sieht nie, daß die Sporen über den Hut hinaus sich ausbreiten. Wenn er Sporen findet, dann liegen sie stets nur unter dem eignen Hut. So ist es erklärUch, daß man die vereinzelten Mitteilungen nicht beachtet hat und daß allgemein die Auffassung verbreitet ist, daß die Basidiomyceten ilu*e Sporen nur unter den eignen Hut herunterfallen lassen. Mit Bezug hierauf meinte Geheimrat Brefeld des öfteren, daß es keinen unpraktischer ge- bauten Organismus gäbe als einen Hutpilz, der seine Sporen nur dort ver- breitet, wo seine Mycelien schon vorhanden sind. Die entscheidenden Fortschritte machten meine Untersuchungen erst, als ich die Methoden fand, wie sich die Sporenverbreitung im Räume kenntlich machen läßt und ich zufällig beobachtete, daß auch die abgeschnittenen Hüte sämtlicher Basidiomyceten ihre Sporen in derselben Art verbreiten wie die noch auf ihren Substraten befindlichen. Nun konnten Vertreter aller Formentypen unter den Hutpilzen, die im Freien gefunden wurden, zu den Untersuchungen herangezogen und ein umfassendes Bild von ihrer Sporenverbreitung gewonnen werden. Es zeigte sich bald, daß alle Hutpilzf. die wir in der Natur antretfeii, ausnahmslos ihre Sporen in einem Umfange und in einer Vollkommenheit verbreiten, wie dies bisher von niemandem geahnt wurde. Bevor nun die Frage erörtert werden kann, welche Vorrichtungen und Kräfte hierbei wirksam sind, müssen wir erst alle Phänomene der Sporen- verbreituug, wie sie unter den verschiedenen Bedingungen in die Erscheinung treten, kennen lernen. Deshalb sollen die Ergebnisse der zu diesem Zwecke angestellten Untersuchungen zuerst beschrieben werden in der Reihenfolge, dal;i sie uns hintereinander folgende Fragen beantworten: 1. Wie werden die Basidiensporen über die unter den Frnchtkörpern befindlichen Flächen verbreitet? 2. Wie erfolgt die Verbreitung in den umgebenden Raum? 3. Welchen Einfluß haben Licht und Wärme auf die Sporen Verbreitung? 4. Hat die Beschaffenheit der Flächen einen Einfluß auf die Verbreitung? 5. Wie erfolgt die Sporenverbreitung in zeitlicher Folge? 6. Ist die Sporenverbreitung abhängig von der räumlichen Lagerung der Basidien ? 1. Die Verbreitung der Basidiensporen über die Flächen der Unterlage. Das Bild 1 auf Tafel VI zeigt meine erste diesbezügliche Beobachtung. In der Zeit vom 23. bis 24. Dezember 1900 verbreiteten die beiden Fruchtkörper von Chali/motfa catnpamdata unter einer Glasglocke ihre dunkelliraunen Sporen über die Fläche einer Milchglasplatte, welche sich etwa 2 cm tief unter den Hüten als Deckel auf der Kulturschale befand. Man sieht in der Nähe des Stieles die charakteristischen Sporenverbreitungslinien und die von den eignen Sporen in dicker Schicht bestreuten Hüte. Das zweite Bild derselben Tafel zeigt auf der unteren runden Papierscheibe die Sporenverbreitung desselben Pilzes während seiner ganzen Vegetation, wie sie bei Aufstellung des Kulturgefäßes am Fenster, also bei einseitiger Beleuchtung unter einer entsprechend großen Glasglocke, stattfindet. Die Papierscheiben besitzen in der Mitte kreuzförmige Einschnitte, mit deren Hilfe sie über den Hut gestülpt werden können, sodaß sie am Grunde des Stieles dem Kulturgefäße in wagerechter Lage aufgelegt werden konnten. Die Sporen werden zum größten Teil in der Richtung des einfallenden Lichtes ausgestreut. Wird das Kulturgefäß so aufgestellt, daß das Licht von zwei Seiten her einwirkt, so lassen sich zwei verschiedene Ausbreitungs- richtungen verfolgen. Es entsprechen dann der durch die Aufstellung be- dingten stärkeren und längereu Belichtungsrichtung die stärkeren Aus- breitungslinien. In anderen Fällen finden sich Linien, die den Schatten- umrissen des Stieles zu entsprechen scheinen, dann auch solche, die durch das schattengebende Fensterkreuz bedingt sein können. Diese und ähnliche 8 Erscheiuuugen fiihvteu Hansen wie mich (1. c.) zu der Auffassung, daß das Licht auf die Basidien einen richtunggebenden Einfluß ausübe. Wurden etwas größere Flächen in geeigneten geschlossenen Räumen für die Verbreitung der Sporen dargeboten, dann zeigte sich, daß sie über einen Umkreis von ca. 20 cm in makroskopisch sichtbaren Mengen nicht wesentUch hinausgelaugen, wobei ebenfalls bevorzugte, aber schwächere Ausbreitungslinien auftreten. Wurde nun ein einziger Fruchtkörper in noch größere Räume gestellt, etwa in das Fach eines geräumigen Kulturschrankes, dann war der Verbleib des größten Teiles der Sporen zumeist nicht mehr makroskopisch zu ver- folgen. Um nun die Verbreitung der Sporen in größeren Räumen verfolgen zu können, mußten größere Pilzformen verwendet werden, die eine ent- sprechend reichere Sporenbildung besitzen. Es ^vurden deshalb zunächst die Fruchtkörper von Hypholoma fasciculare Huds. angewendet, die fast zu jeder Jahreszeit zu finden sind und ebenfalls dunkle Sporen besitzen. Es zeigte sich, daß es sogar erforderlich ist, viele Hüte zusammenzustellen, um eine genügende Sporenausstreuung auf größeren Flächen zu erhalten, wie ja auch diese Pilze in der Natur zumeist zu vielen nebeneinander gebildet in die Erscheinung treten. Da in trockener Zimmerluft die abgeschnittenen Pilze schnell vertrocknen, ist es erforderlich, in den geschlossenen Kiütur- schrank einige Schalen mit Wasser zu setzen und, wenn dies noch nicht ausreicht, die Pilze mit ihren Stielen in ein Gefäß mit Wasser einzustellen. Ein Bündel von 5 — 6 HypholomahUten vermag nun in einem allseitig geschlossenen Räume eine Grandfläche von weit über einem Quadratmeter von einem Punkte, sei es von der Mitte oder vom Rande aus, so vollständig zu be- streuen, daß man an jeder Stelle des Papieres Striche mit einem Hölzchen sichtbar machen kann. Auch hier finden sich selbst in vollständig dunklen Räumen unregelmäßig verlaufende Ausbreitungslinien vor, die rings um die Hüte herum am stärksten sind und sich nach den Rändern hin allmählich verlieren. Für das Studium der Sporenverbreitung verwendete ich ganz besonders die großen Hüte von Ägaricus nebularis Batsch und violaceus Sowerby, die im Herbst 1902 in der Umgebung von Breslau in großen Mengen zu finden waren. Wie nun ein Fruchtkörper von A. nehidarh in einem allseitig geschlossenen flachen Schranke mit einer Grundfläche von einem Quadratmeter seine weißen Sporen auf einer Unterlage von schwarzem Papier in charakteristischer Weise ausstreut, zeigt die Figur 1 der ersten Tafel. Man hat den Eindruck, daß der Hut seine Sporen ausstreut, etwa wie ein Sämann die Saaten aus- wirft, und dieser Eindruck führt uns unwillkürlich zu der Auffassung, daß der Pilz in seinen Basidien über eine Kraft verfügen müsse, welche diese Erscheinung herbeiführt. Der dunkle Schrank stand in einem Zimmer, das allseitig gleichen Temperaturen ausgesetzt war. In ähnlicher Art verbreiten die Fruchtkörper aller anderen Agaricineen ihre Sporen unter den gleichen Versuchsbedingungen in dem Schranke. Die Ausbreitung der Sporen um den Hut heiiim in radialen Ausbreitungsliuien legt den Gedanken nahe, daü diese Linien der Ausdruck für den Verlauf der Laraellen seien, daß also unabhängig von der Beeintlussung durch das Licht vielleicht bestimmte Be- ziehungen bestehen zwischen dem Verlauf der Lamellen und den Ver- breitungslinien der Sporen in den dunkel gehaltenen Räumen. Um hierüber Aufschluß zu erhalten, wurden die Hüte von Agaricus violaceus in vier Teile segmentiert, und jedes der dreieckigen Segmente an einem zenti'alen Holzstäbchen befestigt in je ein flaches dunkles Fach eines geräumigen Schrankens mit einer Grundfläche von je einem Quadratmeter auf- gestellt. Die vier Segmente wurden nun in die vier gleich beschafienen und gleichgelegenen Fächer in vier verschiedenen Richtungen so aufgestellt, daß sie, nebeneinandergestellt, die Form des ursprünglichen Hutes wieder zusammensetzen würden. Dasselbe Bild 1 zeigt uns, daß die Sporen sich um das Segment nach allen Seiten hin so ausbreiten, als ob ein vollständiger Hut aufgestellt wäre. Sehr schön ist hier zu sehen, wie auch die schrägen Flächen des Erlenmeyerschen Kölbchens von den Sporen bestreut sind. Die Versuche beweisen die Unabhängigkeit dieser Verbreitungslinien von dem Verlaufe der Lamellen. Von allen Basidiomyceten verbreiten die Polyporeeu ihre Sporen am gleich- mäßigsten. Wurde ein Fruchtkörper von Polyporus squamosus Huds. unter den gleichen Bedingungen und in demselben Schrank wie im Falle der Figur 1 aufgestellt, so wurde die Fläche des untergelegten schwarzen Papieres ganz gleichmäßig ohne besondere Ausbreitungslinien von den weißen Sporen bedeckt. Dieser Pilz besitzt so reiche Sporenbildung, daß ein mittelgroßes Exemplar schon nach 5 Stunden die ganze Fläche des Papieres wie mit weißer Farbe gleichmäßig antüncht, sodal?« Bilder, wie sie die Figur 2 der ersten Tafel wiedergibt, erhalten werden, wenn man vor der Bestreuuug winkelförmig geschnittene Papierstreifen und Papierbuchstaben auf das Papier legt und sie nach der Bestreuung wieder entfernt, um die Kontrastfarbe des unbestreuten Papieres hervortreten zu lassen. Die beschriebenen Versuche ergeben folgende Resultate: 1. Die Sporen der Hutpilze werden in geschlossenen flachen Räumen, welche gegen die Einwirkung äuLierer Luftströmungen gesichert sind, mehr als meterweit, soweit die Versuchsflächeii reicliten, nach allen Richtungen hin auf die darunter befindliche Fläche verbreitet. 2. Je größer die Pilzfruchtkörper sind, oder je mehr Fruchtkörper zu- sammen verwendet werden, um so größer ist die Fläche, die von ihnen be- streut werden kann. o. In einem dunklen, allseitig von gleichmäßigen Temperaturen um- gebenen Raum verbreiten von allen Pilzen die Polyporeen ihre Sporen am gleichmäßigsten über die Flächen der Unterlage. Bei den Agaricineen flnden sich radial verlaufende Ausbreitungslinien, die aber unabhängig sind von dem Verlauf der Lamellen. 10 4. Am Lichte findeu sich bei allen Pilzeu mehr oder weniger deutliche Ausbreitungslinien , die mit der Richtung der einfallenden Liclitstrahlen korrespondieren. 2. Die Verbreitung der Sporen in den umgebenden Raum. Die Bilder, welche die Sporen auf der unter dem Fruchtkörper befindlichen Fläche aufzeichnen, sind der projizierte Ausdruck ihrer räumlichen Verbreitung nach den vier Himmelsrichtungen hin in möglichst flachen Räumen. Sie geben aber keine Auskunft, wie ihre allseitige Verbreitung in den umgebenden Raum erfolgt. Um hier einen Einblick zu gewinnen, verfuhr ich so, daß der für die Sporenverbreitung bestimmte Raum auch nach oben hin vergrößert und an möglichst vielen Stellen mit wagerechten Flächen versehen wurde, auf denen die Sporen sich verbreiten können. Es wurde dies in der einfachsten Art dadurch erreicht, daß in längeren Papierstreifen fenster- artige Rechtecke möglichst dicht nebeneinander mit dem Messer ein- geschnitten wurden, die an einer schmalen Seite mit dem Papier in Ver- bindung blieben, sodaß ihnen, wenn sie rückwärts eingebogen wurden, eine M^agerechte Lage dauernd erteilt werden konnte. Mehrere solcher Papier- streifen wurden nun in gleichmäßiger räumlicher Verteilung den Innenflächen der Gefäße, welche den Sporenverbreitungsraum begrenzten, so angeklebt, daß die ausgeschnittenen Fenster allseitig wagerecht in den Raum hinein- ragten. Das erste Resultat, welches ich auf diesem Wege gleichfalls an der mistbewohnenden Chahjrnotta campanulata erhielt, zeigt die Figur 2 auf Tafel VI. Es wurde ein Glaszyhnder von 32 cm Höhe und 20 cm Durch- messer in der beschriebenen Weise mit Papierstreifen beklebt, sodaß die untersten derselben sich schon in der Höhe der Hutoberfläche befanden. Um sie gleichmäßig zu photographieren, wurden die Papierstreifen aus dem Zylinder herausgelöst und mit den zurückgebogenen Fenstern auf einer ebenen Fläche befestigt. Aus der Photographie ist nur einer von den vier Papierstreifen in dem Bilde ganz wiedergegeben. Nicht bloß die Bodenfläche, auch sämtliche Blättchen, welche in den Raum hineinragten, sehen wir auf der Obei-fläche von den Sporen des Pilzes mehr oder weniger gleichmäßig bestreut. Auf den kleinen Flächen der Blättchen können wir hier auch schon bestimmte Ausbreitungslinien wahrnehmen, welche mit denen auf der Unterlage zum Teil korrespondieren. Es interessiert nun zunächst die Frage, wie weit die Sporen sich all- seitig in den umgebenden Raum verbreiten können. Ich wandte deshalb die größten Glaszylinder an, welche mir zur Verfügung standen, 65 cm hoch und 22 cm im Durchmesser. In ihrem lunenraum wurden drei große Papierstreifen mit je 20 Fenstern befestigt und die Zylinder dann über je einen in natürlicher Stellung mit seinem Stiel auf die Unterlage gestellten Pilzfruchtkörper gestülpt. Wo der Zylinder der Unterlage aufgesetzt war, wurde w ringsherum noch mit einem Wattestreifen umkleidet, um äußere 11 Luftströmungen sicher abzuhalten. Die Pilze, welche ich für diesen Versuch ver- wendete, verhielten sich nun alle gleich: sie bestreuten jedes Blättchen, welches in den Zylinderraum hineinragte, und zwar stets nur auf der Obei-fläche. Die Bestreuung war je nach den Umständen mehr oder weniger regelmäßig. Zur Untersuchung kamen zwei Hypholomaformen, Hygrophonis pratensis Fries, Armillaria mellea Ouelet, Agaricus nehnlari.s. Ayuricus violacens etc. Dann wurden Versuche in noch größeren Dimensionen ausgeführt. Einen großen, im Stadium des Sporenwerfens l)efindlichen Fruchtkörper von Polypoms squamosus brachte ich an einem eisernen Stativ, 20 cm vom Boden entfernt in normaler Lage befestigt, in den größten dicht verschließbaren Schrank, der mir im Institute zur Verfügung stand, und welcher einen Raum von ca. 2 cbm umfaßt. An jeder der vier Wandseiten des Schrankes wurde, von der Decke bis an den Boden reichend, eine ganze Längsreihe der beschriebenen Fensterstreifen angebracht. Außerdem hingen von der Decke des Schrankes — daselbst mit Heftzwecken befestigt — schmale einreihige Fensterstreifen mit abwechselnd vorstehenden Fensterblättchen bis auf die Oberfläche des Hutes herab. Nach zwei Tagen waren sämtliche Blättchen, die wagerecht in den Raum hineinragten, gleichmäßig von dem weißen Sporenpulver des Pilzes in ebenso dicker Schicht wie die Bodenfläche bestreut. Eine weitere Versuchsanstellung galt der Frage, wie hoch wohl die Sporen emporzusteigen vermögen und ob und wie die Bestreuung der Blättchen mit der Entfernung abnimmt. Die Photographie No. 2 auf Tafel II zeigt die Anordnung des Versuches in seinem unteren Teile. Auf eine Gaslampenglocke, die in eine runde Glasschale gut hineinpaßt, wurde eine gläserne Röhre, 1 2V2 cm im Durchmesser und 70 cm lang, aufgesetzt und an einem Stativ befestigt. In die gläserne Röhre wurden zweiseitig Fenster- streifen aus schwarzem Papier eingeklebt, wie dies die Figur zeigt, und die obere Öffnung derselben mit einer Glasplatte bedeckt. Nasses Filtrierpapier diente zur IsoUerung und Feuchthaltung des Raumes. Unter die Glocke, von außen nicht sichtbar, wurde ein Fruchtkörper von A. nehularis auf- gestellt. Nach zwei Tagen waren alle Blättchen gleichmäßig beworfen. Es wurde nun ein zweiter ebenso beschaffener Zylinder auf den ersten auf- gesetzt, die Ansatzstelle mit Papier umklebt und für entsprechende Befestigung des Röhrensystems gesorgt. Nach zwei Tagen waren die Blättchen auch dieses Zylinders bis oben hin gleichmäßig beworfen. Nun wurde ein neuer Fruchtkörper von A. nehularis am Grunde der Röhre unter der Lampen- glocke aufgestellt und eine dritte und vierte Röhre der zweiten aufgesetzt, die bis zur Decke des Zimmers hinaufreichten. Nach vier Tagen waren nun auch die Blättchen dieser Zylinder in gleichmäßig dichter weißer Schicht von den Sporen bedeckt. Bild 3 der Tafel II zeigt eine der Fensterscheiben aus der obersten der vier Röhren auf einer ebenen Fläche befestigt mit den zurück- gebogenen gleichmäßig beworfenen Blättchen. Ein Versuch in noch größeren Dimensionen wurde dann in einem durch zwei Etagen hindurchgehenden Aufzuge angestellt, ebenfalls mit einem großen 12 Fi'uclitkörper von Polyporus squamosus. Derselbe wurde wie im vorigen Versuche am Boden des Aufzuges aufgestellt. An dem den offenen Aufzug hebenden, mitten durch den Raum verlaufenden Strick ^\Tirden in Ent- feraungen von je 25 cm runde Scheiben aus schwarzer Pappe, etwa von der Größe der Hutobei-fläche des Pilzes, wagerecht befestigt. Der dunkle Raum wurde gegen die Einwirkung von äußeren Luftströmungen durch das Dichten aller Fugen mögüchst gesichert. Nach beendeter Sporenverbreitung waren sämtliche Blättchen ebenso wie die Papierunterlage, auf der das Stativ stand, in gleichmäßig dünner Schicht von den Sporen bedeckt. Die Bestreuung war entsprechend der Verteilung in dem großen Räume eine so geringe, daß mau sie nur bei bestimmter Beleuchtung als einen gleichmäßigen Hauch auf den Blättchen wahrnehmen konnte. Daß es sich in der Tat um eine Bestreuung durch die Sporen handelte, wurde durch mikroskopische Präparate erwiesen. Noch größere zur Untersuchung geeignete Räume standen mir nicht zur Verfügung. Sie müssen frei von eigenen Luftströmungen, allseitig ge- schlossen und von gleichen Temperaturen umgeben sein. Es gehören außerdem sehr viele Pilzfruchtkörper dazu, um einen großen Raum so mit den Sporen anzufüllen, daß sie auf den dargebotenen Flächen sichtbar werden. Doch unterliegt es nach den angestellten Versuchen keinem Zweifel mehr, daß geschlossene Räume von beliebiger Größe von entsprechend großen resp. vielen Fruchtkörpern so vollständig von Sporen erfüllt werden, daß jede Fläche im Raum von den Sporen bedeckt wird. Durch diese Feststellungen ist der Beweis erbracht, daß die Hutpilze ihre Sporen in ungeahnter Vollkommenheit wie keine anderen sporenbildeu- den Organismen zu verbreiten vermögen und daß sie hierfür über ganz be- sondere Hilfsmittel verfügen müssen. Wenn diese Verbreitung bisher der Beobachtung entgangen ist, so liegt es eben daran, daß die Sporen so voll- kommen in den Raum verteilt werden, daß ihr Verbleib sich der makro- skopischen Wahrnehmung entzieht. Wir wollen nun für die weiteren Fragestellungen zu den Versuchen in kleineren Räumen zurückkehren, in welchen uns die Sporen ein deutliches Bild von ihrer Verbreitung aufzeichnen können. Es handelt sich zunächst darum, die Ausbreitungsrichtung der Sporen im Räume noch deutlicher als auf den kleinen Blättchen der Fensterscheiben zu veranschaulichen. Es wurden deshalb weitere Versuche so angeordnet, daß in die großen Glaszylinder (63 cm hoch^ 22 cm Durchmesser) eine Etage von sechs übereinander befindhchen Pappscheiben hineingebracht wurde. Die Papp- scheiben wurden in gleichen Abständen von 8 cm auf zwei oder drei durch Bunsenbrenner gestielte Holzstäbe aufgespießt und in gleicher Höhe auf ihnen befestigt. Bei einem Teil der Versuche füllten die Pappscheiben, die mit je neun Ausschnitten von der Größe eines Quadratzentimeters ver- sehen waren, den Durchmesser des Zylinders bis auf einen Zwischenraum von 1 cm vollständig aus. Die Ausschnitte waren in den verschiedenen Versuchs- reihen so angebracht, dal.') sie entweder alle neun iibereinanderlagen wie in der Abbildung- eines solchen Versuches in Figur H Tafel IL oder daß sie unregel mäßig miteinander abwechselten. Die Zylinder wurden dann mit je einem Frucht- körper des Agaricus nebidaris so beschickt, daß derselbe in der Mitte des Glas- zylinders unter der untersten Pappscheibe freistehend aufgestellt wurde, wie das die Abbildung zeigi. Nach zwei Tagen waren dann sämtliche Scheiben gleich der Unterlage von den Pilzsporen beworfen ; die unterste und die oberste der Pappscheiben war meist stärker bestreut als die übrigen und die unter den Lamellen befindliche Bodenfläche (Fig. 1 Tafel II). Wenn die Versuche am Fenster bei einseitiger Beleuchtung aufgestellt waren, dann fanden sich die charakteristischen Linien in der Richtung des einfallenden Lichtes auf allen Scheiben ebenso vor, wie wir sie früher schon auf der Unterlage kennen gelernt haben; daneben finden sich auch einzelne Bogenlinien von unregel- mäßigem Verlauf. Bei den Versuchen mit durchlöcherten Pappscheiben kann man außerdem verfolgen, wie auch von den Löchern aus die Be- streuung in derselben Richtung erfolgt, was darauf schließen läßt, daß die Sporen sich auch durch die Löcher hindurch verbreitet haben. Die Figur 1 auf Tafel II sagt mehr als viele Worte. Anstatt des normal ausgebildeten Hutes wurden in weiteren Versuchen unter die unterste Pappscheibe bei derselben Versuchsanorduuug Frucht- körper von Agaricus nebularis aufgestellt, aus denen zweiseitig so große Segmente angeschnitten waren, daß der Hut eine X-förmige Gestalt erhielt. Das eine Mal wurden die so behandelten Hüte mit der ausgeschnittenen Fläche — also mit senkrecht zum einfallenden Licht gestellten Lamellen — das andere Mal in der Richtung der beiden stehen gebliebenen Segmente — also mit parallel verlaufenden Lamellen — nach dem Lichte hin aufgestellt. In beiden Fällen waren aber die Linien der bevorzugten Sporenausbreitimg auf allen Pappscheibeu des Raumes dieselben wie bei den früheren Versuchen, nämlich lediglich die von der Richtung des einfallenden Lichtes beein- flußten. Auch die Versuche mit der etagenförmigen Abteilung des Raumes wurden dann in vergrößertem Maßstabe ausgeführt: In einem senkrecht gestellten Aquarium wurden in leiterförmiger A)i- ordnung 7 cm von einander entfernt schwarze 6 cm breite Papierstreifen befestigt und unter den niedrigsten Streifen in der Mitte der Bodenfläche zwei Fruchtkörper von Hygrophoruft pratensk aufgestellt. Bereits nach 24 Stunden war sowohl die Bodenfläche als auch sämtliche Papierstreifen von den weißen Sporen bestreut und zwar der unterste und der oberste Streifen verhältnismäßig am stärksten. In demselben Aquarium wurde dann die Anordnung der Papierstreifen in jeder erdenklichen Art variiert, immer mit demselben Erfolg. So wurde z. B. in der Mitte der Bodenfläche des in normaler Aufstellung befindlichen Aquariums ein größerer Fruchtkörper von Agaricus nehnlaris aufgestellt und zu beiden Seiten desselben je eine aus sieben schwarzen Pappscheiben angefertigte Etage angebracht, welche den ganzen verfügbaren Raum ausfüllten. Nur da, wo sie in der Mitte an- u einander grenzten, waren halbkreisförmige Ausschnitte in jedes Etagenblatt angebracht, sodaß der Pilz in einem röhrenförmigen mittleren Räume noch bequem aufgestellt werden konnte. Auch bei dieser Anordnung wurden sämtliche Blätter auf ihrer ganzen Fläche im Lichte sowohl als im Dunklen, wenn auch sehr ungleichmäßig, von den Pilzsporen bestreut. Weitere Versuche führte ich in kleinen viereckigen Glasschränken mit einer Gruudtläche von 30X55 cm und einer Höhe von 55 cm aus, die allseitig Glaswände besitzen und deren eine senkrechte Wand schieberartig geöffnet werden kann. An dem Holzrahmen im Innern der Kästen können Papierflächen als Querwände mit Heftzweckeu in beliebiger Art befestigt werden. Es wurden für diese Versuche je vier Querwände aus schwarzem Papier in Abständen von 12 cm in dem Kasten befestigt. Dieselben ^\'urdeu so zu- geschnitten, daß sie sich dreiseitig den Wänden des Kästchens dicht anschlössen und nur einseitig einen 6 cm breiten Schlitz für den Durchtritt der Sporen frei ließen. Die Variation bestand zunächst dai'in, daß dieser Schlitz in vier gleichzeitig benutzten und in gleicher Richtung aufgestellen Kästchen an den vier verschiedenen Seiten frei gelassen wurde. Es zeigte sich, daß in jedem Falle der frei gelassene Raum für den Durchgang der Sporen ausreichte, sodaß alle vier Blätter von dem Ausschnitt her, wenn auch ent- sprechend schwächer als die Bodenfläche in Linien bestreut wurden, gleich- gültig, an welcher Seite die Ausschnitte angebracht waren. Wenn nun aber die Querscheibeu so angebracht wurden, daß die Aus- schnitte miteinander abwechselten, so war die unterste Pappscheibe wie gewöhnlich, die zweitunterste nur verhältnismäßig wenig und die beiden obersten entweder garnicht oder doch nur in wenigen kaum sichtbaren einzelnen Linien bestreut. Schließlich seien noch Versuche erwähnt, die mit einem großen (20 cm langen und 10 cm breiten) seitlich gestielten Fruchtkörper von Ägaricus nlmarius Bull, in dem auf Seite 1 1 Abs. 1 beschriebenen großen Kiüturschrank ausgeführt wurden. Der Fruchtkörper wurde mit dem glatt abgeschnittenen Stiel in einen mit Wasser gefüllten Rundkolben so eingeführt, daß derselbe die Öffnung des Kolbens wie ein Korkstopfen wasserdicht verschloß. Er wurde dann in der natürlichen wagerechten Lage an einem Stativ, 30 cm vom Boden entfernt, so befestigt, daß das Wasser, so lange es im Rund- kolben vorhanden war, die abgeschnittene Fläche des Stieles benetzen mußte. Die Wände des Schrankes wurden wie früher mit Papierfenstern beklebt und der Schrank in der Mitte durch eine Querwand aus schwarzem Papier in zwei übereinander befindliche Räume von der Größe je eines Kubikmeters geteilt. Diese Querwand erhielt kreuzförmige Ausschnitte mit einem Lumen von 2 cm für den Durchgang der Sporen. Nach drei Tagen war die Querwand wie auch die oberhalb derselben befindlichen Fenster- blättchen bis an die Decke hinauf gleichmäßig mit dem Sporenpulver bestreut, freilich deutlich schwächer als die Bodenfläche und die unterhalb der Querwand befindlichen Fensterblättcheu. Es wurde nun eine zweite 15 Querwand 20 cm oborlialb der ersteren angebracht mit (luadratischen Ausschnitten, Avelclie ihirch die zwischen den Kreuzen des unteren Bogens stehen gebliebenen quadratischen Papierfelder bei der Aufsicht verdeckt er- schienen. Nach vier Tagen waren nun auch dieser obere Bogen und die oberhalb desselben erneut befestigten Fensterblättchen gleichmäßig bestreut. Diese gleichmäßige Verbreitung der Sporen über die in beliebiger An- ordnung in einem so großen Räume befindlichen Flächen macht fast den Eindruck, als ob das feine Sporenpulver ein Expansionsvermögen besäße, etwa wie die Moleküle eines Gases, die jeden zur Verfügung stehenden Raum gleichmäßig erfüllen. Eine solche Vorstellung führt zu der Frage- stellung, ob die Sporen vielleicht elektrisch geladen, und so mit Abstossungs- kräften versehen, sich gegenseitig verbreiten können. Mit Rücksicht hierauf wurden auch Versuche angestellt, durch wie große Öffnungen die Sporen bei ihrer Verbreitung noch hindurchgelangen können. In einem Glaszylinder von 30 cm Höhe und 20 cm Durchmesser war in der Mitte ein Diafragma eingeklebt mit einem mittleren runden Ausschnitt von 6 cm Durchmesser. Zum Versuch wurde ein Fruchtkörper von Naucorio amara verwendet, der gelbe Sporen verstreut, die auf weißem Papier aufgefangen wurden. Dieselben ge- langten durch das Diafragma auf die Oberfläche, auch waren oberhalb desselben die an den Glaswänden befestigten Fensterblättchen gelb bestreut. Wurde das Loch aber wesentlich verkleinert, so gelangten nur ver- hältnismäßig wenige Sporen in dünnen Streifen durch dasselbe hindurch auf die Oberfläche der Querwände, auch weun die ganze Querwand siebförmig mit solchen Löchern versehen war. Schließlich habe ich auch einen Versuch so angeordnet, daß ich in einem normal aufgestellten Aquarium eine mittlere Querwand einsetzte, welche den rechteckigen Raum in zwei quadratische Räume (von ca. Vs cbm) teilt. Das Diafragma besitzt in der Mitte einen runden Ausschnitt von 10 cm im Durchmesser. In einem der durch die Teilung entstandenen Räume wurde ein Fruchtkörper von A. nebiiJaris in der Mitte auf- gestellt und das Aquarium mit Glasscheiben bedeckt. Während nun der mit dem Pilz bestellte Bodenraum des Aquariums mit den weißen Sporen in dicker Schicht bedeckt war, fanden sich in dem angrenzenden Raum nur wenige kaum bemerkbare Verbreitungslinien. Dieselbe Versuchsanordnung mit aufrecht ge- stelltem Aquarium, sodaß der leere Raum oberhalb des mit dem Pilz bestandenen zu liegen kam, ergab dagegen eine volle Bestreuung der Oberfläche durch das Diafragma hindurch wie in den früher beschriebenen Versuchen. Diese Versuche beweisen schon, daß die Verbreitung der Sporen in geschlossenen Räumen ganz besonders in der Richtung nach oben erfolgt und daß von einem Expansions vermögen nach Analogie der Gase keine Rede sein kann. Eine letzte Möglichkeit in der Richtung der Sporenverbreitung im Räume ist diejenige von oben nach unten. Um auch dies zu prüfen, wurde ein rund geschnittener Fruchtkörper von Polyporus squamosus, wie es die Figur 4 auf Tafel II zeigt, an einem Stabe zentral befestigt und unterhalb desselben eine Etage aus runden Papierscheiben angebracht. Eine Pappscheibe befand 16 sich auch oberhalb des Pilzes an der Spitze des Stabes. Dieser Versuch, in einem entsprechenden Glaszylinder ausgeführt, ergab nach mehreren Tagen bei schwacher, einseitiger Beleuchtung das Bestreuungsbild 4 der Tafel IL Sämtliche Blättchen sind ebenso wie die Unterlagen und die schrägen Flächen des gläsernen Fußes von den Sporen bedeckt. Wir sehen hier besonders deuthch, daß auch auf der direkt unter dem Pilze befindlichen Pappscheibe die Besti-euung sich in ganz ähnlichen Linien voll- zogen hat wie auf den übrigen Scheiben, daß also keine einzige Spore wirklich senkrecht unter den Hut gefallen ist. Auch ist es hier auffällig, daß die Linien unabhängig vom einfallenden Licht verlaufen. Wurden aber kleinere Agaricinenfruchtkörper wie Triclioloma equestre in der Mitte höherer Glaszylinder in derselben Art, nach oben und unten mit Papieretagen versehen, aufgestellt, dann waren außer der direkt unter dem Hut befindlichen Scheibe nur die oben befindlichen Blättchen in Licht-Linien von den Sporen bestreut. Die Versuche dieses Abschnittes haben also folgende Resultate ergeben : 1 . Die Hutpilze verbreiten ihre Sporen allseitig in den Raum hinein, und zwar vermögen die größten Exemplare selbst Lufträume von der Größe eines kleinen Zimmers (die möglichst frei von eignen Luftströmungen sind) so vollständig und gleichmäßig mit ihren Sporen zu erfüllen, daß alle im Räume vorhandenen Flächen gleichmäßig von ihnen bedeckt werden. 2. Insbesondere vermögen die Sporen in der Richtung von unten nach oben sehr weit emporzusteigen, sodaß dies in geschlossenen Räumen die V»evorzugte Ausbreitungsrichtung der Pilzsporen ist. 3. Diese Verbreitung im Räume findet noch ungehindert statt, wenn auch zahlreiche Flächen den Verbreituugsraum ausfüllen und nur geringe spalten- förmige Öftnuugen an beliebigen Stellen für den Durchtritt der Sporen frei- bleiben. Dies ist aber blos der Fall, wenn sich die Flächen mehr oder weniger senkrecht der von unten nach oben verlaufenden Ausbreitungs- richtung entgegenstellen. Sind die Öifuungen für den Durchtritt der Sporen sehr klein, dann können nur noch wenige Sporen hindurchgelange)i. 4. Bei einseitiger Beleuchtung verbreiten sich die Sporen auf allen Flächen des Raumes ebenso wie auf der Unterlage in entsprechenden besonderen Linien, welche dagegen unabhängig sind vom Verlaufe der Lamellen. Große Fruchtkörper (besonders von Polyporeen) verbreiten in nicht zu großen Räumen ihre Sporen fast unabhängig vom Lichte gleichmäßig über alle Flächen, manchmal aber auch in eigenen Ausbreitungslinien (Fig. 4 Tafel II). 3. Über die Einflüsse, die Licht und Wärme auf die Sporenverbreitung ausüben. Wir haben bereits die Sporenverbreitungslinien kennen gelernt, die bei einseitiger Beleuchtung auf allen Flächen im Räume entstehen. Es war hiernach zu erwarten, daß in dunklen Räumen die Ausbreitung der Sporen 17 eine gleichmäßigere seiu würde. Um dies zu untersuchen, wurden Versuche im photographischen Dunkelzimmer des Instituts ausgeführt. In den geschlossenen flachen Schubladen eines Schrankes wurden Fruchtkörper von Agaricus nebularis auf schwarzem Papier mit normalem Stiele aufgestellt. Nach drei Tagen fanden sich auf dem Papier Verbreitungslinien von einer Intensität, wie sie bisher im Licht noch niemals beobachtet wurden. — Bild 3 der Tafel I. — So oft ich den Versuch wiederholte und welche Schubladen ich auch auswählte, immer fanden sich die von rechts nach links verlaufenden auffälligen Sporenzeichnungen. Ich will hier aber gleich vorgreifend bemerken, daß rechts vom Schrank, unmittelbar angrenzend, die Wand eines geheizten Zimmers sich befindet und dal.') das Zimmer nach der anderen Seite an kalte Räume ü-renzt. Es ist nun deutlich zu sehen, wie die zunächst allseitig sich ausbreitenden Sporen in der Richtung nach dem kalten Räume umbiegen und in scharf begrenzten Linien dorthin verlaufen. Weitere Versuche wurden nun auch in den großen Glaszylindern ähnlich den in Figur 1 Tafel II abgebildeten Versuchen ausgeführt. Es wurden runde Scheiben aus schwarzem Kartonpapier etagenförmig an einem mittleren Stabe befestigt, darunter ein Fruchtkörper von Agaricus violaceus auf- gestellt und beides von einem GlaszyHnder überdeckt. Die Photographie 5 auf Tafel II zeigt das Resultat dieses Versuches nach 4 Tagen an den aus- einander genommenen und auf einer ebenen Fläche befestigten Kartonpapier- scheiben. Das größte Blatt ist die Unterlage, auf welcher der Fruchtkörper aufgestellt war, die übrigen folgen der Reihe nach, wie sie von unten nach oben angeordnet waren. Das oberste Blättchen ist verhältnismäßig am meisten bestreut; auf den übrigen Scheiben ist die Bestreuung in viel schärfer begrenzten und unregelmäßigeren Linien erfolgt als in den Arbeits- räumen des Instituts am Licht. Es sind also auch im dunklen Räume Ein- wirkungen vorhanden resp. möglich, die noch erheblich wirksamer sind, als die einseitig einfallenden Lichtstrahlen. Es soll nmi zunächst untersucht werden, ob es in der Tat die einseitige Wirkung des Lichtes ist, welche die beschriebenen Erscheinungen hervorruft. Zu diesem Zwecke wurden Versuche mit einem Fruchtkörper von Agaricus violaceus bei einseitiger Lichtwirkung unter einem Glaszylinder ausgeführt, der andauernd auf dem Klinostaten gedreht wurde (1 Dreh, in 2 — 4 Sek.), um die einseitige Einwirkung der Lichtstrahlen auszugleichen. Die Sporenbilder des Fruchtkörpers auf dem ruhenden Klinostaten gleichen den Bildern der Figur 1 auf Tafel III. Wurde nun die Papierunterlage erneut und der Klinostat in Bewegung gesetzt, so hatten nach einer oder nach mehreren Stunden die Bilder das Aussehen der Figuren 2 auf Tafel III, sie waren also ganz gleichmäßig bestreut und frei von Ausbreitungslinien. Wurde nun eine höhere Glocke verwendet und die Versuche in kleinerem Maßstabe so an- geordnet wie in den Figuren 4 und 5 auf Tafel II, so zeigten nicht nur die Unterlage, sondern auch alle übrigen Blättchen des Raumes eine ganz gleichmäßige Bestreuung. Bei Ausschaltung des einseitig wirkenden Lichtes Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Bd. IX, Heft I. 2 18 ist also die Ausbreitung der Sporen im ganzen Räume eine sehr gleiclimäßige und von bevorzugten Ausbreitungsrichtungen freie. Die gleichen Resultate bei Verwendung des Klinostaten erhielt ich nun aber auch in demselben Dunkelzimmer, in welchem die Ausbreitung der Sporen noch unregelmäßiger erfolgte als im Lichte. Nach der bereits be- schriebenen Lage dieses Zimmers nahm ich an, daß es die einseitige Wirkung der Wärme ist (Temperaturgefälle), welche in ähnlicher Art wie die Licht- strahlen die Verbreitungsrichtung der Sporen im Räume beeinflußt hat. Wird der Raum gedreht, dann wird auch ihre einseitige Wirkung aufgehoben, die Ausbreitung ist dann wieder eine gleichmäßige. Eine weitere Prüfung erstreckte sich auf die Frage, ob die verschiedeneu Lichtformen dieselbe Einwirkung besitzen, wie das zusammengesetzte weiße Licht. In dem Lichtkasten mit einseitig monochromatischem Licht wurden ungefähr gleich große Fruchtkörper des Ä. nehidaris vier Tage lang der einseitigen Besti-ahlung durch rotes, gelbes, violettes und farbloses Licht ausgesetzt. Es zeigte sich, daß im weißen, roten und gelben Licht die Blättchen in gleicher Art mit Linien in der Richtung der einfallenden Licht- strahlen bestreut wurden. In violettem Licht waren die Linien weniger deutlich, doch sind die Resultate nicht eindeutig genug, um hieraus weitere Schlüsse abzuleiten. Die Versuche dieses Abschnittes ergebeu, daß es das Licht und die Wärme ist, welche auf den Flächen des Raumes die charakteristischen im Sinne ihrer Einwirkungsrichtung verlaufenden Ausbreitungslinien der Basidiensporen veranlassen. 4. Über den Einfluß der Beschaffenheit der Flächen. I. Der Einfluß der Lage der Flächen im Räume. Die bisherigen Versuche haben uns gezeigt, daß nur die Oberflächen der Körper von den Sporen der Basidiomyceten bestreut werden. Die Flächen können wagerecht oder auch geneigt sein; wenn sie aber der senkrechten Stellung sehr nahe kommen, dann ist ihre Bestreuung nur sehr gering, und in der senkrechten Stellung werden sie, sofern sie keine Unebenheiten darbieten, überhaupt nicht mehr bestreut. Die Flächen bilateral symmetrisch gebauter flacher Körper werden also in fast jeder freischwebenden Lage im Räume etwa immer zur Hälfte von den Sporen bestreut und zwar stets auf den nach oben gerichteten Seiten. Nebenläufig sei hier schon angeführt, daß die große parallele Reihe der Ascomyceten umgekehrt nur die Unterseite der Körper bewirft, sodaß sich die beiden höchsten Pilzklassen hierin ergänzen. IL Der Einfluß der physikalischen Beschaffenheit der Ober- fläche. Für diese Versuche wurden drei Papiersorteu verwendet: Dünnes schwarzes Glanzpapier, dünnes schwarzes Papier mit rauher Oberfläche und ein 3 mm dickes schwarzes Kartonpapier mit glatter aber matter Oberfläche. Es wurden aus diesen Papiersorten Blättchen in quadratischer Form (7X7 cm) 19 geschuitten, anf 40 cm lange Holzstäbe gespießt und etagenförmig o cm von einander entfernt angeordnet. Die drei Etagen mit den verschiedenen Papiersorten wurden in gleichen Abständen unter eine entsprechend große Glasglocke gestellt und in der Mitte zwischen ihnen ein Fruchtkörper von Ägaruns nehularis aufgestellt. Das Resultat war, daß alle Blättchen ziemlich gleichmäßig von den Sporen bestreut waren, daß also weder die Beschaffenheit der Oberfläche noch die Dicke der Flächen einen merklichen Einfluß ausgeübt hat. Weitere Versuche, in derselben Art angestellt, galten der Prüfung des Einflusses, den der Feuchtigkeitsgehalt der Papierblättchen ausübt, doch konnte hier ebensowenig ein positives Resultat erzielt werden. Da die Farbe der Sporen ein konstantes Merkmal für die Unterscheidung der verschiedenen Hutpilze bildet, scheint es mir unzweifelhaft, daß sie ebenfalls einen ganz bestimmten biologischen Wert besitzt. Es war mir noch nicht möglich, die Agaricinieen mit den verschiedenen Sporenfarben einer vergleichenden Untersuchung zu unterziehen, doch habe ich bereits geprüft, ob die Farbe der Oberfläche einen Einfluß hat auf die Be- streuung der Fläche durch die weißen Sporen des Ägaricus nehularis und violaceus. Die Versuche ordnete ich unter einer Glocke auf dem Klinostaten folgendermaßen an. An vier Holzstäbchen wurden viereckige Scheiben aus weißem, schwarzem, rotem und grünem Glanzpapier (auf entsprechend großen Pappscheibeu) in gleichen Abständen befestigt und die vier Etagen in gleichen Zwischenräumen so aufgestellt, daß sie den Raum einer ebenso hohen wie breiten Glasglocke bis auf die zur Verbreitung nötigen Zwischenräume ausfüllten. In die Mitte zwischen die vier Etagen von verschiedener Farbe wurde ein kleiner Fruchtkörper von Ä. nebularis aufgestellt. Auch der Boden war entsprechend den vier verschiedenen Farben der Etagen mit vier gleich großen Quadraten des gleichfarbigen Papieres belegt. Der Klinostat, auf den die Glocke gestellt wurde, war jedesmal drei Tage in Tätigkeit, doch war kein Einfluß der verwendeten Farben auf die Bestreuung der Flächen zu konstatieren. Eine zweite Versuchsanordnuug war die folgende: Es wurde ein viereckiger Glas- kasten, wie er auf Seite 14 Abs. 1 beschrieben ist, in dem Duukel- zimmer des Instituts so aufgestellt, daß die schwachgestellte leuchtende Flamme eines Schwalbenschwanzgasbrenners ihre Licht- und Wärmestrahlen einseitig in schräger Richtung in den Glaskasten schickte und sowohl den Boden als auch eine in der Mitte aufgehängte Querwand gleich- mäßig auf der ganzen Fläche bestrahlte. Die Bodenfläche wie die Querwand waren parallel zum einfallenden Licht mit verschiedenfarbigen gleichbreiten Papierstreifen belegt. (Rotes, gelbes, grünes, blaues, weißes, graues, schwarzes und Staniolpapier.) Die Querwand reichte an der dem Lichte zugewendeten Seite bis auf einen Abstand von 5 cm an die Glaswand heran, sodaß die Sporen sich bequem auf ihr verbreiten konnten. Der Versuch blieb acht Tage lang (10.- — 18. November) bei gleichmäßiger 2* 20 ununterbrochener Beleuchtung aufgestellt. Das Resultat war auch hier ein negatives. Die Streifen waren in paralleler Richtung ziemlich gleichmäßig von den Sporen bedeckt, sowohl auf der Unterlage wie auch auf der Quer- wand. Ein Einfluß der Farbe konnte also bisher nicht konstatiert werden, doch werde ich diese Versuche fortsetzen, sobald mir geeignetes Material zur Verfügung steht. Es bleibt somit für die Verbreitung der Pilzsporen eine reine Flächeu- wirkung bestehen, und zwar zeigen alle Versuche: je mehr besti-eubare Flächen sich im Raum, der für die Verbreitung der Sporen zur Verfügung steht, darbieten, um so stärker werden sie verteilt, sodaß man den Satz aufstellen kann, daß in einem abgeschlossenen Raum die Verbreitung und Verteilung der Sporen der Basidiomyceten proportional ist der Größe der sich für die Bestreuung in geeigneter Lage darbietenden ObeiHächen. Ich habe mir nun die weitere Frage vorgelegt, inwieweit diese Flächen- wirkung bei ungleichmäßiger Verteilung im Raum imstande ist, die Ver- breitung der Pilzsporen im Raum zu beeinflussen. Es wurde in einem großen Glaszylinder einseitig eine Etage aus schwarzem Papier, die etwa den dritten Teil des Raumes einnahm, und in der Mitte des Raumes ein Fruchtkörper von A. nebularis aufgestellt. Beide Seiten des Zylinders, die flächeuleere und die etagentragende, befanden sich in gleicher Richtung zum einfallenden Licht. Nach vier Tagen waren samtUche Flächen dick bestreut, doch hatten die Sporen sich in dem verfügbaren Raum ganz ungleichmäßig ausgebreitet. Jede einzelne der Etagen war etwa ebenso stark bestreut wie die Unterlage auf der ganzen leeren Seite des Zylinders; CS haben sich circa zehnmal so viel Sporen in dem mit Flächen besetzten Teile des Zylinders niedergelassen. Wir werden später die Ursache für diese Erscheinung kennen lernen, und da sie für die Ausbreitung der Sporen in der Natur von großer Bedeutung ist, soll hier noch einer weiteren Versuchs- anordnung Erwähnung getan werden, die veranschaulicht, auf wie weite Entfernungen hin diese Flächenwirkung noch zu konstatieren ist. In dem großen 2 ra hohen Kulturschrank, der auf Seite 11 Abs. 1 erwähnt ist, AXTirden auf einem Stativ zwei Fruchtkörper von A. nebularis 60 cm hoch mitten im Schranke aufgestellt. Oben von der Decke des Schrankes hing freischwebend eine an vier Holzstäben befestigte, aus sechs quadratischen schwarzen Kartonscheiben bestehende Etage herab. Die unterste Scheibe mit einer Oberfläche von 30X50 cm befand sich einen Meter hoch über den Hüten. Nach sieben Tagen waren alle sechs Scheiben gleichmäßig ungefähr ebenso stark von den Pilzsporen bedeckt, Avie die den Boden des Schrankes bedeckenden Papierbogen. Die Sporen verbreiteten sich in dem großen Räume des Schrankes gleichsam nach den bestreubaren Flächen hin und zwar so regelmäßig, daß eine ganz gleichmäßige Bestreuung resultiert. Mit andern Worten: Auf weite Strecken hin vermögen die Sporen der Agaricineen sich selbsttätig bestreubare Körperflächen auf- zusuchen und sich gleichmäßig auf ihnen zu verteilen. _ 21 Mit Rücksicht auf die eingangs geäußerte Möglichkeit, daß die Sporen vielleicht elektrisch geladen sein könnten, ist auch die Frage geprüft worden, ob die elektrische Leitfähigkeit der Oberfläche von Einfluß ist. Zur Aus- führung des Versuches wurden quadratische Blättchen aus Staniol verwendet, die einmal isoliert, das andere Mal mit dem Erdboden verbunden auf- gestellt wurden. Die isolierten Blättchen befanden sich auf gleichgroßen Pappscheiben, welche auf einer 40 cm langen Siegellackstange zentral etagenartig befestigt waren. Die verbundenen waren auf entsprechende Drahtscheiben aufgelegt, welche in gleicher Art auf einem blanken Eisen- stativ befestigt waren. Das Eisenstativ war durch einen Draht mit einem Hahn der Wasserleitung verbunden. Zwischen beide Stative wurde ein Fruchtkörper von Fleurotm salignus aufgestellt. Darüber kam die Glas- glocke, welche mit dunklem Papier überzogen war. Nach fünf Tagen waren die Blättchen gleichmäßig dicht bestreut, und es wird hieraus geschlossen, daß die elektrische Leitfähigkeit der Oberfläche auf die Bestreuung durch die Pilzsporen ebenfalls ohne Einfluß ist. Die Resultate dieses Abschnittes sind die folgenden: L Nur die Oberfläche der Körper kann von den Basidiomycetensporeu bestreut werden und zwar in allen Neigungen bis in die Nähe der senk- rechten Lage. 2. Je mehr solcher Flächen sich in einem geschlossenen Raum für die Bestreuung darbieten, um so größer ist die Verteilung der Sporen und um so geringer die Dichtigkeit der Bestreuung auf der Flächeneinheit. .3. Da sich die Sporen in dieser Art auch auf weiter entfernten Flächen niederlassen, erreichen und bestreuen sie in der Natur auf weite Strecken hin ihre Substrate. 4. Die Qualität und Quantität der flächeubildenden Substanz, ebenso die physikalische Bescbattenheit der Oberfläche, haben keinen bemerkenswerten Einfluß auf die Bestreuung. 5. Die Sporenverbreitung der Hutpilze in zeitlicher Folge. Es soll nun weiter untersucht werden, ob die Verbreitung der Sporen, wie wir sie vorher kennen gelernt haben, eine während der ganzen Lebens- dauer des zur Sporenreife entwickelten Pilzes kontinuierlich und gleichmäßig undauernde, oder eine mehr oder weniger periodisch verlaufende ist. Mir standen für diese Untersuchungen in der vorgerückten .Jahreszeit nur noch Fruchtkörper von Agaricus nehnlaris und Agaricus violaceus zur Verfügung. Ich habe wohl ausgebildete Fruchtkörper dieses Pilzes unter einer Glocke (15 cm im Durchmesser und 25 cm hoch) auf einer Unterlage von schwarzem Papier bei sehr zerstreutem Licht aufgestellt und die Unterlage alle Stunden am Tage und in der Nacht gewechselt, bis die Pilze zusammenfielen. Die Zeit von einer Stunde genügte für die Bildung so reicher Sporenmengen, daß auf der Unterlage eine deutliche Zeichnung sichtbar wurde. Die 22 Photographie 1 auf Tafel III zeigt die schönen Sporenbilder, wie sie in stündlicher Folge nach einander erhalten wurden. Die Versuche ergaben, daß die Ausstreuung der Sporen eine kontinuierliche ist und sowohl am Tage als auch in der Nacht während der ganzen Sporenreife ununterbrochen stattfindet. Die Photographien (Verkl. 1 : 10) zeigen auch, daß die Menge der abgeworfenen Sporen in der Zeiteinheit eine ziemUch gleichmäßige ist, daß also die Ausstreuung sehr gleichmäßig und ununterbrochen erfolgt, und daß die Sporen sich in kleinen Räumen schnell auf den Flächen absetzen und sich iiicht lange in der Schwebe erhalten'). Nach den Bildern zu urteilen, ist es somit sehr wahrscheinUch, daß bei gleichmäßiger Temperatur die Intensität des Sporenwerfens, sobald sie mit der völligen Ausbreitung des Hutes ein Maximum erreicht hat, tagelang eine gleiche bleibt, bis sie mit dem Zusammenfallen des Hutes ein ziemlich ))lötzliches Ende erreicht. Immerhin ist es mögUch, daß während dieser Dauer des Sporenwerfens mehrere unbedeutende Perioden intensivster Tätigkeit bestehen und daß sich die verschiedenen Pilze verschieden verhalten, doch läßt sich dies schwer feststellen, weil als genaueres Maß für die Intensität des Sporenwerfens Sporenzählungen in Räumen mit ganz konstanter Temperatur erforderlich sind. Einen zeitAveisen Stillstand in der Sporenausstreuung gibt es bei den Hutpilzen im Gegensatz zu den Ascomyceten jedenfalls nicht. 6. Der Einfluß der räumlichen Lagerung der Basidien auf die Ausbreitung der von ihnen gebildeten Sporen. Bei den bisher beschriebenen Versuchen wurden die gestielten Frucht- körper der verschiedenen Pilze immer so aufgestellt, wie wir sie in der Natur finden und dadurch die natürUche Lage der Basidien unverändert beibehalten. Es fragt sich nun, wie die Sporenverbreitung bei veränderter Lage der Basidien erfolgt. Es ist hierbei zu unterscheiden zwischen der Abstoßung der Sporen und ihrer weiteren Verbreitung im Räume. Die Fragen, die wir beantworten müssen, sind somit folgende: 1. Können die Basidien ihre Sporen immer nur in einer ganz be- stimmten Lage abstoßen und ist hierzu insbesondere ein bestimmter Schwer- kraftsreiz erforderlich ? 2. Hat die räumliche Stellung der Basidien einen Einfluß auf die weitere Verbreitung der Sporen? Für diese Versuche eigneten sich am besten die größten Fruchtkörper der Blätterpilze, weil hier die Basidien an den Lamellen in ebenen glatten Flächen in gleicher Lage nebeneinander angeordnet sind, und weil man die 1) Wurde der Pilz aus der Glocke schnell entfernt und Objektgläser auf die Unterlage gelegt, dann waren nur vereinzelte Sporen, die sich im Verbreitungsraume vielleicht noch in der Schwebe befunden haben, mikroskopisch auf ihnen nachweisbar. 23 _ Lamellen lostrennen kann und mit ihrer Hilfe einer großen Zahl gleich- gestellter Basidien gleichzeitig jede mögliche Stellung im Räume erteilen kann. Die ersten Versuche wurden mit den in natürlicher Anordnung be- findlichen Lamellen, also mit unversehrten Agarictisfvuchtkövpern selbst aus- geführt. Die Hutpilze, die auf der Erde oder auf der Oberfläche anderer fester Körper wachsen, besitzen einen Stiel, dessen Länge bei allen Formen nur geringe Differenzen aufweist. Die Lamellen und mit ihnen die Basidien er halten durch ihn immer eine bestimmte erhöhte Lage über die darunter be- findlichen festen Flächen. (Energie der Lage.) Eine Veränderung der Lage der Basidien ist deshalb in erstei- Reihe durch Verkürzungen des Stieles möglich. Wenn man den Stiel vollständig entfernt und den betreffenden Hutpilz direkt auf eine Unterlage von Papier legt, dann erhält man die be- kannten Sporenbilder, die einen genauen Abdruck des Verlaufes der Lamellen oder der Röhren abzeichnen. Wenn man einen Röhrenpilz mit weiten Porenöffuungen für diese Bilder — Figur o der Tafel III — ver- wendet, z. B. den Polyponis squamosus, dann kann man an dem Sporen- abdi'uck jeder einzelnen Röhre mit der Lupe einen äußeren Wall von auf- getürmten Sporen und einen inneren Hof aus einer dünnen Sporenschicht wahrnehmen: Die Sporen müssen also senkrecht von den Sterigmen heruntergefallen sein. Da nun aber bei einer bestimmten Entfernung von der Unterlage keine einzige Spore mehr senkrecht herunterfällt, — Figur 4 Tafel II — so muß ein Einfluß bestehen, den die Entfernung der Lamellen von der festen Unterlage ausübt. Für die Prüfung dieser Frage wurde ein größerer Fruchtkörper von Agaricus nehularis in zehn gleiche Segmente ge- stellt und dieselben auf der Unterseite grade geschnitten, sodaß die Lamellen eine möglichst ebene Fläche bildeten. Mitten durch das Segment wurde als Stiel eine größere Stecknadel hindurchgeführt, mit deren Hilfe der neu gebildete kleine Pilz auf einer Unterlage befestigt werden konnte. Auf der Stecknadel sind nun die Segmente verschiebbar, und man kann sie vom Boden beliebig weit entfernen. Zu diesem Zwecke wurden Objekt- gläser von 1 mm Dicke unter die Segmente gelegt, und nachdem die Lamellen bis auf die Oberfäche der Gläser vorsichtig herabgeschoben waren, hervorgezogen. Auf diese Weise wurden die Segmeute in Ent- fernungen von genau 1, 2, a, 4, 5, 6, 8 etc. mm von der Unterlage in wagerechter Lage befestigt. Die Segmeute wurden natürlich mit Glas, glocken bedeckt. Es zeigte sich nun, daß bis zu einer Entfernung von 3 mm die Zeichnungen auf dem Papier noch etwa die gleichen sind wie bei direkter Auflage der Lamellen. Auch diese Tatsache beweist, daß die Sporen, nachdem sie von den Basidien abgestoßen sind, eine gewisse Strecke lang senkrecht heninterfallen. Es ist dies auch eigentlich selbst verständlich, weil es sonst undenkbar ist, wie die Sporen aus den engen, langen Röhren oder aus den Spalten zwischen den Lamellen herausgelangen sollten. Würden die Sporen von den Basidien etwa wie durch die Kraft .V. 24 elastischer Bänder abgeschleudert, dann könnten sie doch nur an die gegen- überliegende Hymeniumschicht geworfen werden. Die Basidien mit ihren zarten Sporenträgern würden sich gegenseitig bombardieren. Ein Abwerfen durch das gleichzeitige Ausplatzen der Basidien findet nur bei den Coprinus- arten statt, bei denen sich die Lamellen aber aufspalten und die Basidien im Momente des Aufplatzens frei nach außen stellen, dadurch den angeworfenen Sporen den Weg nach außen frei machend, wie dies von Brefeld be- schrieben wurde. Wenn man die Segmente des Agaricvs nehnlnris nun aber weiter ton der Unterlage entfernt, so beginnt das Bild der Lamellen sich allmählich zu verwischen. Dies zeigen die Bilder der Figur 4 auf Tafel IIL Das erste der sechs Bilder zeigt nur am Rande verwischte Stellen, woselbst die Sporen der äußersten freigelegten Lamellenseite aus größerer Entfernung herunterfallen. Bei 4 mm Entfernung ist die ganze Zeichnung undeutlich, bei 5 mm (3, Bild) kann man das Bild der Lamellen nicht mehr erkennen und die Sporen verbreiten sich seitlich über dasselbe hinaus. Bei 6 und 7 mm ist die Ausbreitung eine entsprechend verstärkte, und bei 13 mm (6. Bild) sind die Sporen nicht bloß über die ganze Fläche, soweit die Glocke reichte, sondern auch schon auf der Oberfläche des Segmentes, welches oberhalb mit einer schwarzen Papierscheibe bedeckt war, zu sehen*). Mit ähnlichem Erfolge wurden auch Versuche mit den ganzen Hüten des Agaricus polygrmnmns Bull, wiederholt, deren Stiel entsprechend verkürzt, resp. durch eine Stecknadel ersetzt wurde. Schließlich wurden auch Versuche mit Segmenten eines Polyporeen-Fruchtkörpers (F. squamosus) ausgeführt, deren Resultat die Figur 3 der Tafel IH so deutlich wiedergibt, daß ich hierüber nichts weiter auszusagen brauche. Aus allen Versuchen geht hervor, daß die Basidiensporen mindestens einen 1 cm hohen Luftraum unter ihren Hüten vorfinden müssen, wenn alle Sporen aus ihrer senkrechten Fall- richtung mehr oder weniger abgelenkt und weiter verbreitet Averden sollen. Für eine vollständige Verbreitung der Sporen, sodaß sie überhaupt nicht mehr unter den eignen Hut fallen, wie dies z. B. die Bilder der Tafeln I, n, HI zeigen, ist ein Stiel von mehreren Zentimetern erforderlieh, wie ihn ja auch die meisten Pilze natürlich besitzen. Dies erklärt die Notwendig- keit des Stieles bei allen auf horizontalen Flächen wachsenden Hutpilzen. Es gibt einzelne Hutpilze, welche einen bedeutend längeren Stiel aus- bilden können, der sich dann aber zum Teil wurzelartig in die Erde fort- setzt. Die Figur 5 auf Tafel IV zeigt einen solchen Fruchtkörper von Mycena galericulatus Scop., welcher, in einem morschen Baumstamme wachsend, einen über 40 cm langen unterirdischen Stiel gebildet hatte. Der oberirdische Stiel ^) Bei Besichtigung von Sporenbildern in dem Herbarium von Herpell erkennt man sogleich, ob der Pilz dem Papier dicht auflag, oder ob er mehr oder weniger davon entfernt war. So sieht man z. B. bei dem Sporenbilde von Gomphidius glutinosus, daß die Lamellen an einem trichterförmigen Hut vom Stielansatze nach oben verlaufen, weil sich mit der Entfernung von der Unterlage das Bild der Lamellen immer mehr verwischt. 25 besitzt nur die normale Länge von 7 cm, wie sie für die Sporenverbreituug erforderlich ist. Bei diesem Pilze hat der Stiel eine doppelle Funktion, zu- nächst muß er die Fruchtkörperanlage an die Oberfläche bringen und zu diesem Zwecke ist sein Längenwachstum ein unbeschränktes, dann muß er den ausgebildeten Hut über die Oberfläche emporheben und nun ist sein Wachstum stets ein begrenztes. Die au horizontalen Flächen wachsenden Hutpilze bedürfen keines Stieles, und wir finden ihn hier auch allgemein in reduzierter Ausbildung. Es handelt sich nun weiter darum, die Sporenverbreitung bei veränderter Stellung der Lamellen im Raum zu studieren und zwar zunächst ohne ihre Anordnung am Hute zu verändern. Zu diesem Zwecke wurden drei regel- mäßig gebildete Hüte von Agaricus nehularis in verschiedenen Richtungen unter je eine Glasglocke gestellt, in welchen sich außerdem je eine Papier- etage befand. Ein Hut wurde in natürlicher Stellung auf 8 cm langem Stiele, ein zweiter in umgekehrter Lage mit nach oben gerichteten Lamellen und ein dritter Pilz, ebenfalls mit Hilfe eines Holzstabes 3 V2 cm vom Boden entfernt, in vertikaler Richtung aufgestellt. Nur der normal gestellte Hut verbreitete seine Sporen in den Raum. Beim vertikal gestellten waren infolge der nicht ganz regelmäßigen Hutbildung am Boden nur einige kaum sichtbare Verbreitungslinien vorhanden, während der umgekehrt gelagerte keine einzige Spore verbreitet hatte. In einer weiteren Versuchsreihe wurden vier Hüte in derselben Art mit Hilfe von Holzstielen so aufgestellt, daß in vier zwischen der senkrechten und wagerechten Lage des Hutes gelegenen, etwa gleichweit von einander entfernten Ebenen die noch möglichen Aufstellungen des Hutes im Räume erschöpft waren. Die Versuche zeigten, daß die in gleichen Zeiträumen erfolgende Sporenverbreitung der gleich beschaffenen Hüte in dem Maße zunimmt, wie die Hüte sich der wagerechten Stellung näherten. Die mikro- skopische Untersuchung solcher Fruchtkörper, welche in umgekehrter Lage keine oder in anderen Aufstellungen nur wenige Sporen verbreitet hatten, ergab, daß sich am Grunde zwischen den Lamellen abgefallene Sporen in großen Mengen angehäuft hatten, daß die Sporen also von den ßasidien abgefallen, aber an ihrer weiteren Verbreitung verhindert waren, offenbar weil ihnen ein freier Fallraum nicht zur Verfügung stand. Wenn dies zu- trifft, dann müßten die Sporen sich in der normalen Art verbreiten können, wenn ihr Austritt auf der entgegengesetzten Seite, dort, wo die Lamellen dem Hute angeheftet sind, ermöglicht wird. Dies läßt sich ausführen, wenn man in noch festen, jüngeren Fnichtkörpern des Agaricus nehularis oder violaceus die über den Lamellen befindlichen Parenchymschichten abti'ägt und die Lamellen dann mit einem scharfen Messer vorsichtig aufschneidet, doch so, daß sie mit dem Stiel und mit den Rändern in Zusammenhang bleiben. Wurde ein so pi'äparierter Hut mit der aufgeschnittenen Seite auf eine Unterlage von schwarzem Papier gelegt, so war nach kurzer Zeit schon das entsprechende Lamellenbild ebenso aufgezeichnet, wie bei normaler Auf- S6 läge des Hutes. Wurde er darauf in umgekehrter Lage auf einem 5 cm hoheu Holzstiel zentral befestigt und auf der nach oben gekehrten normalen Lamellenseite mit einer schwarzen Papierscheibe bedeckt, dann verbreitete dieser Hut seine Sporen ebenso in den Raum wie in normaler Aufstellung. Einen solchen Versuch zeigt die Abbildung 8 auf Tafel HI, an der wir er- kennen, wie besonders die über die Lamellen gebreitete Papierscheibe von den Sporen bestreut wurde. Für die weiteren Versuche wurden die Lamellen aus ihrem Verbände vollständig getrennt. Hierzu eigneten sich besonders jüngere und feste Exemplare des Agaricus violaceus. 1 . Zunächst wurden die Lamellen mit einer flachen Hymeniumseite dii-ekt auf schwarzes Papier gelegt oder durch untergelegte Bindfäden von ver- schiedener Stärke ein wenig erhöht aufgelegt. Die senkrecht abfallenden Sporen zeichneten dann in allen Fällen das Bild der flachen Lamelle auf die Unterlage, eine Sporenverbreitung findet nicht statt. 2. Die flach gelegten Lamellen wurden auf ausgespannte Bindfäden ge- legt, die weiter als 1 cm von der Unterlage entfernt sind. Die Sporen der Unterseite verbreiteten sich in den umgebenden Raum. Diese Versuchs- anordmmg zeigt die Abbildung 7 auf Tafel HI, wo die Lamellen von A. violaceus ihre Sporen in der beschriebenen Anordnung (2 cm hoch) sowohl auf die Unterlage als auch auf die 4 Blättchen einer darüber befindlichen Etage verbreitet haben. 3. Schließlich wurden die Lamellen in der Längsrichtung freischwebend aufgehängt, indem sie einseitig auf einem Faden aufgezogen und an diesem zwischen zwei Stativen, die gleichzeitig eine Papieretage trugen, befestigt wurden, wie dies Figur 6 auf Tafel HI veranschaulicht. Wir sehen, daß auch bei dieser Versuchsanordnung, die den abfallenden Sporen einen freien Fallraum darbietet, eine Verbreitung der Sporen in den Raum stattfindet. Es blieb nun noch zu untersuchen, ob eine geotropische Reizwirkung überhaupt für das Abwerfen der Basidiensporen eine Rolle spielt. Die Ver- suche wurden mit Hilfe des Klinostaten ausgeführt. 1 . An die horizontal gelegte Achse eines Klinostaten wurde ein Frucht- körper von Agaricus nebularis parallel seiner Oberfläche befestigt. Die Drehung des Hutes geschah in einem entsprechend großen Glaszylinder, der horizontal gelegt, mit schwarzem Papier ausgekleidet und außerdem mit einer Etage aus schwarzem Papier beschickt war. An der oflfenen Seite wurde der Zylinder mit starkem Papier umbunden und die Achse des Klinostaten durch ein mittleres Loch des Papieres hindurchgeführt. Ein so gestellter Hut verbreitete während mehrtägiger Drehung seine Sporen un- gehindert in den umgebenden Raum, natürlich in geringeren Mengen, da sie während eines Teiles der Drehung beim senkrechten Abfallen in den Hut gelangen. 2. An der Achse des Klinostaten wurde bei sonst gleicher Versuchs- anordnung ein rundes Holzplättchen von der Größe eines Fruchtkörpers von 27 A. ndinlaris einmal kveiselartig in zentralei- niirchbohrung, das andere Mal spatelartig längs seiner Fläche befestigt. Die Fläche des Brettchens wurde beiderseitig mit feuchtem Fließpapier belegt, auf welchem einzelne Lamellen des Ä. nebularis flach aufgelegt und dicht nebeneinander mit Zwirn be- festigt waren, auch der Zylinder wurde feucht gehalten, um das Eintrocknen der Lamellen zu verhindern. Nach mehrtägiger Versuchsdauer waren die Sporen in dem ganzen Raum ebenso verbreitet, wie in den entsprechenden Kontrollversuchen ohne Drehung, sie waren sowohl auf den Boden des Zylinders, wie auch auf die Etage gelangt, welche seitlich von dem Brettchen aufgestellt war. Aus den Resultaten der Versuche dieses Abschnittes können wir folgende Sätze ableiten: 1 . Die Abstoßung der Sporen von ihren Basidien erfolgt aktiv ' ) in jeder Lage unabhängig von Licht- und Schwerkraftsreizen, sobald dieselben reif geworden sind. 2. Gleich nach dieser Abstoßung unterliegen sie der Einwirkung der Schwerkraft, derzufolge sie eine kurze Strecke senkrecht herunterfallen und so aus dem Röhren- resp. Lamellensystem herausgelangen. In diesem Augenblick aufgefangen, bilden sie in ihrer Anhäufung die bekannten Sporenbilder, und da diese von fast allen Hutpilzen bekannt geworden sind, ist bewiesen, daß die Sätze für alle typischen Formen der Basidiomyceten zutreffen. 3. Erst in einem unter den Hymenophorensystemen befindlichen genügend hohen Luftraum verlassen die fallenden Sporen ihre senkrechte Fallrichtung, um sich seitlich in den umgebenden Raum zu verbreiten. 4. Die Sporenverbreitung ei'folgt demnach in allen Fällen, in denen die Lagerung der Basidien im Raum den senkrecht abfallenden Sporen den Eintritt in einen freien Fallraum von bestimmter Höhe ei-möglicht. Wärmebildung als die Ursache der selbsttätigen Sporen- verbreitung bei den Basidiomyceten. Es bleibt uns somit die Fi-age zu lösen, welche Kräfte es sind, die die in den Luftraum fallenden Sporen verbreiten können. Wir haben bereits gesehen, daß den Sporen von den Basidien keine anderen Kräfte erteilt werden als diejenigen, welche zur Loslösung von dem Sterigma er- forderlich waren, oder die höchstens zu einer kurzen Vorwärtsbewegung in der Richtung des Sterigmas ausreichen, und insofern dies der Fall ist. 1) Ein großer Fruchtkorper von A. nebularis unter einer Glocke mit Chloroform- dämpfen aufgestellt, läßt keine Sporen mehr abfallen. Dies beweist, daß dieselben nicht infolge ihrer Schwere einfach abfallen, sondern daß sie mit aktiver Kraft ab- gestoßen werden. 28 kann es berechtigt sein, von einem Abwerfen resp. Abstoßen der Basidien- sporen zu reden. Auch die mikroskopische Beobachtung, soweit sie möglich ist, gestattet keine andere Wahrnehmung als die, daß die Sporen bei der Reife von dem Sterigma plötzlich ruckartig abfallen. Wenn nun keine weiteren Kräfte vorhanden wären, welche nach dem Abstoßen der Sporen zur Wirkung gelangen, dann müßten sie in den zu den Versuchen benützten Räumen, in welchen die äußeren Luftströmungen vollständig abgeschlossen waren, ganz unabhängig von der Fallhöhe bis auf den Boden senkrecht herunterfallen. Zur Erklärung der Sporenverbreitung müssen wir deshalb die Einwirkung neuer Kräfte in Anspruch nehmen, welche erst in dem Augenblick einwirken, in dem die Sporen aus dem Bereich der Hymenophore in die darunter befindUchen Luftschichten gelangt sind. Die hier in Frage kommenden Kräfte können entweder in den Sporen selbst oder von außen her wirksam sein. In den Sporen selbst können als wirksame Kräfte ge- dacht werden etwa das Auftreten von leichten Gasen, welche das Empor- tragen herbeiführen. Solche Gasausscheidungeu sind aber noch niemals be- obachtet worden, und sie würden die Erscheinungen der Sporenverbreitung auch nicht erklären können. Auch die Annahme elektrischer Ladungen ' ) in den Sporen ist bereits erörtert und verneint worden. Es blieben somit zur Erkläning dieser Erscheinung nur noch äußere Kräfte bestehen, welche in dem AugenbUck einwirken, wenn die Sporen in den be- sprochenen Fallraum hineingelangen. Wer den Versuchen im Verlaufe der vorhergegangenen Besprechungen aufmerksam gefolgt ist, wird durch sein eigenes Urteil dahin gelaugt sein, daß alle Erscheinungen noch am besten durch Luftströmungen zu erklären sind, und ich wüßte keine andere Kraft, die noch herangezogen werden könnte. Wenn somit nur die Luftströmungen für die Erklärung der Sporenverbreitung übrig bleiben, dann entstehen zwei weitere Fragen: 1. Ob imd wie starke Luftströmungen imstande sind, die Sporen mit- zuführen? 2. Wie solche Luftströmungen im Innern der geschlosseneu Zylinder ent- stehen können? Für die Entscheidung der ersteren Frage stellte ich nun Versuche in folgender Art an: Einen sporenwerfenden Hut von Ägaricus nehularis brachte ich unter eine Glasglocke, die durch einen seitlichen Tubus mit einer Saugpumpe in Verbindung gebracht wurde. Es zeigte sich nun, daß ein Luftstrom, der so gering ist, daß man ihn an einem engen Rohr mit den Lippen kaum wahrzunehmen vermag, die von dem Hute gebildeten Sporen mitzuführen vermag. Sie gingen durch enge Verbindungsröhren hin- durch in ein zweites Gefäß, das an die erste Glocke angeschlossen wurde, ^) Ein unter den sporenwerfenden Hutpilz gestelltes emptlndliches Elektroskop, dessen Platte von den Sporen beworfen wurde, zeigte keine Bewegung der Gold- blättehen an. 29 schlugen sich hier in gleichmäßiger Schicht auf dem Boden nieder und wurden sogar noch in ein drittes nud viertes Gefäß in kleineren Mengen mitgefiihrt. welche in gleicher Weise an das zweite angeschlossen wurden. Die Seite des Zylinders, welche dem Luftstrom entgegengesetzt ist, blieb vollständig frei von den Sporen und sie verteilten sich alle in die Richtung des Luftstromes. Diese Feststellungen genügten zunächst dafür, daß ein geringer Luftstrom imstande ist, die Sporen auf weite Strecken, selbst durch enge Kanäle mitzuführen. Wir kommen nun zu der anderen Frage, ob solche Luftströmungen in unseren Versuchen vorhanden sind und wie sie entstehen können? Eine dauernde Luftbewegung kann hier am einfachsten dadurch ver- ursacht werden, daß die Luft an den Stellen der Sporenverbreitung fort- dauernd erwärmt wird und infolgedessen ein stetiges Emporsteigen der er- wärmten und Nacbströmen der kälteren Luft — also eine fortdauernde Luftbewegung — erzeugt wird. Eine solche Erwärmung an den Stellen der Sporenverbreitung kann aber nur von dem Fruchtkörper selbst herbeigeführt werden, und so kommen wir zu der Frage, ob etwa die großen Frucht- körper der Basidiomyceten selbst die Wärme bilden, welche zur Verbreitung ihrer Sporen notwendig ist? Nur in ganz vereinzelten Fällen sind erhebliche Temperaturerhöhungeii an ausgewachsenen Pflanzen konstatiert worden, z. B. in den Blutenständen höherer Pflanzen (Araceen), bei denen die erzeugte Wärme offenbar zur Anlockung der Insekten dient, also eine ganz bestimmte biologische Bedeutung besitzt. Dutrochet'), dem wii- eingehende Arbeiten über die Temperatur- erhöhungen bei den Pflanzen verdanken, hat nun auch zuerst die Eigen- wärme der Pilze festgestellt. D. hat die thermoelektrische Methode benutzt, indem er die Lötstellen von Kupfer- und Eisendraht in Form von Nadeln in den Scheitelpunkt des Stieles der Pilze einsenkte, die eine in den leben- den, die andere in den getöteten Pilz. Bei dem Boletus aereus erreichte die Temperaturerhöhung des lebenden Pilzes (über den getöteten Pilz) im Laufe eines Tages 0,45". Dutrochet sagt hierüber folgendes: „Die vitale Wärme von beinahe einem halben Grade Celsius, die der Boletus aereus mir gegeben hat, ist die höchste Eigenwärme, die ich auf vege- tabilischem Gebiet angetroft'en habe, mit Ausnahme der weit beträchtlicheren Wärme, die der Kolben des Arum während seiner Blüte bildet." Dutrochet glaubt, daß diese Erwärmung bei dem Pilz in Perioden erfolgt, er hat dies aber nicht feststellen können. Im Jahre 1903 standen mir für meine diesbezüglichen Prüfungen in der vorgerückten Jahreszeit nur noch wenige Fruchtkörper von Äfjaricus nehidaris zur Verfügung, an denen ich aber mit dem Thermometer eine höhere Temperatur nicht nachweisen konnte. Brachte ich die Hüte jedoch mit ab- geschnittenem Stiele in normaler Lage übereinandergelegt in einen ent- 1) Dutrochet 1840. Annales sc. nat. II, 13, S. 84. 30 sprechend grüßen, mit einem durchbohrten Üeckel versehenen Glaszylinder, den ich allseitig zur Wärmeisolation mit dicken Watteschichten umgab und dann nochmals in ein entsprechend größeres Glasgefäß einsetzte, dann zeigte das eingeführte Thermometer schon nach kurzer Zeit eine Temperatur- erhöhung von 3 " Celsius an, die lange Zeit konstant blieb. Genauere Versuche habe ich erst in diesem Jahre ausftihreu können und zwar mit den Fruchtkörpern von Polyporus squamosus. Die Röhrenschicht dieses Pilzes läßt sich als zusammenhängende Lamelle mit einem scharfen Messer lostrennen und ist so widerstandsfähig gebaut, daß die Gewebe durch leichte Quetschungen etc., wie sie bei den Versuchen unvermeidlich sind, nicht zerstört werden'), sodaß man damit operieren kann. Dieser Pilz trat an einer Kastanie im botanischen Garten in mehreren großen Exemplaren auf, als ich gerade einige freie Tage hintereinander für meine Untersuchung verwenden konnte. Die Untersuchungen begannen, als die Fruchtkörper ausgewachsen waren und ihre Sporenverbreitung begonnen hatten; nun wurden täglich Teile desselben Fruchtkörpers, soviel für die Untersuchung gerade erforderlich war, entnommen. Am 25. August wurden mit der ab- getrennten und in Stücke zerschnittenen jungen Röhrenschicht die ersten Versuche angesetzt. Sie wurden locker in einen kleinen Glaszylinder (HV2 breit und 6V2 cm lang) gefüllt und letzterer mit einem Gummistopfen verschlossen, durch welchen ein Thermometer in das Röhrchen hineinführte. Die luftdicht geschlossene Röhre wurde von einer Watteschicht umgeben und in einen Dewarschen Glaszylinder'^) von 6 cm lichter Weite und 15 cm Tiefe eingesenkt. Die Öffnung des Zylinders wurde rings um das Thermometer mit einem dichten Wattestopf verschlossen und das so be- schickte Dewarsche Gefäß, abermals von dicken Watteschichten umgeben, in einen entsprechend größereu Glaszylinder eingesetzt. Auch von oben her wurden die Zylinder mit dicken Watteschichten bedeckt. In ganz gleicher Art wurde ein zweiter Versuch mit denselben Pilzstücken angesetzt, die aber vorher in heißem Wasser abgetötet wurden. Die folgende gekürzte Zu- sammenstellung zeigt den Ausgang des Versuches. Außen- Am 25. 8. 1904 Temp. um 5 Uhr nachm. Temp. d. leb. Pilz. 22,7" C, d. toten Pilz. 22,0^0., 20,5" C. ' 5V2-' " =, = = = 22,6" = -- = = 21,8" = = = = 6 - = = = = = 22,2" -' = = = 21,5" = = = = 9 = = , , , ,, 20,8" = = = -- 20,3" - 19,0" = = 10 = ' . = = = 20,4" = = = = 19,9" = - = 26.8.um9Uhrmorg.. = = = 17,3" = -- = = 17,2" = 17,5" = ^) Zerstörte Zellen stellen nicht bloß ihre Funktion ein, sie werden bei den Pilzen sogleich von Fäulnisbakterien befallen, die ihrerseits Wärmebiidung ver- ursaclien und das Resultat unsicher machen. Aus demselben Grunde wurde nach allen Versuchen geprüft, ob die Pilzsubstanz noch unverändert ist. 2) Herr l'rivatdozent Dr. Cl. Schaefer bat mich zuerst auf diese Geläße auf- merksam gemacht und mir auch in seiner liebenswürdigen Art die Benutzung eines Thermoelements im physikalischen Institut ermöglicht. 31 Wir sehen hiei'aus, daß der lebende Pilz beim Beginn des Versuches 1 " wärmer war, als der tote Pilz, daß er aber allmählich dieselbe Temperatur annahm, wie dieser. Heim Öflfnen des Glases zeigte sich, daß die lebenden turgescenten Pilzstiicke unter reichlicher Wasserausscheiduug abgestorben waren, offenbar infolge des völligen Luftabschlusses durch den Gummistopfen. Am folgenden Tage wurden die Versuche mit der Röhrenschicht des entsprechend weiter entwickelten Fruchtkörpers wiederholt, doch wurde der Glaszylinder mit dem Pilze nur durch einen festen Wattestopfen ver- schlossen, der den Gasaustausch noch ermöglicht. Ein erster Versuch wurde wieder mit der Röhrenschicht, ein zweiter mit der zwischen Oberfläche und Röhrenschicht befindlichen Markschicht desselben Frachtkörpers, ein dritter mit der in Wasser abgetöteten und auf Zimmertemperatur abgekühlten Röhrenschicht angestellt. Am 26. 8. 1904 zeigte das Thermometer um 5 Uhr nachm. Inder in der im leb. Mark- im toten Zimmerluft leb. Hymen. 2ö,l" C. schiebt 21,1" C. 6 7 8 9 10 11 12 3 7 9 10 11 1 nachts 27. 8. früh 24,3'* = 25,4" = 26,3" = 27,3" = 27,8" = 28" = 28,2" = 27,9" = 26,9" ^ 26,4" = 26,2" = 26" = 25,8" = mittags -- . -„ i ist die Temp Um Uhr ) ;, ,„i, tt = 6 = .' 7 ^ " 8 " ^ 9 » = 10 = -11 ' = 12 = = 3 = 21,2" = 21" = 20,8" = 20,6" = 20,3" ' 20" = 19,8" = 19,3" = 19,3" = 19,4" = 19,5" = 19,9" = 22,2" = (stündl. Zunahme 1,85") (1,25") im toten Pilz 20,6" C.| 20,6" = 20,3" = 20,1" = 19,8" = 19,5" = 19,2" = 19" = 18,3" = 17,8" = 17,5" 17,5" = 17,5" - 18" = die Temp. der leb, um 0,5 " Marksch. -' 0,7" 0,8" 19" C. 18,8" 18,5" 18" 18" 17,5" 17,5" 18" 18,5" 19" 19,5" höher als der tote Pilz. 0,8" 1,0" 32 Die Versuche zeigen, daß die Temperatur der lebenden Rölirenschicht gleich am Anfange des Versuches um 2,5 " C, die des lebenden Parenchyms um 0,5" höher ist als die des toten Pilzes und daß sie bei der aus- gezeichneten Wärmeisolation fortdauernd zunimmt, bis sie beim Hymenium einen Maximalwert von 9,6 ". bei der Markschicht von ca. 1 " C. erreicht hat. Aus den Zahlen geht hervor, dal.^ der Pilz fortdauernd Wärme produziert, die in dem Versuche die Temperatur stetig erhöht, bis sie end- lich konstant wird. In den ersten zwei Stunden beträgt die durchschnitt- liche Wärmebildung 1,85" C, in den folgenden 1,25" C, darauf 1,05" C. und schließlich 0,45" und 0,125", erst nach zehn Stunden ist das Maximum erreicht. Die weiteren Zahlen sind nicht mehr vergleichbar, weil die Außentemperatur zu stark herunterging. Da der Wärmeverlust am Anfange des Versuches am geringsten ist, so entspricht die Temperatur- erhöhung, die am Anfange des Versuches angezeigt wird, der wirkUchen Wärmeproduktion des Pilzes am besten. Die Messung der Temperaturen bei guter Isolation gibt ebensowenig einen genauen Aufschluß über die erhöhte Temperatur, die ein Körper wirküch konstant besitzt, wie bei schlechter Isolation. Während im letzteren Falle die Wärme sofort an die Umgebung abgegeben wird und für die Messung evtl. ganz verloren geht, wird bei sehr guter Isolation die gebildete Wärme zum Teil von der Pilzsubstanz selbst aufgenommen und infolgedessen ihre eigene Temperatur andauernd erhöht. Gelänge eine vollkommene Isolation, so würde eine gleichmäßig fortschreitende Temperaturerhöhung eintreten müssen, die ein genaues Maß für die er- zeugte Wärme abgäbe. Die besten Isolationen, die wir kennen, ver- mögen aber eine Wärmeabgabe nach außen hin nicht zu verhindern, und diese ist um so größer, je höher die Temperatur gegenüber der Umgebung ansteigt. Es wird deshalb in solchen Versuchen eine fortdauernde Abnahme der Teraperatursteigerung eintreten, bis schließlich der Augenblick gekommen ist, in dem die Wärmeabgabe der Wärmezunahme gleichkommt und das Thermometer ein konstantes Temperaturmaximum anzeigt. Die Pilzfruchtkörper bilden die Wärme eben nicht zur Erhöhung ihrer eignen Temperatur, sondern zur Erwärmung der Luftschichten, die sich unter dem Hute befinden. Die Wärmeabgabe an die umgebende Luft ist aus diesem Grunde bei den Pilzen eine so vollkommene, daß es bei den meisten Formen nicht möglich ist, mit dem Thermometer eine Eigenwärme an der freien Luft nachzuweisen. Erst wenn wir die Wärmeabgabe nach außen durch mehr oder weniger gute Isolation verhindern, wird sie für das Thermometer nachweisbar. Die Messungen an der freien Luft, sei es mit Hilfe des Thermometers oder der elektrischen Methode, geben uns daher in keinem Falle einen genauen Aufschluß über die wirkUche Wärmebildung bei den Pilzen. Temperaturmessungen au der freien Luft haben überhaupt nur dann Wert, wenn es sich um Organe handelt, die eine bestimmte höhere Temperatui- für ihre Lebensfunktionen besitzen müssen, und die des- 3a halb selbst Vorrichtungen besitzen, um die Temperatur je nach den Ver- hältnissen der Außenwelt, sei es durch Isolationsvorrichtungen, sei es durch veränderte Wärmeproduktion (oder Zufuhr), entsprechend regulieren zu können; hier messen wir eine Wärmeeinstellung, in unserem Falle aber handelt es sich um die Frage: Weiche Wärmemengen gibt der Pilz in be- stimmter Zeit an seine Umgebung ab, resp. wie grolS ist die Quantität der in der Zeiteinheit für die Abgabe produzierten Wärme? Wir müssen also quantitative Wärmebestimmungen ausführen. Die diesbezüglichen Versuche wurden ebenfalls mit Hilfe der guten Isolation in einem Dewarschen Gefäß in ähnlicher Versuchsanordnung wie vorher aus- geführt. Zur Wärmemessung benutzte ich eine gewogene Menge destillierten Wassers von bestimmter Temperatur. Zur Aufnahme des Wassers diente ein Reagensglas von 50 ccm Rauminhalt mit einem Gummi- stopfen verschlossen, durch welchen ein in V20 Grade geteiltes Thermometer bis etwa zur Mitte der Röhre eingeführt ist. Die Reagensröhre wurde mit der wärmebildenden Röhrenschicht direkt umhüllt, und beide hatten einen Umfang, daß sie in den Innenraum des Dewarschen Zylinders noch bequem eingesenkt werden konnten. Am 27. Oktober 1904 wurden zu gleicher Zeit drei Versuche angesetzt: Der eine mit 50 g der zusammenhängenden Röhrenschicht, der zweite ebenfalls mit 50 g einer zusammenhängenden Lamelle aus der direkt unter dem Hute befindlichen Markschicht, der dritte mit einer 50 g schweren abgetöteten quergeschnittenen Lamelle des Pilzes. Temperaturzunahme von ca. 50 g Wasser durch 50 g lebende Röhrenschicht Zeit der Ablesung; Temperatur Celsius Stündliche Temperatur- zunahme I'v^a|6,02 : 17,5 6,07 18,7 6,12 6,17 19,1 19,3 6,27 6,45 7,05 7,30 19,6 20,2 20,4 20,8 8,02 21,3 9,13 11,25 12,03 22,3 23,7 24,2 1,10 24,8 3,14 25,0 7,41 9,50 1P«2 27,0 27,3 27,4 Cohn Beiträge zur Biologie der Pfla 2,70 0,95 0,84 0,G4 0,63 0,42 0,32 0,14 0,08 durch 50 g lebende Markschicht Temperatur Celsius 17,9 19,0 19,1 19,1 19,1 19,3 19,4 19,5 20,0 20,2 20,3 20,8 21,3 21,0 21,7 Standliche Temperatur- zunahme Vor Beginn d. Versuchs 1,14 0,32 0,18 0,17 0,24 0,11 0,19 0,00 34 Das Reagensglas für den Pilzrölirenversncli entliielt 51,195 g destilliertes Wasser, dasjenige für die Markschicht 49,39 g. Der offene Rand zwischen Reagensglas nnd Dewar'schem Gefäß wurde durch eine dichte Watte- schicht verschlossen. Wurde jetzt das Reagensglas herausgehoben, so blieben die Pilzschichten in Zylinderform in dem Dewarschen Gefäß zurück, so daß das Reagensglas augenblicklich wieder in denselben eingesetzt werden konnte. Es wurde nun kurz vor Beginn des Versuches das Reagensglas an dem oberen Teile des Gummistopfens gefaßt, umgeschüttelt und die Temperatur des Thermometers abgelesen, dann wurde es sofort in die Pilzschichten eingesenkt; vor jeder späteren Ablesung wurde ebenfalls der ganze Versuch mehrmals umgedreht. Während der ganzen Versuchsdauer wurde die Außentemperatur in dem Versuchszimmer konstaut gehalten, was bei dieser Jahreszeit mit Hilfe der Beleuchtungskörper leicht gelang, sie betrug dauernd 20" C. Aus der Tabelle (S. 33) ist ersichtlich, daß die Temperatur des Wassers in den ersten 10 — 20 Minuten die stärkste Zunahme zeigt, offenbar weil die schon etwas höhere Temperatur der Pilzsubstanz außer der fortdauernden Wärme- bildung mitwirkt. Von Stunde zu Stunde verringert sich die Temperatur- zunahme, bis sie nach 1 3 Stunden annähernd konstant bleibt. Das Wasser hat alsdann eine gegen den Begiim des Versuches um 10'^ C. erhöhte Temperatur. Gegenüber dieser Wärmeerzeugung der Röhrenschicht ist diejenige der Mark- schicht eine so geringe, daß wir die Hymenophore als die Stätte der Wävme- bildung ansprechen müssen '). Der tote Pilz bewirkte keine Temperaturerhöhung. Am folgenden Tage wurde der Versuch mit dem entsprechend weiter entwickelten Hymenium desselben noch am Baume sitzenden Pilzes wieder- holt, doch wurden nur 35 g der Röhrenschicht verwendet. Als tags darauf die Temperatur des Wassers wieder nach Erreichung einer um 10" höheren Temperatur konstant blieb, wurde auf das Hymenium nach Fort- nahme des Watteringes ringsherum Chloroform getröpfelt, um die Lebens- tätigkeit des Pilzes zu unterbrechen; darauf wurde das Gefäß sogleich wieder mit dem Wattestopfen möglichst dicht verschlossen. Nun wurde von Stunde zu Stunde die Temperatur abgelesen, bis das Thermometer auf die Temperatur der Umgebung zurückgegangen war. Die Zahlen des Ver- suches sind in der folgenden Tabelle (S. 35) verzeichnet. Zur Prüfung des Isolationsvermögens einer solchen Versuchsanordnung mit Hilfe des Dewarschen Zylinders wurden die in einem Reagensglas ent- haltenen 50 ccm Wasser von 27,4'*, zu deren Abkühlung auf 21,5 '^ in ^) Um Teniperaturiinteischlede in einem Frnchtkörper nachzuweisen, eignet sich am besten die tliermoeleiitrische Methode, indem man die Nadein au verschiedenen Steilen des Fruchtliörpers einsticlit. Man iiann auf diesem Wege leicht Iconstatieren, daß der Stiel besonders an der Basis kälter ist als die Markschicht und diese kälter als die Hymenophore, auch kann mau verfolgen, wie der Ausschlag des Galvanometers größer wird, je melir man sicli von der äußersten Markschiclit aus den Hymenophoren nähert. 35 Temperatiirzunahme von Teraperaturabnahme von 50 g ca. 50 g Wasser durch 35 ^ Wasser nach Abtötung ^ lebendes Hymenium desselben Hymenhims Stündliche 1 Sttindliche Zeit der Temperatur Temperatur- Zeit der Temperatur Te„pg,^t„,. Ablesung Celsius zunahme Ablesung ; Celsius abnähme 12,6 Mittags 19,2 lOMorg. 30,3 12,18 19,8 3 11 29 1,3 1 21,2 2 12 27,2 1,8 3 24,5 1,65 1 26,2 1,0 4 25,5 1 3 25,2 0,5 5 26,5 ) . „ 5 24 ) » 6 27,0 50,75 6 23,5 0,45 8 28,3 0,65 7 23,1 10 Abds. 29,2 0,45 8 22,7 0,4 10,35 29,45 0,43 12 Abds. 21,5 0,3 2 30,1 0,18 9 20,1 0,15 8 30,3 0,03 lOMorg. 20,05 0,05 9 Vorm. 30,3 unserem Versuche ca. 12 Stunden erforderlich waren (siehe Tabelle), in der Ziraraerluft frei schwebend aufgehängt. Nach 25 Minuten war die Temperatur des Wassers in der Röhre auf 23,8", nach 60 Minuten auf 21,4" ge- fallen. Der Wärmeverlust an der Luft war hier etwa zwölfmal so groß wie in der Versuchsanordnung im Dewarscheu Gefäß unter den angegebenen Versuchsbedingungen. Wir sehen, daß hier 35 g des um einen Tag älteren Hymeniums etwa dieselbe Temperaturerhöhung angezeigt haben als die 50 g des vorher- gehenden Tages. Wenn wir von der etwas stärkeren Temperaturzunahme in den ersten zwölf Minuten absehen, hat der Pilz in der ersten Stunde, in der die Wärmeabgabe nach außen noch am geringsten ist, die Temperatur des Wassers um 2 " erhöht, welche Zahl daher der wirklichen Wärmebildung wohl am meisten entspricht. In der zweiten Stunde beträgt die Zunahme nur noch 1,65**, in der vierten Stunde 1" usw., der Pilz hat in der Zeit von 12 Uhr mittags bis 10 Uhr abends, also in zehn Stunden, die Temperatur des Wassers um 10" erhöht. Wenn wir dagegen die Abnahme der ent- sprechend hohen Temperaturen vergleichen, die in der Zeit von 10 Uhr morgens bis 8 Uhr abends nach Abtötung des Pilzes erfolgt ist, dann sehen wir, daß das Wasser 7,6 " C. abgegeben hat. Wir können hieraus schließen, daß bei unserer Versuchsanstellung das Hymenium während dieser Versuchszeit ungefähr ebensoviel Wärme nach außen verloren hat, wie es an das Wasser abgegeben hat'). Daß die Zahlen nicht genau *) Wenn der Apparat 10 Stuiulen gebraucht, bevor die durch eine konstante Temperaturerhöhung bewirkte Wärmeabgabe so groß wai-, wie die empfangene Wärmemenge, dann muß er dieselbe Zeit gebrauchen, um die empfangene Wärme wieder abzugeben. 3* 36 übereinstimmen, ist nicht zu verwundern, weil ja in dem lebenden Versuche das direkt au das Dewarsche Gefäß angrenzende Hymenium mehr Wärme nach außen abgab, als das im Reagensglas eingeschlossene Wasser beim Abkühlungsversuch, und weil die Abtötung durch das Chloroform nicht momentan und gleichmäßig erfolgt. Wenn ich hiernach die ersten zehn Stunden des Versuches in der Zeit von 12 Uhr mittags bis 10 Uhr abends der folgenden Berechnung zu- grunde lege, in welcher die Temperaturzunahme den verhältnismäßig höchsten Wert von 10*' C. erreichte, so geschieht dies, weil ich überzeugt bin, daß in der freien Natur, wo der Zutritt des Sauerstotfs ungehindert stattfinden kann und kein Teil des Hymeniums durch die künstlichen Ein- gritFe leidet, die Wärmebildung eine noch erheblich höhere sein wird. Da der rückläufige Versuch anzeigt, daß in dieser Zeit etwa ebensoviel Wärme nach außen abgegeben wurde, so resultiert in 10 Stunden eine doppelt so große Wärmemenge, als sie das Thermometer anzeigt, d. i. eine Erwärmung von 49,39 g Wasser um 20" C. Die 35 g Pilzsubstanz wurden aber auch auf etwa dieselbe Temperatur erhöht wie das Wasser. Um diese Wärme- menge annähernd bestimmen zu können, habe ich den Wassergehalt der Röhrensubstanz desselben Pilzes bestimmt. Zu diesem Zwecke wurden 120 g derselben in kleine Stücke geschnitten, bei intensiver Sonnenbeleuchtung und hinterher im Wassertrockenschi-ank (6 Stunden lang) getrocknet. Die lufttrockne Substanz wog alsdann 15,2 g. In 35 g Röhrensubstanz sind hiernach 30,5 g Wasser enthalten, die ebenfalls um 10" erhöht wurden, wozu bei derselben Versuchsanordnung ebenfalls etwa die doppelte Wärme- menge erforderlich war. Die erzeugte Wärme läßt sich hiernach annähernd aus folgenden Ausdrücken berechnen: 35 g Röhrensubstanz erhöhen ( 49,39 g Wasser um 20" C in 10 Stunden die Temperatur von ( 30,50 ^' ' 20" - ^- 10 35 ' 79,89 -' ' - 20" -' -- 10 35 g Röhrensubstanz liefern in 1 Stunde - 79,89 . 20 10 — 159,78 Cal. 1 g Röhrensubstanz liefert in 1 Stunde 4,565 Cal. 1 g ■ lebende Röhrensubst. des Polyp, squamos. enthält 0,1266 g T: rockensubst. 1 g Röhrentrockensubstanz des Polyp, squamos. liefert in 1 Stunde 36 Cal, Ein weiterer Versuch wurde am 31. August 1904, also 5 Tage nach Beginn der Sporenverbreitung des Polyporus mit dem letzten Teile des Fruchtkörpers angestellt. Es wurden diesmal nur 15 g der Röhrenschicht verwendet. Kurz vor Beginn des Versuches hatte das Wasser (49,39 g) eine Temperatur von 20" C. Nach 15 Minuten war sie auf 21,3 ge- stiegen, blieb während der nächsten Stunde konstant, stieg in den folgenden vier Stunden auf 22,3, nach weiteren drei Stunden auf 23,3, um schließlich nach zwei Stunden mit 23,9" das Maximum zu erreichen. Es entspricht diese von 15 g Pilzsubstanz gelieferte Wärmemenge, die 49,39 g Wasser in zehn Stunden um 3,9 " C. erhöht, ganz gut dem im vorigen Versuche 37 bei Verwendung- von 35 g Pilz Substanz in ebenso langer Zeit erzielten Resultat von 10'' (berechnet 0,1"). Auch in dem Versuch vom 26. August auf Seite 31 hat die Temperatur des Hymeniums nach 10 Stunden (um 3 Uhr Nachmittag) den höchsten Wert von 10" C. Steigerung über die Temperatur der Umgebung erlangt. Dieselbe Temperatursteigerung wurde auch erreicht, als ich den Versuch am 29. August 1904 mit der entsprechend älteren Röhrenschicht in etwas anderer Art wiederholte. Das Dewarsche Gefäß wurde direkt mit der in Würfel geschnittenen Röhrenschicht angefüllt (105 g), mit einem dichten Wattestopfen verschlossen und das ganze Gefäß wie früher in Watte ein- gepackt. Das in die Röhrenschicht eingesenkte Thermometer zeigte kurz vor Beginn des Versuches um 1 Uhr 10 Minuten 20,2", um 1 Uhr 15 Minuten 23,25", um 3 Uhr 26,8" um 4 Uhr 27,6", um 5 Uhr 28,4", um 6 Uhr 28,6", um 8 Uhr 29,5", um 10 Uhr 20 Minuten 30", um 2 Uhr nachts 30,2", um 8 Uhr früh 30,3". Auch hier sehen wir, daß nach zehn Stunden eine maximale Temperaturerhöhung von 1 " eingetreten ist. Hier wird die Substanz des Fruchtkörpers selbst andauernd erwärmt, bis die Wärmezufuhr ebenso groß ist wie die Wärmeabgabe nach außen. Die letztere ist auch in den Dewarschen Gefäßen bei größeren Temperatur- differenzen offenbar eine so erhebliche, daß bei gleichmäßiger Intensität der Wärmezufuhr das Maximum in einer bestimmten Zeit erreicht wii'd, wenn auch die Quantität der wärmespeichernden Substanz von einer gewissen Grenze an erheblich variiert. Da die Röhrenschicht desselben Pilzes während der fünftägigen Zeit des Sporenwerfens in zeitlicher Folge stets annähernd die gleichen Temperatur- erhöhungen ergab, ist weiter zu schließen, daß in der ganzen Zeit der Sporenver- breitung Tag und Nacht eine andauernde Wärmebildung in ziemlich gleicher Intensität erfolgt. Ein halber Fruchtkörper von Folyporuf^ squaDtosus, der seit 24 Stunden seine Sporen verbreitete, an der Stelle, wo die Röhrenschicht beginnt, senkrecht abgeschnitten, wog 525 g. Die sorgfältig abgetragene Röhrenschicht hatte ein Gewicht von 120 g, das übrige Gewebe des Hutes betrug 395 g. 1 g dieser Röhrenschicht lieferte in 1 Stunde 4,565 Cal. ~ 120 ' ^ ^ ^ ^~l2Ö ^ 65,736 '= Die Röhrenschicht des ganzen Hutes bildet somit, wenn man annimmt, daß die wärmebildenden Substanzen von den übrigen Geweben zugeführt werden, während der etwa fünftägigen Zeit der Sporenverbreitung 1 31472 Cal.') Die Gewebe der Mark- und Röhrenschichten des Fruchtkörpers von Folyporm squnviosti.s sind von zäher dauerhafter Beschaffenheit, deshalb werden sie auch trotz ihrer Größe nicht gegessen, selbst nicht einmal von Maden bewohnt. Die frischen Fruchtkörper enthielten in der Röhrenschicht 12,66, in der übrigen Hutsubstanz 12,93°/o lufttrockene Trockensubstanz. 1) Der im Freien durch Verdunstung eintretende Wärnieverlust ist hier nicht berücksichtigt; wahrscheinlich wird er je nach der Trockenheit besonders compensiert: dies erklärt es auch, daß die Pilze sich nur in feuchter Luft entwickeln. 38 Ein ganzer Hut enthielt 30,4 g Rölirentrockensubstanz und 102,2 g übrige Hutsubstanz ' ). Die Trockensubstanz der Röliren entliielt 55% in kaltem Wasser lösliclie Extraktivstoffe, diejenige der übrigen Hutsubstanz 34,7 °/o. In einem Hut sind somit 16,5 g -j- 35,5 g, insgesamt etwa 52 g wasserlösliche Substanz enthalten. In dieser sind enthalten ca. 26% Protein und 14% Salze, sodaß 60% auf lösliche Kohlehj'drate, wohl zumeist Glycogen (6 CßH,„0i5 -j~ H.^0), entfallen^). Wenn wir diese Substanzmenge von 31,2 g Glycogen für die Wärmebildung einsetzen, mit einer Ver- brennungswärme von 4190,6 Cal. per 1 g (nach Stohmann), dann ergäbe das für den Pilz einen Energievorrat für 130747 Cal. Hieraus geht hervor, daJ.^ dieser Pilz gewiß nicht mehr Nährstoffe enthält, als er für die Sporen- und Wärmebildung verbraucht. Die Bildung und der Verbrauch der Nährstoffe ist auch hier ein ebenso ökonomischer wie bei allen übrigen Lebewesen. Es bleibt nun noch die Frage bestehen, ob auch die bedeutend stärkere Ausbildung nährstoffreicher Gewebe, wie wir sie zwischen der Oberhaut und dem Hymenium bei den als „Schwämme" bezeichneten eßbaren Pilzfruchtkörpern antreffen, für die Wärmebildung in Anspruch zu nehmen ist. Die Temperaturen, die ich bei diesen Pilzen gemessen habe, waren nicht höher als beim Polyporus squamosus. Ich machte aber die Beobachtung, daß ein Fruchtkörper von Boletus edulis, der voll von Maden war und seine Sporen in einem geschlossenen Zylinder so gleichmäßig verbreitete, daß die Papierscheiben der Etagen wie von einer braunen Farbe mit dem Pinsel angetüncht erschienen, soviel Wärme bildete, daß die Innenwände des Zylinders sich dicht mit Wassertropfen beschlugen. Es lag daher der Gedanke nahe, daß die Entwicklung der Madenleiber, die sich während der Sporenreife mit bekannter Schnelligkeit vollzieht, an dieser großen Wärmebildung beteiligt ist, und es war geboten, den Einfluß der Lebenstätigkeit dieser Tiere auf die Wärmebildung während der Sporenreife zu prüfen. Hierfür wurden zunächst die zurzeit auf den Markt gebrachten Fruchtkörper von Tricholoma graveolens Fers, verwendet; dieselben wurden aufgeschnitten und die madenfreien von den madigen getrennt. Sie wurden dann in je einen Glaszylinder gepackt, mit einem dichten Wattestopfen ver- *) Nach einer Analyse, die mein Freund Dr. Carl Bloch ausgeführt hat, enthält die lufttrockne Substanz dieses Fruchtkörpers: stickstofffreie Wasser Rohfaser Protein Asche Extraktivstoffe a) der Röhren: 5% 18,02% 29,12% 7,59% 40,27% b) der übrigen Hutsubstanz: 4,8% 25,26% 8,98% 4,51% 56,45% Die wäßrigen Extrakte der Hutsubstanz enthalten im Durchschnitt: ca. 14% Asche u. ca. 26% Protein. 2) Clautrian (Etudes chimiques du glycogene chez les Champignons et les levures) A. Kochs Jahresber. Ref., Bd. VI., 1895, p. 51, fand 20% Glycogen im Trocken- gewicht der Steinpilze, 14% im Trockengewicht von Amanita. 19,8", -' ' 20,2", = = 19" 20,4", . -- 21,8", = = 19,2" 21,9", -' 5 24,2", = = 19,2" 22,2", = -- 24,9", = = 19,2" 39 schloßsen, niul allseitig mit dicken Watteschichten nmhilllt in entsprechend größere Glaszylinder eingesetzt. Ein dritter Kontrollversuch wurde in der- selben Art mit dem abgetöteten Pilz angestellt. Um 9 Uhr morg. zeigten d. leb. Pilze 1 8,8", die madenhalt. 1 8,4", die tot. 18,3" = 11 = 1 ; mittags - = ' ' 3 ' nachm. - - - . 7 , = = = . Am besten sind die nährstoffreichen Boleten für diese Untersuchungen geeignet, doch war es mir in diesem trocknen .Jahre leider nicht mehr möglich, geeignetes madiges Material zu beschaff en. Das nachfolgend mitgeteilte Ergebnis mit einem nur wenige Maden enthaltenden Exemplar zeigt jedoch schon eine beträclitliche Steigerung der Wärmeproduktion gegenüber einem gleichbeschatfenen madenfreien Exemplar. Die Versuche wurden mit je 35 g der in Stücke zerschnittenen Pilze in Dewarschen Zylindern ausgeführt. Das Thermometer zeigte um 10 Uhr im madigen Pilz 18,6" C, 11 = ' 12 = = 1 . = 3 - = 4 -- = 5 = 6 = = Die angegebenen Zahlen beweisen, daß hier auch auf indirektem Wege die nährstoffreichen Gewebe, indem sie die Entwicklung der Madenleiber be- günstigen, für die Wärmebildung benützt werden. Die Ausbildung nähr- stoffreicher Gewebe, um die Mitwirkung von Tieren für die Verbreitung der Fortpfianzungszellen in Anspruch zu nehmen, bietet hier also doch (S. 2) eine Analogie zur Erzeugung der süiAen Früchte bei den höheren Pflanzen. In meiner Arbeit über Sjwrodlnia 1. c. habe ich bereits aiisgc'sagt, daß die Pilze leicht lösliche Kohlehydrate und Proteine in einem für die Eruähniug dieses Pilzbewohners besonders günstigen Verhältnis enthalten, und daß liier ins- besondere auch eine für die Zygotenbildung ausreichende Konzentration vorhanden sei. Dies will ich noch nachträglich durch die folgenden in Gemeinschaft mit Dr. Bloch ausgeführten Analysen belegen. Zur Zeit der Ansführnng der Analysen wußte ich noch nicht, daß diese Pilze während der Sporenverbreituug ihre Nährstofte in hohem Grade für die Wärmebildung verbrauchen, und es ist deshalb noch nicht darauf Bedacht genommen worden, nur jüngere Exemplare für die Analysen zu verAvenden. Außerdem konnte ich feststellen, daß alle Hutpilze, auch die Morcheln, mit den Stielen ins Wasser gestellt, etwa das gleiche Gewicht an Wasser aufsaugen können, und es bedarf daher noch umfassender Untersuchungen, um festzustellen, ob der Wassei'gehalt der Püze überhaupt ein annähernd konstanter ist. 18,6" C., im madenfr eien 17" C. 21,4" .' i = 19,6" = 23,8" ; = 5 22" = 25" .- = s 23" = 27,2" ' = ' 25,4" = 30,2" ; = ' 27,6 " '- 31,4" = : = 28,6 " = 32" : 5 ; 29" = 40 U t/1 ^ Wasserlösliches Extrakt in der Trockensubstanz Im Extrakt Protein 7o Asche 7o N. freie Extraktiv- stoffe 7o Boletus scaler ausgewachsene große Exemplare IG 48 in der \ Röhren- >47,25 Substanz .' in der -k übrigen l, ,. ,, , Hut- U.Stiel- j "'-'•* Substanz ) 14,78 7,33 37,97 85,73 Boletus edulis getrocknete käufliche Schnitzel — in der \ Röhren- \ 56,4 Substanz ) in der -» Hu^^^l- 26,56 Substanz .' 25,94 28,00 14,47 8,76 59,59 63,24 000 Carantellus ciharius frisch gesammelt 12,72 38,33 11,62 23,82 64,56 000 Tricholoma equestre frisch gesammelt 15 44,3 24,62 16,95 58,43 00000 Die Analysenzahlen beweisen, daß z. B, der Zellsaft des Boletus scaher eine ca. achtprozeutige und der von Tricholoma eine siebenprozentige Nährsalzlösung enth.ält. Wenn man diese Pilze aber im Dampftopf sterilisiert, dann wird so viel Wasser von den Zellen ausgeschieden, daß die auf Fließpapier abgetrockneten Pilze nur noch etwa die Hälfte ihres Frischgewichtes behalten und auf ein ent- sprechend kleines Volumen zusammenschrumpfen. Der so ausgetretene Zellsaft enthielt z. B. bei Tricholoma nur 2 % vom FrischgCAvichte der Pilze an gelösten Extraktivstoffen. Die durch Sterilisation oder durch Sporodinia abgetöteten Pilz- gewebe stellen daher bei Boleten und nährstoffreichen Agaricineen ein an leicht aufnehmbaren (Verhältnis von löslichen Proteinen zu Kohlehydraten) Nährstoffen und an osmotisch wii-ksanien Salzen so reiches Nährsubstrat dar, wie es sich im Pflanzenreiche wohl nicht zum zweiten Male darbietet. In seiner Entgegnung (Botanische Zeitung 1902 No. 12/13) auf meine Arbeit behauptet Prof. Klebs in Halle das direkte Gegenteil, daß die Hutpilze die wasserreichsten, also nährstoffärmsten Substrate seien, die hiertür existieren. Ungefähr in der gleichen Art entgegengesetzt sind auch die meisten Schlüsse, zu denen Klebs — nach den Aussagen seiner ersten Arbeit — und ich durch die Ergebnisse verschieden angeordneter Versuche gelangt sind, und es ist ganz unfruchtbar, über die verschiedenen Auffassungen zu streiten. Es muß vielmehr, da ja die Richtigkeit der Versuche selbst beiderseits nicht bezweifelt wird, dem- jenigen, der danach strebt, ein Verständnis für diese Organismen zu gewinnen, zunächst überlassen bleiben, selbst zu entscheiden, Avelchc Ableitungen khir \\\v\ folgerichtig sind und ein Verständnis des Ganzen ermögliclien. Da ich, wie dies meine Untersuchungen ergeben, eigne Gedanken und selbst- ständige Ziele verfolge, lag und liegt für mich nicht der geringste Grund vor auf die Ableitungen A'on Klebs weiter einzugehen, als dies für die sachliche Durchführung meiner Aufgaben unbedingt erforderlich war, zumal ich jede kritische Äußerung vermeiden Avollte und vermeiden will. Auch die persönlichen Bemerkungen und häßlichen Unterstellungen, die Prof. Klebs ohne Grund verwendet, will ich nur dahin beantworten, daß ich nach 41 Kräften bemüht sein Averde, meine eigenen Arbeiten von derartigen Kampf- niittebi rein zu halten. Über das Thema der Zygotenltildung hoffe ich im An- schluß an die ncMien merkwürdigen Entdeckungen von Blakeslec (l'roceed. o. t. Acad.AmericA'ol. XL No.4) dcnniächst noch weitere Mitteilungen machen zu können. Ein Apparat in Pilzform zur Verbreitung feinster Pulver. Nachdem so im analytischen Gange der Beobachtungen die Erscheinungen der Sporenausbreitung bei den Basidiomyceten auf ilire Ursache zurück- gefiilirt waren, betraclitete ich es als meine weitere Aufgabe, auf experimentellem Wege auch den synthetischen Beweis für die Richtigkeit zu erbringen. Sind Temperaturerhöhungen von einigen Graden wirklich im- stande, Luftbewegungen zu erzeugen, die das Sporenpulver der Basi- diomyceten so zu verbreiten vermögen, wie es die Fruchtkörper dieser Pilze tun? Um dies darzntun, habe icJi einen Apparat nach dem Vorbilde eines Hutpilzes, also ein künstliches Pilzmodell konstruiert, das selbsttätig ein feines Pulver ausstreut uud es wie ein lebender Hutpilz in den umgebenden Kaum verbreitet. cvam). Fig. 1. Fig. 2. 42 Es war zunächst notwendig, eine Vorrichtung zu finden, die ein be- liebiges feines Pulver in seine Teilchen vereinzelt und sie räumlich getrennt in kontinuierlicher Folge in eine darunter befindliche Luftschicht herab- fallen läßt. Hierzu verwendete ich ein rundes Sieb aus feinster Seiden- gaze von dem Umfange eines kleinen Hutpilzes, a und b der vorstehenden Figur 2. Um ein fortdauerndes Durchfallen eines auf dem Siebe befind- lichen Pulvers herbeizuführen, war eine Vorrichtung erforderlich, die, ohne erhebliche Wärmemengen zu erzeugen, eine kontinuierlich rüttelnde Bewegung des Siebes hervorruft. Hierzu eignete sich am besten ein sogenannter elektrischer Summer, der auf einer gegen die Wärmeabgabe isolierenden Holzscheibe befestigt wurde (Figur 2 c). Über den Sunmier paßt eine runde Pappschachtel, die ihn nach außen umgibt. Eine andauernd gleichmäßige Erwärmung von 1 — 10" C. konnte nur auf elektrischem Wege mit Hilfe eines Widerstandsdrahtes oder -Bandes herbeigeführt werden. Um eine andauernde Temperaturerhöhung von 3 " C. herbeizuführen, war bei einer Dicke des Nickelindrahtes von nicht ganz 1 mm eine Stromstärke von 0,7 Ampere erforderlich. Mit Hilfe eines Vorschaltwiderstandes in Form eines ausgespannten Nickelindrahtes ließ sich die Temperatur nach Belieben innerhalb 1 — ^10" regulieren. Um die Form der Blätterpilze möglichst zu imitieren, wurden lamellenförmig nebeneinander angeordnete Pappscheiben unmittelbar unter dem Siebe befestigt und die einzelnen Lamellen mit dem Nickelindraht umwickelt (Fig. 2 b). Auch die Röhrenform der Polyporeen wurde in primitiver Art imitiert, indem gewelltes Nickelinblech und dazwischen gelegte isolierende Pappscheiben so angeordnet wurden, wie das die Figur 2 a veranschaulicht. Der Holzring, der einseitig die Lamellen resp. die Röhren, auf der anderen Seite das kleine Sieb trägt, kann durch das runde Holz- brett, auf welchem der elektrische Summer befestigt ist, deckelartig ver- schlossen werden. Der ganze Apparat wurde weiß angestrichen und an einem eisernen Dreifuß mittels dreier Spiralfedern aufgehäugt, durch welche die Schüttelbewegungen des Summers nicht auf die weitere Umgebung über- tragen werden. Über den so aufgestellten Apparat wird ein Glaszylinder gestellt, wie es die Figur 1 darstellt. Von oben her wird in den Zylinder eine Etage aus schwarzen resp. weißen Papierscheiben an einem hohlen verstellbaren Glasrohr bis auf die Oberfläclie des Pilzmodelles hineingesenkt. Durch das hohle Glasrohr kann gleichzeitig ein Thermometer in den Zylinder eingehängt werden. Auch seitlich quer durch den Glaszylinder kann ein kleines Thermometer in den Raum über den Lamellen in den Apparat eingeführt werden. (In der Photographie ist die Öffnung durch einen Wattestopfen verschlossen.) Jedes staubfeine Pulver, das nicht die Eigenschaft hat, sich zu Klümpchen zu vereinigen, läßt sich für die Ver- suche benutzen. Am besten hat sich das Sporenpulver von Fulüjo septica bewährt, weil die in dem Pulver enthaltenen Capillitiumfasern das Hindurch- fallen des Pulvers in geeigneter Weise regulierten; auch das feine Sporen- pulver von Lycoperdonformen ist brauchbar, doch lassen sich, wie gesagt, 43 wenn auch niclit mit dem gleichen Erfolge, alle feinen Pulver verwerten, die verstäubbar sind. Um den Apparat in Tätigkeit zu setzen, wird zuerst die Wärmeleitung geschlossen und dann erst die Schiittelvorrichtung eingeschaltet. Nach einem Zeitraum von V2 — 1 Stunde wurden die Versuche gewöhnlich unterbrochen, und es zeigte sich, daß in dieser Zeit die Pulver, von denen vorher die Rede war, über die EtagenMächen in dünner Schicht gleichmäßig verbreitet wurden (Fig. 1 im Text), ähnlich wie bei den Pilzen. Doch wurde bei allen Versuchen nur ein kleiner Teil des Pulvers in die Höhe getragen, während der bei weitem größte Teil nach unten auf den Boden fiel. Dies ist aber nicht zu verwundern, weil es durch keine Vor- richtung möglich war, die Sporen so vereinzelt und gleichmäßig herunter- fallen zu lassen, wie das die Pilze mit ihren hierfür besonders organisierten Basidien vollziehen können, auch wird der Pilz die Luftströmung immer zu derselben Zeit und au derselben Stelle herbeiführen, wo gerade die Sporen abgeworfen werden und sie in der richtigen Art (Röhren, Spalte!) zur Wirkung bringen'). Trotzdem sind die Sporenmengen, die in einer bestimmten Zeit auf diesem Wege verbreitet werden können, größer als diejenigen, welche ein Pilz abwerfen kann, und daher können wir auch in kürzerer Zeit die Erscheinungen imitieren, welche wir zuerst bei den Pilzen kennen gelernt haben. Selbst die feinsten Anteile der spezifisch schwersten Pulver, wie Lythargyrum (Bleiglätte) wurden in sichtbaren Mengen in die Höhe getragen und auf den Etagenblättchen verteilt. Wurde der Apparat in einem gleichmäßig temperierten Räume mit geringer Licht- und Wärme-Strahlung in Tätigkeit gesetzt und die Erwärmung nicht eingeschaltet, dann fand auch keine Ver- breitung der Sporen statt, und dies beweist, daß die Sporenverbreitung durch Wärmebildung verursacht wird. Hiermit ist die Kette der Versuche geschlossen, welche dartun, daß die Hutpilze durch Wärmebildung unmerkliche Luftströmungen erzeugen und durch diese selbsttätig ihre Sporen in den umgebenden Raum verbreiten. Das Wesen und die Bedeutung der durch geringe Temperaturunterschiede hervorgerufenen Luftströmungen. Nachdem nun bewiesen ist, daß es Luftströmungen sind, welche die Sporen der Basidiomyceten in der beschriebenen Art verbreiten, sind die Ver- breitungsbilder, welche wir bei den verschiedenen Versuchen gewonnen haben, ihrerseits wieder geeignet, uns einen Einblick in das Wesen dieser feinen Luftströmungen zu gewähren. Wir wissen bereits, daß ' sie hervor- gerufen werden durch ganz geringe Temperaturdifferenzen etwa von 0,1 bis 10", und daß sie weder sichtbar, noch durch unser Gefühl wahrnehmbar 1) Es wird wohl gelingen, den Apparat noch erheblich zu vervollkommnen und dies Prinzip auch für gewerbliche Zwecke zu verwerten. 44 sind, sodaß sie sich unserer Beobachtung vollständig entziehen. Da kleine Temperaturdifferenzen überall in der Atmosphäre vorkommen, am Tage durch die Insolation, in der Nacht infolge der Ausstrahlung, so muß die Luft andauernd von diesen Strömungen nach allen Richtungen hin durch- setzt sein. Wenn wir das erste unserer Bilder auf Tafel I betrachten, dann können wir uns von dem wärmegebenden Pilz aus die Luftströmungen ebenso verlaufend denken, wie das die Sporen auf der Unterseite gleichsam in der Projektion aufzeichnen. Bei der geringen Wärmemenge findet der Ausgleich der Temperaturen in dem Maße statt, als die Strömungen fort- schreiten, und sobald die strömende Luft die Temperatur der Umgebung angenommen hat, ist auch die Strömung beendet; so zeigt es das Sporenbild an. In demselben Schrank hat ein großer Fruchtkörper von PoJypoym squamosus^ der bei weitem größere Wärmemengen erzeugt, Luftströmungen verursacht, die den ganzen Schrank fortdauernd gleichmäßig erfüllt haben und so auch zu einer gleichmäßigen Bestreuung der Unterlage geführt haben, wie das die Figur 2 der I. Tafel anzeigt. Es muß also von dem Fruchtkörper ausgehend eine allseitige kontinuierUche Bewegung der Luft erfolgt sein. Eine fortdauernd wirksame Wärmequelle von bestimmter Intensität wird also erforderlich sein, um Luftströmungen zu erzeugen, die einen Raum von bestimmter Größe auszufüllen vermögen. Da die wärmere Luft leichter ist als die kältere, steigt sie naturgemäß in die Höhe, aus diesem Grunde ist die Verbreitungsrichtung der Luftbewegung von unten nach oben die am meisten bevorzugte. Diese Sti-ömungsrichtung wird natürlich noch begünstigt durch zylinderförmige Gefäße, welche schornstein- artig wirksam sind. So kommt es, daß bei dem Versuch, den die Figur 2 auf Tafel II darstellt, die Sporen eines Fruchtkörpers von Agaricns nehulan's meterhoch in die Höhe steigen, während die Ausbreitung der Sporen nach den Seiten hin nur einen halben Meter weit erfolgt ist (Fig. 1 auf Tafel I). Wenn nun in einem gesclilossenen Raum sich flächenförmige Körper der Luftströmung in den Weg stellen, dann fliel.H der feine Strom nicht etwa wie ein Windstrom, wenn er den Flächenrand erreicht hat, in mehr oder weniger abgelenkter Richtung (und geschwächter Intensität) weiter, sondern umstreicht gleichmäßig alle Flächen der Körper, die sich in dem Raum darbieten. Er übt deshalb keinen Druck aus, der eine Bewegung feiner Blättchen zur Folge hätte, sondern fließt allseitig um die Körper herum. Führt der Strom nun Pilzsporen mit sich, dann werden sich alle Sporen, welche beim Herüberstreichen der Oberfläche nahe oder mit ihr direkt in Berührung kommen, auf ihr niederschlagen und nicht weiter mit dem Luft- strom mitgeführt werden. Indem der Luftstrom immer wieder über die Flächen des Raumes heriiberstreicht, wird er schließlich alle Sporen auf ihnen absetzen. So erklärt es sich, daß die Sporen auf allen Flächen gleichmäßig verbreitet und deshalb umsomehr in einem Räume verteilt 45 verteilt werden, je melir Flächen sich in ihm darbieten ' ), und daß von dem Orte der Sporenbildung weit entfernte Flächen ebenso wie die nahegelegenen bestreut werden, wenn die Wärmequelle dazu ausreicht'^). Es ist nun selbstverständlich, daß 7A\ den Luftströmungen, die ein Pilz in einem geschlossenen Räume selbsttätig erzeugt, andere hinzukommen können, die durch äußere Kräfte verursacht werden. So wirken Liclit- und Wärme- strahlen sekundär ein^) und verursachen eine besondere ihrer Einwirkungs- richtung entsprechende Veränderung der Luftströmungen, wie dies die charakteristischen Verbreitungslinien der Sporenbilder auf den Tafeln 1 bis 4 zeigen. Ist die allseitige Strömung, die von dem Pilz ausgeht, bedeutend stärker als die einseitig wirkende, so wird die Bestreuung eine gleichmäßige bleiben, andererseits wird eine stärkere einseitige Strömung die allseitige des Pilzes mehr oder weniger aufheben. Die Wärmemengen, welche die Hutpilze erzeugen, werden natürlich nicht dazu ausreichen und auch nicht dazu bestimmt sein, die Sporen ins Unendliche zu vertreiben. Es wird vielmehr in den meisten Fällen ausreichen, sie von der Unterseite des Hutes hervor soweit in den freien Raum emporzutragen, daß ihre weitere Verbreitung, ganz abgesehen vom Wind, von den überall im Freien bereits vorhandenen feinen Luftbewegungen besorgt werden kann. Ich habe nun versucht, die feinen Luftströmungen, welche durch diese geringen Temperaturditferenzen herbeigeführt werden, am Lichtschirm euies Projektionsapparates sichtbar zu machen*;, wie dies bei den gröberen Luftströnmngen geschehen kann, die ein Bunsenbrenner, ja selbst die warme Hand verursacht, wenn sie in den Lichtkegel hineingehalten werden. Die Luftströmungen, die der Polyporus squamosus oder andere Hutpilze er- ^) Sind die Flächen sehr eng übereinander geordnet, dann kann die Luftströmung (infolge der Reibung?) nicht weit über die Flächen liinwegstreichen, und die Be- streuung ist dann natürlich auch eine entsprechend unvollkommene; auch kann der Strom durch enge Öffnungen nur schwer hindurchgelangen. 2) Je mehr Oberfläche ein Luftstrom von bestimmtem Sporengehalt in der Zeit- einheit bestreichen kann, und je größer seine Geschwindigkeit ist, um so mehr Sporen wird er absetzen. Die Sporenmengen, die ein Strom von bestimmter Stärke in der Zeiteinheit auf eine Fläclie von bestimmter Größe absetzt, wird weiter wesentlich abhängig sein von der Sporenmenge, die er in der Volumeneinheit snspendiert erhält. Wie groß die Aufnahnierähigkelt eines Luftstromes von bestimmter Intensität für Sporen von bestimmter Beschaffenlieit ist, darüber kann nichts ausgesagt werden. ') Die bestrahlten Flächen werden erwärmt und verursachen ein Temperaturgefälle der angrenzenden Luftschichten, das nun erst die Bewegungen zur Folge hat. •*) Im Lichtkegel eines Projektionsapparates kann man bei geeigneter Aufstellung seilen, wie die Sporen kontinuierlich von der Unterseite des Hntes ausgestreut werden, und wie sie wolkenartig nach allen Seiten aufsteigen. In einem geschlossenen Zylinder, in dem ein größerer Pilz die Sporen verbreitet, kann man verfolgen, wie an vielen Stellen die Sporen kontinuierlich auf- und niedersteigen, wie also die Lnftströmungen nicht einheitlich von oben nach unten erfolgen. Dasselbe Bild ge- währt übrigens der Anblick der auf- nnd absteigenden Sonnenstäubchen, wie man es gelegentlicii im Zimmer beobachtet, wo die Verbreitnng des Staubes offenbar durch dieselben Luftströmungen nach denselben Gesetzen stati findet. 46 zeugen, ließen sicli auf dem Schirm des Projektionsapparates aber nicht mehr sichtbar machen. Die sichtbaren Luftströmungen steigen immer mit lockenartigen Nebenlinien senkrecht in die Höhe und sind imstande, Papier- blättchen, die sich der Strömung entgegenstellen, in der Richtung des Stromes zu bewegen. Die Luftströmungen, die die Pilzsporen verbreiten können, verlaufen um die Körper herum und vermögen Bewegungen feiner Blättchen nicht hervorzurufen. Die Luftströmungen in der Atmosphäre lassen sich somit nach ihrer Intensität in drei Kategorien unterscheiden. 1. Der Wind — Zug; kann nicht durch Erwärmung unmittelbar hervor- gerufen werden, ist für unser Gefühl als Zug direkt wahrnehmbar, vermag makroskopisch sichtbare Gegenstände mit sich zu führen. Die Strömung kann sich nach allen Seiten richten, sie verläuft aber meist in wagerechter Richtung, parallel der Erdoberfläche. 2. Luftströmungen, die durch Temperaturditferenzen von über 20" unmittelbar hervorgerufen werden, sind für das Gefühl durch die Temperaturdiflferenz wahr- nehmbar, vermögen feine Blättchen zu bewegen, lassen sich bei bestimmter Be- leuchtung sichtbar machen und erfolgen in der Richtung von unten nach oben. 3. Luftströmungen, hervorgerufen durch die kleinsten Temperatur- ditferenzen von etwa 10" C. abwärts, weder mit dem Gefühl wahrnehmbar, noch durch Beleuchtung sichtbar zu machen, vermögen feine Blättchen nicht zu bewegen, verlaufen allseitig um die Körper herum und sind in hervor- ragender Weise befähigt, mikroskopisch kleine Körperteile mit sich zu führen und auf der Oberfläche der Körper gleichmäßig abzusetzen. Die Luftströmungen der letztgenannten Art sind meines Wissens bisher noch nicht I)eobachtet worden, und doch glaube ich, daß sie in dem Haus- halte der Natur, auch abgesehen von der Sporenverbreitung, eine größere Bedeutung besitzen. Da sie überall und stets vorhanden sind, werden sie wesentlich dazu beitragen, die gleichmäßige Mischung der Gase im Raum, insbesondere die gleiche Zusammensetzung der Luft herbeizuführen. Die Schnelligkeit, mit der sich z. B. ein riechendes Gas in dem Hörsaale des Chemikers überall hin verbreitet, die man lediglich dem Expausions vermögen der Gase zuschreibt, dürfte wohl unter der Mitwirkung dieser Luft- strömungen erfolgen, die der wärmebildende Körper eines einzigen Menschen in den gröJ.Uen Räumen herbeizuführen vermag. Für uns Pflauzen- physiologen haben diese Strömungen auch insofern Interesse, als sie uns zeigen, wie die Luft fortwährend über die sich flächenförmig darbietenden Blätter der grünen Gewächse herübergeführt wird und diese dadurch koutinuierUch in Berührung mit neuen Schichten kommen, denen sie die in so geringen Mengen vorhandene Kohlensäure entnehmen können. Schließ- Uch sei noch erwähnt, daß auch Flüssigkeiten in Foi-m kleinster Tröpfchen, wie sie Wolken und Nebel bilden, durch diese Luftströnmngen getragen und transportiert werden können, wie wir dies beobachten können, wenn des Morgens durch die ersten Sonnenstrahlen eine Erwärmung der Erd- oberfläche eintritt und die Nebel infolgedessen wolkeuartig emporsteigen. 47 Der biologische Wert der Basidie. Das Endziel aller biologischen Wissenschaften ist darauf gerichtet, uns das Leben im einzelnen wie im ganzen verständlich zu machen, um seinen eigentlichen Wert zu erfassen. So hat die botanische Wissenschaft iln-e höchste Aufgabe darin zu erblicken, die pflanzlichen Lebewesen unserem Verständnis möglichst nahe zu bringen. Von allen Eigenscliaften der Lebe- wesen sind unseren Beobachtungshilfsmitteln die morphologischen Charaktere am leichtesten zugänglich; sie sind deshalb zuerst studiert und uns am gründlichsten bekannt geworden. Die morphologische Betrachtung der Lebe- wesen gewinnt aber erst einen höheren Wert, wenn sie vergleichend be- trieben wird. Wir entdecken dann einerseits Übereinstimmungen, aus denen wir die verwandtschaftlichen Beziehungen ableiten und andererseits Ab- weichungen, die uns die Eigenart jedes Organismus erst richtig erkennen lassen und seine genaue Charakteristik und Unterscheidung emiöglichen. Erst im Rahmen des zusammengefaßten Ganzen gewinnt so ein bestimmtes Organ seine richtige morphologische Bewertung. Ein jedes Organ von bestimmter Gestalt vollzieht eine ganz bestimmte Funktion, und wenn wir diese erst richtig erkannt haben, dann finden wir, daß die charakteristische Form der natürlichste und zweckmäßigste ge- staltliche Ausdruck ist für diese ganz besondere Funktion ' ), daß jedes Organ für diese Funktion gleichsam erst geschaften ist. So stellt uns jedes morphologisch bedeutsame Organ vor die Frage nach seiner besonderen Funktion, und so entspricht seiner morphologischen Be- wertung eine physiologische. Die richtige Bewertung der einzelnen Funktionen wird ebenfalls erst bei vergleichender Betrachtung möglich werden, wenn wir die physiologischen Leistungen der einzelnen Organe erst kennen. Diese vergleichende Physiologie der Organe würde, sofern sie noch möglich ist, uns erst die ganze morphologische Differenzierung verständlich machen und die bisherige trockene Systematik mit geistigem Inhalt beleben. Organe mit bestimmten Funktionen sind aber nicht Selbstzwecke, die sich aus sich selbst entwickelt haben als Erzeugnisse eines undurchsichtigen Ideenplanes oder gar aus reinem Zufall. Form und Funktion zusammen sind wiederum nur der Ausdruck der Anpassung einer (mit ererbten Anlagen bereits ausgerüsteten, und zu weiteren Anpassungen befähigten) lebeudigen Substanz an einen bestimmten Komplex von Lebensbedingungen. Form und Funktion so in Beziehungen zu bringen zu ihren speziellen Lebensbedingungen, ist die Aufgabe der Biologie, die somit die Kenntnisse der morphologischen und physiologischen Bewertungen voraussetzt und alle unsere Kenntnisse eines Organes zum vollen Verständnis zusammenfaßt. Auch die Biologie eines Organes kann erst aus dem Vergleiche richtig bewertet werden, und so entspricht dem morphologischen und physiologischen *) Wie jeder Teil einer Mascliiiie, der einer bestimmten Funktion dient, die dieser Funttion entsprechend zweckmäßigsten. deshalb zumeist charakteristischeGestalt erhält. 48 Wert, beide mit umfassend, der biologische. In diesem Sinne soll der biologische Wert der Basidie nachstehend begründet werden, soweit das unsere bisherigen Kenntnisse gestatten. Zur Lösung dieser Aufgabe müssen wir erst die verschiedenen Wertungen der wichtigsten Fruktifikationsorgane bei den übrigen Pilzklassen kennen lernen, und dies soll den obigen Voraussetzungen gemäß so geschehen, daß wir ihre Ableitung, von den verschiedenen möglichen Lebensbedingungen ausgehend, in groben Zügen versuchen werden. Die Fadenpilze sind als die Zerstörer der abgestorbenen organischen Substanzen des Pflanzenreiches zu betrachten im Gegensatze zu den Bakterien, welchen die Tierleichen zum Opfer fallen. Bei der Verwesung der kohle- hydratreichen Pflanzenreste bleibt die neutrale oder saure Reaktion, welcher die Fadenpilze angepaßt sind, bestehen, während bei den stickstotfreicheu tierischen Leichen stets mehr oder weniger Ammoniak entsteht, das eine alkalische Reaktion herbeiführt, bei welcher die Bakterien am besten ge- deihen. Die Pflanzenzellen sind mit Zellulosepanzern umgeben, und diese stellen ein schwer zerstörbares zusammenhängendes Gerüst dar, das nur von fadenförmigen Organismen durchwachsen und zersetzt werden kann, wälirend andererseits die tierischen Zellen sich leicht zersetzen und verflüssigen lassen und einem zusammenhängenden Fadensystem weder Halt noch Stütze gewähren. Die Organisation der Bakterien, ihr Wachstum und ihre Fort- pflanzung ist ihrem Lebeii in flüssigen oder dem flüssigen Zustande nahe- stehenden Medien auf das beste angepaßt, und wir sehen, wie auch die Fadenpilze in Gestalt, Wachstum und Fortpflanzung bakterienähnlich werden, sobald sie unter denselben Bedingungen leben. A. Diese einfachsten Formen der Fortpflanzung ohne besondere Ver- breitungsorgane charakterisieren die Oidien und Hefen, die in nährstoffreichen Flüssigkeiten, in saftreichen Geweben etc. ihre günstigsten Lebensbedingungen linden und durch ihre Größe, ihr schnelleres Wachstum und entsprechend reichere Fruktifikation den Bakterien noch überlegen sind. a. Die Oidien, verwandtschaftlich als Nebenfruchtformen von den höchsten Pilzen abzuleiten, können infolge gleicher Lebensbedingungen in Wachstum und Fortpflanzung den Bakterien so ähnlich werden, daß sie dieselbe Kolonieu- bildung zeigen, ohne jedoch, wie ich dies für das Oidium CoUyhiae tuherosae im VHL Bande dieser Zeitschrift gezeigt habe, die Fähigkeit zu verlieren, Funktion und Gestalt der Mycelien total zu verändern und sich für ihre Erhaltung das differenzierteste Sporenverbreitungsorgan, die Hutpilzform, wieder aufzu- bauen. Die Oidien können nur passiv durch Übertragung verbreitet werden. b. Die Hefen sind den Oidien funktionell und gestaltUch sehr ähnlich, leben unter ähnlichen Verhältnissen, erreichen aber speziell in zuckerreichen Fruchtsäften den Höhepunkt ihrer Lebenskraft und sind hier allen anderen Organismen überlegen. Sie sind physiologisch befähigt, den Zucker in Alkohol und Kohlensäure zu zerlegen und die bei diesem Prozeß frei- werdende Energie für ihre Lebenstätigkeit zu verwerten. Der Alkohol ist 49 gleichzeitig ein Kampfmittel gegen Bakterien, die Kohlensäure ein Be- wegunggmittel 'j. Diese auffälligen Funktionen entsprechen den besonderen Lebensverhältnissen, wie sie zuckerreiche Flüssigkeiten darbieten. B. Die eigentliche Domäne der Fadenpilze sind aber, wie erwähnt, die festen pflanzlichen Zellensubstrate. Mau kann diese Pflanzenreste in zwei Gruppen unterscheiden: I. In Pflanzenteile, die reich an gelösten oder leicht löslichen Kohle- hydraten (Zucker, Stärke, Inulin, Fett, Glycogen etc.), dagegen arm an schwer zersetzlichcn Substanzen sind, und II. die arm an leicht löslichen, aber reich an schwer zersetzlichcn Bestand- teilen ihres Zellenkörpers sind, wie Pentosane, Cellulose, besonders Lignin-, Pektin-, Subrin-Einlagerungen etc. (Festigungs- und Leitungsgewebe der Pflanzen.) Dementsprechend zerfällt das Reich der Fadenpilze in zwei große Abteilungen : I. In die sogenannten niederen Pilze oder Phycomyceten. Ihre Mycelien, hier noch im Konkurrenzkampf mit Bakterien und Tieren, wachsen sehr schnell, entsprechend der leichten Assimilierbarkeit des Sub- strates. Auch die Fortpflanzung muß schnell beendet sein, die Mycelien sind deshalb einschlauchig, um die assimilierten Nährstoffe in ungehindertem Plasma- strom den differenzierten Fruktifikationsorganen zuzuführen"), die sie ebenfalls auf schnellstem Wege für die Sporenbildung verwerten. Hier wird in einfachster Art ganz allgemein durch Teilungsprozesse die Bildung kleinerer Ver- breitungs-, durch Berührungs- und Verschmelzungs Vorgänge die Entstehung größerer Dauer-Sporen herbeigeführt. Diese Substrate können sich nun a) im Wasser, b) auf dem Lande, der Zerstörung darbieten. la. Fallen Pflanzenteile (Früchte etc.) ins Wasser, dann werden die Nährstoffe besonders bei lebenden Substraten^) nur sehr langsam aus den Zellen herausdiffundieren ^). Für diese Lebensbedingungen sind die Oomyceten angepaßt. Ihr Sporenvevbreitungsorgan, das Zoosporangium, bildet nackte Sporen aus, die durch chemotaktische Reizbarkeit die Fähigkeit haben, neue Substrate auf weite Entfernungen im Wasser zu bemerken und die durch Cilien dazu ausgerüstet sind, nach ihren Zielen direkt hinzuschwimmen. 1) R. Falck, Darstellung und Anwendung konsistenter Spiritusseifen zur rationellen Reinigung und Desinfektion der Haut, besonders von anklebenden Schimniei- piizsporen, Archiv für klin. Cliirur., Bd. 73, Heft 2, S. 8. Die von mir an dieser Stelle vertretene Auffassung ist 1902, wie ich aus den neuerdings erschienenen außerordent- lich klaren Vorlesungen über Pflanzenphysiologie von Jost ersehe, bereits von Wort mann im „Weinbau und Weinhandel" vertreten worden. 2) R. Falck, Über Sporodinia grandis 1. c, das Kapitel Der Plasmastroni und seine Bedeutung. 3) Im Wasser leben Früchte, Zweige etc. sehr lange, die auf dem Lande durch Eintrocknen schnell absterben. In der Zone der aus den Zellen heraiisdiffundierenden NährstofiFe wird im Wasser die Lebenssphäre für Bakterien sein. Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Bd. IX, Heft I. 4 50 Ihre Fortpflanzuiigsorgano sind durch diese Funktionen dem Wasserleben aufs vollkommenste angepaßt und deshalb biologisch als Wassersporen zu bezeichnen. Ib. Befinden sich solche nährstoffreiche Substrate auf dem Lande, dann sind es die Zygomyceten, die in ihrer reichen Flora in kürzester Zeit zur Erscheinung kommen. Auf langen beweglichen Stielen heben sie ihre Sporenverbreitungsorgane, die Sporangien, in die Luft und befähigen sie dadurch mit den Gegenständen der Umgebung in Berührung zu kommen. Die Sporen sind hier gegen das Austrocknen mit festen Membranen umgeben und ringsherum mit einem Klebestoff ausgerüstet, der bei jeder Berührung in Funktion ti-itt und die Sporen anklebt. So werden sie direkt an Kräuter angeklebt oder durch Tiere verschleppt. Die Kräuter werden gefressen, und so gelangen die Pilze in die Exkremente der Pflanzenfresser und von dort wieder aufs Feld an die Kräuter. Die typischen Klebsporen der Zygomyceten können sich nur durch direkte Berührung verbreiten, doch gibt es hier schon Übergänge nach den Formen hin, die ihre Sporen für die Verbreitung durch den Wind ' ) oder durch bestimmte Tiere organisieren und schließlich auch solche, die ihr Sporangium selbsttätig ausschleudern (Pilobolus). Daß auch die ab- weichend gestalteten Fruktifikationsorgane einer bestimmten Mucorineuart den ganz speziellen Lebensbedingungen dieses Pilzes auf das vollkommenste augepaßt sind, das habe ich bereits für eine typische Form, für Sporodinia grandis (1. c.) bis ins einzelne durchzuführen versucht, worauf ich hier besonders verweise. IL Den meisten pflanzlichen Substraten, welche unter normalen Ver- hältnissen abgestoßen werden und der Verwesung anheimfallen, sind die leicht verwertbaren Nährstoffe so viel als möglich von der Mutterpflanze entzogen worden, und sie bieten in ihrer Substanz ein schwer verdauliches Zellengerüst dar, das die Konkurrenz anderer Lebewesen fast ausschließt. Die Mycelien, die hier das Zerstörungswerk ausführen, wachsen langsamer, sind langlebig, in Zellen gegliedert und köimen genügende Nährstoffmengen für den Bau der Fruktifikationsorgane zumeist erst nach längerer Zeit nach den Vex'brauchsorten hinschaften. Auch die Sporenverbreitungsorgane ent- wickeln sich langsamer und erfahren eine höhere und regelmäßigere Differenzierung. Die schwer verdaulichen Substrate lassen sich wieder in zwei Gruppen trennen, von denen die erste solche Pflauzenteile umfaßt, deren Zellen noch erhebliche Reste von Protoplasma und Reservestoffen führen und deren Membranen noch nicht sehr widerstandsfähig gebaut sind, wie Blätter, einjähi'ige Achsen, dünne Zweige, Exkremente etc. Diese Substrate bieten selbst in sehr kleinen Mengen die günstigsten Lebensbedingungen für die große Klasse der Ascomyceten dar, die ihre derberen Fruktifikationsorgane auch an trocknen Stellen bilden können, da wo die zarten Sporangienträger 1) Durch Thnmnidiiim und ChaetoclacUum genau so, wie Brefcld in seinem Pilzsystem die höheren von den niederen Pilzen nach rein morphologischen Gesichts- punkten ableitet. 51 der Zygomyceten nicht mehr eiistehen können. Die tj^pischen Sporenver- bieitungsorganc der Ascomyceten sind aber aiicli nicht mehr darauf ange- wiesen, mit den umgebenden Substraten in direkte Berührung zu kommen, sie infizieren dieselben selbsttätig, indem sie ihre Sporen auswerfen. Dem inaktiven Klebsporangium der Zygomyceten entspi-icht hier der für die Schleudertätig- keit organisierte aktive Askus, der seine Sporen auch mit einem plasma- tischen Klebstoff versieht und sie mit ihm zugleich durch osmotischen Druck und elastisch gespannte Membranen ' ) auswirft, sodaß sie überall kleben bleiben, wohin sie geworfen werden. Melirere Zentimenter weit können die Askussporen nach einem Ziel hin (Zielsporen) ausgeschleudert werden, und es liegt hier die Fragestellung nahe, ob die in den freien Luftraum geschleuderten Askussporen nicht auch durch die feinsten Luftströmungen fortgeführt und verbreitet werden können. Deshalb habe ich Versuche mit Askobolus-, Sordaria- und Helvclla-Foraien in ähnlicher Weise wie früher angestellt, nur daß ich anstatt aus Papier kleine Etagen aus Glas ver wendete, um den Verbleib der Sporen mikroskopisch verfolgen zu können. Es zeigte sich hier aber ein ausgesprochener Gegensatz zu den Basi- diomyceten: nur die Unterseite der Gläser wurde von den Sporen beklebt, und zwar ausschließlich die dem Fruchtkörper zunächst gelegenen und nicht weiter als 1 bis höchsten 4 cm von ihm entfernten Gläser. Unter dem Mikro- skop sieht man, daß die acht Sporen eines Schlauches gewöhnlich dicht bei- sammen liegen, daß sie also im Zusammenhang geworfen werden. So große Körper können aber durch die feinen Luftströmungen nicht mehr getragen werden, und deshalb sclion kommt diese Verbreitungsart für die Ascomyceten im allgemeinen nicht in Betracht^). Bei G-yromitra esculenta Fr. ist es aber schon auffällig, daß die Sporen auf den Gläsern zum großen Teil vereinzelt liegen, und es ist wohl die größte Zahl der Formen, bei denen die Sporenent- leerung nicht kontinuierlich erfolgt wie bei den Basidiomyceten, sondern infolge eines Reizes sich plötzlich in sichtbaren Staubwolken vollzieht. Bei vielen kleineren Formen der Basidiomyceten mögen es Tiere sein, welche die Ober- fläclie berühren und daraufhin mit den Sporen beworfen wei-den, die sie verschleppen sollen. Bei Äscodohis Ugnatilis konnte ich oft beobachten, wie die Sporen plötzlich entlassen werden, wenn das Kulturgefäß geöffnet wurde und ein feiner Luftzug einwirkte. Wenn man den großen Fruchtkörper der Gyromitra esculenta Fr. mit dem Stiel ins Wasser stellt, bis er sich voll- gesogen hat und ihn dann in einem beliebigen zugfreien Raum auf schwarzes Papier setzt, dann wirft er im Verlaufe mehrerer Tage seine Sporen allseitig aus, sodaß sie ringsherum einen Sporenhof bilden, wie ihn die Fig. 7 auf Taf. II wiedergibt. Es ist aber schon bekannt^), daß, wenn man *) Nach A. de Barys Untersuchungen. Morphologie und Physiologie der Pilze. Leipzig 1866. 2) Themoeiektrisch ließ sich bei der Speiselorehel keine Eigenwärme feststellen. 3) Bouillard 1. c. De Bary 1. c. S. 141. 4:!: 52 einen solchen Fnichtkörper von Zeit zu Zeit anpustet, er auf einmal ganze Sporenwolken entläßt, die von demselben Luftzuge weit fortgetragen werden ' ). Bei den Discomyceten, besonders aber bei den Helvellineen wird die Ejakulation offenbar vorzugsweise durch den Wind herbeigeführt, der die Sporen eben gleich weiter verbreiten soll. Unter diesem Gesichtspunkte wird die ganze Organisationsrichtung dieser Pilze, die ihr Hymenium erst auf einem Stiel keulen- oder kopfförmig emporheben (Geoglossaceen), dann die hymeniale Fläche verbreitern (Verpa), gleichzeitig immer mehr festigen (Gyromitra) und schließlich in den echten Morcheln ihr Hymenium in festen gekammerten Flächen dem Winde darbieten, erst verständlich. Ein genaueres Studium wird uns den Sinn der verschiedenen Fruchtkörperbildung bei den Asco- myceten ebenfalls weiter erschließen. Der bei weitem größte Teil der Ascomyceten kann aber seine Sporen nur auf kurze Strecken hin verbreiten, und diese sind es, die deshalb noch ein zweites Sporenverbreitungsorgan, den Conidienträger, der die Kraft des Windes zur Verbreitung seiner Sporen ausnützt, als sog. Nebenfruchtform ausbilden. Der Conidienträger bildet seine Sporen direkt nach außen und ordnet sie hier so an, daß sie möglichst große Angriffsflächen dem Winde darbieten. Er erreicht dies auf zweierlei Art. Entweder ordnet er viele Sporenschichten in losen Kettenverbänden dicht nebeneinander flächenförmig an, sodaß sie vom Winde erfaßt und gleichzeitig verteilt werden können (Aggregatsporen), oder er bildet reiche Verzweigungen mit vereinzelten Sporen, die der Wind abschütteln, erfassen oder ebenfalls forttragen kann (Schüttelsporen) ^). In den allverbreiteten Schimmelpilzen, den Penicillien- und Aspergillus-Arten einerseits, den Botrytis- etc. Arten andererseits, erreichen diese Typen ihre vollkommenste Ausbildung. IIb. Die widerstandsfähigsten und in den größten Mengen gebildeten organischen Substanzen, die es auf der Erde gibt, sind die Holzmassen der Bäume. Durch Einlagerungen von Lignin, Pectin etc. erlangt hier die Cellulosemembran eine solche Festigkeit, daß die aus ihnen gebildeten Ge- webe an Zug- und Druckfestigkeit die härtesten anorganischen Materialien übertreffen. Auch diese Substanzen müssen im Haushalte der Natur für die Verwirklichung neuen Lebens wieder zurückgebildet werden, und indem die Pilze diese Aufgabe erfüllen, erreichen sie in den Basidiomyceten ihre höchste Organisation. Den Bäumen in dem grünen Reiche vergleichbar, sind dies die Riesen unter den Pilzen. Den Auflösungs- und Verwertungsprozeß der Holzmassen können die Basidiomyceten aber nur unter ganz bestimmten Bedingungen vollziehen, nämlich bei genügender Zufuhr von Luft und Feuchtigkeit. An der Luft, ') Nach den Untersuchungen de Barys (1. c.) ist es die austrocknende Wirkung des Windes, welche die Ejakulation veranlaßt. 2) Schon bei den Mucorineen sind beide Typen vorgebildet, in Syncephalis einer- seits und Chaetocladium andrerseits. 53 aber trocken aufbewalirt, können sie nicht zerstört werden, und hierauf beruht ihre Verwendung für die technischen Zwecke. Im Wasser, aber ohne genügenden Luftzutritt, werden sie ebenfalls nicht angegriifen, sondern karbonisieren und bilden die Steinkohlen. Die richtigen Bedingungen für die Zerstörung sind dagegen vorhanden, wenn die Holzmassen, wie dies in der Natur ja stets geschieht, in unmittelbarer Berührung mit dem feuchten Erdboden an der Luft ungestört liegen bleiben. Diese Verhältnisse bestehen besonders im Walde, wo alljährlich die abgefallenen Zweige und Blätter auf den Erdboden gelangen. Hier treffen wir deshalb die ganze Flora der Basidiomyceten ; da die Zersetzung der Holzsubstanz eine verhältnismäßig schwierige ist, so geht sie auch entsprechend langsam vor sich. Während die Zygomyceten sich in einigen Tagen bis zur Fruchtreife entwickeln, be- darf es für die Fruchtkörperbildung der Basidiomyceten in der freien Natur meist einer jahrelangen Entwicklungszeit. Die Mycelien der Basidiomyceten sind also sehr langlebig, und sie bedürfen deshalb keines Dauerzustandes. Andererseits ist es nach einer so langen vegetativen Entwicklungszeit not- wendig, daß die endlich eintretende Fruktifikation eine möglichste Ver- breitung der Sporen herbeiführt. In den Wäldern kann aber der Wind für die Verbreitung nicht oder nur wenig in Anspruch genommen werden ' ), und deshalb ist hier ein ganz besonders organisierter Conidienträger, „die Basidie", zu ihrer bevorzugten Ausbildung gelangt. Wodurch ist nun die Basidie von dem Conidienträger unterschieden? Die Basidie bildet ihre Sporen einzeln aus, und jede einzelne Spore besitzt ihren besonderen Träger, das Sterigma, welches zunächst die Aufgabe hat, die einzelnen Sporen räumlich so weit wie möglich voneinander zu trennen, damit sie sich beim Abfall nicht berühren können. Basidien und Sterigmen, welche die Sporen tragen, sind aber niemals, wie die Conidienträger, aufrecht, sondern stets entweder senkrecht nach unten oder wagerecht gestellt, sodaß die Sporen, wenn sie abgestoßen werden und, der Schwerkraft folgend, herunterfallen, nicht auf den eigenen Träger und auf das eigene Substrat gelangen, sondern in einen freien Luftraum fallen. Die Basidie hat demnach die Funktion, die Sporen auszubilden, sie zu vereinzeln, sie über einen freien Fallraum freischwebend in die Luft zu heben und sie dann aktiv abzustoßen. Ist ein Körper von der Kleinheit einer einzigen Basidienspore einmal freischwebend im Lufti-aum befindlich, so kann er durch die geringste Luftströmung, wie wir gesehen haben, etwa wie das Plankton im Wasser, getragen und auch an ganz windstillen Orten (Wäldern etc.) verbreitet werden: hierfür befähigt die Spore der Basidiomyceten ihre Basidie und darin liegt — aus dem Vergleiche abgeleitet — ihr biologischer Wert. 1) An den Orten stärkerer Windströnuingen wird die Ausbildung der zarten pilzliclicn Dift'ercnzierungen wegen der trocknenden Wirkung stets beein- trächtigt sein. 54 Hiernach gewimieu wir folgende kurzgefaßte vergleichende Bewertung der wichtigsten Sporenverbreituugsorgane bei den Pilzen. Sporen- verbreitungsorgan Morphulogisch (nach Gestalt) bewertet Physiologisch (nach Funktion) bewertet Biologisch (nach Zweck) bewertet Zoosporanginm bildet Sporangium bildet Askus bildet Conidienträger bildet Basidie bildet Ciliensporen Plasmasporen Schlauchsporen Trägersporen Basidiensporen Schwimmsporen Klebsporen Schleudersporen (a. Aggregatsporen\ Ib. Schüttelsporen -' Fallsporen Wassersporen Kontaktsporen Zielsporen ö o Windsporen Schwebesporen Über die Verbreitung der Sporidien bei den Rostpilzen. Über die Verbreitung der verschiedenen Sporenformen der Urediueen hat sich in dem soeben erschienenen Buch über die wirtswechselnden Rostpilze H. Klebahn (Berlin 1904) in umfassender und klarer Weise geäußert. Während sich die Verbreitung der Äcidiosporen und der Uredosporen durch die Kraft des Windes erhlären läßt, kann nach Kleb ahn die Frage, wie die Sporidien verbreitet werden, kaum ganz befriedigend beantwortet werden. Klebahn sagt wörtlich: „Man kann zwar nicht zweifeln, daß sie in erster Linie vom Winde, vielleicht auch durch Tiere umhergetragen werden. Den Mechanismus ihrer Beförderung durch den Wind genau zu verstehen, macht aber doch einige Schwierigkeiten. Die Blätter oder Halme, welche keimende Teleutosporen tragen, befinden sieh fast ausnahmslos am Boden; die Sporidien müssen also vom Winde zunächst gehoben werden. Nun scheinen die Conidienträger allerdings die Kraft zu haben, die Sporidien eine, wenn auch nur sehr kurze Strecke fortzuschleudern, sodaß der Wind sie nicht erst von ihrer Bildungsstätte abzulösen braucht. Aber trotzdem sind damit die Schwierigkeiten nicht ganz beseitigt, denn eine zu schwache Luftströmung wird nicht von genügender Wirkung, eine zu starke zu sehr vertrocknend auf die Teleutosporen einwirken und die Keimung hemmen." Die Schwierigkeiten bezüglich der Erklärung der Sporidienverbreitung werden nun beseitigt, wenn sie nach Art der Basidiensporen durch die feinsten Luftströmungen verbreitet werden können. Die Teleutosporen sind zumeist gestielt, und wenn sie keimen, dann bilden sie noch dazu eine lange Basidie, die Basidie wieder bildet fein zugespitzte Sterigmen, und diese erst tragen räumlich getrennt je eine Spore. Wenn man die Keimungsbilder der ver- schiedenen Teleutosporenbilder betrachtet, dann kann man nicht im Zweifel sein, daß der Basidienträger auch hier die für ihn charakteristischen Funktionen erfüllt. Der gleiche morphologische Bau ist nicht in erster Linie der Ausdruck 55 für verwandtschaftliche üeziehnnsen, sondern für die gleiclie physiologische Funktion. Eine eigene ausreichende Wärniobildung werden die einzelnen keimenden Teleutosporcn voraussichtlich nicht besitzen, also selbsttätig ihre Sporen auch nicht verbreiten können, dageg'en wird zur Zeit ihrer Keimung infolge der Insolation der Erdoberfläche eine andauernde Luftströmung von dem Erdboden her für ihre Verbreitung stets vorhanden sein, so daß die Sporidien nicht bloß auf die höchsten Bäume, sondern auch unter Mitwirkung von Windströmungen auf sehr weite Entfernungen hin vertrieben werden können. So erklären sich die Beobachtungen Klebahns über die Ver- breitung der Sporidien im Frühjahr, die er auf Seite 32 seines "Werkes be- schrieben hat. Die Teleutosporcn bleiben aber zumeist an den von ilinen befallenen Pflanzen- teilen zu vielen Hunderten beisammen sitzen, und wenn sie gemeinsam keimen, dann haben wir ein primitives Basidien-Hymenium vor uns. Die Sporidien werden sich hier voraussichtlich nur dann ausgiebig verbreiten können, wenn das Hymenium sich an der Unterseite etwas erhöht liegender Pflanzenteile oder in mehr oder weniger senkrechter Lagerung befindet, z. B. an stehengebliebenen Halmen. Leider fehlte mir geeignetes Material, um dies experimental fest- stellen zu können, da die Teleutosporcn erst nach der Überwinterung im Freien keimfähig sind. Nur bei einer Uredinee mit fruchtkörperartig zu- sammengestellten Teleutosporcn, dem CTijmnonpofamjmm juniperinum Lk., habe ich prüfen und feststellen können, daß hier die Verbreitung der Sporen genau so wie bei den übrigen Basidiomyceten erfolgt. Der Zweig von Jiiniperus Sahina L., an dem sich die in der Sporidienbildung befindlichen gallertartigen Teleutosporenlager befanden, wurde unterhalb des Pilzlagers abgeschnitten, in eine Flasche mit Wasser gestellt und oberhalb des Gymnosporangiumlagers eine Etage aus weißen Papierscheibeu in der be- kannten Art (wie in Taf. VI Fig. 4) angebracht. Der Versuch wurde unter einem Glaszylinder in einem geschlossenen Schrank angesetzt, und schon am nächsten Tage waren sämtliche Blättchen innerhalb des Zylinders von den orangefarbenen Sporen bedeckt, woraus zu schließen ist, daß dieser Pilz sogar imstande ist, durch eigene Wärmebildung seine Sporidien zu verbreiten. Utb die Temperatur erhöhung wirklich festzustellen, fehlte mir das genügende Material, doch hofte ich, diese Versuche noch ergänzen und wie über die Prüfung der übrigen Uredineen noch später berichten zu können. Wenn wir nach unseren neuen Gesichtspunkten die Biologie der Uredineen entsprechend vervollständigen, so gewinnen wir das folgende Bild: Die Teleutosporcn sind erst nach der Überwinterung im Frühjahr keimfähig, wenn durch reichere Niederschläge die vorjährigen Pflanzenreste durch- feuchtet werden und die stärkere Erwärmung der Erdoberfläche die Keimung herbeiführt, wie das auch für andere Wintersporen, z. B. die Zygoten von Sporodinia etc., zutrifft. Jetzt werden bei feuchter warmer Witterung die Sporidien gebildet, von den Luftströmungen, die die erwärmte Erde erzeugt, emporgetragen und auf die Oberseite der eben entwickelten Blätter ab- 56 gesetzt, deren junge Epidermis sie in feuchter Luft mit den Keimschläuchen unmittelbar durchbohren können. Die Wirtspflanzen der Uredineen, welche von den Sporidien befallen werden, sind zumeist hochgewachsene Kräuter und Sträucher, oft auch hohe Bäume. An ihren befallenen Blättern bilden sich alsbald die Äcidienlager, deren große Aggregatsporen durch die Ein- wirkungen des Windes von den beweglichen Blättern aus auf das leichteste über weite Strecken, besonders auf die niedriger wachsenden Kräuter ver- breitet werden können. In der gleichen Art sind nach Klebahn die Uredosporen durch den Wind übertragbar. Ganz rätselhaft sind noch die Pycnosporen. Da die von ihnen besetzten Pflanzenteile häufig einen auf- fallenden Honiggeruch verbreiten, ist es sehr wahrscheinlicli, daß sie durcli Insekten verbreitet werden. Da bei den Uredineen die Basidie im Verein mit den anderen Sporenformen bei ein und demselben Pilz vorkommt, so tritt hier ihre Funktion und ihre Bedeutung für die Infektion der Wirts- pflanze den anderen Sporenformen gegenüber besonders klar zutage. Die Wertungen der Sporenformen bei den Uredineen. rrpH v^^ 11 f*lili f*li pr Morpho- logischer Wert Physiologischer Wert Biologischer Name für die Verbreitung für den Befall Wert für die Verbreitung Teleutosporen Sporidien Äcidien- und Uredosporen Pycnosporen Chlaniydo- sporen Basidio- sporen Chlamydo- sporen Conidien Frühjahrs- sporen Fallsporen Aggregat- sporen Riechsporen Epidermis- sporenbilduer Epidermis- sporen Spaltöffnungs- sporen Narben- sporeu (?) Überwinterungs- sporen Schwebesporen Windsporen Insektensporen Der Sinn der Fruchtkörperbildung bei den Basidiomyceten. Schon bei den Uredineen entsteht bei der Keimung ein primitives Hymenium, in dem die langen Protobasidien unregelmäßig und unverbunden nebeneinander stehen, sodaß die Basidiensporen trotz ihrer seitlichen Aus- bildung in einen freien Raum herunterfallen können. Bei den Gymno- sporangien und Endophyleen treten die Teleutosporen schon zu fruchtk(>rper- artiger Verbindung zusammen. Der Fortschritt nach Richtung der Autobasidiomyceten ist dahin zu verstehen, daß den nun an der Spitze gebildeten Sporen beim Abfallen nicht mehr die eigenen Basidien im Wege stehen, und daß die letzteren nicht nebeneinander, also in größerer Zahl gebildet werden können. Unter den Autobasidiomyceten finden wir die einfachsten Formen in der Familie der Toraentelleu, bei welchen die Basidien dicht, aber noch unregel- mäßig nebeneinanderstehen. So beschaffene Hymenien, die das Substrat als unregelmäßige formlose Häute überziehen, bildet die häufige Gattung 57 Corticiim. Auch die Cor^^cmwformen ' ) verbreiten ihre Sporen bei richtiger Lagerung des Fruchtkörpers in geschlossenen Räumen wie die übrigen Basidiomyceten, doch ist die Bestreuung der Flächen eine verhältnismäßig geringe. Die Bildung von regulären Fruchtkörpern finden wir erst in der Familie der Telephoreen, deren Basidien regelmäßig und dicht nebeneinander gestellt als echte Hymenien die Oberfläche der eigentlichen Fruchtkörper überziehen, die ihrerseits eine Mark- und Rindenschicht unterscheiden lassen. Eine sehr verbreitete Formenreihe unter den Telephoreen sind die Arten der Gattung Stereum, die auch schon selbständige, vom Substrate unabhängige Frucht- körper ausbilden können. Sofern die Fruchtkörper dieser Pilze auf mehr oder weniger Avagerechten Flächen wachsen, legen sie sich dem Substrate dicht an wie die Corticiumiormen und bilden häutige oder krustenförmige Überzüge; sie werden dann als resupinat bezeichnet. Sofern sie aber an senkrechten Flächen entstehen, treten in ihrem oberen Teile die Frucht- körper selbständig über die Fläche hinaus und wachsen horizontal weiter. Sie zeigen dann dorsiventralen Bau, bilden eine mit einer dicken Haut überzogene Oberfläche und tragen auf der Unterseite auf einer ebenen und mehr oder weniger glatten Fläche das Hymenium. Hier werden die einfachsten Fruchtkörper gebildet, die denkbar sind, um dem Basidien- hymenium unabhängig vom Substrat eine selbständige für die Sporen- verbreituug geeignete Lage zu erteilen. Es war aber geboten, an einer Form der Gattung Stereum durch den Versuch klarzustellen, in welchen Lagen hier die Sporenverbreitung erfolgt. Hierzu verwendete ich Stereum /wVsMfw»; -Fruchtkörper mit ebenen Hymenium-Flächen. Es liegen dann die- selben Verhältnisse vor wie bei deu losgelösten Lamellen der Agaricineen, und man kann die Prüfungen in der gleichen Art vornehmen, wie dies auf Seite 26 beschrieben wurde. Die Fruchtkörper wurden in allen nur mög- lichen Ebenen aufgestellt neben einer Etage aus schwarzem Papier unter einem entsprechend großen Glaszylinder. Es ergab sich hier dasselbe Resultat, wie bei den Lamellenversuchen, daß nämlich die Sporen nur dann verbreitet werden, wenn das Hymenium sich auf der Unterseite in wage- rechten bis senkrechten Ebenen befindet, also immer dann, wenn die in der Richtung der Schwerkraft abfallenden Sporen in einen darunter befindlichen freien Luftraum gelangen. Wenn man sich eine ebene Fläche, auf der sich einseitig das Hymenium befindet, au einer Längskanto- drehbar befestigt denkt, sodaß demselben durch Drehung um die feste Achse jede mögliche Lage erteilt werden kann, so zeigt es sich, daß genau in der Hälfte aller denk- baren Lagen die Sporen verbreitet werden können und zwar entweder in der rechten oder in der linken Hälfte des durch eine lotrechte Ebene geteilten kreisförmigen Raumes. Die glatte Anordnung des Hymeniums ^) Geprüft wurde Corlicium cinerum Fers., das auf der Rinde verschiedener Laub- hölzer vorkommt. 58 bietet somit den Vorteil, dal.^ in der Hälfte aller nur möglichen Lagen im Räume eine Sporenverbreitung erfolgen kann, falls unter dem Hymenium ein genügend hoher freier Fallraum vorhanden ist. Sie hat aber den Nach- teil, daß auf einer verhältnismäßig großen Fläche nur wenige Sporen gebildet werden können, sodaß das Hymenium gezwungen ist, sich offen über weite Flächen zu verbreiten, wie wir dies auch bei den Sferetmiiormen in der Natur stets beobachten. Auf kleineren Zweigen überziehen sie in resupinater Form die Unterseite und steigen beiderseitig genau bis zur Hälfte des kreis- förmigen ümfanges empor. An dieser äußersten Kante, an der ein Anfallen der Sporen in einen freien Raum noch möglich ist, wird der Fruchtkörper selbständig und wächst beiderseitig in genau wagerechter Lage, sei es in unregel- mäßigen Leisten oder in Imtartigen Formen weiter. Das auf der Unterseite wage- rechter Flächen befindliche Hymenium mit den direkt nach unten gekehrten Basidien kann seine Sporen natürlich am besten herunterfallen lassen und ist auch ohne Fruchtkörper zugleich gegen Regen etc. geschützt. An Baumstämmen und größeren Holzteilen, die meist nur wagerechte, d. h. seitliche Flächen besitzen, treten die Fruchtkörper gewöhnlich nur in ihrer selbständigen Form auf, meist viele etagenförmig übereinander gestellt, aber stets so weit voneinander entfernt, daß die Sporenverbreitung ungehindert stattfindet, ähnlich wie in Fig. 5 auf Taf. IV. In dieser etagenförmigen Anordimng an seit- lichen Flächen ist die größtmögliche Verbreiterung der Hymeniumfläche in einem begrenzten Raum bei ungehinderter Sporenverbreitung am besten realisiert. Die Entstehung der Fruchtkörper grade an den Seitenflächen, eventuell an der freiliegenden Unterseite dürfte durch Einstellung auf eine bestimmte Licht- intensität, die weitere Ausbildung der selbständigen Fruchtkörper in wage- rechten Ebenen aber durch plagiotrope Einstellung auf den Schwerkraftsreiz herbeigeführt werden. So kann es vorkommen, daß sich ein Fruchtkörper unter dem Einflüsse einer gewissen Lichtwirkung auch auf der Oberseite horizontaler Flächen ausbildet, wo der stiellose Fi-uchtkörper nicht befähigt ist, die Sporen zu verbreiten. Hier liegen auch schon Beobachtungen von Sachs') vor, daß solche Fruchtkörper, die, wie wir jetzt wissen, ihre Sporen doch nicht verbreiten können, überhaupt kein Hymenium ausbilden. Auch Goebel-^) ist das merkwürdige Verhalten der Fruchtkörper von Stereum aufgefallen, und er hat Beobachtungen über ihre abweichende Ausbildung in den verschiedenen Lagen mitgeteilt. *) Sachs, Über orthotrope und plagiotrope Pflanzenteile. Arbeit aus dem botanischen Institut in Würzburg, 2. Bd., S. 252. Sachs fand Telephoreen auf einer Holzwalze. Die auf der Oberseite liegenden Fruchtkörper hatten aber kein Hymenium entwickelt, dasselbe trat nur auf der freien Unterseite dei' horizontal ab- stehenden Hüte auf. 2) Gocbel beschreibt das Verlialten von Stereum hirsutum, welches er auf einem Erler^ramm beobachtete, Flora 1902, S. 471 : Es sei hier besonders auf das auf Seite 475 gegebene Schema hingewiesen. Goebel nimmt an, daß die verschiedene Intensität der Beleuchtung die verschiedenartigen Ausl)iidungen in den verschiedenen Lagen herbeiführt. fe 59 Es gibt aber mir wenige Formen unter den Basidiorayceten, welche ein glattes Hymenium besitzen. Jede Basidie bildet nui- vier Spoi-en, und wenn sie auch noch so eng nebeneinandergestellt sind, so können auf der ver- hältnismäßig großen Fläche eines mit grolJem Materialaufwande gebauten Fruohtkörpers doch nur wenig Sporen gebildet und verbreitet werden. Es ist deshalb bei der Ausbildung der Fruchtkörper das Bestreben vorhanden, die basidientragende Oberfläche weiter zu vergrößern und so die Zahl der Sporen, welche auf einer bestimmten Fläche, „verbreitbar" gebildet werden können, zu vermehren. Alle Möglichkeiten, die zu einer solchen Ver- größerung der Oberfläche führen, finden wir nun in der Ausbildung der Hymenophore bei den verschiedenen Pilzformen in solcher Vollendung und Regelmäßigkeit realisiert, daß die letzteren die wichtigsten Merkmale für die Charakteristik und Unterscheidung der größeren Familien abgeben. Die einfachste Art, die Oberfläche zu vergrößern, besteht in dem leisten- förmigen Hervortreten der hymeniumtragenden Fläche, wie es wohl am schönsten bei den Fruchtkörpern von Merulms lucrymans zu sehen ist. Die Figur 3 der Tafel IV ist die Photographie eines kleinen Fruchtkörpers, dessen wulstartige Vorsprünge zum Teil noch in der Entwicklung begriften sind und uns zeigen, wie hier in primitivster Art die Oberfläche des Hymeniums vergrößert wird. Die meisten Basidien sind nun aber an den Innenflächen der leistenförmigen Vorsprünge in wagerechter Lage angeordnet, und wir wissen ja schon, daß bei dieser Stellung die auf langen feinen Sterigraen über die Fläche empor- getragen Sporen ebensogut nach unten abfallen und sich verbreiten können, wie die an senkrecht nach unten gestellten Basidien gebildeten Sporen. Bei solcher Anordnung der Basidien kann aber der Fruchtkörper selbst seine wage- rechte Stellung nach Richtung der senkrechten hin nicht mehr beliebig verändern, da sonst die meisten abfallenden Sporen auf das gegenüberliegende Hymenium fallen und ihre Verbreitung einbüßen würden. Wir können schon hier den Satz ableiten, daß bei einer Vergrößerung der hymeniumtragenden Fläche durch Ausbildung von Leisten etc. der Fruchtkörper sich normal nur noch in einer Ebene — der wagerechten — , die senkrecht verläuft, zur Fallrichtung der Sporen (mit nach unten gerichtetem Hymenium) entwickeln kann, um die Sporen verbreiten zu können. Die Pilze mit dergestalt ditferenzierten hymenialen Flächen sind also gezwungen, ihre Fruchtkörper immer nur auf der freiliegenden Unterseite flächenförmiger Körper auszubilden. Es ist nun interessant zu verfolgen, wie z. B. die Fruchtkörper von Merulms ihre charakteristischeDifterenzierung in der Tat nur in dieser Lage erhalten, wie schon ihre Anlage deshalb an solchen Stellen in der Natur vorzugsweise erfolgt, und wie die Gestaltung der hymeniumtragenden Fläche bei Veränderung dieser räumlichen Lagerung entsprechende Abänderungen erfährt, die immer darauf hinzielen, daß die Sporenverbreitung ermöglicht wird. Der botanische Garten in Breslau ist an seiner Südseite eine Strecke von vielen Metern weit von einem Holzzaun begrenzt, der in der ganzen Ausdehnung vom Hausschwammmycel befallen 60 ist. Im Spätherbst feuchter Jahre treten im ganzen Verlaufe des Zauues die Fruchtkörper des Pilzes auf. Der Ort ihrer Bildung ist ausnahmslos derselbe, da wo ein viereckiger Querbalken, der die Bretter zusammenhält, eine nach unten gekehrte wagrechte ebene Fläche darbietet, und von hier aus verbreiten sich Fruchtkörper noch eine Strecke weit nach unten auf die senkrechten Brettflächen, wie dies die Photographie eines Abschnittes des Zaunes im Bilde 1 auf Tafel IV veranschaulicht. Wenn wir hier nun einen Fruchtkörper vorsiclitig ablösen und ihn näher besehen, — siehe Tafel IV Fig. 2 — dann finden wir nur diejenigen Teile des Fruchtkörpers mit weit vorstehenden Leisten normal ausgebildet, die auf der wagerechten Unterseite des Balkens angewachsen waren, dagegen tragen die senkrecht gebildeten Häute ein flaches Hymenium, auf dem die Leisten nur noch in den Umrissen zu erkennen sind ' ), sodaß auch hier die Sporen von den meisten Basidien herunterfallen und verbreitet werden können. Damit die Fruchtkörper sich nun immer an solchen Stellen bilden können, die eine noimale Ausgestaltung des Hymeniums zulassen, haben sich die fruktifizierenden Mycelien offenbar so eingestellt, daß eine gewisse Lichtintensität, wie sie an Orten mit dauern- dem Schatten, also an den Unterseiten freiliegender Körper, vorherrscht, als auslösender Reiz für die Fruchtkörperbildung wirksam ist, wie bei Stereum. In der freien Natur wird die für diese Fruchtkörperbildung maß- gebende Einstellung den Pilz stets richtig orientieren; in den Bauten wird sie des öfteren versagen, dort wird z. B. in dunklen Lagerräumen dauernder Schatten auch an der Oberfläche des Holzwerks vorhanden sein und die Bildung des Fruchtkörpers veranlassen'^). An einem solchen Orte fand ich einen großen kreisrunden Fruchtkörper, der auf der Oberseite ein reguläres Hymenium ausgebildet hatte, das die Sporen natürlich nicht verbreiten kann. Anstatt der Falten bildeten sich hier aber kleine wai'zenartige oder krause Erhöhungen aus, die das Hymenium tragen — Fig. 4 Tafel IV. — Ein solcher Fi'uchtkörper ist nun kaum noch zu unterscheiden von Coniophora cerehella Alb. et Schwein., einem ebenfalls holzzerstörenden resupinaten Basidio- myceten, welcher die hymeniale Fläche regulär durch kleine Vorwölbungen erweitert. Fig. 6 Tafel IV. Coniophora findet mau aber auch in der freien Natur schon oft auf der Obei-fläche des höckrigen Erdbodens, und wenn man von dem Pilz befallenes Holz dicht unter die Erdoberfläche legt, dann kann man die Fruktifikation des Pilzes leicht auf der Oberfläche des Erd- *) Schon hier sind die sekundären Ausgliederungen der Hymenophore auf den Schwerkraftsreiz positiv eingestellt und bilden sich nur unter seiner Einwirkung normal aus, während die primären glatten Hymenienträger sich in beliebigen Lagen,, also unabhängig von der Schwerkraft, entwickeln. *) In Reinkulturen erfolgte normale Fruchtkörperbildung von Meruleus in weit- halsigen, mit Nähr-Agar gefüllten Kölbchen, die am 4. August geimpft wurden, bereits am 30. Oktober meist an den Stellen, wo das aufgeklebte Etikett den Schatten im Innern herbeiführte. Hier bildeten sich die Falten auch in senkrechter Lage und richteten sich dann auoh nach unten; selbst auf der Oberseite fanden sich oftmals normale Falten. 61 bodens klinstlich horbeifiiliren. Hier veraiag sich der Pilz allen Uneben- heiten anzuschmiegen, und es entstehen senkrechte Flächen von solcher Tiefe, daß nun die Sporenverbreitung auch von der Oberfläche her eifolgen kann. Die Luftströmungen, die von der Erdoberfläche aus- gehen, und zugleich die von den Fruchtkörpern selbst gebildeten, erfassen die Sporen, bevor sie den Boden berührt haben. Wenn wir diese Ent- wicklungsrichtung hier noch gleich verfolgen, dann ist es unschwer, an Cnnioplwra die auf der Erde wachsenden Formen der Gattung Telephora anzuschließen, von denen T. ferrestris und laciniata sich in Lamellen, T. palmata aber bereits auf einem Stiele so weit von der Oberfläche er- heben, daß die vorzugsweise in den oberen Teilen gebildeten Basidiensporen selbsttätig verbreitet werden. In den Clavarieen erreicht dann diese Ent- wicklungsrichtung ihren Höhepunkt ' ). Die auf ebenen Flächen wachsenden Fruchtkörper von Goniopliora können, wie Versuche ergeben, ihre Sporen noch verbreiten, wenn das Hymenium sich auf einer beliebig gerichteten Unterseite oder an den Seiten- flächen entwickelt, etwa wie Steremv. Werden aber die warzenartigen Hymenophoren größer, dichter und gleichmäßiger, stachelartig oder kamm- förmig wie bei den Formen der Hyduaceen, dann können sie sich nur noch an der Unterseite einer mehr oder weniger wagerecht gestellten Fläche aus- bilden; und wenn von ganz regelmäßig gebildeten Stacheln oder Kämmen alle Sporen frei herunterfallen sollen, dann müssen diese sekundären Aus- gliederungen genau lotrecht angeordnet sein. Es kann hieraus der Satz abgeleitet werden, daß alle als Stacheln, Kämme, Poren und Lamellen differenzierten Hymenophore stets streng positiv orthotrop - geotropisch ein- gestellt sein müssen. Wenn die unregelmäßigen Hymenophore eines in normaler Lage ge- wachsenen Fruchtkörpers von MeruJius — Tafel IV Fig. 3 — seitlich etwas regelmäßiger miteinander verwachsen, dann bilden sie gewundene Gänge oder röhrenförmige Erhebungen, wie sie die große Familie der Polyporeen charakterisieren. Die einfachsten Formen sind auch hier resupinat und vermögen, soviel man bis jetzt wußte, keine selbständigen Fruchtkörper zu bilden. Resupinate Arten gibt es in der Gattung Hydnum aus der Familie der Stachelpilze, in der Gattung Polyporus unter den Röhrenpilzen, und in meinen Basidiomycetenreinkulturen habe ich aus einer oidienartigen Nebenfruchtform einen Pilz kultiviert, der direkt auf dem Substrat in Lamellen fruktifiziert. Die bei uns häufigen resupinaten Polyporeen mit rein weißen Poren gehören wohl meist zu Folyporus vapofarlu!^ Pers., der ebenso häufig wie Mfridius- vorzugsweise auf bearbeiteten Hölzern auftritt, die ja in ihrer künstlichen Lagerung am ehesten die notwendigen nach unten gerichteten Flächen für ein resupinates Wachstum darbieten. Ich habe diesen Pilz ^) Geprüft wurden Ciavaria flava Schaeff, und Sparassis ramoxa Schaefl'. und festgestellt, daß sie ihre Sporen ebenso wie die Hutpilze verbreiten. 62 ebenso wie den Mcnth'ns Jacnjmans seit einigen Jaliren auf kleinen vier- eckigen Klötzclien der verschiedenen Hölzer kultiviert. (Reinkulturen aus den Basidiensporen.) Da in jeder Kultur nach bestimmter Zeit die Fruktifikation eintritt, konnte die verschiedene Fruchtkörperbildung in den verschiedeneu Lagen studiert werden. Die normale Ausbildung der Röliren erfolgt, wie abgeleitet, nur auf der Unterseite des hohl gelegten Substrates, Fig. 5 u. 6 Tafel V ' ). Die Fruchtkörperbildung an den senkrechten Seitenflächen der Klötzchen zeigt die Figur 7, und wir sehen, wia die Röhren nicht mehr senkrecht der Fläche des Fruchtkörpers aufsitzen, sondern, der Einwirkung der Schwerkraft folgend, parallel zu ihr verlaufen. Hier ist es besonders deutlich, wie die Hymenophore in ihrer Orientierung im Raum unab- hängig vom Fruchtkörper sind und sich stets in die Richtung der Schwer- kraft stellen, damit die Sporen aus ihnen herausfallen können. Die seitlich verlaufenden Röhren sind außerdem lang gestreckt und nach außen zumeist offen, sie bilden hier ein ziemlich ebenes Hymenium, das in solcher Orientierung die Sporen ebenfalls verbreiten kann. Indem so lange Röhren nebeneinander gebildet w^erdeu, entstehen primitive konsolenartige FiTichtkörper, wie sie in ähnlicher Art häufig angetroffen werden. Aber auch auf der Oberfäche kann wie bei Mendius unter den abnormen Bedingungen in geschlossenen Kulturen ein Fruchtkörper zur Ausbildung ge- langen*, einen solchen zeigt die Photographie 8 aus einer vier Monate alten Holz- kultur. Die Hymephore werden Daeäalea ähnlich und wachsen hier, wenn sie ungestört stehen bleiben, blätterartig weiter nach oben, sodaß die Bildungen wie zwerghafte Sparassisfruchtkörper aussehen. In der feuchten Luft der Kultur- gefäße wachsen die Hymenien nachträglich vegetativ aus und füllen die Höhlungen von unten her aus, wodurch schließlich dicke Mycelpolster ent- stehen. Am interessantesten ist aber das Verhalten einer anderen Polyporeenart, die, wie ich glaube, den Polyporus hirsutus Wulff., den Folyponis adustus Fr. und Daedalea unicoJor BuU.^), alle mit eigentümlich grauen Röhren, in sich vereinigt und die, ähnlich wie Steveiim, neben der resupinaten Form noch selbständige über das Substrat hinauswachsende, dorsiventral gebaute Fruchtkörper ausbildet. Die Vielgestaltigkeit, in der dieser Pilz auftreten kann, läßt sich auch hier nur verständlich machen, wenn wir die Wertungen der Basidie im Auge behalten. 1. Wenn man das von diesem Pilz befalUene Holz in beliebige Stücke spaltet, dann kann nach einiger Zeit unter den geeigneten Bedingungen auf jedem beliebigen Teilstück Fruchtkörperbilduug erfolgen, doch nur die ^) Wenn man den Friichtkörper mit dem Messer entfernt und das Substrat in die ursprüngliclie Lage zurückbringt, dann erscheinen die Röhren an derselben Stelle in kurzem von neuem direkt auf dem Substrat aber in labyrinthartiger Anordnung ähnlich wie bei Daedalea (Fig. 6 Tafel V). ^) Schroeter hat bereits darauf hingewiesen, daß Polyporus hirsutus und Daedalea unicolor vielleicht zusammengehören. 63 resiipinate Forai. Die Röhren bilden sich auf einer ganz dünnen Mycelhaut, oft auch unmittelbar auf dem pilzdurchwachsenen Holze. Sie bilden sich aber nur auf der Unterseite, sehr selten an senkrechten Flächen mit langgestreckten, zum Teil offenen Röhren wie in Figur 6. Solche in künstlicher Kultur ebenso leicht wie im Freien zu beobachtende Frucht- körper auf der Unterseite des gespaltenen Holzes zeigt die Fig. 2 der Tafel V. Hier verlaufen sie ohne Umgrenzung auf der ganzen Fläche mit sehr flachen grauen Röhren, die bei hohler Lage sogleich keimfähige Sporen in großen Mengen in den Raum verbreiten. Fig. 3, im Freien gewachsen, zeigt die Fruchtkörper in kleinster, aber begrenzter Form mit einem strahligen 3Iycelhof und bedeutend längeren Röhren, Fig. 4 denselben Bildungstypus auf einem schief nach unten gelagerten Brett, sodaß die Röhren fast parallel zum Fruchtkörper und zum Teil langgestreckt verlaufen wie in Figur 6. 2. An den senkrechten Flächen lebender Bäume, an Baumstümpfen oder an größeren berindeten und einseitig in die Erde gestellten mit dem Pilze infizierten Holzklötzchen entsteht die Konsolenform, wie wir sie bei vielen stiellosen Polyporeenfruchtkörpern so häufig antreffen. Fig. 1 Tafel VI zeigt diese Fruchtkörper in der Aufsicht an den Vertikalflächen eines Baum- stumpfes. 3. Dieser Pilz vermag nun auch auf der Oberseite ebener Flächen, hier auf dem Baumstumpfe — Fig. 1 derselben Tafel — Fruchtkörper zu bilden, die ihre Sporen in den Raum verbreiten können. Wir sehen auf dem Bilde, wie der Pilz dies ermöglicht. Er bildet zunächst formlose Mycelpolster, und aus diesen differenzieren sich — vorn im Bilde sichtbar — kleine dorsiventral gebaute muschelförmige Gebilde, die sich durch Wachstum am Rande ver- größern und bald olir- bald trichterförmig auswachsen. An demselben Bildungsorte, auf gleichem Substrat läßt derselbe Pilz seine gleichzeitig gebildeten Fruchtkörper an senkrechten Flächen genau horizontal, auf Avagerechten schräg nach oben wachsen, sodaß in jedem Falle die Basidien so gelagert sind, daß ihre Sporen verbreitet werden können. In welcher Art auch der Pilz diese verschiedene Einstellung herbeiführt, wir sehen hier besonders deutlich, daß Sinn und Ursache der verschiedenen Fruchtkörperbildungen bei den Basidiomyceten sich nur aus den physiologischen und biologischen Wertungen ergeben, welche den Organen zugrunde liegen. Nicht der Stoff bedingt die Form und nicht die Kraft die Funktion der Lebewesen, vielmehr sind beide nur die Hilfsmittel, deren sich der Organismus je nach Umständen bedient, um seine Wertungen zu realisieren. Wir sehen aber an diesem Beispiele zugleich auch, wie schwierig es für einen solchen Pilz sein muß, unter den so wenig difterenten Verhältnissen die verschiedene Einstellung herbeizuführen, um sein röhrenförmiges Hymenium stets richtig zu lagern. Derselbe Schwerkraftsreiz muß die Hymenophore in der Richtung nach unten (positiv-othotrop), die übrige Fruclitkörpersubstanz 64 an den Seitenflächen horizontal (plagiotrop), an der Oberfläche schief nach oben richten; vielleicht sind auch noch die Basidien plagiotrop'). Da die meisten Pilze auf der Erde leben, woselbst sich nur Ober- flächen darbieten, müssen sie danach streben, ihre Hjnnenophore vom Sub- strat ganz unabhängig zu machen und es selbst soweit in die Höhe zu heben, daß die Sporen die nötige Fallhöhe erhalten: dazu bilden sie ein neues Organ, den Stiel. Dieser ist, wie Sachs (1. c.) bereits festgestellt hat, negativ geotropisch eingestellt, wodurch er sich selbst stets aufrecht und den rechtwinkelig aufgesetzten Hut horizontal stellt. Die so durch den Stiel bedingte Unabhängigkeit des Pilzes von den zur Befestigung der Frucht- körper geeigneten Flächen demonstriert das biologische Bild Fig. 1 Tafel IV. In dem Holz des Zaunes lebt außer dem Merulius-Mycel dasjenige von Naucoria amara Bull. Während der Mendiush-uchtkörpev nur an der Unterseite des Querbalkens wachsend seine Sporen verbreiten kann, ist der Hutpilz au jeder beliebigen Stelle dazu befähigt. Die Bildung erfolgt hier an der Oberseite des Querbalkens, dort, wo ein aufgelegter Ziegelstein eine feste Verankerung ermöglicht. Der gestielte Pilz verliert aber die Fähig- keit, die vorteilhafte versteckte Lage der Unterseite des Querbalkens aus- zunutzen. Dies kann uns zeigen, daß ein weniger differenzierter Pilz seinen speziellen Lebensbedingungen vollkommener angepaßt ist (und auch später entstanden sein kann) als ein beliebig höher organisierter und daß höher und niedriger stehende Lebewesen sich in ihren Fähigkeiten vorteilhaft ergänzen. Ein Stiel kann aber nur einen räumUch sehr begrenzten Frucht- körper emporheben. Er wird zentral am sichersten getragen, und damit er sich allseitig im Gleichgewicht befindet, wird die runde Gestalt die zweck- mäßigste sein. Die Vergrößerung der hymenialeu Fläche auf dem gegebenen beschränkten Raum, doch so, daß jede Spore frei nach unten abfallen kann, führt mit Notwendigkeit zu den Formgestaltungen, die wir in den gestielten Blättern, Röhren- und Stachelpilzen in der Natur in größter Vollkommenheit ausgebildet sehen. Die Bildung der Oberhaut als Regen- und Wärraeschutz ist ohne weiteres verständlich, ebenso ist die biologische Bedeutung der Markschichten als Isolations- und Nährgewebe bereits besprochen worden. Die Fruchtkörperbildung bei den Basidiomyceten liegt somit als ein sinn- volles organisches Geschehen '^) in allen Einzelheiten klar vor unseren Augen. ') Leider bildet der Pilz diese Fruchtkörper nur an natürlichen stabilen Standorten, in der Knltnr erhielt ich stets die rcsnpinate Form. Grade dieser Pilz würde zu Ver- suchen über die verschiedene Einwirkung des Schwerkraftsreizes besonders geeignet sein. 2) Ihre Form ist der zweckmäßigste Ausdruck für ihre Funktion, die Funktion die sinnvolle Betätigung für ihre Lebensaufgabe. Was uns hier sinnvoll und zweckmäßig erscheint, braucht aber nicht vorausgewollt und zielstrebig entstanden sein. Da jedes Organ mit dem Gesanitorganismus in direkten Beziehungen steht, die uns am besten aus den Correlationserscheinungen bekannt geworden sind, so kann die weitere Ausgestaltung vielgebrauchter Organe im Sinne der in ihnen schon vorhandenen physiologischen und biologischen Wertungen als die Folge von rein kausal verlaufenden Reaktionen und Einstellungen gedacht werden. 65 Sie erfolgt fortschreitend in der einzigen Richtung, die Wertungen, die in der Basidie geschaffen sind, immer vollkommener zur Betätigung zu bringen. Diese müssen deshalb auch als die wahren Ursachen der neuen Differenzierungen angesprochen werden. Die sogenannten Hutpilze sind diejenigen Organe der Basidiomyceten, die lediglich die Funktionen haben: 1 . möglichst vielen Basidien selbständig die für die Bildung von Fallsporen zweckmäßigste Anordnung und Lagerung im Raum zu erteilen und 2. Luftströmungen zu erzeugen, die eine selbsttätige Weiterverbreitung der Fallsporen in den umgebenden Luftraum herbeiführen'). Die ökogenetische Weiterentwicklung- der Basidiomyceten- Fruchtkörper und der Wertverlust der Basidie. Die Untersuchungen in dem Kapitel über den biologischen Wert der Basidie zeigen uns, daß die verschiedene typische Organisation der Frukti- fikationsorgane bei den Pilzen nur durch die verschiedenen Lebensverhält- nisse bedingt erscheint, unter denen die Sporenverbreitung erfolgen muß. Die höchsten Pilze, die Basidiomyceten, welche den kompliziertesten Sporenver- beitungsapparat bilden, gehen auf die einfachste Oidienbildung zurück, sofern sie unter den entsprechend veränderten Lebensbedingungen existieren. Auch diejenigen Abweichungen in der Gestaltung, die innerhalb der verschiedenen Typen auffällig hervortreten, lassen sich wieder auf ganz besondere Lebens- verhältnisse zurückführen, wie dies für Sporiäinia grandis (1. c.) und für CoUyhia tuberosa (1. c.) bereits geschehen ist. Wenn wir nun eine im Laufe der Entwicklung entstandene und erblich fixierte funktionelle imd gestaltliche Einstellung auf ganz bestimmte Lebens- bedingungen als Anpassung bezeichnen, dann erweist sich jede charakteristische Funktion und Gestalt als ein zweckmäßiger und natürlicher Anpassungs- ausdruck, und es repräsentiert dann gleichsam jede Pilzart in den Charak- teren der Gattung ererbtes, in denen der Art selbsterworbenes organisches Geschehen. Gibt es aber bei den Pilzen keine anderen als Anpassungscharak- tere, dann kann es auch keine andere Entwickluugsrichtung geben als die durch Anpassuugsvorgänge hervorgerufene. Wenn wir eine lebendige Substanz voraussetzen, welche die Eigenschaft besitzt, mit den Kräften der Aussenwelt (etwa wie eine brennende Substanz, aber ohne sich zu ver- I ') Ausser den in der Arbeit bereits genannten Formen ist die selbsttätige Sporen- verbreitung noch bei folgenden Arten konstatiert worden: Hydnum imbricatum L., Pohjporus versicolorlj., Polyporus zonalus Fr., Polyporus MsjyidugFi'., Lenzites saepiaria Wulf., Boletus scaber Bull., Boletus suhtoinentoaus L., Boletus bovinus L., Lentiims squamoHus Schaeff., Cantharellv.s cibarius Fr., Marasmius alliatus Schaeft., Gomphidius glutinosus Schaeff., Lactaria deliciosa L., Russula cmetica SchaefF., Derminus tener Schaetr., Ämanita umbrina Fers., Naucoria amara Bull , Tricliolortia equestre L., Armillaria mellea Fl. Dan., Collybia velutipes Curt., Lepiota mucida Schrad. Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Bd. IX, Heft I. 5 66 zehren)') im Sinne ihrer stetigen Vermehrung in Reaktion zu treten^) und die. durch die Reaktion allmählich gezeitigten Einstellungen zu fixieren und zu vererben, dann fragt es sich, ob die Fortschritte in der Organisation der Basidiomyceteu lediglich durch solche Anpassungsvorgänge erklärt werden können. Im vorigen Kapitel haben wir bereits gesehen, wie neue zweckmäßige Anpassungszustäude entstehen, indem ein neues Organ, die Basidie, die Ausbildung weiterer Organe zur Folge hat, bis die in ihr vorhandenen Wertungen in den Formen der Hutpilze zum vollkommensten Ausdruck gelangt sind, — doch ist hiermit der Abschluß in der Entwicklung der Basidio- myceteu noch nicht erreicht. In allen systematischen Wei-ken finden wir als letzte Abteilung unter den Basydiomyceten eine große Anzahl von Formen, die ihre Hymenien nicht mehr frei an der Luft ausbreiten und ihre Sporen nicht mehr in der beschriebenen Art verbreiten, bei denen die Basidie also ihre alten Wertungen verloren hat. Dies sind die Familien I. der Phalloideen, der Hymenogastreen, der Sclerodermaceen und Tylostomeen und II. der Lycoperdaceen, die alle auch als Gasteromyceten zusammengefaßt werden. Um auch diesen Wert- verlust der Basidien zu verstehen und damit den natürlichen Abschluß unserer Untersuchungen zu erreichen, ist es nun noch erforderlich, die Hut- pilze auf ihrem letzten Entwicklungsgange im Sinne der obigen Frage- stellung (des dritten Absatzes) zu verfolgen. Mit der Entwicklung der Hutpilzformen sind zwei neue Organbildungen entstanden : I. Die nährstotttuhrenden Oewebe, welche die Wärmebildung herbeiführen, II. die differenzierten Hymenophore, auf denen die Basidien in größter Anzahl auf engstem Räume zusammen angeordnet werden. A. In diesen Neubildungen ist nun die Befähigung zu neuen Einstellungen enthalten mit den bereits vorhandenen Kräften der Umgebung, und sie werden so die Veranlassung zu weiteren Anpassungs- vorgängen. ad I. Die Aufspeicherung von Nährstoffen, welche der Verbrenimug dienen, hat zur Folge, daß sich Tiere einfinden, welche den nährstoff- fUhrenden Oeweben nachstellen. Das lebendige Protoplasma der Pilze ist von jetzt ab genötigt, mit den Tieren in Reaktion zu treten. Die Reaktion ^) Jeder Lebensvorgang ist mit einem Verbrennungsprozeß (Atmung) verbunden ; doch läuft gleichzeitig stets eine Reduktion (Assimilation) nebenher, die in allen Fällen mehr Energie und Stoffe binden kann, als die Oxydation entläßt; daher tritt kein dauernder Gleichgewiclitszustand ein, sondern eine Weiterentwicklung. (Perpetuum mobile.) ^) Die Ubeizeugung von der Fähigkeit des lebendigen Protoplasmas der Pflanzen, mit den Kräften der Umgebung, den Sehvverkrafts-, Licht- etc. Reizen zweckmäßig zu reagieren, ist soweit durchgedrungen, daß soeben auf dem Naturforschertage in Hreslau von Haberland verkündet wurde, daß auch die Pflanzen „Sinnesorgane" besäßen! Das Protoplasnia beliel)igcr Zellen besitzt nämlich die Fähigkeit, Reize zu pereipieren und im Sinne einer Einstellung zu reagieren. 67 erfolgt aber stets im Sinne iiirei- Erhaltung- und Weiterentwicklung, und so kommen folgende Einstellungen zustande: 1 . Der Angriff der Tiere ist der Erhaltung der Art schädlich. Hier bildet der Pilz Giftstoffe, welclie speziell gegen diese schädigenden Tiere gerichtet sind ' ). 2. Die Tiere werden der Verbreitung der Art nützlich. Dies kann in zwiefacher Art geschehen. 2 a. Insektenmaden. Indem diese sich in den nährstoffreichen Geweben entwickeln, führen sie eine erhöhte Wärmebildung herbei und begünstigen dadurch die weitere Verbreitung der .Sporen. Die gegenseitige Einstellung erfolgt deshalb dahin, daß diese Pilze, wie wir gesehen haben, ihre nähr- stoffführenden Gewebe vermehren, während die Tiere sich für den Befall der jungen Fruchtköi-per besonders organisieren. Das Resultat dieser Ein- stellungen ist wieder ein zweckmäßig erscheinender Anpassungszustand. 2 b. Die Pilze werden zwar von Tieren ganz gefressen, aber die Sporen passieren den Tierleib ungeschädigt und erfahren auf diesem Wege durch die Tiere eine bessere Verbreitung als durch den Mechanismus der Hutpilze. In diesem Falle ist die Ausbildung des Hymeniums in der charakteristischen Art nicht mehr notwendig, und die Wertungen der Basidie kommen nicht mehr zur Geltung. 8o beginnt die Entwicklung nach Richtung der Hymeno- gastraceen und Sclerodermaceon. Die Fruchtkörper bleiben geschlossen, die Sporen werden auf den l)eliebig gestellten Basidien meist zu mehreren aus- gebildet, die nährstoffführenden Gewebe aber bleiljen bestehen. Unter den Secotiaceen sind in dei' Gattung Gyrofragmium noch Übergaugsformen von den Agaricineen, in der Gattung Polyplocium solche von den Polyporeen erhalten geblieben. Der Stiel wird zur Columella, die Lamellen zu Trama- platten etc. Bei den Hysterangiaceen sind die Tramaplatten noch strahlig, die Columella noch zum Teil vorhanden, Avährend bei den Hymenogastraceeu beides nicht mehr zutrifft. Die Fruchtkörper treten bei diesen Formen schlielJlich überhaupt nicht über die Erdobeiüäche hervor, indem sie (durch Ausbildung besonderer Riechstoffe etc.) sich nur noch von denjenigen Tieren finden lassen, welche die Verbreitung am besten besorgen. Bestimmte Pilze, die am besten durch Tiere verbreitet werden, und bestimmte Tiere, die sich von den Pilzen gut ernähren können, stellen sich im Laufe der Entwicklung immer mehr aufeinander ein, und so kommen weitgehende Anpassungs- zustände zustande. Während hier zumeist eine Anpassung an Säugetiere vorliegt, ist in der Familie der Phalloideen unzAveifelhaft eine solche an bestimmte Insekten erfolgt, die durch auffällige Farbe und intensive Gerüche angelockt werden und die Sporen verschleppen. ad II. Die Ausbildung der auf einen bestimmten Raum zusammengehäuften Sporeumengen bietet andrerseits für ihre Verbreitung durch den Wind ganz ^) Die Gifts tofle der Pilze sind mir den Säugetieren, nicht aber z. B. den Maden gefährlich. __68 besondere Vorteile dar. Die Hutpilze siud, besoiidei-s wo sie aus dem Walde heraustreten, deu Strömungen des Windes ausgesetzt, und Formen, wie Gyi-ofragmium, die sich bereits in dem Stadium des Überganges befanden, mögen für die Einstellung auf diese Kraft die erforderliche Reaktious- fcähigkeit besessen haben. So entsteht die Familie der Lycoperdaceen, bei denen die zusammengehäuften Basidiensporen in verstäubbarer Form dem Winde dargeboten werden. Bis zu welcher Vollkommenheit auch nach dieser Richtung hin die Organisation für die Verbreitung durch den Wind vorgeschritten ist, das soll uns Lycoperdon pyriforme im Bilde 6 auf Tafel II zeigen. Dieser Pilz kommt an oftenen Waldstellen vor und bietet im Reife- zustand dem Winde eine breite faserige Fläche dar, die einen schier un- erschöpflichen Sporenvorrat beherbergt. Die Verteilung der Sporen in dem sogenannten Capilitium ist hier eine so vollkommene, daß der Wind monate- lang herüberstreichen kann, ohne den Sporenreichtum zu erschöpfen. Wie großartig der Wind die Sporenverbreitung besorgt, davon kann man sich ein Bild machen, wenn man selbst andauernd herüberpustet und jedesmal die Staubwolken feinst verteilter Sporen davonfliegen sieht. Wir sehen, wie in der Familie der Gasteromyceten die Basidie ihre Funktionen und Wertungen längst vollständig verloren hat und doch ihre Gestalt soweit bewahrt, sodaß kein Systematiker über die verwandtschaftlichen Beziehungen dieser Reihe im Zweifel war: Die Gestalt ist demnach das konservative Element in der Entwicklung und bleibt in den Organismen (wenn auch nur in der Ontogenese) soweit erhalten, daß die vergleichende Morphologie uns die Entwicklungsgeschichte und die Stammbäume der Lebewesen ableiten konnte. So erlangt die Gestalt noch historische Bedeutung, nachdem sie ihre Wertungen längst verloren hat. B. Mit der Bildung der nährstoft'reichen Hutpilze (I und II) ist aber auch ein neuer Komplex von Lebensbedingungen entstanden für die Ernährung der bereits vorhandenen Pilzformen. Wie sich die Zygomyceten diesem neuen (?) Substrate im Walde anpassen, ist in meiner Arbeit über Sporodinia grandis (1. c.) dargelegt worden. Am interessantesten sind aber die Anpassungen, die dadurch zustande kommen, daß Vertreter der eignen Familie sich für das Leben auf den Fruchtkörpern ihrer nächsten Verwandten einstellen, wie das für Collybien und die Formen der Gattung Nyctalis zutrifft. Alle Neubildungen , die hier zustande gekommen smd, lassen sich bei diesen Pilzen unschwer auf die neuen Lebensbedingungen zurückführen '), mit denen sie in direkte Reaktion getreten sind. ^) Welche gewaltigen Eiiillüsse die Veränderung der Lebensbedingung auf die Fortschritte in der Organisation ausgeübt hat, beweist uns am besten die Paläontologie. Die großen Umwälzungen auf der Erde veranlaßten alle vorhandenen Organismen zu erneuten Anpassnngsvorgängen und hatten deshalb eine neue Flora und Fauna im Gefolge. 69 Wenn wir nun das Bild von der Entwicklung der Basidiomyceten, wie es in unseren Vorstellungen entstanden ist, zu Ende führen, dann müssen wir noch kurz darauf eingehen, wie die Entstehung der Basidie selbst zu erklären ist. Da direkte Einwirkungen an dieser Stelle nicht in Betracht kommen können, tritt hier die Selektion in ihrer großen Bedeutung für die Entwicklung der zweckmäßigsten Organe in den Vordergrund. Wir müssen uns vorstellen, daß die Sporen derjenigen Conidienträger sich im Walde allein verbreitet haben, die zufällig eine basidienähnliche Gestalt besaßen und ihre Sporen deshalb mit Hilfe der feinsten Luftströmungen verbreiten konnten. In der von Brefeld entdeckten Nebenfruchtform des Folyporus annosus Fr. ist eine solche Conidienform mit allen Übergängen zur Basidie noch erhalten. Die Selektion geht jedenfalls von einem schon als Basidie wirksamen Conidienträger aus, wie er bei jeder Conidienfruktifikation gelegent- lich vorkommen wird. Sie setzt andererseits voraus, daß das Plasma der allein verbreiteten Sporen ein gewisses Perzeptionsvermögen für diese bestimmte Eigenart ihres Conidienträgers allmählich gewinnt und imstande ist, die gewonnene Einstellung auf die Conidienträger zu übertragen, die das aus ihr entstandene Mycelium bildet. Die Selektion, Mie sie möglicherweise zur Ausbildung der Basidie geführt haben kann, ist somit ebenfalls ein Vorgang der Anpassung eines bestehenden Sporenverbreitungsorgans an die Lebensverhältnisse im Walde resp. in wind- stiller Luft, also auch die Basidie ein durch Anpassung entstandenes Organ. So ist die ganze Entwicklung der Basidiomycetenreihe auf Anpassungs- vorgänge') zurückzuführen, die ihrerseits nicht unerklärHche teleologische Prinzipien, sondern kausal verlaufende Reaktionen und Einstellungen zur Voraussetzung haben, genau so, wie wir uns die verschiedenen Erscheinungs- formen der leblosen Materie als Reaktiousprodukte elementarster Stoffe entwicklungsgeschichtlich entstanden denken. Die Bedeutung der Sporenverbreitung- bei den Basidiomyceten im Haushalte der Natur und des Menschen. Den Basidiomyceten fällt im Haushalte der Natur die wichtige Rolle zu, die von den grünen Pflanzen aufgebauten Holz- und Bastfasermassen wieder abzubauen, bevor sie huraifizieren. Um dies vollbringen zu können, müssen die abgestorbenen Substrate möglichst frühzeitig von ihren Keimen befallen werden*, deshalb verbreiten sie ihre Sporen im Herbste, um das Laub und die Zweige zu bestreuen, womöglich bevor sie von den Bäumen abfallen. Diese ge- langen dann schon mit den Keimen behaftet auf den Waldboden, und wenn 1) Es kann und soll nicht Aufgabe dieser Abhandlung sein, zu den verschiedenen bekannten Theorien der Entstehung neuer Arten Stellung zu nehmen. Indem ich möglichst unbeeinflußt die Entwicklung der Basidiomycetenreihe nach den Gesichts- punkten abzuleiten versuchte, die sich im Gange der Untersuchungen von selbst ergaben, glaube ich zu Auffassungen gelangt zu sein, die dem Neolamarckismus, wie er besonders von Ritter von Wettstein vertreten wird, am nächsten kommen. 70 die lierbstliclieii Niederscliläge sie durchfeuchten, dann können die Basidio- myceten sogleich ihre Lebenstätigkeit beginnen. Die Basidiomyceten sind aber nicht bloß harmlose Bewohner des Wald- bodens, sie vermögen auch die Holzmassen der lebenden Bäume anzugreifen und durch ihre Zerstörung das Ziel der Waldkulturen zu vernichten. Alle Krankheiten der Waldbäume, die mit der Zerstörung ihres Holzkörpers ver- bunden sind, beruhen auf der Lebenstätigkeit der Basidiomyceten, und da ist es von nicht geringer Bedeutung, zu wissen, auf welchem Wege die Infektion der Waldbäume erfolgt. Sie kann entweder an den Wurzeln, also im Erdboden stattfinden oder an den oberirdischen in der Luft befindlichen Achsen. Da aber im Boden Beschädigungen der Wurzeln, die den Eintritt der Infektionskeime gestatten, wohl selten vorkommen und die Sporen auch nicht in den Erdboden eindringen können, so wird die Infektion an den oberirdischen Pflanzenteilen wohl in erster Reihe in Betracht zu ziehen sein. Jeder Sturm, der die Zweige abbricht, schafft solche Infektionsstellen in un- endlicher Zahl, und wenn wir nun sehen, wie die Sporen der Hutpilze in die Luft emporsteigen und sie gleichmäßig erfüllen, so ist es eigentlich zu verwundern, daß nicht alle Bäume von den Pilzen vorzeitig befallen und zerstört werden. Daß dies in der Tat nicht geschieht, ist wohl darauf zurückzuführen, daß das Protoplasma lebenskräftiger Zellen das Eindringen der Keime verhindern kann und daß die Bäume sich oft in ganz besonderer Art, z. B. durch die Ausscheidung der Harze, gegen ihren Eintritt zu schützen wissen. Nichtsdestoweniger finden im Laufe der Jahre die Pilzsporen dennoch Eingang, und so fallen in älteren Holzbeständen schließlich alle Bäume den Pilzen zum Opfer. Die Beantwortung der Frage, wie die Infektion bei einer Krankheit erfolgt, eröflfnet uns auch hier schon den Weg zu ihrer Bekämpfung. Die Infektionsstellen können wir bei den Bäumen nicht finden und verbinden, dagegen sind die auffälligen Fruchtkörper der besonders gefährlichen Pilze nicht zu übersehen. Wenn diese kurz vor Beginn') der Sporenverbreitung umgestoßen werden, kann eine Sporenverbreitung nicht mehr erfolgen. Eine ganz bedeutende wirtschaftliche Schädigung verursachen einige Formen der Basidiomyceten, welche das bearbeitete Bauholz angreifen und es in kurzer Zeit noch in den Häusern vollständig zerstören. Nach den bisherigen Erfahrungen kommen hier vorzugsweise zwei verschiedene Pilze in Betracht: der Hausschwaram Merulms lacrymcms (Jacq.) und Poly- porus vajjorarius Pers., der die sogenannte Trockenfäule hervorruft. Die wichtige Frage, wie diese Pilze das Bauholz befallen, ist bisher noch zweifel- haft geblieben. Von der einen Seite *) wird die Ansicht vertreten, daß das Holz schon von den Mycelien befallen sei, wenn es für die Bauten ver- 1) Wenn man die Fruchtköi'per vor ihrer volLständigen Ausbildung entfernt, dann entstellen .sie immer wieder von neuem. Erst ein ausgebildeter Fruehtkörpcr, dem alle NährstofFe der Mycelien zugeführt sind, kann mit Erfolg beseitigt werden. 2) Hennings Hedwigia 1903 S. 178. 71 wendet wird, iiacli der Meiinmg der anderen ' ) soll die Infektion in der Zeit des Baues resp. in dem Hause selbst durch Übertragung der Sporen erfolgen können. Da ich seit raehreven Jahren mit der Kultur der liolz- zerstörenden Pilze beschäftigt bin, haben mich auch diese Fragen lebhaft interessiert, und ich habe deshalb mit den Fruchtkörpern der genannten beiden Holzzerstilrer besondere Versuche angestellt, um den sicheren Nachweis zu erbringen, daß sie ebenfalls befähigt sind, ihre Sporen in der beschriebenen Art in den Raum hinein zu verbreiten und so eine weitgehende Infektion herbeizuführen. Aus später ersichtlichen Gründen habe ich die Versuche in der Art ausgeführt, dal.') ich in geschlossenen Schränken Papieretagen nach Art auf- gestapelter Bretter überehiander anordnete und unmittelbar unter die Etage je einen normal gebildeten Fruchtkorpev dieser beiden Pilze in normaler Lage aufstellte. Die Versuchsräume waren V4 — 2 Quadratmeter groß und enthielten Papier- etagen aus 5 — 15 Papierstreifen, die beiderseits einen Raum von 20 — 30 cm für das Aufsteigen der Sporen freiließen. In allen Fällen wurden die Sporen beider Pilze über sämtliche Etagenblätter verbreitet, genau so, wie wir das in den ersten Kapiteln dieser Arbeit kennen gelernt haben. Hierdurch ist zunächst der Beweis erbracht, daß diese beiden Holzzerstörer ihre Sporen selbsttätig in den umgebenden Raum verbreiten, und daß sie insbesondere be- fähigt sind, die in ihrer Nähe befindlichen Oberflächen bearbeiteter Hölzer auf das gründlichste zu infizieren. Hiernach mußte ich mir sagen, daß die Infektion des Bauholzes auf diesem Wege nur dort erfolgen kann, wo in seiner Nähe die Bedingungen für eine Fruchtkörperentwicklung gegeben sind. Auf einem Neubau oder in neu erbauten Häusern, wo die Zerstörung am häufigsten und gefährlichsten eintritt, kann dies niemals der Fall sein, und wir müssen uns danach umsehen, wo das Banholz auf seinem Wege bis zum Verbrauche solche Bedingungen vorfindet. In erster Reihe kommen die Holzlagerplätze in Betracht, zunächst diejenigen, wo die Bearbeitung erfolgt, dann die städtischen Holzplätze der Zwischenhändler. Schon im Spätherbst 1902 besuchte ich infolge dieser Überlegung einen der größten Holzlagerplätze hier in Breslau und war nicht wenig erstaunt, als ich in einem großen Teile des Holzlagers sämtliche Hölzer, die als Unterlage für die auf- gestapelten Bretter dienten und der feuchten Erde direkt auflagen, mit mächtigen Fruchtkörpern des Polyporus vcqwrarms in ihrer ganzen Ausdehnung be- wachsen fand. Die letzteren waren meist seithch zur Ausbildung gelangt, nach dem Typus des Bildes 7 auf Tafel VI, — weil das als Unterlage dienende Holz selten hohl lag. Wenn mir die Aufgabe gestellt würde, eine Anordnung zu tretfen, um sämtliche Bretter eines Holzlagers mit den Sporen von Polyi)orus vcqyorarius zu bestreuen, dann wüßte ich keine bessere An- ordnung zu trefi"en, als sie hier von selbst gegeben ist'-). Aus diesem Grunde 1) C. von Tubeuf, in Hai'tig, Der echte Hausscluvamni. Berlin 1902. 2) Ebenso wie den P. vaporarivs habe ich die Fruchtträger von Lenzites sepiaria L. und von Conioj^hora cerebella (Pers.) auf den von mir seither hesucliten Holzplätzen meistenteils vorgefunden. 72 habe ich auch die Versuche über die Sporenverbreitmig analog den auf- gestapelten Brettern mit etagenförmig angeoi'dneten Papierstreifen ausgeführt, und wir haben ja konstatiert, wie sie von den Sporen bestreut wurden. Die Infektion kann aber w^eiter zurück schon im Walde stattfinden, wo die Schnittflächen der gefällten Bäume oft lange Zeit frei daliegen. Hier soll der Polyporus vaporarius auf alten Kiefern oderFichtenstämraen vorkommen, ja ich vermute, daß er hier ähnlich wie Dnedalea unicolor (Tafel V) noch eine höher differenzierte Gestalt besitzt, die als besondere Art beschrieben ist. Die Fruchtkörper von Polyporus va])orarius sah ich in Kellern etc. niemals in ihrer normalen Ausbildung mit sporenverstreuenden Basidieu auftreten, dagegen bilden sie sich in kurzer Zeit normal aus, wenn ich das befallene Holz an geeignete Stellen ins Freie auf die Erde lege. Jedes kleinste Holzstückchen kann sich auf der Unterseite mit einem Fruchtkörper bedecken, der sofort keimfähige Sporen verbreitet und damit fortfährt, bis sein Zerfall eintritt. Die Frucht- körper von Polyiwrus vaporarius werden im Freien wohl überall auf der Unterseite alten Holzes verbreitet sein, wo sie sich der Beobachtung leicht entziehen. Wenn ich hier noch hinzufüge, daß jede Spore von Polyporus vaporarius schon nach wenigen Stunden (8 — 16) mit einem kräftigen Keim- schlauch auswächst, daß die Auskeimung ebensogut erfolgt in destilliertem Wasser wie in beliebigen neutralen, sauren oder schwach alkalischen Nähr- lösungen, und daß die Mycelien, auf beliebiges Holz übertragen, dies sofort angreifen, durchwachsen und auf kleineu Stücken schon nach 3 — 5 Monaten wieder Fruchtkörper bilden, dann kann es nicht mehr zweifelhaft sein, wie und wo bei diesem Pilze die Infektion des Bauholzes erfolgt ' ). Auch die Fruchtkörper des Hausschwammes sind offenbar im Freien an Zäunen etc. weiter verbreitet als man dies annimmt. Da sie sich an der Unterseite der Substrate erst bei Beginn des Winters bilden und schnell wieder vergehen, entziehen sie sich sehr leicht der Beobachtung. Auf Holzplätzen fand ich den Erdboden unter den Bretterstapeln meterweit mit den Fruchtkörpern des Hausschwammes dicht überzogen. Aber auch im Walde kommt der Merulius schon vor, er ist hier an Baumstümpfen als Saprophyt verschiedentlich beobachtet worden"). Es ist vielleicht nur ein Zufall, ' daß ich im Oktober 1903 in dem alten Waldbestande des Forst- bezirkes Neuraühl bei Küstrin, den ich in der Absicht besuchte, dort holz- zerstöreude Pilze zu suchen, gleich auf meiner ersten Exkursion den echten Merulms lacrymans als Zerstörer der Holzsubstanz eines lebenden Baumes fand. Der kräftig gewachsene stattliche Baum war durch den Sturm etwa in Mannshöhe umgebrochen, weil das ganze Kernholz und ein großer Teil 1) Die ausführlichen Untersuchungen über die Bedingungen der Sporenlieimung, des Wachstums etc. bei diesem und den übrigen holzzerstörenden Pilzen werde ich in einer späteren Arbeit, welche lediglich dieses Thema betrift't, mitteilen, sobald ein gewisser Abschluß erreicht ist. 2) Hennings 1. c. und von Tubeuf 1. c. 73 des Splintholzes von der Wurzel her etwa bis zur Höhe von 3 Meter völlig zerstört war. Dasselbe war von Quer- und Längsrissen allseitig zerspalten, braun verfärbt und mit den Fingern zu Pulver verreiblich. In der Richtung von unten nach oben war es von flachen und vielseitig verzweigten Mycel- strängen durchzogen, genau so wie sie bei stark von Merulius zerstörtem Bauholz, nachdem es braun und brüchig geworden ist, so auffällig in die Erscheinung treten. Der Anblick überzeugte mich sofort, daß hier ein dem Merulius mindestens sehr nahestehendes Mycel die Zerstörung herbeigeführt haben müsse. Der Zufall war mir aber noch weiter günstig, daß ich gleich an Ort und Stelle die zugehörigen Fruchtkörper fand. Durch die Kraft des Falles waren größere und kleinere Stücke des Holzes aus dem Baum herausgeschleudert und lagen seit einigen Monaten unberührt überall um den Baum herum auf dem feuchten Waldboden. Als ich diese Stückchen aufhob, fand ich sie fast ausnahmslos auf der Unterseite mit den Frucht" körpern des Merulius lacrymans überzogen. Selbst Stückchen, die nicht größer waren als 10 Kubikzentimeter, hatten entsprechend kleinere Frucht- körper gebildet. Da hier ein Irrtum ausgeschlossen ist, beweist dieser Fund, daß der echte Hausschwaram, wie das Hennings vermutet hat, auch als Parasit die lebenden Bäume angreift und die völlige Zerstörung ihres Holzes herbeiführt. Wir sehen daraus weiter, daß jedes kleinste Stückchen des befallenen Holzes zur Fruchtkörperbildung und zur Sporeuverbreitung schon im Walde befähigt ist. Da der Hausschwamm rhizomorphenartige Stränge bildet, ist er aber auch befähigt, im Boden weiter fortzuwachsen und die Bäume der Umgebung von der Wurzel her zu infizieren, wie dies bei dem von mir beobachteten Baume offenbar zutrifft. Für diese Studien sind aber dauernde Beobachtungen in alten Forstbeständen erforderlich. Nach den Angaben von Hennings fruktifiziert auch der Hausschwamm in Gebäuden nur verhältnismäßig selten Ich selbst habe auch nur verhältnismäßig wenige Fnichtkörper aus Häusern erhalten können, trotzdem der Pilz hier in Breslau sehr verbreitet sein soll. Um Frucht- körper zu erhalten, verfahre ich so, wie es die Beobachtung im Küstriner Walde mich gelehrt hat. Von dem Pilze zerstörtes Holz, wie es hier oft aus den Häusern entfernt wird, lege ich ins Freie, direkt auf den feuchten Erdboden an einen schattigen Platz und sorge eventuell durch Anspritzen mit Wasser für genügende Feuchtigkeit. Es erscheinen dann oft schon nach einigen Wochen auf der Unterseite des Holzes die Fruchtkörper. Auch die übrigen Holzzerstörer fruktifizieren unter diesen Bedingungen am ehesten'). Diese Beobachtungen beweisen, daß die Fruchtkörper von Mer-uliiis schon im Walde und überall dort, wo altes Holz lagert, auch an Zäunen etc. vorkommen und daß die Sporeninfektion des Bauholzes hier leicht erfolgen kann. Auch über die Bedingungen der Sporeukeimung des Hausschwamms habe 1) In geschlosseiieu Glaszylindern erzielt man nicht annäliernd so günstige Resultate. 74 ich seit zwei Jahren umfassende Untersuchungen angestellt, doch will ich mich hier darauf beschränken, die Untersuchungen Möllers ') zu bestätigen, daß nämlich die Sporen der im Freien gebildeten Fruchtkorper ausnahms- los in sauren Nährlösungen auf das leichteste auskeimen. Die aus den Sporen gezogeneu Mycelien wachsen nicht bloß auf künstlichen Nährsubstraten, Brot etc., sondern auch auf sterilisierten feuchten Holzstiickeu, auf welchen sie in kurzer Zeit dieselben Zerstörungen hervorrufen, wie sie in den Häusern beobachtet werden. Die mitgeteilten Tatsachen erbringen den Beweis, daß die Infektion der Bauhölzer, noch bevor sie auf den Bau kommen, auf das leichteste erfolgen und daß die Zerstörung sogleich beginnen kann, wenn die einzige Bedingung für die Weiterentwicklung: die genügende Feuchtig- keit vorhanden ist. Nun besteht aber außer der Infektion durch die Sporen, die bei weitem überwiegt, noch diejenige durch vegetative Mycelien. Die Mycelien sind aber nicht bloß im Holz vorhanden, an den natürlichen Stand- orten gehen sie stets in die Umgebung, Saud, Erde etc., über. Brachte ich Holzstücke, die von dem besprochenen Pilz durchwachsen waren, in Sand, Kies, Koks oder dergleichen, so wurden diese allseitig durchwachsen. Wurde nun das infizierte Holzstück herausgehoben und ein pilzfreies Holz- stück auf den unberührten Sand etc. aufgelegt, dann wurde das letztere ebenfalls sehr bald infiziert. Ebensogut infiziert natürlich rayceldurch- wachsenes Holz selbst und zwar um so kräftiger, je jünger die Mycelien sind. Das ganz zerstörte Holz aus Küstrin, auf dem bereits Fruchtkörper gebildet wurden, war nicht mehr infektionsfähig. Solange solches Holz in geschlossenen feuchten Gefäßen noch Mycelien auswachsen läßt, ist es auch noch infektionskräftig. Wenn liierdurch die Quellen der Infektion erschöpfend klargelegt sind, dann sind damit auch schon die Mittel an die Hand gegeben, wie den Infektionen am besten vorzubeugen ist. Im Walde, wo die gefällten Bäume mit ihren otfenen Wunden oft monatelang liegen bleiben, wird es un- möglich sein, die Fruchtkörper zu beseitigen und so die Infektion zu verhindern; die Luft wird hier stets mit den Keimen erfüllt sein. Dagegen wird es leicht sein, die verhältnismäßig kleine Infektionsfläche mit einer keimtötenden Lösung, etwa mit Kupfersulfatlösung, zu bestreichen, um die Infektion zu verhindern. Die weitere Verarbeitung der Hölzer wird man dann möglichst nicht in der Nähe der Wälder vornehmen, wo die Luft mit den Sporen erfüllt ist. Auf dem Bearbeitungs- und Stapelplatze sind die Infektionsflächen zu groß, als daß sie vor der Infektion durch die Pilzsporen geschützt werden können, hier ist dagegen das Auftreten der Fruchtkörper leicht zu vermeiden. Altes pilzbefallenes Holz, besonders als Unterlage, darf auf keiuem Holzplatz ge- duldet werden, und das läßt sich auch sehr leicht erreichen, besonders wenn polizeiliche Vorschriften und geeignete Kontrolle hier einsetzen. Wenn unter den Bedingungen, wie sie sich in Bauten vorfinden, Merulias 1) A. Möller, Über gehingene Kulturversuclie cle.s Hausschwamiiies au.s seinen Sporen. Hedwigia 1903. 75 lacrymans und Pohfporw^ vaporarius auch allen anderen Pilzen an Ent- wicklungsfähigkeit Überlegen sind und deshalb hier als hauptsächliche Zer- störer vorkommen, so ist damit nicht bewiesen, daß bei Abwesenheit dieser Pilze das Bauholz von beliebigen anderen Basidiomyceten nicht ebenso gründlich zerstört werden könne, und es sind auch schon eine Anzahl solcher Beobachtungen bekannt geworden. Da wir bis heute nur die Fruchtkörper, nicht aber die Mycelien dieser Pilze unterscheiden können, so ist es zur- zeit unmöglich, einen Basidiomyceten an der Gestalt seiner Mycelien mit Sicherheit mikroskopisch zu erkennen. Deshalb sind wir darauf angewiesen, die Fruchtkörperbildung herbeizuführen, wenn wir bestimmen wollen, welche Pilze an der Zerstörung eines beliebigen Holzes beteiligt sind. Die Be- dingungen der Fruchtkörperbildung sind aber ebenfalls bei den meisten Basidio- myceten noch ganz unbekannt, und da wir gesehen haben, daß z. B. bei Polyporus vaporarius und MeniUas das in einem kleinsten Holzstück ent- haltene Mycel zur Fruktifikation ausreicht, so können wir aus dem Auftreten dieser Pilze in der Kultur doch nichts darüber aussagen, ob nicht andere Pilze in noch höherem Grade an der Zerstörung beteiligt waren ' ). Aus diesem Grunde bin ich seit zwei Jahren damit beschäftigt, die Mycelien der wichtigsten holzzerstörenden Basidiomyceten aus ihren Sporen rein zu kultivieren, ihre morphologischen Charaktere vergleichend zu studieren und sie in ihrer Entwicklung bis zur Fruchtkörperbildung zu verfolgen. Das letztere ist mir außer den genannten Formen bereits gelungen bei Coniophora cerebella, Aymülaria mellea (Vohl), Lepiota innciäa (Schrad). Lentinus squamosus (Schaetf.). Stereum hirsuüim (Pers.); von Copirimis radians Desm.. Lenzites sepiaria^ Corticium giganteum Fr., Folyporus versicolor L. u. a. ist eine Fruchtkörperbildung in den Reinkulturen bisher nicht aufgetreten. Von scheinbar geringerer Bedeutung für den Haushalt des Menschen, aber von besonderem biologischen Interesse sind nun noch die mistbewohnenden Agaricineen, die stets in die Erscheinung treten, wenn Phäkalien von kräuter- fressenden Tieren auf Wiesen, Heidetlächen etc, längere Zeit unberührt feucht liegen bleiben. Nachdem die Flora der Mucorineen die leicht löslichen Bestand- teile der Exkremente für sich verbraucht hat, kommen die Ascomyceten au die Reihe und meist zuletzt erst die Basidiomyceten, welche auch die un- verdaulichen Rohfaserbestandteile restlos aufzehren. So ergänzen sich die Mycelien der verschiedenen Pilzklassen in ihrer ernährungsphysiologischen Aktion, die Phäkalien möglichst schnell und vollständig dem Kreislauf des Stoffwechsels wieder zuzuführen. Es fragt sich nun, wie die Verbreitung dieser Pilze erfolgt und wie sie die Phäkalien befallen. Schon im Jahre 1902 ^) Das schließt natürlich nicht aus, daß bei sachkundiger Beurteilung die uialcro- skopiseh charakteristische Holzzerstörung, die Merulius bei intensiver Entwicklung erfahrungsgemäß hei beiführt, als vollgültiger Indizienbeweis dafür gelten kann, daß dieser Pilz die Zerstörung verursacht habe. In Fällen, die nicht von vornherein zweifelsfrei sind, wird sieh aber nicht aussagen lassen, weicher Pilz die Zerstörung verursacht hat. 76 stellte ich Versuche an, welche hierüber Aufschluß geben sollten. Leguminosen- Sandkulturen wurden in geeigneter Art mit Pferdemist beschickt, welcher mit den Mycelieu von Chalymofta und Anellarla durchwachsen war. Als die Versuchspflanzen sich auf der Höhe ihrer Entwicklung befanden, be- gannen auch die Pilze zu fruktifizieren, wie das die Figur 3 auf Tafel VI bei einem Erbsenversuch darstellt. Brachte ich die ganze Kultur während der Sporenverbreitung unter ein grösseres Glasgeh.äuse, dann waren bereits nach 2 Tagen sämtliche Blätter der Erbsenpflanze von den Sporen so gleich- mäßig bestreut, daß man auf jedem Blatt mit einem kleinen Hölzchen Striche sichtbar machen konnte, die auch auf der Photograpliie mit einer Lupe zu erkennen sind. Die Blätter werden nun von Tieren gefressen und gelangen durch den Verdauungskanal der Tiere wieder in den Mist, wo sie den Kreislauf ihres Daseins von neuem beginnen. Von den Coprinusformen eignet sich besonders der große mistbewohnende Coprinus sterquilinns für diese Versuche, der gewöhnlich schon fruktifiziert, wenn die Ei'bsen noch klein sind. Diesen Pilz habe ich mehrere Jahre in den Mistbeetkästen be- obachtet, wie er alle Blätter der dort kultivierten Pflanzen gleichmäßig mit seinen Sporen bestreut hat. Die Figur 4 derselben Tafel zeigt uns, wie diese Coprinusform, trotzdem sie ihre Sporen ausschleudert, auf die weitere Verbreitung der Sporen durch die Luftströmungen doch nicht verzichtet und alle Flächen des Raumes, wenn auch nicht in derselben Vollkommenheit, sichtbar mit ihren Sporen bestreut. Das Flüssigkeitströpfchen, das jede Spore aus der Basidie mit auf ihren Weg bekommt, dient vielleieht dazu, sie auf der Fläche, die sie erreicht, zu befestigen, sodaß sie vom Winde nicht so leicht wieder heruutergeweht werden kann. Auch die Sporen von Chahjmotta waren auf den Versuchspflanzen noch am Ende des Vegetations- jahres nachzuweisen, wie es überhaupt auffällt, daß die auf den Flächen verbreiteten Sporen zumeist so fest ankleben, daß sie durch Pusten nicht mehr bewegt werden können. Das biologische Bild No, 5, der Tafel VI, mit dem wir unsere Betrachtungen beschließen AvoUen, zeigt uns die Pilzflora auf Kuh- dünger, der längere Zeit an einem geschützten Ort feucht gelagert hatte. Alle Typen der Mistbewohnei", die ihre Sporen selbsttätig verbreiten, sind hier gleichzeitig vertreten. Zunächst überall auf dem Bilde als Vertreter der Mucorineen der Piloholus crystallinus Wigg., dessen schwarze Sporangien- köpfchen auf ihrem Schleuderapparat, dem hellen Schwellkragen, deutlich hervortreten , dann aus der Reihe der Ascomyceten zwei Formen von Ascobolus, von denen die größere') infolge ihrer weißen Umrandung, in ^) Dieser Ascobolus ist die größte Form, die bislier beiiannt geworden ist. Die Apothecien sind bis 2 cm groß, haben eine grünlich-gelbe Scheibe und einen ein- gerollten kleiig-weißen Rand. Die Schläuche sind 158 — 178 ft lang, in jedem Schlauch 8 Sporen; diese sind 21 — 26 fi lang, von eiförmiger Gestalt. Die Sporenmerabran ist 2,6 ft breit, von brauner Farbe und von glatter ungezeichueter Oberfläche. 77 allen ihren Entwicklungsstadien auf der Photographie deutlich zu erkennen ist nnd endlich als Repräsentant der Basidiomyceten der Coprinus Schroeteri Karsten, welcher ebenfalls im Begriife steht, seine Hüte zur Sporenverbreituug auf langen Stielen emporzuheben. Wenn wir nun in dem Raum über dem Mist einen beliebigen Körper freischwebend aufhängen, dann wird er von allen Seiten mit Pilzsporen beworfen. Der Püoholus kehrt seine Köpfchen dem seitlich einfallenden Lichte zu und bewirft die Seitenflächen. Die Ascoboleeu bewerfen die Unterseiten, an die sie ihre Sporen ebenfalls direkt anwerfen und ankleben, die Coprinusformen endlich bestreuen die Ober- seiten. Wie die Mycelien in den Funktionen des Abbaues der verschiedenen Nahrungsstoffe, so ergänzen sich die Sporenverbreitungsorgane der Pilze in den Funktionen des Befallens der verschiedenen Körperflächen ihrer Substrate. Die Organisation als System von Lebenseinheiten. Den Organen eines einzigen Organismus vergleichbar, ergänzen sich alle Typen des Pilzreiches zu der großen einheitlichen Arbeitsleistung des Ab- baues der organischen Substanzen des Pflanzenreiches, die wiederum nur eine Teilfunktion ist im Zusammenwirken des gesamten Organismen-Reiches. Inner- halb der Familien vollziehen die Gattungen, im Bereiche der Gattung die Arten eine spezielle und immer mehr beschränkte Wirksamkeit. Die so der Art zufallende Arbeit leisten die Individuen, die in einem engsten Kreise von Lebensbedingungen die kleinste Einheit einer Lebensarbeit voll- bringen. Im Individium endlich sind die einzelnen Organe wiederum wie die Teile einer Masclüne tätig, und jedes Organ vollzieht einen ganz be- stimmten Teil der Lebenstätigkeit des Individiums. Dieser eng begrenzten Aufgabe entspricht seine scharf umschriebene Funktion, und der präzise stoffliche Ausdruck für diese Funktion ist die Gestalt. Gestalt und Funktion einzeln 3r Organe sind deshalb, unserem Bedürfnis nach gesetzmäßigem Geschehen gemäß, am leichtesten zu analysieren. Die Organe sind für den Organismus tätig, in ihm liegen ihre Lebens- bedingungen, er repräsentiert ihre Lebenseinheit. Die Individuen der Arten, Gattungen etc. sind aber in der Außenwelt tätig in einem engeren oder umfassenderen allgemeinen Komplex von Lebens- bedhigungen, mit welchem sie Lebenseiuheiten höherer Ordnung bilden. So bildet auch jeder einzelne Organismus erst, mit seinen ganz speziellen Lebens- bedingungen vereint, ein wirkliches Ganzes, das sehie Lebenseinheit darstellt. Indem die einzelnen Individuen sich unter ihren bestimmten Lebens- bedingungen entwickeln, vollziehen sie bestimmte Lebensaufgaben für die eigene und zugleich für jede höhere Lebenseinheit. Diese Aufgaben aber enthalten die Gesetze, nach denen alle Organismen sich entwickeln und zusammenwirken müssen zu einer höchsten Lebens- einheit — für ein allerhöchstes Ziel. 79 Figurenerklärung. Tafel I. S p o r e n Ij i 1 d e r auf der Unterlage. Fig. 1. Sporenverbreitung in charakteristischen Bügenlinien auf einer Unterlage von scliwarzeni Papier in einem flachen geschlossenen Raum ohne Licht- und Wärmestrahlung. Segment eines Fruchtkörpers von Agaricns nehularis. Verkl. 4 : 1. Flg 2. Gleichmäßige Sporenverbreitung unter denselben Bedingungen wie in Fig. 1 durch einen Fruchtkörper von Polyporus squamosus. Vor der Bestreuung wurden winkelförmig zugeschnittene Papierstreifen und Papierbuchstaben auf das schwarze Papier gelegt und nachher fortgenommen, um die gleich- mäßige Bestreuung kenntlich zu machen. Verkl. 7 : 1. Fig. 3. Sekundäre Verbreitungslinien von Nordost nach Südwest in einem flachen dunklen Raum. Die primär nach allen Richtungen hin gleichmäßig aus- strahlenden Verbreitungslinien biegen in scharfen Kurven um und verlaufen in der Richtung des Temperaturgefälles (nach Südwesten) von der warmen nach der kalten Seite des Zimmers hin. Kleiner Fruchtkörper von Agaricm violaceus. Verkl. 6 : !■ Tafel II. Sporen Verbreitung im Raum (1 — 5). Fig. 1. Sporenverbreitung auf den Flächen in einem geschlossenen Raum (breiter Glaszylinder). Sekundäre Verbreitungslinien in der Wirkungsrichtung der Lichtstrahlen. Die Unterlage sowie die unterste und oberste Etagenscheibe sind am stärksten bestreut. Der Fruchtkörper (Agaricus nebularisj ist unter der untersten Etageuscheibe aufgestellt. Verkl. 5 : 1. Fig. 2. Sporenverbreitung in der Richtung von unten nach oben auf Fensterblättchen in einem nach oben verlängerten Raum (aufeinander gestellte Glaszylinder). Der Frnchtkörper (Agaricus nebularisj ist unter der Lampenglocke auf- gestellt. Verkl. 11 : 1. Fig. 3. Ein Fensterstreifen aus dem obersten Zylinder vom Versuche der Fig. 2 mit zurückgebogenen Fenstern auf einer ebenen Fläche befestigt, zeigt die Bestreuung der Fensterblättchen. Verkl. 7 : 1. Fig. 4. Sporenverbreitung in der Richtung von oben nach unten in einem großen Glaszylinder wie in Fig. 1. Der Fruchtkörper von Polyporus squamosus (entsprechend zugeschnitten) befindet sich unter der obersten Etagenscheibe und ist wie diese zentral an demselben Stabe befestigt. Radiale Ver- breitungslinien, unabhängig von sekundären Einflüssen. Verkl. 5 : 1. 80 Fig. 5. Sporenbilder auf runden Pappscheiben aus einem Versuch in der Anordnung wie in Fig. 4, aber mit bodenständigem (unterhalb der Etage) Fruclitkörper, in einem dunklen Zimmer mit Temperaturgefälle wie in Fig. 3, Tafel I. Links das größte Blatt ist die Unterlage, die übrigen Blätter folgen von links nach rechts, wie sie übereinander in der Etage angeordnet waren. Sekundäre Verbreitungslinien zumeist in der Richtung des Temperatur- gefälles. Verkl. 5:1. Fig. 6. Zwei Basidiomycetenfruchtkörper, die ihre Sporen durch den Wind ver- breiten lassen. Lycoperdon piriforme bietet seine Basidiensporen als leicht verstäubbares, in einem Fasergeflecht verteiltes Pulver in scheibenförmiger Verbreiterung der Einwirkung des Windes dar. Verkl. 2 : 1. Fig. 7. Sporenverbreitungsbild eines Ascomyceten: Sporenhof eines Fruchtkörpers von Oyromylra esculenta auf schwarzem Papier. Verkl. 2 : 1. Tafel III. Sporenbilder in zeitlicher Folge und Bedeutung des Stiels. Fig. 1. Stündliche Sporenbilder eines Fruehtkörpers von Agaricus violaceus auf schwarzem Papier. Bei seitlicher Beleuchtung photographiert. Verkl. 9 : 1. Fig. 2. Sporenbilder desselben Pilzes in einem auf dem Klinostaten gedrehten Raum. Links bei gleicher Versuchsaufstellung am Licht, rechts ein mehr- stündiges Sporenbild im Dunkelzimmer mit Temperaturgefälle. Verkl. 9 : 1. Fig. 3. Sporenbilder einzelner Segmente eines Fruchtkörpers von Polyporus squamosus, welche in verschiedenen (auf dem Bilde angegebenen) Ent- fernungen von der Unterlage mit Hilfe einer Stecknadel gestielt waren. In der Entfernung von G mm beginnt die Verbreitung, doch besitzen die Röhren noch ihre eigenen Strömungen, bei 8 mm gehen sie ineinander über; bei 10 mm fällt noch ein Teil der Sporen senkrecht herunter. Verkl. 7:3. Fig. 4. Sporenverbreitungsbilder einzelner Segmente eines Fruchtkörpers von Agaricus nebularis in Entfernungen von 2, 4, 5, 6, 7 und 13 mm von der Unterlage wie in Fig. 3 aufgestellt. Verkl. 5 : 1. Fig. 5. Fruclitkörper von Agaricus galericulatus mit unterirdischem Stiel von un- begrenztem und oberirdischem Stiel von begrenztem Wachstum, Verkl. 5 : 2. Fig. 6. Losgetrennte Lamellen von Agaricus violaceus, einseitig auf Bindfäden auf- gezogen und unter einer Etage von schwarzem Papier in der Längsrichtung freischwebend aufgehängt, haben ihre Sporen auf der Unterlage und auf den Etagenblättern verbreitet. Verkl. 5 : 1. Fig. 7. Einzelne Lamellen desselben Pilzes auf ausgespannte Fäden, 3 cm von der Unterlage entfernt, flach aufgelegt, verbreiten die Sporen ihrer Unterseiten wie in Fig. 6. Unter den Lamellen ist ein Schälchen mit Wasser auf- gestellt. Verkl. 5 : 1. Fig. 8. Ein umgekehrt mit dem Stiel nach oben aufgestellter junger Fruchtkörper von Agaricus nebularis mit abgetragener Oberseite und aufgeschnittenen Lamellen, (sodaß sie beiderseits ofi'en sind und nur durch den kreisförmig stehengebliebenen Rand zusammengehalten werden), verbreitet seine Sporen ebenfalls in den umgebenden Raum. Das Bild zeigt nur die von unten her erfolgte Bestreuung einer die Lamellen bedeckenden Papierscheibe. Verkl. 5: 1. 81 Tafel IV. Orientierung de rresupinaten Fruchtkörper des Hausschwammes (] — 4). Fig. 1. Biologisches Bild der Fruchtkörperbildung des Hausschwammes an einem von dem Pilze befallenen Bretterzaun. Die Bildung erfolgt nur an der horizontalen Unterseite des untersten Querbalkens und geht noch eine Strecke weit abwärts (etwa bis zur Schattengrenze) auf die vertikalen Bretterflächen über. An der Oberseite des Querbalkens — an beliebigem Orte — wachsen die gestielten Fruchtkörper von Naucoria amara, deren Mycelien ebenfalls das Holz bewohnen. Verkl. 10 : 1. Fig. 2. Ein Fruchtkörper von Merulius lacrymans von dem Zaun der Fig. 1 los- gelöst und in seiner natürlichen Lage und Größe mit etwas nach oben gebogener Horizontalfläche photographiert, zeigt, wie die Hymenophore nur an der wagrechten Unterseite des Querbalkens reich und normal aus- gebildet sind, daß sie dagegen an den senkrechten Flächen nur als flache Erhabenheiten zu erkennen sind. Wenig verkl. Fig. 3. Ein junger kleiner Fruchtkörper von Merulius lacrymang, an der Unterseite eines infizierten Holzstückes im Freien kultiviert, zeigt die normale Differenzierung der Hymenophore. Natürl. Gr. Fig. 4. Stück eines Fruchtkörpers des Hausschwammes, der auf der Oberseite einer Holzdiele gewachsen ist, trägt warzenartige Hymenophore, ähnlich wie Coniophora (Fig. 5). Ein kleiner Teil desselben Fruchtkörpers ist an der Unterseite gewachsen und zeigt dort normale Hymenophore (unten rechts in der Ecke der Photographie). Schwach verkl. (Mit der Lupe anzusehen !) Fig. 5. Coniophora cereJeWa- Fruchtkörper auf höckerigem Erdboden im Freien kultiviert. Natürl. Gr. Fig. 6. Orientierung stielloser Fruchtkörper von Polyporus versicolor an einem von dem Pilze befallenen dickeren Holzaste. Verkl. 6 : 1. Tafel V. Fruchtkörper-Orientierung stielloser Polyporeen. Fig. 1. Biologisches Bild der Fruchtkörperbildung von Polyporus adustus (Polyporus hirgutus, Daedalea unicolor) an dem alten Baumstumpfe einer Pappel. An den vertikalen Seitenflächen wächst der Pilz horizontal in Konsolenform. An der Oberfläche sind die Fruchtkörper trichterförmig schräg nach oben gerichtet. Verkl. 6 : 1. Fig. 2. Resupinate, formlose unbegrenzte Fruchtkörper desselben Pilzes mit feinen, sehr kurzen Röhren. Auf der Unterseite des gespaltenen Holzes in ge- schlossenen Glaskästen kultiviert. Verkl. 3 : 2. Fig. 3. Kleinster, begrenzter, resupinater Fruchtkörper desselben Pilzes mit stärker ausgebildeten, längeren Röhren und von einem fädigen weißen Mycelhof umgeben; an der Unterseite eines infizierten Holzstückes im Freien kultiviert. Verkl. 3 : 2. (Lupe !) Fig. 4. Fruchtkörper desselben Pilzes, nach dem Typus der Fig. 3 gebildet, die Röhren aber seitlich zum Fruchtkörper (nach unten) gestellt; an einer schräg nach unten gerichteten Fläche des infizierten Holzes gewachsen. Verkl. 3 : 2. (Lupe!) 82 Fig. 5. Resupinate Fruchtköiper von Polyporus vaporarius, auf der Unterseite eines infizierten Holzstückes in normaler Ausbildung gewachsen, im Freien kultiviert. Verkl. 5 : 4. Fig. 6. Erneuerte labyrinthförmige Hymenopliorenbildung, auf demselben Holzstück in derselben Lage nach Entfernung des alten Fruchtkörpers direkt auf dem myceldurchwachsenen Holz gebildet. Verkl. 5 : 4. Fig. 7. Fruchtkörper von Polyporus vaporarius, an den Seitenflächen mit vertikal gestellten, langgezogenen, nach außen offenen Röhren, Reinkultur, von einer Spore ausgehend, auf Kiefernholz in einem geschlossenen Glasgefäß. Natürl. Gr. Fig. 8. Fruchtkörperbildung desselben Pilzes auf der Oberseite des infizierten Holzes mit sparassisartig nach oben wachsenden Hymenophoren; Reinkultur wie vorher. Vergr. 5 : 6. Tafel VI. Sporenverbreitung der Mistbewohner. Fig. 1. Zwei P'ruchtkörper von Chalymotta campanulata haben ihre Sporen auf die Oberfläche der eigenen Hüte und auf eine darunter befindliche Porzellan- platte verbreitet. Verkl. 7 : 5. Fig. 2. Sporenverbreitung desselben Pilzes auf der Unterlage (in der Wirkungs- richtung der Lichtstrahlen) und auf den Fensterblättchen in einem über dem Hute befindlichen geschlossenen Raum. Fig. 3. Die Fruchtkörper desselben Pilzes, zugleich mit einigen Erbsenpflanzen in Sandkulturen gezogen, haben ihre Sporen auf die Oberfläche sämtlicher Blätter der meterhohen Erbsenpflanzen verbreitet. Unter einem großen Glaszylinder ist die Bestreuung eine so ausgiebige, daß man auf den Blättern mit einem Hölzchen Striche ziehen kann, die in der Photographie mit der Lupe auf den nach oben gekehrten Blättern schwach sichtbar sind. Verkl. 5 : L Fig. 4. Zwei in der Sporenverbreitung begriffene und dabei zerfließende Hüte von Coprinus sterquilinus, auf Pferdemist in einer Glasschale kultiviert, ver- breiten ihre Sporen in den Raum eines Glaszylinders und bestreuen die ober- halb und unterhalb des Hutes befindlichen Papierscheiben. Verkl. 5 : 1. Fig. 5. Biologisches Pilzvegetationsbild auf Kuhmist. Links auf dem Bilde aus der Familie der Phycomyceten eine ganze Herde von Pilobolus crystallinus, der die Seitenflächen der über der Pilzvegetationsfläche wachsenden Pflanzenteile bewirft. Rechts aus der Klasse der Ascomyceten eine große Ascobolusform (in allen ihren Entwicklungsstadien), die ihre Sporen an die Unterseite der Blätter und anderer Pflanzenteile wirft und anklebt, und endlich als Vertreter der Basidiomyceten die noch geschlossenen Hüte des Coprinus Schroeteri, welche nach der Streckung des Stieles auch noch die Oberflächen mit ihren Sporen bestreuen. Die so mit Pilzsporen infizierten Pflanzenteile werden gefressen und die Keime gelangen in den Dünger zurück. Verkl. ca. 5 : 3. BreslaUf Pflanzenphysiologisches Institut, im November 1904. Druck von R. Nischkowsky in Breslau. Beiträ^^ zurBiolo^w der Fflonz&jz BandlXTcifl R.Fcdck.phxji SPORENBILDER AUF DER UNTERLAGE. B6iträq& zur Bwbqw der pflanzen ^ -1 -^ 2 3 BaruLKTcLflL 1 KFalck p/iot SPOREKBILDER IM RAUM. 1-5. Beitrag & zurBMogit der Pflanz tn. BandDCTafm. • 1 * 9 1 ... ■ 1 r . ^^ -.-^— <^.. RFalckphot 6 7 8 5 SPORENBILDER IN ZEITLICHER FOLGE U. BEDEUTUNG DES STIELS. BeAträxje. zur Btologi& d&r Pflanz &n. '^> Bona lIX.Taf.N. ^'' ■"^^"' ■"-3»«^ '7^ ■ "^^H w -. ^ ■9 *^ i ^.^ « RJPalckrtlwt ORIENTIERUNG DER RESUPINATEN FRUCHTKORPER DE S HiVUS S CHWAMME S . 1-4 Beiträqe^ zjjt Bioloqi& der Pfljin^&m BcLTidLIK.Taf.V. R.Ftjlck phot PRUCHTKÖRPER - ORIENTIERLINfr STIELLOSER FOLYPOREEN. Bßürdg& zurBiologw d£r PflanzeTh BandlZ.Taf.VI. 1 UfaLck pkot SPORENVERBREITUN& DER MISTBEWOHNER. Piachdem Herr Geheimrat Oscar Brefeld, durch ein ernstes Augenleiden gezwungen, im Juni dieses Jahres die Redaktion der Beiträi»e zur Biologie der Pflanzen niedergelegt hatte, übernahm ich, als sein Nachfolger im Lehr- amt, auf den Wunsch des Herrn Verlegers die Leitung. Es wird mein stetes und ernste^ Bestreben sein, die „Beiträge" im Geiste ihres großen Begründers, Ferdinand Colins, fort- zuführen und durch rege Tätigkeit für die Zeitschrift, welche vor 37 Jahren aus der Enge und dem treibenden Leben des alten Breslauer phytophysiologischen Institutes hervorging, zugleich dem Andenken des geistvollen Mannes zu dienen, der vielen und auch mir ein gütiger Freund war. Der Herr Verleger wird, wie bisher, darauf bedacht sein, die Ausstattung den steigenden Anforderungen der Zeit an- gepaßt zu halten. Ebenso wird es uns besonders angelegen sein, die für unsre Zeitschrift angenommenen Arbeiten mit tunlichster Beschleunigung zur Veröffentlichung zu bringen. Breslau, Pflanzenphysiologisches Institut, November 1907. Felix Rosen. Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Begründet von Professor Dr. Ferd. Colin, herausgegeben von Dr. Felix Rosen, Professor an der Universität Breslau. Neunter Band. Zweites Heft. Breslaa 1907. J. TJ. ICern's Verla j (Max Müller). Inhalt des zweiten Heftes. Seite Experimentelle Untersuchungen ül)cr LichtschntzeiMrichtungen an grünen Blättern. Von Kurt Baumert 83 Über den Einfluß des geotropischen und heliotropischen Reizes auf den Turgordruck in den Geweben. Von Karl Kerstan 163 Neue Untersuchungen über den Kältetod der Kartoffel. Von Arthur Apelt 215 Eirifluß der Beleuchtung auf die heliotropische Stimmung. Von Ernst P rings he im jun 263 Experimentelle Untersuchungen über Liclitschutz- einrichtungen an grünen Blättern. Von Kurt Baumert. § 1. Einleitung. JL/ie von Mez^) als „extrem atmosphärisch" bezeichneten Bromeliaceen- Formen haben in letzter Zeit mehrfach die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Besonders war es die Aufnahme tropfbar flüssigen Wassers aus der Atmo- sphäre mit Hilfe der, alle grünen Teile dieser Pflanzen bedeckenden, eigen- artigen Schuppen, die untersucht und erklärt wurde-). Auch die phylogenetische Entwicklung dieser merkwürdigen Aufnahme- trichome wurde studiert und mit ihrer Hilfe der Nachweis geführt, daß die extrem atmosphärischen Bromeliaceen-Formen, die im tropischen Amerika teils an nackten Felsen, teils in den Wipfeln vielfach während der Dürrezeit entlaubter Bäume wachsen, nicht von Arten des tiefschattigeu Urwaldes ihren Ursprung nehmen, sondern von Formen der offenen Campos ab- stammen^). Die extrem atmosphärischen Bromeliaceae sind Pflanzen, die des höchsten ,, Lichtgenusses"*) bedürfen, wie ihr Standort beweist. Dabei haben sie eine optische Eigenschaft, die allen Beobachtern aufgefallen ist: weiße Farbe. ') Mez, Physiologische Broiueliaceen-Studieii I. in Pringsh. Jahrb. f. vviss. Bot. XL. (1904) p. 158. 2) A. F. W. Seh im per, Bot. Mitt. a. d. Tropen IL (1888), p. 66 ft", auch reproduziert in Schimper, Pflanzengeogr. auf physlol. Grund!. (1898) p. 349. Mez, 1. e. p. 157-229. Steinbrink, Flora XCIV. (1905) p. 465 und in Ber. d. deutsch, bot. Ges. 20 (1902). 3) Tietze, Die Entwicklung der wasseraufnehnienden Bromeliaceen-Trichome, Inaug.-Diss. Halle 1906 p. 48. *) Wiesner versteht unter Lichtgenuß „das Verhältnis des gesamten Tages- lichtes zu jener Lichtnienge, welche eine bestimmte Pflanze, bzw. ein bestimmtes Organ einer Pflanze, auf dem natürlichen Standorte empfängt". Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Bd. IX, Heft II. 6 84 Am bekanntesten unter ihnen ist Tillandsia nsneoides, die „Barba del Palo" der spanischen Südamerikaner, welche, wie ihr Name nsneoides sagt, durch Wachstum und Aussehen aufs Lebhafteste an TJsnea barbata und andere Flechten unserer Wälder erinnert. Ganz besonders ist es die weiße Farbe, welche diese Pflanzengebilde im trockenen Zustande aufweisen, die diese sonderbare physiognomische Übereinstimmung mit Flechten bedingt. Die weiße Farbe wird bewirkt durch Zerstreuung des einfallenden Lichtes an den Membranen der wasseraufnehmenden Trichome. Sie ist nur solange vorhanden, als die Kapillarräume zwischen den Schuppenhaaren nicht mit Wasser gefüllt sind; die weiße Farbe verschwindet dagegen, genau wie dies bei unseren Flechten der Fall ist, sofort, wenn genügende Befeuchtung eintritt. „Ein kleiner Wassertropfen auf ein solches Blatt gelegt, verhält sich ganz ähnlich wie auf Fließpapier; er verschwindet in einigen Sekunden und hinterläßt einen dunklen Fleck ^)." So ist diese Eigenschaft der extrem atmosphärischen Bromeliaceae direkt bedingt durch das Vorhandensein großer Mengen von Schuppenhaaren, die das atmosphärische Wasser aufzunehmen bestimmt sind; es handelt sich also bei der Zerstreuung des Lichtes an den Membranen um eine nur sekundäre Bedeutung besitzende Eigenschaft dieser Schuppenbedeckung. T^rotzdem muß eine derartig auffallende Einrichtung für das Leben der bezeichneten Pflanzen eine gewisse und zwar nicht geringe Bedeutung haben. Die Beantwortung der Frage, wieviel des einfallenden Lichtes durch diese Schuppen zerstreut wird und welche Bedeutung die Lichtzerstreuung an dem oberflächlichen Schuppenbelag für das Leben der extrem atmosphärischen Bromeliaceen besitzt, wurde mir von Herrn Prof. Mez als Aufgabe gestellt. Ich bin Herrn Prof. Mez hierfür sowie auch für die liebenswürdige An- leitung und Unterstützung, die er mir bei den Untersuchungen selbst zuteil werden ließ, zu außerordentlichem Dank verpflichtet. Denn durch diese Fragestellung bin ich darauf aufmerksam geworden, daß eine ganze Anzahl ähnlicher Einrichtungen, die mit hoher Wahrschein- lichkeit als Lichtschutzeinrichtungen gedeutet werden können, in anderen Familien des Pflanzenreichs in der Litteratur angemerkt werden, ohne daß bisher Genaueres über die Art und vor allem über die Ergiebigkeit ihrer Wirksamkeit bekannt geworden wäre. So hat sich die Behandlung meines Themas zu einer allgemeineren Aus. führung über Lichtzerstreuung resp. Lichtreflexion an phanerogamen Laub- blättern entwickelt. Speziell habe ich es versucht, die in der (unten zusammengefaßten) Litteratur ohne experimentelle Begründung als Lichtschutzanpassungen be- schriebenen Reflex- und Zerstreuungserscheinungen an phanerogamen Laub- blättern qualitativ und quantitativ durch Versuche klarzustellen. ^) Schiiuper, A. F. W., Die epipliy tische Vegetation Amerikas. Jena 1888- p. 70. 85 Es sei jedoch besonders darauf hingewiesen, daß sich die nachfolgenden Untersuchungen über Lichtschutz nicht speziell auf die mit dem Auge wahrnehmbaren Lichtstrahlen beziehen, sondern ganz allgemein auf sämt- liche von einer Lichtquelle ausgehenden Strahlen. Historischer Teil. Theorie der Lichtschutzeinrichtungen. Die Anschauung, die sich auf die Versuche von Wolkoff^), van Tieghem-) und Reinke^) begründete, daß bei Zunahme der Beleuchtung [bis zu einem gewissen Maximum ■')] die Kohlensäurezerlegung proportional zur Intensität (Konzentration) des Lichtes steige, daß dementsprechend bei stärkster Beleuchtung die stärkste Assimilation, also die intensivste Aus- nützung des Lichtes stattfinde, wurde zuerst von Wiesner^) als auf Spezialfälle zurückzuführen nachgewiesen. Wiesner^) hat gezeigt, daß die Menge des ausnützbaren Lichtes und mit ihr der Lichtgenuß ^) der Laubblätter verschiedener Landpflanzen außerordentlich verschieden ist. Die Zahl der Pflanzen, die nach ihrer Gestaltung die Fähigkeit besitzen, das gesarate Tageslicht zu genießen, ist nach Wies n er verhältnismäßig sehr gering. Durch die Vermehrung, die Gestalt und die Lage der Organe vermindert die überwiegende Mehrzahl der Gewächse den möglichen Licht- genuß; wichtiger als das direkte Sonnenlicht ist nämlich für das Pflanzen- leben das geschwächte Sonnenlicht und besonders das diffuse Tageslicht^). Je größer die herrschende Lichtstärke ist, desto kleiner ist in der Regel der Anteil, der vom Gesamtlicht der Pflanze zugeführt wird^). Die Ab- schwächung des intensiven Sonnenlichtes wird jedoch um so geringer, je niedriger die Temperaturen sind, bei denen die Pflanze zu vegetieren ge- zwungen ist*). In ausführlichen Arbeiten haben auch Stahl') und Bert hold-) darauf 1) Wolkoff, Piingsh. Jahrb. f. wiss. Bot. 1866-67. Bd. 5 p. 12—30. 2) van Tieghem, Compt. rend. 1869, Bd. 69 p. 482. 3) Reinke, Untersuchungen über die Einwirkung des Lichtes auf die Sauerstoff- ausscheidung der Pflanzen. Bot. Ztg. 1883, 41. Jahrg. No. 42—44 p. 716, 737. *) Wiesner, J., Photometrische Untersuchungen auf pflanzenphysiol. Gebiete. 1— V. (1893-1905). Sitzber. d. Wiener Akad, Über das photochemische Klima. Denkschr. d. Wiener Akad. Bd. 64 (1896) und Bd. 67 (1898), u. ä. Arb. 5) 1. c. § 1 Anm. 4. ") ef. Pfeffer, Pflanzenphysiol. II. (1904) p. 109 u. d. daselbst angef, Lit. ■') Stahl, Über sog. Kompaßpflanzen 1881. Sep. a. d. Jenaisch. Zeitschr. f. Naturwiss. Bd. 15, N. F. Bd. 8 p. 381 ff. ^) Berthold, G., Über die Verteilung der Algen im Golf von Neapel nebst einem Verzeichnis der bisher daselbst beobachteten Arten. Mitt. a. d. zool. Stat. 6* 86 hingewiesen, daß für viele Pflanzengruppen die intensivste Beleuchtung keineswegs die vorteilhafteste ist, sondern unter Umständen direkt schädigend wirken kann. Es berührt das Thema meiner Arbeit nicht, ob die Nachteile, die durch intensive Beleuchtung bei vielen Pflanzen hervorgerufen werden , durch Schädigung der Chromatophoren oder der Protoplasten zustande kommen"); jedenfalls steht fest, daß viele Pflanzen keineswegs bei voller Sonnen- bestrahlung die Höchstmenge der Lichtausnützung erreichen, sondern herab- geminderten Lichtgenuß erstreben. Schon durch die Versuche von Detlefsen^") und Pfeffer^i) wurde nachgewiesen, daß nur eine ganz geringe Menge der zugestrahlten Sonnen- strahlen für die Assimilation zur Verwendung kommt. Den in der Kohlen- säurezersetzung nutzbar gemachten Teil berechnet Pfeffer bei Nerium Oleander zu weniger als ein Prozent der gesamten Sonnenstrahlen und auch nach Detlefsen beträgt er nur ca. 0,8%^^). Im besonderen fand Detlefsen bei Urtica dioica 0,9%, bei Asarum europaeuni 1,1%. Detlefsen kam es bei seinen Versuchen vor allem darauf an, zu zeigen, „daß die Be- wegungsenergie des von einem Blattstück durchgelassenen Sonnenlichtes, gemessen au der Erwärmung eines kleinen Thermoelements, kleiner ist, wenn das Blattstück sich in Luft befindet, die 10% Kohlensäure enthält, als wenn es in koblensäurefreier Luft ist, und daß ferner die gefundene Ver- minderung der Bewegungsenergie des Lichtes bei der Assimilation mit der oben berechneten Zahl genügend übereinstimmt". Andere Forscher i'*) dagegen betonten, daß die Menge der Sonnenstrahlen, die zur Assimilation verwendet wird, ziemlich bedeutend ist (bis 40*^/0 der Gesamtmenge der Sonnenstrahlen), und auch Linsbauer^^) gibt in einer neueren Arbeit über die Durchleuchtung von Laubblättern an, „daß ein großer Teil des auffallenden Lichtes im Blatt zurückgehalten wird", wovon er nur die Verhältnisse ausschließt, die bei sehr schief auffallenden Sonnen- strahlen und bei lackierten Blättern auftreten. zu Neapel, 1882, Bd. III. p. 393 — 536, Beiträge zur Morphologie und Piiysiologie der Meeresalgen. Pringsh. Jahrb. f. wiss. Bot. 1882 Bd. 13 p. 569—717. 9) cf. Pfeffer, 1. c. I. (1897) p. 344. ^°) Detlefsen, Die Lichtabsorption in assimilierenden Blättern. Arb. d. Bot. Inst, in Würzburg 1888 Bd. III. p. 543. 11) Pfeffer, 1. c. I. p. 331. 12) Detlefsen, I. c. p. 542 und ,, Wissen der Gegenwart", Leipzig- Prag 1887 Bd. 59 p. 133 ff. 13) Engelmann, Bot. Ztg. 1884 p. 102, 1886 p. 68, 1888 p. 689. Timirjasew, Über die Menge der nützlichen Arbeit, welche Chlorophyll leistet; Arb. d. St. Petersb. Ges. d. Natnrf. Bd. XIII., H. 1 1882 p. 9—10. (Russisch) Ref. 46 J. bot. J. 1885 Bd. XIII a. p. 21. 1*) Linsbauer, L., Untersuchungen über die Durchleuchtung von Laubblättern. Bot. G. Beihefte 10. 1901 p. 77. 87 Eine Klärung werden diese widersprechenden Angaben dadurch erhalten, daß die Verallgemeinerung der an wenigen Objekten gewonnenen Resultate eingeschränkt und die individuellen Verhältnisse mehr in den Vordergrund gestellt werden. Das verschiedene Verhalten verschiedenartiger Untersuchungsobjekte wird offenbar durch Anpassungsverhältnisse bedingt, wobei besonders die sub- mersen Wasserpflanzen sich, ihrem ganzen abweichenden Gasaustausch und ihren speziellen Erwärmungsverhältnissen entsprechend, anders zu verhalten scheinen als Landpflanzen. Für diese gelten jedenfalls die Angaben Reinkes^^) über Proportionalität von Beleuchtung und Assimilation nicht, wie ganz besonders auch aus den neuest erschienenen Arbeiten von Brown und Escombe^*^) und Blackmau und Matthaei^') hervorgeht, die durch zahlreiche Versuche nachweisen, daß die Lichtintensität, welche zur Assi- milation verwendet wird, eine zwar die Angaben von Detlefs en und Pfeffer übersteigende, aber immerhin sehr geringe und ganz konstante ist, so daß alle weiteren Strahlen, soweit sie im Blatte verbleiben, nicht auf die Assimilation, sondern auf die Verdunstungsgröße allein Einfluß besitzen. Die von Brown und Escombe zu ihren Versuchen benutzten Blätter stammten von krautigen Pflanzen, z. B. Helianthus anmms, Senecio grandi- folius, Petasites albus und officinalis, Tropaeolum majus , Polygonum Weyrichü und P. sachalinense etc. Die Versuche zeigten, daß das Blatt in der Umwandlung der Strahlen sehr verschwenderisch ist, insofern nur ein sehr kleiner Teil der einfallenden Sonnenstrahlen für die Hauptfunktion des Blattes, die Photosynthese, verbraucht wird. Selbst in sehr gemäßigtem Sonnenlicht sind die photosynthetischen Strahlen in größerer Menge ver- treten als sie das Batt gebrauchen kann; daher konnte auch die Intensität der Sonnenstrahlen auf V12 der ursprünglichen reduziert werden, ehe eine merkliche Verminderung der assimilatorischen Tätigkeit eintrat ^'^). Dadurch werden nun die bei Landpflanzen, speziell bei Arten trockener Standorte sich findenden extremen Lichtschutzeinrichtungen verständlich. Durch zahlreiche Beobachtungen und Kulturversuche, besonders in neuerer Zeit^-'), ist nämlich gezeigt worden, daß viele Pflanzen infolge äußerer Ein- 15) I. c. § 2 AniTi. 3. 'ß) Brown and Escombe, Rese.irches on soine of the physiological proccsses of green leaves with special reference to the interchange of cnergy between the leaf and its surroundings. l'ro;. of the Roy. Soc. of London, Series B. Vol. LXXVI. 1905 p. 86. ") Blackman and Miss Matthaei, Expeiiinental researcbes in vegetable assiniilation and respiration. IV. A quantitative study of carbon dioxide assimi- lation and leaf temperature in natural illumination. I'roc. of the Roy. Soc. of London. Series B. Vol. LXXVI. 1905 p. 458. 18) Brown and Escombe, 1. c. p. 86. 19) Hansgi rg, Phyllobiologie 1903 p. 17—20, 24—26, 28. 88 Wirkungen (z. B. Trockenheit, Wärme, Licht usw.) oft in kurzer Zeit ent- sprechende Anpassungserscheinungen ausbilden, die bei hinreichend stark einwirkenden äußeren Faktoren geradezu zu Schutzanpassungen werden. In den Tropen, wo infolge des intensiven Sonnenlichtes, langanhaltender Trockenheit und Regengüsse etc., diese Schutzeinrichtungen natürlich stärker hervortreten, als in unserer gemässigten Zone, sind denn auch die zahl- reichsten Beobachtungen dieser Art gemacht worden; allen diesen Be- obachtungen werden jedoch noch phylogenetische Untersuchungen und physiologische Experimente angereiht werden müssen, um noch so manches Zweifelhafte und unerklärt Gebliebene in exakter Weise zu entscheiden und zu begründen 2"). § 3. Die bisher beschriebenen Lichtschutzeinrichtungen. Von den im Pflanzenreich bekannt gewordenen Lichtschutzeinrichtungen seien genannt: 1. Die Bewegungsfähigkeit der Chlorophyllkörner. 2. Einstellung der Blätter in den Schatten anderer Organe: a) ältere Laubblätter als Lichtschutz, b) Nebenblätter als Lichtschutz, c) Blattscheiden als Lichtschutz, d) Zusammendrängung der Vegetationsorgane zu dichten Haufen, Polstern und Rasen. 3. Periodische Bewegungen der Laubblätter. 4. Meridian- (Profil-) Stellung turgescenter Blätter. 5. Profilstellnng nicht-turgescenter Blätter. 6. Einrollung, Faltung und Runzelung der Blätter. 7. Entwicklung einer glänzenden Oberfläche. 8. Dichte Haarbekleidung. 9. Ausbildung cuticularer Wachsschichten. 10. Krystallinische, salzkrustenbildende Überzüge und Kalkablagerungen. 11. Anatomische Struktur der Sonneublätter. 12. Roter Farbstofi". 13. Panachierte Blätter. 14. Zellinhaltsbestandteile. 15. Einige andere angebliche Lichtschutzeinrichtungen: Sekretion leicht flüchtiger ätherischer Öle, die Nervatur der Blätter und der die Blattflächeu bedeckende Staub. a») Hansgirg, 1. c. p. 20, 49, 476. Ursprung, Die physikalischen Eigenschaften der Laubblätter, Bibliotheca Botanica, Heft 60, Stuttgart 1903, p. 79, 112 u. a. 89 In der vorliegenden Abhandlung eine allgemeine Aufzählung und Kritik der in Frage kommenden Litteratur zu unternelimen, kann nicht beabsichtigt werden. Dagegen will ich die wichtigsten Ergebnisse der bisherigen Forschung, nach den eben angeführten 15 Gesichtspunkten geordnet, zusammenstellen, wobei ich nur auf die zuverlässigeren Publikationen zurückkomme, denn bei einer großen Anzahl der die Lichtschutzeinrichtungen behandelnden Publikationen fällt auf, daß die Fragestellung wenig exakt ist, die Resultate nur selten auf experimentellem Wege bestätigt und die Größe der ein- wirkenden Faktoren noch seltener gemessen wurde. § 4. 1. Bewegungsfähigkeit der Chlorophyllkörner. Daß durch intensives Licht die Chlorophyllkörner zerstört werden können, haben Wiesner ^) u. a. eingehend dargetau. Die photischen Orientierungen der Chloroplasten müssen daher als ein direktes Schutzmittel angesehen werden, um die Chlorophyllkörner vor dem Einfluß des zu intensiven Lichtes zu bewahren-). Die Chlorophyllkörner wandern dabei aus der Flächen- in die Profilstellung ^); es ist dieser Vorgang manchmal auch schon daran zu erkennen, daß bei der Flächenstellung das betreffende Organ lebhaft grün, bei der Profilstellung dagegen viel heller erscheint^), womit natürlich nicht die Erscheinung verwechselt werden darf, die durch partielle Zerstörung des Chlorophylls bewirkt wird. Während die Chlorophyll- körner im Schwammparenchym bei schwacher Beleuchtung Flächenstellung, bei intensiver Beleuchtung Profilstellung annehmen, zeigen die Chlorophyll- körner im Palisadenparenchym nur Profilstellung 5). In diesem Fall ist die Eigenschaft mancher unbeweglicher Chloroplasten, im Sonnenlicht sich ab- zuflachen und der Zellwand eng anzuschmiegen, im diffusen Licht dagegen sich abzurunden und halbkugelförraig in das Zelllumen hineinzuragen, vielfach vorteilhaft*^). Das parallel zur Längsachse einfallende Licht trifft im ersteren Fall die Chlorophyllkörner unter einem spitzeren Winkel und wird dadurch in seiner Wirkung geschwächt '). 1) Wiesner, J., Die natürlichen Einrichtungen zum Schutze des Chlorophylls der lebenden Pflanze. Festschr. zur Feier d. 25jälirig. Besteh, d. K. K. zool. bot. Ges. in Wien. 1876 p. 34-40. 2) Pfeffer, I. c. II. p. 779. 3) ibid. p. 780-783. *) ibid. p. 787. ^) Stahl, E., Über den Einfluß der Lichtintensität auf Struktur und Anordnung des Assiniilationsparenchynis. De Barys Bot. Ztg. Leipzig 1880. 38. Jahrgang No. 51 p. 870. 8) Stahl, E., Über den Einfluß von Richtung und Stärke der Beleuchtung auf einige Bewegungserscheinungen im Pflanzenreiche. Bot. Ztg. 1880 No. 18 — 24 p. 365. 7) cf. Pfeffer, 1. c. U. p. 784. 90 In den Tropen nehmen die Blätter mancher Gewächse, die geringerer Lichtintensität angepaßt und im Schatten von lebhaft grüner Farbe sind, im Sonnenschein eine gelbliche bis weiße Farbe an. Die in indischen Städten häufig als Alleebaum gepfianzte Pisonia alba Spanoghe, die als ein typisches Beispiel einer bezüglich des Chlorophyllschutzes unvollkommen eingerichteten Pflanze dienen kann^), zeigt an sonnigen Stellen ein durch Schädigung des Chlorophylls bewirktes, auffallend helles Gelb bis Weiß des Laubes ^). Auch bei anderen Pflanzen der Tropen wird durch das Licht häufig die Chlorophyllbildung unterdrückt^). Diese Erscheinung ist nicht mit dem längeren Hinausschieben der Chlorophyllbildung zu verwechseln, das als Schutzeinrichtung des Chlorophylls in jugendlichen Blättern zu deuten ist (z. B. Connarus vülosus)^). Von unseren einheimischen Pflanzen zeigen viele Laubhölzer, z. B.Weiden, Pappeln, Eichen usw. solche durch starke Beleuchtung hervorgerufene Verblassung; durch künstliche Abdämpfung des Lichtes ergrünen diese bleichsüchtigen Sommertriebe wieder in normaler Weise ^*'). § 5. 2. Einstellung in den Schatten anderer Organe. a) Ältere Laubblätter als Lichtschutz. Junge Vegetationsorgaue entziehen sich häufig dadurch der Wirkung eines zu intensiven Lichtes, daß sie sich in den Schlagschatten älterer Organe derselben Art stellen. Während z. B. die im diff"usen Licht lebenden krautartigen Gewächse ihre jungen Blätter direkt dem Lichte dar- bieten, bergen sich die jüngsten Blätter solcher Pflanzen, die in verhältnis- mäßig starkem Licht sich entwickelt haben, im Schatten der älteren Blätter ^). Sehr schön ist dies z. B. bei Lysiniachia Nummularia zu beobachten-). Von in den Tropen heimischen Pflanzen werden erwähnt: Uvaria pur- purea, Gossypimn und Begonla, wo die älteren Blätter ein schützendes Dach über den jüngeren bilden^). Aber auch umgekehrt kommt bei tropischen Gewächsen nicht selten der auf den ersten Blick ganz paradox erscheinende Fall vor, daß die jüngeren Blätter durch Deckung den älteren als Schutz bei der Chlorophyllbildung dienen. Dies ist dann der Fall, wenn 8) Wiesner, J., Pflanzenphysiologische Mitt. aus Buitenzorg (I. II.) Sitzber. d. k. Akad. d. Wiss. Math.-nat. Cl. Bd. CHI., Abt. I. Wien 1894 p. 34. 9) Wiesner, 1. e. p. 8—36. ^ö) Wiesner, Die natürl. Einriebt, zum Schutze etc. 1. c. p. 48. 1) Wiesner, 1. c. p. 41. 2) ibid. •) Potter, M. C, Observations on the protection of buds in the tropics. 1892. The Journ. of the Linn. Soc. vol. XXVIII. No. 195 Oct. 31, 1891 p. 343 bis 352. 91 die Chlorophyllbildiing hinausgeschoben ist, die jüngsten Organe des Licht- schutzes also weniger bedürfen als die etwas älteren, im Stadium der Er- grünung begriffenen *) . b) Nebenblätter als Lichtschutz. Auch die Nebenblätter sind imstande, unter Umständen einen ganz wesentlichen Schutz gegen grelle Lichtwirkung zu bieten. Dies ist der Fall z. B. bei Hmnulus Lnjndns, dessen blattartig ausgebildeten, die jungen Laubbiätter überragenden Nebenblätter während ihrer Funktion als Licht- dämpfer meist eine mehr oder weniger starke Zerstörung des Chlorophylls erleiden und dabei eine gelbliche oder rötliche Farbe annehmen. Werden die Nebenblätter mit der Spitze nach abwärts gekehrt und am Stamme festgebunden, so verkümmern die Laubblätter um so eher, je größer die herrschende Lichtintensität ist^). Bei vielen Papilionaceen, so z. B. bei Pisum sativum, bei Fragaria vesca etc. werden die nächst jüngeren Blätter von den Nebenblättern der älteren, bereits entwickelten Blätter bedeckt ; bei Pisum sativum werden auf diese Weise sogar ganze, mit mehreren Blättern bedeckte Sprosse in den Schatten gestellt 6). Welche hervorragende Rolle hier gerade der Lichtschutz spielt, zeigen in ähnlicher Weise wie beim Hopfen angestellte Versuche, wobei „die jüngsten, im ersten Ergrünen be- griffenen Blattorgane im Sonnenlichte verkümmern, selbst wenn die Versuchs- pflanze in einem hell erleuchteten feuchten Räume aufgestellt wird, also die schädigende Wirkung starker Verdunstung ausgeschlossen ist" ^). Bei denjenigen Pflanzen, die der Nebenblätter nicht weiter bedürfen, verwelken sie und fallen ab oder verkümmern, und sie wirken nicht als Lichtdämpfer bei Pflanzen, die andere Lichtschutzmittel besitzen (z. B. Papi- lionaceen) ^). c) Blattscheiden als Lichtschutz. An Monocotylen, bes. Gräsern, sind die chorophyllarmen Blattscheiden oft als Hchtdämpfend anzusehen; erst unter dem Schutze dieser Scheiden kommen die grünen Blätter zur Entwicklung (z. B. Phragmltes communis etc.) Werden an etiolierten Keimlingen die Scheiden entfernt und die Pflänzchen im dampfgesättigten Raum in grelles Licht gebracht, so ergrünt das erste Blatt nur schwach und erst hinter diesem entsteht ein normal ergrüntes Blatt. d) Zusammendrängung der Vegetationsorgane zu dichten Haufen, Polstern und Rasen. Ein Schutz gegen zu starke Insolation wird manchmal durch das Auf- treten polster- und rasenförmigen Wuchses erreicht, der bei Wüstenpflanzen *) Wiesner, Pflanzenpliysiol. Mitt. 1. c. p. 33- 5) Wiesner, Die iiatürl. Einriciit. 1. c p. 46—47. 6) Vgl. auch Goebel, Organographie I. (1898) p. 108—111. ■') Wiesner, Die natürl. Einriebt. 1. c. p. 47, vgl. aber aucli entgegengesetzte Angaben bei Goebel, Organographie I. (1898) p. 180, 181. ^) Wiesner, 1. c. ibid. Hansgirg, Phyllobiologie 1903 p. 462. 92 (Zilla mayagroides, Astragalus Forskalii) häufig beobachtet'') und z. B. für eine große Zahl chilenischer Gewächse der verschiedensten Familien (Cruci- feren, Caryophylleen, Oxalidaceen, Saxifragaceen, Ericaceen etc.) charak- teristisch ist^*^). In der arktischen Flora und im Hochgebirge ti'itt der Polsterwuchs als Lichtschutz häufig an die Stelle anderer Schutzmittel (z. B. allseitiger Behaarung) ^^). Bei den an sonnigen Standorten vorkommenden Moosen (z. B. Funaria hygrometrica Hedu\) schützen sich die oberen Blätter durch dichten knospenartigen Zusammenschluß, und bei Bryum argenteum L. sind die oberen Blättchen ebenfalls dichter gedrängt als die unteren, in Schattenlage stehenden. Eine wesentliche Bedeutung scheint diese Art von Lichtschutz allerdings nicht zu haben, denn trotz der Zusammendrängung wird meist so wenig Chlorophyll erhalten, daß sich die Blättchen sehr schnell verfärben ^'^). Bei buschförraig wachsenden Algen dagegen, wie Shjpocaulon, Haliserls, Rytiphlaea etc., wechselt die Dichtigkeit des Wuchses mit der veränderten Intensität der Beleuchtung innerhalb ziemlich weiter Grenzen, indem bei stärkerer Beleuchtung die im Innern verborgenen Teile begünstigt wachsen, während an den frei gelegenen Spitzen das Wachstum oft vollständig ein- gestellt werden kann ^^). Zu berücksichtigen ist jedoch bei den hier angegebenen Beobachtungen an höheren Pflanzen und Moosen, daß es nicht das Licht allein, sondern eine Summe der verschiedenartigsten Ursachen sein dürfte, welche den Polsterwuchs hervorruft. So hat Grisebach^*) den Polsterwuchs der alpinen und arktischen Gewächse zurückgeführt auf den Schneedruck, die Nötigung vegetativer Vermehrung sowie auf die Bereitstellung möglichst großer assi- milierender Flächen direkt nach der Schneeschmelze; Hansen^^) macht auf die schützende Einrichtung des Polsterwuchses gegen Winde aufmerksam, und auch unter den Schutzmitteln gegen übermäßige Transpiration wird diese Wuchsform erwähnt^''). Diese Deutungen haben mindestens die gleiche Wahrscheinlichkeit für sich wie diejenige als Lichtschutzeinrichtung, besonders 3) Volkens, Die Flora der ägyptisch-arabischen Wüste. 1887 Berlin (Gebr. Boniträger) p. 18, 42. '") Reiche, K., Über polster- und deckenförniig wachsende Pflanzen. Verb. d. Deutsch, wiss. Vereins zu Santiago. Berlin (Friedländer) 1893. H. Bd. Heft 5 und 6, p. 306 ff. ") Hansgirg, 1. c. p. 180. 12) Wiesner, Die natürl. Einriebt, etc. 1. c. p. 41. 13) Berthold, Mitt. d. Zool. Stat. Neapel, 1. c. p. 418. ") Grisebach, Die Vegetation der Erde. I. Leipzig 1872 p. 15 ff., 146. 16) Hansen, Vegetation der ostfriesischen Inseln p. 73. Flora und Vegetation des Vogelberges von Spilger, mit Vorwort von Hansen. Giessen 1903 p. 99, 100. 16) Ramme, Die wichtigsten Schutzeinrichtungen der Vegetationsorgane der Pflanzen. I. und II. Teil. 1895, 1896. Progr. des Fr. Realgym, Berlin. II, p. 12, 13. 93 wenn man bedenkt, daß bei arktischen Gewächsen ein Übermaß an Licht deswegen nicht zu fürchten ist, weil, wie Wiesner^') gezeigt hat, bei niederer Lufttemperatur eine hohe Beleuchtungsintensität sogar vorteilhaft ist. § 6. 5. Periodische Bewegungen der Laubblätter. Die unter der Wirkung verschiedener Lichtintensitäten von den Fieder- blättchen von Bohinia Pseudacacia ausgeführten periodischen Bewegungen sind schon sehr lange bekannt^), und besonders auffällig gerade an vielen Papilionaceen, Mimosaceen und Caesalpiniaceen beobachtet worden-). Die Fiederblättchen von Bohinia Pseudacacia klappen nämlich im Dunkeln nach unten zusammen (Schlafstellung), stehen im diffusen Tageslicht wagerecht ausgebreitet, also in der „fixen Lichtlage" ^), und richten sich am Tage mit steigender Lichtintensität mehr und mehr auf, bis die einfallenden Lichtsti'ahlen in einem mehr oder weniger spitzen Winkel gegen die Blatt- oberseite gerichtet sind ^), wodurch ihre Litensität bedeutend verringert wird. Hellgrüne Robinien-Blätter, die durch Drähte künstlich in horizontaler Lage festgehalten wurden, zeigten nach vier Tagen ein deutliches Verblassen, während die sich frei bewegenden Fiederblättchen ein Verblassen nicht erkennen ließen^). Dieses Resultat wnirde auch dann erzielt, wenn die Sonnenstrahlen nicht gegen die Oberseite, sondern gegen die Unterseite des Blattes und der Blättchen gelenkt waren''). Bei Oxalis wird durch eine starke diffuse Beleuchtung eine Senkung der Blättchen bewirkt). Bei Gleditscliia finden sich drei Formen von Blättern mit verschiedenem Grade von Beweglichkeit; die doppeltgefiederten an den oberen Zweigen sind am bewegungsfähigsten. Da das Zusammenfalten der Blättchen auch 1'') Wiesner, .1., Untersuchungen über den Lichtgenuß der Pflanzen im ark- tischen Gebiete. (Photometr. Unters, auf pflanzenphysiol. Gebiet., 3. Abli.) Sitzber. d. Wiener Akad. d. Wiss. Math.-nat. Gl. Abt. I. Bd. CIX. Wien 1900 p. 371 ff. ^) Pfeffer, Die periodischen Bewegungen der Blattorgane. Leipzig 1875 p. 62. ' 2) Pfeffer, Pflanzenphysiol. I. c. II. p. 488 Anm. 1, vergl. auch: Johow, F., Über die Beziehungen einiger Eigenschaften der Laubblätter zu den Standortsverhältnissen. Pringsh. Jahrb. f. wiss. Bot. 1884 p. 295. W^iesner, J., Pflanzenphysiol. Mitt. aus B. 1. c. p. 24. — An den Mimosen, an Leucadendren und Bauhinien bemerkte schon Livingstone bei seinem Auf- enthalte in Südafrika, daß sie an sehr heißen Tagen ihre Blätter zusammenfalteten. Geogr. Mitt. 1858 p. 199. 3) Wiesner versteht unter „fixer Lichtlage" diejenige Stellung der Blätter, die sie mit ihrer Oberfläche in der Regel dem difi'usen Tageslichte gegenüber ein- nehmen und die, für die Zwecke der Assimilation, die günstigste Beleuchtung darstellt. *) Pfeffer, 1. c. 11. p. 695. ^) Wiesner, Die natürl. Einriebt, etc. i. c. p. 46. 6) Pfeffer, 1. c. ibid. '') Pfeffer, Die periodischen Beweg, etc. 1. c. p. 60. 94 bei sehr starker Beleuchtung im Sommer durch die direkten Sonnenstrahlen erfolgt, so dient diese Schrägstelluug ebenfalls als Schutz vor zu starker Erwärmung *). Eine zu den einfallenden Lichtstrahlen absolut parallele Stellung der Blatttlächen ist praktisch freilich nicht möglich, da ja die Blätter keine mathematisch parallelen Blattseiten ausbilden. Die Lichtstrahlen werden daher den der Lichtquelle zugekehrten Rand des Blattes zuweilen ganz besonders tretfen, und so ist auch in der Tat, besonders an Phaseolus-Arten, eine wahrscheinlich auf obigen Ursachen beruhende auffällige Zerstörung des Chlorophylls am Rande der Blätter wahrgenommen worden-'). Besonders erwähnt wird ferner die Eigenschaft erwachsener Blätter der Gattungen Baiihinia, Schnellia, Casparea und Verwandten, sich bei inten- siver Beleuchtung um den Mittelnerven nach oben zusammenzulegen, um bei sinkender Lichtintensität sich wieder flach auszubreiten^*^). Mit der Beleuchtungsintensität hängt zusammen, daß die Laubblätter verschiedener Papilionaceen in südlichen Ländern bedeutend ansehnlichere Bewegungen ausführen als bei uns ^i), ebenso wie viele Gramineen besonders der warmen Länder durch xerotropische Bewegungen sich der Wirkung der direkten Sonnenstrahlen entziehen^-). Natürlich ist nicht zu verkennen, daß durch die Stellung der bei stärkerer Beleuchtung mit den Oberseiten {AstragaJus-, Bobinia-Arten) oder Unter- seiten (Oxalis etc.) sich berührenden Blätter auch gleichzeitig indirekt oder direkt ein Transpirationsschutz erreicht wird^^). Wenn aber ein solches Streben bestimmter Blätter, sich zur Einfalls- richtung des Lichtes annähernd parallel zu stellen, erst bei intensiver Be- leuchtung bemerkbar wird, so ist dies jedenfalls als eine zweckentsprechende Schutzeinrichtung aufzufassen ^*). § 7. 4. Meridian- (Profil-) Stellung turgescenter Blätter. Besonders bekannt als Lichtschutzeinrichtung ist die Meridianstellung der Laubblätter, die für manche Florengebiete, z. B. die Flora Australiens, so 8) Popow, L., Der physiol. Nutzen der Erscheinungen des b'chlafcs und des Wachens der Blätter. Reden und Protok. d. VI. Versamnil. russ. Naturf. und Ärzte in St. Petersburg. 20.— 30. Dez. 1879. St. Petersb. 1880 p. 31—37 (russisch). Ref. J. bot. J. Bd. 8 a 1880, Ref. 64 p. 278-280. *) Wiesner, 1. c. p. 44. «') Johow, F., 1. c. p. 296. ") Hansgirg, Pliotodynamisehe Untersuchungen. Vorl. Mitt. Ostcrr. Bot. Ztg. XL, Jahrg., Wien 1890 p. 48—53, p. 50. 12) Pariatore, E., Movimenti fogliari nelle Graminacee. S. A. aus Kendiconto della R. Ac. Bologna 1894. Ref. J. bot. J. Bd. XXII a. 1894 Ref. 110 p. 253. 'ä) Hansgirg, Phyllobiologie 1. c. p. 192. Stahl, Über die Bedeutung des Pflanzenschlafs. Vorl. Mitt. Ber. d. deutsch, bot. Ges. Bd. XIII. 1895 p. 183. 1*) Pfeffer, Pnanzenphysiologie II. 1. c. p. 686. _95 charakteristisch und die Ursache der dortigen schattenlosen Wälder ist^). Solche Profilstellung zeigen z. B. die Phyllodien der neuholländischen Acacien und die Eucalyptus -Arten ^). „Das tropische Laubblatt" — sagt Haberlandt^) — „hat weit mehr (als das der gemäßigten Vegetationsgebiete) mit der direkten Insolation zu rechnen und sich vor den nachteiligen Folgen derselben zu schützen. Es nimmt gewöhnlich eine solche Stellung an, daß die Strahlen der höher stehenden Sonne unter spitzem Winkel die Blätter treffen". Bei den sogenannten Kompaßpflanzeu Lactuca virosa, Silphium lacinia- tum, Lactuca Scariola^) etc. wird die Meridianstellung nur durch die in- tensive Mittagssonne bewirkt; daher sind die Blätter nur bei solchen Exem- plaren nach Nord und Süd gerichtet, die auf sonnigen, trockenen Standorten erwachsen sind, während an feuchten, schattigen Standorten vegetierende Pflanzen diese Stellung nicht zeigen^). Die fixe Lichtlage der Kompaßpflanzen unterscheidet sich von derjenigen aller übrigen Gewächse dadurch, daß sie nicht durch diffuses, sondern durch direktes Sonnenlicht hervorgerufen wird"). Nach dem gleichen Prinzip schützen sich die jedoch nicht als Kompaß- pflanzen zu bezeichnenden Bäume des tropischen Amerika mit schräg oder vei'tikal gestellten Laubblättern oder steil nach oben strebendem Gezweig (z. B. die Sapoteen). Steil nach oben gerichtete Blätter haben ferner Ra- venala madagascariensis, zahlreiche Liliaceen und Amaryllideen '). Bei den die Mangrove-Formation bildenden Bäumen'^), (z. B. Bhizophora Mangle, Avicennia nitida, Conocarjms erecta) werden die Blätter durch Aufwärts- krümmungen vertikal orientiert. Bei einigen Gramineen (Olyra latifolia), Bambuseen und Aroideen {Philodendron-Arten etc.) ist die Spreite vertikal abwärts gekrümmt. In der westindischen Flora kommt bei den mit einer Mittelrippe versehenen Dicotylen-Blättern (z. B. bei Bryophylhmi calycinum, Vanguieria edulis, Courowpita guinensis) die Profilstellung dadurch zustande, daß die beiden Hälften der Lamina bei den Sonnenblätteru eine umgekehrt dachförmige, keilförmige Figur bilden, während die Schattenblätter flache einheitliche Scheiben zeigen^). ') Vgl. Grisebach, Vegetation der Erde, II. Leipzig 1884 p. 195 fl" ^) Hansgi rg, 1. c. p. 142 ff. dauernde ProfilsteUung beim Eucalyptus- und Jm-Typus. ^) Haberlandt, G., Eine botanische Tropenreise. Leipzig 1893 p. 110, 111. ■') Ascherson erwähnt in seiner „Flora von Brandenburg", p. 378, daß nach Koch auch Lactuca sativa auf magerem Boden senkrechte Blattstellung zeigt und dann Lactuca Scariola sehr ähnlich sieht. ^) Stahl, Über sogenannte Konipaßpflanzen. Jenaische Ztschr. f. Natunviss. 15. Bd. N. F. Bd. 8. Jena 1881 p. 381 ff. - Zusamnienstell. d. Lit. über Konipaßpfl. bei Bay, Ch., Physiologische Fragmente ausMissouri. Botanical Garden, LKompaßpfl Botanic Gazette 1894 Bd. 19 p. 251. 6) Ramme, I. c. I. p. 20. ^) Johow, 1. c. p. 289-293. 8) Warming, Oekologie 1902 p. 315- 96 Aber nicht nur bei ungeteilten Blattspreiten kommen solche Schräg- stellungen vor, sondern auch bei gefiederten und bandförmig geteilten Blättern. Die Fiedern sind, wie die /\-förmig gebeugten Blattfiederu der Cocos- Palme, entweder dauernd nach unten zurückgeschlagen (z. B. bei Averrhoa Bilmibi (Oxalidaceae) , Eperua falcata (Caesalxnniaceae), und bilden wie Pachira aquatica bei den bandförmig geteilten Blättern einen spitzen Kegel {Jatropha incisa, Sciadophyllum-Arten), oder sie sind wie die im Querschnitt \/-förmigen Fiedern von Chrysodium vulgare schräg aufgerichtet (z.B. Bactris- Arten und Cycadeen) und bilden bei den gefingerten Blättern, wie z. B. Ce- cropia peltata, einen mit der Spitze nach unten gerichteten Kegel (Tecoma pjentapliylla, Cleome pentapliylla) ••). Dauernd herabgekrümmte und so vor intensiver Beleuchtung geschützte Spreiten besitzt z. B. Miconia officinalis'^^). Häufig stehen auch junge Blätter (z. B. Nerium Oleander) ziemlich aufrecht in der Richtung der sie tragenden Stengel; erst später bieten sie ihre Fläche den einfallenden Sonnenstrahlen dar. Ganz analog verhalten sich die rosettenförmig an- geordneten Wurzelblätter, die jungen Blätter der Gräser und vieler anderer Monocotylen ^^). Der Schutz, den diese aufrechte Stellung gewährleistet, ist auch der Grund, weshalb die jungen Blätter der Licht- und Schatteupflanzen in den Tropen im Ergrünungszustaud nur geringe Unterschiede zeigen^-). Von unseren einheimischen Pflanzen seien noch genannt: Humuliis Lupulus, Marruhium vulgare, Theshwi-Arten, Aspklium Filix mas, Geraniiim san- guineum u. a., die, wie Stahl auf den sonnigen Muschelkalkbergen Jenas zu beobachten Gelegenheit hatte, ebenfalls Vertikal- (nicht Meridian-) Stellung der Blätter zeigten. Eine Vertikalstellung der Blätter ist es auch, wenn bei Picea exelsa die Nadeln an hellen Standorten gleichmäßig rings herum von den Axen abstehen, im tiefen Schatten dagegen sich scheiteln. Beispiele für Wasserpflanzen, für die Stahl allerdings einen Schutz gegen zu starke Beleuchtung nicht für wesentlich hält, sind: Älisma Plantago, SagiUaria und die in die Luft ragenden Blätter von NympJiaea und Xelumbium ^^). Von welchem Einfluß die Profilstellung ist, das haben experimentelle Untersuchungen ^^) an den abgeplatteten Zweigen von Opuntia gelehrt, die ein Maximum der Erwärmung aufwiesen, wenn sie mit der Fläche, ein Minimum, wenn sie mit der Kante der Sonne ausgesetzt waren. ^) Jo how, 1. c. ibid. 10) Hansgirg, 1. c. p. 270 Fig. 37. 11) Wiesner, Die natiirl. Einriebt, etc. 1. c. p. 44. 12) Wiesner, Pflanzenphysiol. Mitt. etc. 1. c. p. 35. 13) Stahl, E., Über den Einfluß des sonnigen oder schattigen Standortes auf die Ausbildung der Laubblätter. Jenaische Ztschr. f. Naturvv. 16. Bd. N. ¥. Bd. IX. Jena 1882 p. 187—192. 1*) Passer ini, N., Sullo sviluppo di calore in alcune piante e sulia temperatura che assuniono gli organi vegetali durante la insoiazione. Nuovo giornale bot. it., nuova Serie Memor. dell. Soc. bot. it. Firenze VIII. 1901 p. 64 — 74. 97 § 8. 5. Profilstellung nicht turgescenter Blätter. Eine der merkwürdigsten Liclitscliutzeinrichtungen stellt die Erscheinung dar, daß bei manchen Pflanzen feuchttropischer Gebiete die Blätter lange einen Zustand geminderten Turgors behalten und dadurch befähigt sind, vertikal herabzuhängen; das intensive Zenithlicht geht dadurch an diesen Blättern vorbei oder tritt nur sehr geschwächt in sie ein. Ein weiterer Schutz kommt häufig noch hinzu: daß nämlich die Chlorophyllbildung weit hinausgeschoben wird (z, B. Ämherstia nohüis , Cynometra, Theobroma Cacao u. a.) ^). An sonnigen Standorten hängen die ungeheuren Blattspreiten von 3fiisa paradisiaca und sapientum zu beiden Seiten des Mittelnerven schlaff nach unten; im Schatten dagegen sind sie straff ausgebreitet 2). Einige Anthurium - Arten endlich, Flatycerium u. a. verharren mit ihren Blattspreiten zeitlebens in der Hängelage •^). Aber nicht nur Blätter, sondern ganze Zweige bleiben oft lange Zeit turgorlos und hängen dann senkrecht herab ^); die jungen Triebe und Blätter der Caesalpiniaceen, die nach Keeble sämtlich schattenliebend sind, schützen sich so gegen direktes Sonnenlicht und gegen zu starke Trans- piration s). Dagegen kommt Stahl *^), im Gegensatz zu Keeble, zu dem Schluß, daß die Hängelage junger Blätter lediglich eine Anpassung an starke Regengüsse sei, die in den Tropen fast immer senkrecht niedergingen und so die in gleicher Richtung hängenden jungen Blätter durch Zerreißung wenig gefährden könnten '). Von bei uns vorkommenden Pflanzen seien noch genannt: Aesculus Hippocastanum, mit in der Jugend herabhängenden Blättchen und die an die oben erwähnten Hängezweige erinnernden jungen, herabgekrümmten Triebe von Gorylus avellana und Tilia parvifolia^). § 9- 6. Einrollung, Faltung und Runzelung der Blätter. Unter dem Einfluß einer starken, grellen Beleuchtung rollen sich bei vielen Pflanzen die Blattränder derart ein, daß sich die dichtbehaarte Unterseite 1) W i e s n e r , Pflanzenphysiol. Mitt. aus B. etc. 1. c. p. 25 — 30, vgl. auch W i e s n e r, Beobachtungen über Einiiclitungen zum Schutze d. Chlorophylls tropischer Gewächse. Sitzber. d. Wiener Akad. d. Wiss. Math. nat. CI. Abt. I, Bd. CHI. 1894 p. 22—36. 2) Johow, 1. c. p. 293. — Es sei hier auch hingewiesen auf den Mangifera- Typus der Hängeblätter: Hansgirg, 1. c. p. 130, vgl. auch Stahl, E., Regenfall und Blattgestalt. Ein Beitrag zur Pflanzenbiologie. Ann. du Jardin Bot. de Buitenzorg. Vol. XI. 1893 p. 142-144. 3) Stahl, I. c. p. 150—151. *) ibid. p. 144 fl. ^) Keeble, F. W., The hanging foliage of certain tropical trees. Ann. of Bot. IX. 1895 p. 59—93. 6) Stahl, 1. c. p. 149. 7) iijid, p. 150. 8) Stahl, 1. c. p. 145. 98 nach oben wendet und die meist kahle oder schwach behaarte Oberseite dadurch gut geschützt wird. Einige Leguminosen (z. B. Coclidium- Arten) mit durch Aufrollung des Randes oberseits konkaven Blättern schützen so durch eine Torsion um die Längsachse die Oberseite fast ganz vor direkter Insolation; das gleiche gilt von vielen anderen Blättern des sogenannten RoUblätter-Typus ^). Natürlich dient dieses Verhalten der Blätter vor allem auch zur Regulierung der Transpiration, wie denn überhaupt Licht- und Transpirationsschutz meist schwer voneinander zu trennen sind'-). Die jungen, vertikal herabhängenden Blätter von Bauhinia Vahlii scheinen infolge eines am Blattrande befindlichen Haarwulstes wie zu einem Sacke verwachsen zu sein; durch diese dichte Verbindung der Blatthälften kann kein Licht auf die Oberseite des Blattes gelangen; die dem Licht aus- gesetzten Unterseiten aber sind mit einem als Lichtdämpfer wirkenden Haarüberzug versehen. Ein anderes Beispiel für ähnliches Verhalten ist Ämherstia, wo die Blatthälften infolge Adhäsion aneinander haften 3). Von Pflanzen mit muldenförmig ausgebildeten Sonnenblättern seien genannt die Euphorbiaceen Huia crepitans und Jatroiilia Ciircas; liegt dagegen die lusertionsstelle an einem mittleren Punkte der Lamina, ist also strahlige Nervatur vorhanden, so stellen häufig die Sonuenblätter einen nach oben erweiterten Trichter dar (z. B. die Begonien), Bei Blättern mit regel- mäßig fiederförmiger Nervatur ist die von zwei Seitennerven eingeschlossene Blattsubstanz bei Sonnenblättern nach oben konvex gewölbt, bei Schatten- blättern straft' ausgespannt (z. B. Psidmm Guava, Hamelia patens, Ana' cardium occidentale)'^). Auch junge Blätter schützen ihr Chlorophyll vor starkem Lichteinfluß durch verschiedenartige Faltung und Einrollung (z. B. Hieraciiim pilosella, Maranta)^). Von Wasserpflanzen erwähne ich nur Salvinia auriculata mit kahn- förmigen Schwimmblättern als Schutz vor zu starker Beleuchtung''). Lichtschutz wird auch bisweilen dadurch erzielt, daß das Blatt in parallele Falten gelegt wird, wie dies bei einigen breitblättrigen Gramineen recht auffällig hervortritt: die Quersclniittsfigur des Blattes von Panicum siilcatum ist an sonnigen Standorten eine steil gebrochene Linie [/\/\/\/^\ij im tiefen Schatten eine annähernde gerade [^.----'^-^]. Die Fächerpalmen entfalten ihre Fächerblätter weit geringer im direkten Sonnenlicht als im Schatten*). 1) Hansgirg, 1. c. p. 162, 163. 2) Schimper, A. F. W., Über Schutzmittel des Laubes gegen Transpiration, besonders in der Flora Javas. Sitzber. d. Königl. preuß. Akad. d. Wiss. Berlin 1890 p. 1062. 3) Wiesner, Pflanzenphysiol. Mitt. aus B. 1. c. p. 29. *) Johow, 1. c. p. 292—294. ß) Wiesner, Die natüri. Einriebt, etc. 1. c. p. 43. 6) Goebel, K., Organographie der Pflanzen. Jena (G. Fischer) 1898—1901 p. 541, vgl. daselbst auch P'ig. 354. 99 Durch die Beugungen und Faltungen einzelner Areale der grünen Blatt- spreiten wird also dasselbe wie durch die Profilstellung der ganzen Blatt- flächen erreicht. Es sei darum zum Schluß der Salvia-Tyi^ns der Runzel- blätter erwähnt: Infolge der Runzelung der Blattfläche wird das direkte Sonnenlicht teils zurückgeworfen, teils gebrochen. Salvia-Arten schattiger oder feuchter Standorte besitzen fast glatte oder sehr schwach runzelige Schattenblätter '). Ganz außerordentlich gekräuselte, runzelige Blätter weisen Heliotropium indicum und StacliytarpJia cayennensis auf, zwei gemeine Unkräuter an dürren und beständig besonnten Standorten auf Dominica"). Andererseits wurde von StahP) darauf aufmerksam gemacht, daß eine durch Unebenheiten bedingte matte Obei*flächenbeschatfenheit für die Ab- sorption der diffusen Strahlung sehr geeignet sein kann. Das über die Blattaderung emporgehobene Assimilationsparenchym nützt auch die schief zur Blattfläche einfallenden Strahlen aus. Bei Begonia imperialis z. B. drängt sich das grüne Gewebe über die Ebene der Spreite empor und er- möglicht so eine Ausnützung des seitlich einfallenden Lichtes, wie sie bei ebenflächigen Spreiten ausgeschlossen ist. § 10. 7. Entwickelung einer glänzenden Oberfläche. „Das milde, durchscheinende Licht, welches unsere heimischen Bäume und Sträucher häufig so reizvoll erscheinen läßt", gibt uns keine rechte Vorstellung von der außerordentlichen Bedeutung glänzender Blattobei-flächen. In den Tropen dagegen sind die das intensive Sonnenlicht reflektierenden Blätter, die dadurch aussehen, als wären sie „aus grünlackiertem Blech" hergestellt, sehr häufig. «Die zahllosen Glanzlichter, welche das (tropische) Laubwerk widerstrahlt, blitzen auf dem dunklen Untergrunde um so heller auf; dieser starke Konstrast hat nicht selten für das an die sanften Helligkeits- abstufungen unserer heimischen Belaubung gewöhnte Auge etwas Beleidigendes ; es erschwert dem Landschaftsmaler seine Aufgabe und bringt den Photo- graphen in Verzweiflung^)." Viele ausdauernde Blätter sind daher mit einer stark glänzenden Ober- haut versehen, wie z. B. die sog. Lederblätter 2), deren Chlorophyll dem Lichte mehrere Vegetationsperioden hindurch ausgesetzt ist. Dem Mangel 7) Hansgi rg, 1. c. p. 170, 171. 8) Joliow, 1. c. p. 292—294. 8) Stahl, Über bunte Laubblätter. Ein Beitrag zur Pflanzenbiol. II. 1896. Extr. des Ann. du Jard. Bot. de Buitenzorg. Vol. XIII. 2., p. 137—216; p. 208. *) Haberlandt, G., Eine botanische Tropenreise. Leipzig (Engelmann) 1893 p. 105. 2) Hansgirg, 1. c. p. 134. Beiträge zur Biologie der PflanzeD, Bd. IX, Heft II. 7 100 einer als Lichtreflektor wirkenden Cuticularschicht ist es vielleicht auch zu- zuschreiben, daß die jungen Nadeln vieler Koniferen an sonnigen Standorten oft schwer ergrünen ^). Die Wirkung solcher glänzenden Culicularschichten kann noch verstärkt werden durch die meist aus einem Gemenge von Schleim und Harz be- stehenden, firnisartigen Überzüge auf der Blattoberseite. Volkens*), der die Bedeutung der das Licht stark reflektierenden Lackierung ^) allerdings nur in einer Einschränkung der Transpiration sieht, führt zahlreiche Bei- spiele von Xerophyten und Wüstenpflanzen aus den verschiedensten Familien an. Die Laubblätter besonders vieler Kompositen sind durch eine die Licht- und Wärmestrahlen reflektierende glänzende Firnisdecke vor intensiver In- solation geschützt''). Hingewiesen sei ferner auf den Escallotiia-Typus der lackierten Blätter ''). Interessant ist es, daß oft ein Schutzmittel das andere mehr oder weniger entbehrlich macht; so konnte Arcangeli^) beobachten, daß Larrea divari- cata Cav. in weit schwächerem Grade eine Kompaßpflanze ist als Larrea cuneifolia Cav. ; Larrea divaricata Cav. hatte nämlich lackierte Blätter. Weitere interessante Einrichtungen, die sich auf den Lichtschutz chlorophyllführender Organe beziehen, beschreibt Hassak^), der die silber- weiße, oft von hellem, metallischem Glanz begleitete Färbung vieler Blätter, die nicht chlorotisch sind, sondern in ihrem Assimilationsgewebe überall reichlich Chlorophyll enthalten, als Folge einer totalen Reflexion des Lichtes an ausgedehnten flachen Lufträumen nachweist, welche sich zwischen der farblosen Epidermis und den grünen Gewebeschichten parallel zur Ober- fläche erstrecken. Gleichfalls müssen erwähnt werden Untersuchungen von Lanza^*^), die sich auf fleischige Xerophyten aus der Gruppe der Aloineen beziehen. Hier werden weißlich glänzende, stark hervortretende Emergenzen (z. B. bei Haworthia und Gasteria), sowie durchscheinende, leistenartige Blattränder vieler Aloe-Arien als Lichtschutzeinrichtungen gedeutet. Ihre weiße Farbe und ihr Glanz reflektieren die Sonnenstrahlen, während die Luft im Innern 3) Wiesner, Die natürl. Einrieht, etc. 1. c. p. 42. *) Volkens, G., Über Pflanzen mit lackierten Blättern. Ber. d. dentsch. bot. Ges. 1890, Bd. VIII. p. 120—140. ^) Linsbauer, 1. c. p. 86. «) Hansgirg, 1. c. p. 302, 303 ff. T) Hansgirg, 1. c. p. 174, 175. ^) Arcangeli, G., Sopra alcune piante della Republica Argentina. Bulietino della Soc. bot. italiana. Firenze 1894 p. 39, 40. ^) Hassak, C, Untersuchungen über den anatomischen Bau bunter Laubblätter, nebst einigen Bemerkungen, betreffend die physiol. Bedeutung der Buntfärb, der- selben. Bot. C. 1886, Bd. XXVIII. No. 42—52, p. 245, 340. ^^) Lanza, D., La struttura delle foglie nelle Aloinee ed i suoi rapporti con ia sistematica. Malpighia, Genova IV. 1890, p. 145—167, Ref. Journ. de Bot. 1890, p. LXXIII-LXXV. 101 der Intercellularräume die Wärmewirkung schwächt. Durcli Kulturversuche hat Lanza nachgewiesen, daß diese Bildungen als Anpassungen an die intensive Insolation angesehen werden müssen. § 11- 8. Dichte Haarbekleidung. Als erster hat Wies n er ^) darauf hingewiesen, daß der auf der Ober- seite junger Blätter von Tiissilago Farfara auftretende Haarfilz als Licht- dämpfer wirkt; wird der Haarüberzug entfernt, so erblassen die Blätter im Sonnenlicht merklich, auch wenn durch einen Glassturz die Transpiration eingeschränkt wird. Nach der vollen Entwicklung der Blätter wird später die Haarbedeckung abgeworfen. Die wolligen und ähnlichen Deckhaar- Uberzüge -) der Laubblätter übernehmen häufig die Rolle von Sonnenschirmen und Lichtdämpfern, auch Transpirationsregulatoren und finden sich deshalb am häufigsten in den der Trockenheit und Sonnenglut zeitweise stark aus- gesetzten Gebieten^). Natürlich ist die dichte Haarbekleidung auch ganz besonders gut dazu geeignet, die in heißen Gebieten (z. B. im kontinentalen Australien) bisweilen ganz bedeutenden Temperaturschwankungen (zwischen 4*^ und 43'' C) zu mäßigen*). Besonders reich an Pflanzen mit dicht behaarten Blättern ist die Flora des Mittelländischen Meeres; die grauweiße filzige Behaarung ist hier so allgemein verbreitet, daß sie dem ganzen Vegetationsbilde einen eigenartigen, fast monotonen Charakter verleiht 5). Daß die Haarbedeckung „sicher weitaus den größten Teil des auffallenden Lichtes" reflektiert, darauf weist auch Rein ke'') bei der Besprechung über die natürliche Farbe grüner Blätter hin. Bei einer überaus großen Zahl von Pflanzen sind die sich entfaltenden Laubblätter bloß in der Jugend behaart resp. durch einen Lichtschirm gegen schädliche Insolation geschützt ''). So wird auch der durch den knospen- artigen Zusammenschluß dicht geschlossene Trichomschopf der jungen Farn- wedel als eine Lichtschutzeinrichtung aufgefaßt "*). Selbst Blätter, bei denen 1) Wiesner, Die natürl. Einriebt, etc. 1. e. p. 42. 2) Vgl. Hansgirg, 1. c. p. 179. '^) Meigen, Fr., Biologische Beobachtungen aus d. Flora Santiagos in Chile. Trockenschutzeinricbtungen. Engl. bot. Jahrb. 18. Bd. 1894 p. 410. *} Tschirch, Über einige Beziehungen des anatomischen Baues der Assimi- lationsorgane zu Klima und Standort. Linnaea N. F. Bd. IX. Berlin 1880—82 p. 152, 153; vgl. auch Ursprung, 1. c. p. 112. ^) Ramme, 1. c. I. p. 12. ^) Reinke, J., Die optischen Eigenschaften der grünen Gewebe und ihre Be- ziehungen zur Assimilation des Kohlenstofis. Ber. d. deutsch, bot. Ges. Bd. 1. 1883 p. 412. '') Hansgirg, 1. c. p. 178. 8) Goebeler, E., Die Schutzvorrichtungen am Stammscheitel der Farne. Flora oder allg. bot. Ztg. Regensburg 1886 No. 29—31. 69. Jahrg. p, 496. 7* 102 kein besonderes Bedürfnis nach Schutz gegen Verdunstung vorhanden ist^), sind bisweilen durch dichte Behaarung vor intensiver Insolation gut geschützt, (z. B. Salvinia oblongifolia und Salvmia Sprucei)^^). Auf die Bedeutung der haarartigen Organe bei Meeresalgen als Schutzeinrichtung gegen hohe Licht- intensität hat Berthold zuerst hingewiesen^^); die Ausbildung der Haare ist hier vom Licht direkt abhängig ^2). Im übrigen kommen auch den Haar- bildungen mehrere biologische Funktionen zu, die sämtlich anzuführen hier nicht der Ort ist^^). § 12. 9. Ausbildung cuticularer Wachsschichten. Die epidermalen Wachsbedeckungen an Vegetationsorganen können aus Körnchen (z. B. Gramineen, Liliaceen, Iridaceen), Stäbchen (z. B. Saccharum officinarum, Musa, Strelüzia) oder aus Krusten (Thuja, Sempervivum) be- stehen ^) und wirken genau wie die Haarbedeckungen auch als Lichtdämpfer oder Reflektoren 2). In der ägyptisch-arabischen Wüste, von deren Klima Volkens sagt: „Bei dem fast wolkenlosen Himmel umflutet uns beständig eine Lichtfülle, welche das Auge blendet; alles scheint in einem Meer von Licht zu schwimmen", fanden sich dementsprechend auch an den Vege- tationsorganen „fast durchgehends fahle grau-weißliche, durch Wachs- oder Haarbedeckung hervorgerufene Farbentöne ^)". Häufig befindet sich bei bereiften, mit dünnen Wachsüberzügen versehenen Blättern die Blattspreite auch noch in der vertikalen Stellung (z. B. Solanum glaucum, Nicotiana glauca, Lyciuni-Arten, Grabowskia boerhaviaefolia u. a.)^). Bemerkenswert ist auch, daß die horizontalen Blätter von Eucalyptus globulus mit Wachs bedeckt, die älteren vertikal gestellten wachsfrei sind^). Jedenfalls dürften auch dünne Wachsschichten (z. B. Cerinthe, Salix- Arten etc.) und temporär auftretende papillöse Überzüge (z. B. Chenopodium) lichtdämpfend wirken *'). Wachsüberzüge in Verbindung mit anderen zum Teil bereits besprochenen Schutzeinrichtungen sind außerordentlich zahlreich und häufig beobachtet worden. Über die weitere mannigfaltige Bedeutung der Wachsüberzüge vgl. Hansgirg {Hoya-Ty^us der Wachsblätter)'). *) Hansgirg, 1. c. p. 81. ^*') Hansgirg, 1. c. p. 74. ") Berthold, G., Beiträge zur Morphol. etc. 1. c, Pringsh. Jahrb. 1882 p. 675 ff. »2) Berthold, G., Mitt. d. zool. Stat. I. c. p. 419, 420. 18) Hansgirg, 1. c. p, 39 ff. 179. 1) Ramme, 1. c. II, p. 11. 2) Reinke, 1. c. p, 410. 8) Volkens, 1. c. p. 15, 18. ■*) Hansgirg, 1. c. p. 317. 5) Briosi, G., Intorno all' anatomia delle foglie dell' Eucalyptus globulus Lab. Atti deir Istit. botan. dell' Univ. di Pavia, IL 2. Milano 1891 Ref. in Bot. C. XLIX. 1892 p. 317-320. ") Wiesner, Die natürl. Einricht. etc. 1. c. p. 43. '') Hansgirg, 1. c. p. 175 ff. 103 § 13. 10. Krystallinische, salzkrustenbildende Überzüge und Kalkablagerungen. Salzkrustenbildende Überzüge sind auf den Blättern von Pflanzen im allgemeinen nicht häufig {Reaumuria hirfella, Statice aphylla, Cressa cretica, Tamarix-Arten, Frankenia pulverulenta u. a.)^)- Besonders auffällig sind diese Überzüge bei Beaumuria kirtella, wo sie eine körnige, weißliche, aus Chlornatrium, Magnesium- und Calcium-Verbindungen bestehende Bedeckung bilden-). Der Beaumuria hirtella nahe verwandt ist Tamarix articulata Vahl., eine Pflanze, die nur in der Nähe der Flüsse vorkommt: „Das Gebüsch (dieser Tamarix articulata Vahl.) glänzt in der Sonne wie der weiße Sand" 3). Die Salzkruste verringert durch die weiße Farbe die Insolationswirkung; sie bildet einen schlechten Wärmeleiter*). Nach Volkens^) ist allerdings die Schutzvorrichtung in Form der Salzdecke höchst unrationell, da das Salz ungleich aufliegt und lockere Massen bildet. Die hauptsächlichste Be- deutung dürfte natürlich in der durch die hygroskopischen Salze ziemlich ansehnlichen Ansammlung atmosphärischen Wassers liegen, das, wie Volkens^) bestätigt, von den Pflanzen tatsächlich verbraucht wird. Eine bei Algen sehr verbreitete Lichtschutzeinrichtung ist die Ablagerung von kohlensaurem Kalk auf der Oberfläche der Thallome oder auch innerhalb der Membranen selbst ''). Die Kalkmassen stehen in unmittelbarer Beziehung zur Beleuchtungsintensität, d. h. die Menge des abgelagerten Kalkes wächst mit der Stärke der Beleuchtung (z. B. Corallina mediterranea, C. ruhens, Acetahularia, Padina)\ auch sind die im intensiven Lichte vegetierenden Exemplare rein weiß gefärbt, während im Schatten die Corallina- Arten wieder rot werden und Padina und Acetahularia nur äußerst wenig Kalk ablagern ^). § 14. 11. Anatomische Struktur der Sonnenblätter. Die Palisadenzellen stellen die für starkes Licht, die flachen Zellen des Schwammparenchyms dagegen die für geringe Lichtintensitäten angemessene ') Volkens, Die Flora der ägyptisch, etc. I. c. p. 30. 2) Volkens, 1. c. p. 27, 28. 3) ibid. p. 320. *) Marloth, R., Zur Bedeutung der salzabscheidenden Drüsen der Tamaris- cineen. Ber. d. deutsch, bot. Ges. Bd. V. 1887 p. 322. ^) Volkens, G., Zu Marloths Aufsatz „Über die Bedeutung der salzab- scheidenden Drüsen der Tamariscineen". Ber. d. deutsch, bot. Ges. Bd. V. 1887 p. 436« ' ^) Volkens, G., Die Flora der ägyptisch-arab. etc. 1. c. p. 29. 7) Berthold, Pringsh. Jahrb. 1. c. p. 710. 8) ibid. Mitt. d. zool. Stat. Neapel 1, c. p. 418, 419. 104 Zellform dar ^). Das typische Beispiel hierfür ist Fagus silvatica, die Buche, deren Sonnenblätter dreimal dicker sein können als die Schattenblätter 2). Die Schattenblätter sind jedenfalls in den meisten Fällen durchsichtiger als die zugehörigen Sonnenblätter^), wodurch das Grundgewebe dem Lichte besser zugänglich gemacht wird ^) ; die dickeren Sonnenblätter aber besitzen überdies noch die bereits erörterte, für intensives Licht vorteilhafte Ein- richtung, daß durch ihre Palisadenzellen die Chlorophyllköruer dauernd in Profilstellung gebracht werden^). Bei vertikal stehenden Blättern tritt das Palisadenparenchym auf beiden Seiten des Blattes auf, bei horizontal stehenden nur oberseits''). Die Kompaßpflanze Lactiica Scariola bildet im Dunkeln kein Palisadenparenchym^). — Unter den Tropenpflanzen fand Johow*) Sonnen- und Schattenblätter in besonders typischer und prägnanter Ausbildung; auch konnte er in einigen Fällen, z. B. bei den steil aufwärts gerichteten Blättern von Bromelia karatas, die Entdeckung Picks bestätigen, daß bei vertikal oder schräg gestellten Assimilationsorganen die Palisaden- zellen mit der Längsachse in der Richtung des einfallenden Lichtes, also schräg gegen die Oberfläche des Organs gestellt sind*). Stärkere Aus- bildung des Palisadengewebes und Hypoderms zeigen auch die süd- europäischen Tannenformen (z. B. Ahies Finsapo) als Anpassung an ihre sonnigere trockenere Heimat''). Auf den Unterschied der Sonnen- und Schattenblätter bei Farnen, denen im allgemeinen nur typisches Schwammparenchym zukommt, hat zuerst Petersohn ^'') aufmerksam gemacht; Flatycerium alcicorne, Aspidium sep- tentrionale ^^) und Chrysodium vulgare auf Trinidad zeigten an sonnigen Standorten ein deutliches Palisadengewebe entwickelt i-). ') Stahl, E., Über den P^influß der Lichtintensität auf Struktur ii. Anordn. etc. 1. c. Bot. Ztg. 1880 p. 871; vgl. auch: Stahl, E., Über den Einfluß des sonnigen etc. i. c. p. 171. 2) Stahl, E., Über den Einfluß des sonnigen oder schattigen etc. 1. c. Jenaische Ztschr. 1882 p. 167, 168, Abbild. Taf. X Fig. 1 u. 2; vgl. auch: Über den Einfl. der Lichtintensit. auf Struktur etc. 1. c. Bot. Ztg. 1880 p. 872. 3) Lins bau er, 1. c. p. 67 ft". *) Areschoug, F. W. C, Über die physiologischen Leistungen und die Ent- wicklung des Grundgewebes des Blattes. Acta Universitatis Lundensis. Lunds Univ. Arsskrift. Tom. XXXIIL Lund 1897 p. 9. 5) 1. c. p. 10. ß) Grosglick, S., Über den Einfluß des Lichtes auf die Entwicklung des Assi- milationsgewebes. Bot. Zentralbl. No. 51, 1884 XX. Bd. p. 377. ">) Stahl, Jenaische Ztschr. 1882 I. c p. 170. 8) Johow, 1. c. p. 298. 9) Stahl, 1. c. p. 191. 1°) Peter söhn, Undersökning one de inhemska ormbunkarnes bladbyggnad. Akad. Diss. Lund 1889 p. 15—18. ") Areschoug, F. W. C, 1. c. p. 10. M) Johow, I. c. p. 298. 105 Der Dimorphismus der Eucahj2}tmh\ätter ist mehrfach untersucht worden ^^), und auf die Sonnen- und Schattenformen der Flechten und Moose hat besonders Stahn"*) hingewiesen. Von Imbricaria physodes z. B. sagt Stahl: „Die gedrungen wachsenden Tlialluslappen der Sonnenform sind schmäler, ihre Oberfläche glatter und glänzender als bei den mehr aus- gebreiteten, dem Substrat flach angeschmiegten Lacinien der Schattenform. An sonnigen Standorten fand ich das Laub etwa doppelt so dick als bei den Schattenexemplaren" ; ebenso war das Laub von Lebermoosen, z. B. Marchantia jjolijmorpha. bei der Schattenform viel dünner als bei Pflanzen, die mehr in der Sonne gewachsen waren ^5). Unter den Algen zeigen z. B. die Thallome der Chylocladien je nach der Intensität der Beleuchtung einen verschiedenen Bau. An den frei exponierten Trieben (z. B. Chylocladia kaliformis) sind die großen inneren Zellen auf der Aussenseite fast vollständig von kleineren Tochterzellen bedeckt, während bei den inneren Trieben diese Tochterzellen nur in geringerer Zahl ausgebildet sind; der größte Teil der inneren Zellen ist vielmehr direkt dem Lichte ausgesetzt ^''j. Stärker beleuchtete Teile und die Oberseite kriechender Achsen sind dicker und zeigen ihre pheripherischen Zellen mehr in Profilstellung und gegen die Oberfläche verlängert; die Unterseiten resp. schwächer beleuchtete Teile besitzen parallel der Ober- fläche vergrößerte Zellen^'). Wie andere zum Teil bereits besprochene Schutzeinrichtungen sind auch die Palisadenzellen der Sonnenblätter nicht nur als eine Anpassung an die Beleuchtung gedeutet worden, sondern auch als ein Mittel, die Transpiration herabzusetzen^'^), resp. als ein Ausgleich gegen die Folgen starker Trans- piration, da die langgestreckte Gestalt der Palisadenzellen für rasche Wasser- versorgung sehr geeignet ist ^''j. Ganz abgesehen von der Beleuchtung fand Schimper-*') eine starke Entwicklung des Palisadenparenchyms bei er- 18) Magnus, P., Über Eucalyptus globuliis. XXIX. Sitz. v. 17. XII. 1875. Verh. des bot. Vereins der Prov. Brandenburg. 18. Jahrg. Berlin 1876, Sitzber. p. 20 m Leclerc du Sab Ion, Sur la syinetrle foliaire chez les Eucalyptus et quelques autres plantes. Revue generale de Bot. 2. 1890 p. 337 — 340. Briosi, G., Ricerche intorno all' anatomia delle foglie delT Eucalyptus globulus Lab. Milane 1891. Ref. Bot. C. XLIX. Bd. 1892. 13. Jahrg. p. 317—320 u. a. ") Stahl, E., Jenaische Zeitschr. 16. Bd. 1882 1. c p. 186. J-5) ibid. p. 172—173. 1«) Berthold, Pringsh. Jahrb. 1. c. p. 690. ") ibid. Mitt. d. zool. Stat. 1. c. p. 418. 18) Areschoug, 1. c. p. 14 — 18; vgl. auch: Areschoug, Der Einfluß des Klimas auf die innere Organisation der Pflanzen. Engl. bot. Jahrb. II. 1882 p. .520. 1^) Schimper, A. F. W., Über Schutzmittel des Laubes gegen Transpiration bes. in der Flora Javas. Sitzber. d. königl. preuß. Akad. d. Wiss. zu Berlin. Jahrg. 1890. XXXIX. XL. p. 1048. 20) Schimper, 1. c. p. 1060, 1061. 106 Schwerter Wasserversorgung als Regel bei Blättern vieler, im Schatten wachsender, immergrüner Gewächse (z. B. Vaccinium Vitis idaea)"^). Zum Schluß sei noch erwähnt, daß Heinricher ^2) und Volkens^^), der unter den Pflanzen der ägyptisch- arabischen Wüste „fast ausnahmslos" den isolateralen Blattbau fand, die Ansicht vertreten, daß die Palisadenzellen resp. isolateraler Blattbau und Vertikalstellung ein Mittel sind, „die Energie des Sonnenlichtes zum Zwecke der Assimilation in bestmöglichster Weise auszunützen", obgleich Volkens selbst an anderer Stelle wieder behauptet, daß „die Lichtstärke in der Wüste enorm groß" sei 2^). § 15. 12. Farbstoff. Ich kann es hier nicht unternehmen, mich in eine Diskussion der außer- ordentlich umfangreichen Litteratur über Vorkommen, Entstehung und die Ansichten über die Bedeutung des roten Farbstoffes als Lichtschutz ein- zulassen. Ich verweise deshalb auf die Besprechung, die Ursprung^) dem roten Farbstoff widmet und auf die daselbst angeführte einschlägige Literatur. Im großen und ganzen herrschen zwei extreme Ansichten über die Be- deutung des roten Farbstoff"es: einmal wird er (von Ewart, Hassak, Keeble, Kerner, Pick u. a.) als ein Schutzmittel gegen die schädliche Wirkung des Lichtes angesehen; nach den Untersuchungen anderer Forscher (Stahl, Kny u. a.) dagegen gilt er als ein strahlenabsorbierendes Mittel, das, gerade im Gegensatz zu der ersten Ansicht, eine stärkere Erwärmung der den roten Farbstoff führenden Pflanzenorgane herbeiführen soll. Trotz dieser diametral gegenüberstehenden Meinungen ist eine Vertändigung jedoch möglich, wenn man nicht, wie bisher, die an bestimmten Untersuchungs- objekten gewonnenen Resultate verallgemeinern, sondern auf die Spezialfälle beschränken wollte. Dazu rät auch folgende Überlegung: „Ein rein rotes Blatt läßt nur die roten Strahlen, ein rein grünes Blatt nur die grünen Strahlen durch. Da die roten Strahlen mehr Wärme führen als die grünen, so wird auch unter sonst gleichen Bedingungen das rote Blatt weniger stark erwärmt als das grüne. In der Natur finden sich nun weder rein rote noch rein grüne Blätter. Führt also ein rotes Blatt außer dem bei einem grünen Blatt vorhandenen Chlorophyllgehalt noch viel roten Fai'bstoff, so steigt die Absorption der Strahlen um den Betrag, den das Erythrophyll verschluckt, und das rote Blatt wird stärker erwärmt. Es kommt daher bloß auf das Mengenverhältnis der beiden Farbstoffe an, so daß das rote Blatt sowohl eine höhere als auch geringere Temperatur aufweisen kann" -). 21) Stahl, E., Jenaische Ztschr. 1882 1. c. p. 169. 22) Heinricher, Über isolateralen Blattbau. Pringsh. Jahrb. Bd. XV.; vgl, Volkens, Die Flora der etc. 1. c. p. 68. 2S) Volkens, Die Flora des etc. 1. c. p. 68, 69. ^*) ibid. p. 15. 1) Ursprung, 1. c. p. 79—83, 104. 2) Ursprung, 1. c. p. 81, 82, 112. 107 § 16. 13. Panachierte Blätter. Die an panachierten Blättern auftretende Hellfleckigkeit der von den Gärtnern als „formae foliis variegatis" bezeichneten Varietäten, die manchmal durch, gewöhnlich zwischen Epidermis und oberste Parenchymiage eingeschobene, Lufträume entsteht '), ist bezüglich ihres Verhaltens zu den Lichtstrahlen mehrfach untersucht worden. Nach Stahl-) reflektieren die als Isolatoren wirkenden Luftschichten das Licht und erschweren sowohl das Eindringen der Sonnenstrahlen ins Blattinnere als das Austreten der Wärme aus dem Blatt; bei den Wüstenpflanzen sei besonders das erschwerte Eindringen der Sonnenstrahlen in das Innere des Blattes von Wichtigkeit. Die Bezeichnung der Luftschichten als Isolatoren kritisiert jedoch Ursprung^), da die Luft zwar für Wärmeleitung, nicht aber für Wärmestrahlen ein Isolator sei; eine Luftschicht verhindere die Erwärmung der darunter liegenden Teile nicht, ja, die Erwärmung sei sogar stärker, als wenn anstelle der Luft Blattzellen vorhanden wären. Die geringere Erwärmung der hellen Stellen sei wahr- scheinlich auf ihre größere Diatherraansie oder auf Totalreflektion zurück- zuführen. Durch Versuche von Mayer^), Linsbauer^), Ursprung"), Brown und Escombe") ist denn auch gezeigt worden, daß tatsächlich die hellen Stellen jedesmal mehr Energie hindurchließen als die ent- sprechenden grünen. Daß die Panachierung, soweit sie nicht krankhaft ist, als Lichtschutz aufgefaßt werden kann, darf durch obige Versuche natürlich nicht als widerlegt gelten, doch ist auch der positive Beweis in dieser Be- ziehung noch zu führen. § 17. 14. Zellinhaltsbestandteile. Verschiedene Algen schützen sich durch besondere Vorrichtungen im Proto- plasma der einzelnen Zellen gegen übermäßige Lichtwirkungen i). Den interessantesten und von allen am vollkommensten ausgebildeten derartigen Apparat besitzen viele Cystosiren und mehrere Algen der Gattung Chylocladia. Diese Algen glänzen im lebenden Zustand in den brillantesten Farben: prachtvoll blau, silberweiß, rötlichweiß, während Chylocladia mediierranea ^) Hassak, Carl, Untersuchungen über den anatomischen Bau bunter Laub- blätter, nebst einigen Bemerliungen, betreffend die physiologische Bedeutung der ßuntfärbung derselben. Bot. Zentralbl. Bd. XXVIU. 1886 p. 13. 2) Stahl, Über bunte Laubblätter, I. c. p. 189—199, 209. *) Ursprung, I. c. p. 84, 112. ■*) Mayer, The radiation and absorption of heat by leaves. American Journal. 3. Series 45, 1893 p. 67. 5) Lins baue r, I. c. p. 71 — 79. 6) Ursprung, 1. c. p. 62, 67, 112. '') Brown and Escombe, I. c. p, 96. 1) Berthold, Beiträge zur Morphol. etc. Pringsh. Jahrb. 1. c. p. 685 ff. 108 J. Ag. das Licht in allen Regenbogenfarben zurückwirft. Es sind besondere Ablagerungen innerhalb der Zellen selber, oft von kompliziertem Bau, denen die Fähigkeit zukommt, das Licht zurückzuwerfen und die in der Mehrzahl der Fälle nur an denjenigen Teilen der Thallome zur Ausbildung gelangen, die intensiverer Beleuchtung ausgesetzt sind-). Im Schatten des Zimmers verschwindet das Irisieren schon nach zwei bis drei Tagen. — Versuche mit farbigen Glasplatten ergaben mit voller Sicherheit, daß nur Licht von solcher Färbung zurückgeworfen wird, das auch in dem auffallenden Lichte vorhanden war, daß also auf keinen Fall Fluorescenzerscheinungen vorliegen. Vor allem sind es die stärker brechbaren blauen und grünen Strahlen, denen der Eintritt in die Zelle verwehrt wird. In vielen Fällen, so meint Berthold, könne auch die Möglichkeit vorhanden sein, nicht allein die Intensität des Lichtes herabzusetzen, sondern auch die im wesentlichen senkrecht zur Oberfläche eindringoiden Strahlen innerhalb der Pflanze nach verschiedenen Richtungen abzulenken und so eine möglichst allseitige Durch- leuchtung der Pflanze hervorzubringen 2). — Ein durch intensive Beleuchtung verursachtes Zusammenballen der Zeilinhaltsstoffe wurde von de Bary^) bei Acetahularia und vielen anderen Algen*) beobachtet und soll auch bei höheren Pflanzen vorkommen^). Die von Penzig^) beschriebenen Kalkoxalatkrystalle unter der Blatt- epidermis der Gürus-kxiew etc. dienen nur der Zerstreuung und Verteilung des Lichtes in dem dichten Mesophyll, haben aber nichts mit Lichtschutz zu tun. Die Bildung des Kalkoxalats ist allerdings in hohem Maße von der Beleuchtung abhängig; so enthielten die Sonnenblätter von Aescidus, Acer, Ahius, Samhncufi, Stellaria, Ubnus zahlreichere und größere Kalkoxalat- krystalle als die Schattenblätter ^). § 18. 15. Einige andere angebliche Lichtschutzeinrichtungen. Der Vollständigkeit wegen möchte ich an dieser Stelle noch auf einige Einrichtungen im Pflanzenreich hinweisen, die auch als Lichtschutz gedeutet worden sind, jedoch praktisch so wenig wirksam sein dürften, daß sie, wenn in diesem Sinne funktionierend, jedenfalls nur sehr geringe Bedeutung haben; ich meine die Sekretion leicht flüchtiger ätherischer Öle und die Nervatur der Blätter. 2) Berthold, Über die Verteilung der Algen etc. Mitt. d. zool. Stat. 1. c. j). 419. 3) de Bary, Bot. Ztg. 1877 p. 713. *) Berthold, Beiträge etc. I'iingsh. Jahrb. 1. c. p. 710. 6) Stahl, E., Über den Einfluß von Richtung etc. Bot. Ztg. 1880 1. c p. 342. *) Penzig, O., Suir csistenza di apparecchi illuminatori iiell' intorno di aicune piante. Atti di Soc. d. Naturalisti. Modena 1883, ser. III. vol. 1. Ref. J. bot. J. XI. a Ref. 75 p. 158. '') Schiraper, A. F. W., Über Kaikoxalatbildung in den Laubblättern. Bot, Ztg. Leipzig 1888. 46. Jahrg. No. 5—10 p. 84. 109 Eine gute Übersicht der Litteratur über Vorkommen und Bedeutung der ätherischen Öle bei Pflanzen, über die Ansichten bezüglich der .Schutz- wirkungen dieser ätherischen Öle u. a. m. findet sich in der Arbeit Dettos^) „Über die Bedeutung der ätherischen Öle bei Xerophyten". Detto kommt zu dem Resultat, daß die in den Außendrüsen der Pflanzenorgane in leicht verdampfbarer Form sich findenden ätherischen Öle jedenfalls wertvolle und wirksame Schutzmittel sind, aber nicht einen Schutz gegen zu starke Trans- piration bilden, wie er durch Versuche nachzuweisen sucht, — sondern lediglich eine Schutzwehr gegen Tiere darstellen, besonders gegen Schnecken und Weichtiere xerophiler Formationen. Die Nervatur der Blätter, die für den Transport der Kohlehydrate und als mechanische Einrichtung von Bedeutung ist, soll nach Johow^) durch ihre Anordnung „auch eine vorteilhaft wirkende Abschwächung der Licht- strahlen" bewirken. Nähere Angaben macht Johow über diese abschwächende Wirkung nicht; da aber auch die in Frage kommenden vorspringenden Rippen und Leisten sich immer nur auf der Blattunterseite befinden, so dürfte ihre sekundäre Bedeutung als Lichtschutz am besten ganz ausgeschaltet werden. Eine Lichtschutzeinrichtung verdient hingegen noch hervorgehoben zu werden, die unter Umständen recht wirksam und vielleicht den von mir unter No. 8, 9, 10 (Haar-, Wachs- und krystallinische Salz-Überzüge) an- geführten Lichtschutzeinrichtungen an die Seite gestellt werden kann: es ist der Staub, der, wie Meigen^) in Chile beobachten konnte, „im Sommer in ungeheuren Massen die Luft erfüllt und in der Ebene und auf den Hügeln alles mit einer dicken grauen Schicht überzieht." Die Bedeutung dieses Staubes sieht M eigen darin, daß er einmal die Blattfläche abschließt, ihr eine hellere Farbe verleiht und schließlich das ganze Blatt infolge der Belastung oft steil nach abwärts drückt. Experimenteller Teil. § li^». Ich habe versucht, im Vorhergehenden eine möglichst vollständige Übersicht über die bisher bekannt gewordenen Einrichtungen zu geben, die auf den Lichtschutz bezogen worden sind. Nur ganz wenige der An- passungen dürften als reine Lichtschutzeinrichtungen gedeutet werden können : vor allem gehört hierzu die Bewegungsfähigkeit der Chlorophyllkörner i), die Ausbildung reflektierender Zelliuhaltsbestandteile bei den Florideen 2), *) Detto, Carl, Über die Bedeutung der ätherischen Öle bei Xerophyten. Flora oder allg. bot. Ztg. 92. Bd. Jahrg. 1903 p. 147—199. 2) Johow, 1. c. p. 301, 302. ^) Meigen, 1. c. p. 429. 1) 1. c. § 4. 2) 1. c. § 17. 110 sowie die ausgesprochene Meridianstellung der Blätter bei den Kompaß- pflanzen ^). Im übrigen handelt es sich überall um kombinierte Schutz- einrichtungen ^), also um Einrichtungen, die, abgesehen vom Lichtschutz, auch anderen Zwecken, besonders dem Verdunstungsschutz dienen^). Die ganze Frage des Lichtschutzes ist experimentell noch außerordentlich wenig geklärt, besonders was die quantitativen Verhältnisse betrifft. Wenn Ursprung*') darauf hinweist, daß wir, was unsere Kenntnis über die thermische Bedeutung der Haarüberzüge betrifft, kaum mehr wissen, als was uns das Tragen von Kleidern, Hüten und die Verwendung der Sonnen- schirme gelehrt hat, so ist dies vollständig richtig. Die Beobachtung der Tatsache, daß dem Licht stark exponierte Pflanzen vielfach sich durch wesentlich dichtere Haarbekleidung gegenüber Schattenexemplaren der gleichen Arten unterscheiden, weist zwar auf Lichtschutzwirkung der Haar- bekleiduug hin, gibt aber doch keinerlei Vorstellung von der Größe der Wirkung dieser Einrichtung. Nur wenige experimentelle Untersuchungen über diese Verhältnisse liegen vor, die von Linsbau er ^) stammen: bei ihm finden wir die einzigen Zahlenangaben, daß nämlich bei Cydonia die jungen Blätter ca. 1,3% des auffallenden Lichtes dui'ch den Haarüberzug zerstreuten '^) ; ferner sollen nach demselben Verfasser durch den Reifüberzug an den Blättern von Primula Auricula 0,9% der aufgestrahlten Lichtintensität zerstreut werden^). Lins bau ers^^) Angaben über Pojmlus alba, Verhascum und Tiissüago, es werde von den älteren Blättern mehr Licht durchgelassen als von den jüngeren, sind nicht mehr exakt und mit seinen oben angegebenen Zahlen vergleichbar, weil die Durchleuchtungsfähigkeit des ausgebildeten, mit reich- lichem Zellsaft versehenen Blattgewebes oft'enbar an sich schon größer ist als diejenige des in mehr embryonalen Zustande befindlichen jungen Blattes. Es ist zwar bezüglich dieser Pflanzen der Schluß, daß in erster Linie die Wirkung der bald verschwindenden Haarbekleidung in Frage kommt, nicht unwahrscheinlich, allein keineswegs durch Lins bau er sichergestellt; hat er doch auch gezeigt, daß die nichtbehaarten Nebenblätter von Liriodendron tulipifera das gleiche Verhalten zeigen ^^). Andere experimentelle Untersuchungen, als deren Typus diejenigen von Lanza^-) über die fleischigen Xerophyten aus der Gruppe der Aloineen zu nennen sind, haben sich auf Kulturversuche beschränkt, durch welche nach- gewiesen wurde, daß die oben bereits geschilderten Ausbildungen an diesen Pflanzen ^^) tatsächlich als Anpassung an die intensive Insolation an den 3) 1. c. § 7. *) Vgl. Hansgi rg, 1. c. p, 39 ff. •■') Vgl. Hansgirg, 1. c. p. 178, 179 und Schimper, 1. c. § 9. ^) Ursprung, 1. c. p. 112. T) Linsbauer, 1. c. p. 79—89. 8) Linsbauer, 1. c. p. 81, 82, 89. ») ibid. p. 82, 143. 10) ibid. p. 84. ") ibid. p. 85. '2) 1. c. § 10. 13) ibid. 111 natürlichen Standorten der Pflanzen angesehen werden müssen. Die wichtige Frage nach der quantitativen Wirkung der Einrichtungen, welche auf physikalisch experimentellem Wege zu lösen ist, wird dagegen garnicht gestellt. Im folgenden werden deshalb zum ersten Mal umfassendere quantitative Untersuchungen über die Wirkung der an den Oberseiten phanerogamer Blätter stattfindenden Reflexions- und Zerstreuungsverhältnisse unter Berück- sichtigung der Lichtschutzeinrichtungen gegeben. § 20. Methode der Untersuchung. Für meine Untersuchungen bediente ich mich der thermoelektrischen Meßmethode mit Hilfe eines nadeiförmigen Thermoelements und eines Gal- vanometers nach Deprez d'Arsonval. Die Ablesung geschah objektiv mittels des vom Galvanometerspiegel entworfenen Bildes eines Lichtspaltes. Die auf der elastischen Nachwirkung i) beruhenden Fehlerquellen waren derart gering, daß sie nicht berücksichtigt zu werden brauchten. Zur Be- lichtung der Pflanze benützte ich, wie dies auch Müller (Thurgau)-) bei seinen Versuchen über Heliotropismus getan hat, eine sehr konstant brennende Petroleumlampe mit starkem Reflektor. Nach jedem Versuche wurde ein dicker, nach der Lichtquelle zu mit Stanniol bedeckter Schirm zwischen diese und das Thermoelement geschoben und eine Zeitlang gewartet, bis das Lichtbild wieder zurückgegangen war; dann wurde durch plötzliches Hinweg- ziehen des Schirmes das Objekt von neuem den Lichtstrahlen ausgesetzt. Ich bestimmte experimentell die Difi'erenzen der Ausschläge, die bei den hier in Betracht kommenden Objekten auftreten, wenn die als Schutz- bedeckung angesehene Bekleidung vorhanden war und wenn sie fehlte. Meine Versuche waren dabei derart angeordnet, daß ich die zu unter- suchenden Objekte in möglichst gleichmäßiger Weise und in engster Be- rührung mit der Thermonadel den Strahlen der Lichtquelle aussetzte. Bei den meisten Versuchen betrug der Einfallswinkel 45"; nur bei den rinnen- förmig gestalteten Bromeliaceenblättern ließ ich die Strahlen parallel der Symmetrieebene einfallen. Ich bin mir dabei wohl bewußt, daß unter anderen Einfallswinkeln die im folgenden erörterten Verhältnisse sich ändern können. Für die zunächst untersuchten schuppenbedeckten Bromeliaceenblätter konnten stets die gleichen Objekte verwendet werden. Dabei wurden die Blattstücke fest an die Nadel gespießt und nun zunächst mit Schuppen, nachher nach Entfernung des Schuppenkleides untersucht. Ein gleiches 1) Kohl lausch, Lehrbuch der praktischen Physik. Leipzig-Berlin 1901 p. 364. 2) Müller, H. (Thurgau), Über Heliotropismus. Flora oder allg. bot, Ztg. Regensburg 1876. LIX. Jahrg. No. 5, 6 p. 91. 112 Verfahren wurde auch bei den derberen Blättern der von mir zur Unter- suchung des Wachsbelages benützten Succulenten angewendet. Bei anderen Objekten, besonders denen, auf welche sich die Unter- suchung der Wirkung spiegelnder Oberflächen bezog, wäre dies Verfahren nicht angängig gewesen. Zwar bestehen keine wesentlich technischen Schwierigkeiten, derbe Blätter, z. B. diejenigen vieler i^/cit6'-Arten, in gleicher Weise wie die oben erwähnten Objekte an die Nadel zu spießen; allein hier war es, wie sich im Verlauf der Untersuchung ergab, nicht möglich, die Obei"fläche durch Entfernung der wirksamen Bekleidung in Untersuchung zu ziehen. Hier mußte spiegelnde Oberfläche mit matter Unterseite ver- glichen werden, ein Vergleich, der bloß dann von Wert sein konnte, wenn die einfallenden Strahlen unter allen Umständen gleiche Dicken zu durch- laufen hatten. Dies ist nicht der Fall, wenn die Thermonadel ins Mesophyll eines der- . artigen Blattes eingestochen wird. Zwar würde eine solche Versuchs- anordnung, bei welcher durch leicht zu bewirkende Drehung des ganzen Objektes sukzessive die beiden Seiten der Lichtquelle ausgesetzt werden können, den Vorteil bieten, dasselbe Objekt zu den korrespondierenden Untersuchungen heranziehen zu können, allein die Resultate eines derartigen Vergleichs könnten möglicherweise doch nicht einwandfrei sein. Zunächst ist es technisch außerordentlich schwer und niemals mit voller Sicherheit zu erreichen, eine Thermonadel genau gleichweit entfernt von beiden Oberflächen ins Mesophyll eines derartigen Blattes zu versenken. Die Empfindlichkeit der thermoelektrischen Messung ist so groß, daß selbst ganz geringe Dicken- und Qualitätsditferenzen der von den Strahlen durch- setzten Gewebe bedeutende Unterschiede ergeben können. Besonders aber ist durch vielfache Untersuchungen bekannt^), daß sich die Gewebe des Mesophylls den einfallenden Strahlen gegenüber sehr verschieden verhalten. Bei der zunächst von mir versuchten, dann aber bald verworfenen hier dar- gelegten Versuchsanordnung sind ungleichartige Partien des Blattes, nämlich einmal Palisadenparenchym, das andere Mal Schwammparenchym der Licht- quelle zugewendet und alterieren die Resultate. Zu zuverlässigen und in genügender Weise übereinstimmenden Resultaten bin ich bei solchen Blättern erst gelangt, als ich aus korrespondierenden Blattteilen geschnittene Untersuchungsobjekte verwandte, die in der Weise zubereitet waren, daß je zwei Blattstücke fest aufeinander genäht wurden und zwar das eine Mal die Obei'seiten, das andere Mal die Unterseiten nach außen. In diesem Fall wird unter allen Umständen die Durchlässigkeit des gesamten Blattes für die einfallenden Strahlen untersucht und die Differenzen, die sich, wenn die äußeren Umstände gleich sind, bei diesen Untersuchungen ergaben, können nur auf den physikalischen Verhältnissen der größeren oder geringeren Durchlässigkeit der Oberflächen beruhen. 3) Vgl. Pfeffer, I. c. I. p. 329. 113 Die hier angegebene Methode der Zubereitung der Objekte für die Unter- suchung konnte überall leicht Verwendung finden, wo derbe und beiderseits ebene Blätter vorlagen. Es wurde dann die Nadel zwischen je zwei Stiche des ringsum geführten zusammenhaltenden Fadens eingebohrt und der federnde Widerstand, den die Objekte dem Einschieben der Nadel boten, war in jedem Fall ein genügender Beweis dafür, dali die Nadel wirklich dem Blatt anlag. In dieser Beziehung muß bei der Untersuchung die größte Vorsicht ob- walten, denn es hat sich bei meinen Versuchen anfangs mehrfach ergeben, daß bedeutende Abweichungen entstanden, die, wie die spätere Erkenntnis lehrte, dadurch zu erklären waren, daß ein, wenn auch sehr geringer Abstand zwischen der Thermonadel und dem zu untersuchenden Blattstücke sich befand, in diesem Fall also nicht die Erwärmung des Blattes direkt gemessen wurde. Ich bin deshalb bald dazu übergegangen, die Blattstücke nicht mehr zusammenzunähen, sondern sie auf eine größere Schicht von Modellierwachs aufzukleben. Wurde nun die Nadel hinter die Blattstücke geschoben und das Modellierwachs darauf fest angedrückt, so bestand die Sicherheit eines völligen Kontaktes von Nadel und Blattfläche. Um zu verhindern, daß sich die Thermonadel etwa in das Modellierwachs hineindrückte resp. geringe Spuren von Wachs zwischen Nadel und Blatt gelangten, wurde genau hinter der Thermonadel auf dem Modellierwachs ein ganz kleines Stück Pergament- papier angebracht; dadurch haftete die Nadel nicht im geringsten an dem Modellierwachs und konnte dabei doch in geeigneter Weise umschlossen und an das Blatt angedrückt werden. Wenn trotzdem die Versuchsbedingungen recht kompliziert sind, so kann man doch hoffen, vergleichbare Resultate zu erhalten, und ich kann sagen, daß derartig zubereitete Objekte mir die übereinstimmendsten und sichersten Resultate im Verlaufe meiner Unter- suchungen gegeben haben. Durch diese Anordnung der Versuche vermied ich eine Fehlerquelle, auf die Ursprung*) bereits hingewiesen hat, indem er darauf aufmerksam macht, daß die Methode der thermoelektrischen Messung um so brauchbarere Re- sultate liefere, je kleiner der Abstand zwischen Blatt und Thermoelement sei. Bei Ursprung finden wir stets noch Distanzen von 9 und 90 mm, während er selbst bloß diejenigen Werte für richtig hält, die für unendlich kleine Distanzen erhalten werden. Es kann dementsprechend nicht ver- wundern, daß Ursprung^) für das Blatt von Glaucium luteum Scop., das er mit und ohne Wachsbedeckung untersuchte, keine Differenz finden konnte, während ich bei direkter und inniger Berührung der Thermonadel mit dem Blatte bei sehr ähnlichen Objekten stets mehr oder weniger große Differenzen fand. Ich glaube, daß dies durch die verschiedene Versuchsanordnung seine Erklärung findet. *) Ursprung, 1. c. p. 65. ^) ibid. p. 62. 114 Obgleich die Konstanz meiner Lampe recht befriedigend war, wurden doch die Versuche derart angeordnet, daß sie in regelmäßigem Wechsel sich jeweils auf Oberseite und Unterseite, resp. bedecktes und unbedecktes Blatt bezogen, und nur dann wurden die Ergebnisse der Beobachtungen zu Schlußfolgerungen verwendet, wenn die Paare einer Untersuchungsreihe jeweils genügende Übereinstimmung aufwiesen. Dabei kam es mir nicht darauf an, absolute Messungen der ein- gestrahlten Wärme zu machen. Es ist dies ein Faktor, der auch im Leben der Pflanze nicht nur nach den Jahreszeiten, sondern auch im Verlauf des- selben Tages mit dem verschiedenen Stand der Sonne ganz außerordentlich variiert und für welchen höchstens Maximum und Minimum resp. Durch- schnittswerte gegeben werden können. Die Messungen der Lichtintensität mittels der bisher angewendeten photometrischen Methoden'') haben, wie Linsbauer selbst angibt, erst nach langjähriger Praxis und Übung einen Anspruch darauf, daß durch die Beobachtungen des Experimentators keine größeren Fehler zu verzeichnen sind. Es wäre also jedenfalls von der größten Bedeutung, nach anderen Methoden zu suchen, um so leichter eine immer größere Genauigkeit der Resultate zu erzielen. Bei meinen Versuchen wurde darauf geachtet, daß auf die in der Nähe der Schnittränder gelegenen Teile des Blattes keine Strahlen fielen. Dies war deswegen notwendig, weil es sich zeigte, daß an den frischen Schnitt- rändern bei eintretender Erwärmung, infolge des einfallenden Lichtes, stärkere Verdunstiijig eintrat, als für die Exaktheit der Resultate wünschens- wert war. Hier mußte also eine Fehlerquelle vermieden werden, die durch die Empfindlichkeit der Meßinstrumente verursacht wird; sie konnte dadurch eingeschränkt werden, daß mit Hilfe von engen Blenden nur Partien des Blattes dem Licht ausgesetzt wurden, die von den Schnittflächen genügend weit entfernt waren. Aber auch unter diesen Verhältnissen zeigt es sich, daß die Verdunstungs- größe, die mit zunehmender Erwärmung rasch wuchs und die ihre Ursache nicht nur in der an den Schnittflächen, sondern auch in der aus den Spalt- öff'nungen heraus stattfindenden Verdunstung findet, die Resultate zu be- einflussen imstande ist. Diese Fehlerquelle meiner Versuche habe ich nicht völlig vermeiden können. Sie war auch dadurch nicht auszuschalten, daß ich die Untersuchungen im dampfgesättigten Raum vornahm. Schon Sachs ') macht darauf aufmerksam, wie schwer es sei, einen konstant mit Wasser- dampf gesättigten Raum zu erhalten; es sei für die Pflanze immer noch ^) Wiesner, J., Photometrisehe Untersuchungen auf pflanzenphysiolog. Gebiete. I. Abhandl. Sit/.ber. d. K. Akad. d. Wiss. in Wien; Math.-nat. Cl. Bd. CIL Abt. I. 1893 p. 298 fF. Linsbauer, 1. c. p. 57—62 u. a. '') Sachs, J., Vorlesungen über Pflanzenphysiologie. Leipzig 1882 p. 271. 115 Gelegenheit zu transpirieren, „da eine Dampfsättigung äußerst schwer zu erzielen ist". Da nämlich die Temperatur eines Blattstückes hoher als die seiner Umgebung wird, so verdunstet aus ihm beständig Wasser, auch in mit Wasserdarapf gesättigter Luft"^). Knop'') und andere haben zwar ge- funden, daß an wassergetränktem Fließpapier, mit welchem die Kammer, bis auf das der Beleuchtung dienende Fenster ausgekleidet war, die Ver- dunstung sehr viel rascher vor sich geht, als dies bei Blättern der Fall ist; der wechselnden Belichtung und Verdunkelung halber war es jedoch erforderlich, daß begrenzte Strahlenbiindel auch bei den Versuchen in der feuchten Kammer verwendet wurden. Das Objekt erhielt daher stets eine höhere Erwärmung als der übrige Raum in der feuchten Kammer, ein Umstand, der höhere Verdunstung und somit eine Verminderung des Aus- schlags am Galvanometer ergab. Kommutator Thermoelement Skala seitlich uiut vonoüpri i cjc'sclirn ». Galvanometer StroinJweis :0^ ^ Figur 1. Diese Fehlerquelle kann aber wesentlich eingeschränkt, ja fast ganz ausgeschaltet werden, wenn man sich stets nur auf ganz kurze Beobachtungs- zeiten beschränkt. Der durch die Verdunstung am Blatt entstehende Fehler muß um so größer werden, je größer die Temperaturdifferenz zwischen dem lichtgetroffenen Objekt und der nicht erwärmten Umgebung ist. Je kürzer die Zeit der Belichtung und somit der Erwärmung des Objektes ist, um so geringer wird dieser Fehler sein. 8) Detlefsen, Arb. des bot. Instit, Würzburg 1888 p. 549. 9) Vgl. Knop, Versuchsstat., 1864 Bd. 6 p. 250. Baranetzky, Bot. Ztg. 1872 p. 62 Anm. Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Bd. IX, Heft II. 116 Ich bin in dieser Beziehung in völliger Übereinstimmung mit Ursprung^"), der gleichfalls gefunden hat, daß Versuche über die Durchstrahlung der Blätter auf ganz kurze Zeit beschränkt bleiben müssen; die von ihm als Regel angenommenen 18 Sekunden habe ich allerdings stets weit über- schritten und konnte dies, weil meine Lampe weit weniger Strahlen aus- sandte als die von Ursprung verwendete Wärmequelle. Bei meinen Untersuchungen habe ich gefunden, daß bei 10 bis 15 Minuten dauernder Beleuchtung die Differenz zwischen geschützter und ungeschützter Seite der Blätter resp. mit Schutzdeckoi versehenen und derselben beraubten Blätter zwar dauernd vorhanden ist, aber mit der Länge an Beobachtungs- zeit allmählich immer kleiner wird. Dies Verhalten kann nur durch die bezeichnete Fehlerquelle der Untersuchungsanordnung bedingt sein. Im folgenden werde ich deshalb nur Beobachtungen bis zu fünf Minuten Dauer hier wiedergeben, weil sie allein nach den Vorversuchen zutreffende Resultate ergeben haben. Das Benetzen der Blätter wurde mit einem feinen Haarpinsel ausgeführt, wobei darauf zu achten war, daß die Blätter nicht übermäßig naß, sondern nur mit einem gleichmäßig dünnen, aber kontinuierlichen Wasserhäutchen überdeckt wurden. Diese Manipulation wurde nach jedem einzelnen Versuch zur größeren Sicherheit wiederholt. — Daß das Fortnehmen des Haar- überzuges sowie des Wachsbelages sich stets auf das ganze Blattstück und nicht nur auf den über der Thermonadel liegenden Teil bezieht, sei be- sonders erwähnt. Bei allen Versuchen wurde genau darauf geachtet, daß die Thermonadel immer mit einem dünnen Firnisüberzug bedeckt war, was besonders wichtig ist beim Einbohren der Nadel in die Blätter, da sonst hierbei Ströme entstehen, die das Resultat beeinflussen können. Die Grösse der Lichtzerstreuung an mit Trichomen bedeckten Blattgebilden. § 21. Daß eine starke Lichtzerstreuung an sehr vielen mit Haargebilden über- deckten Pflanzenteilen vorhanden ist, geht, wie bereits oben bemerkt, aus der weißen Farbe derartiger Objekte hervor. Die Trichombekleidung wii-d, und dies geschieht wohl mit Recht, in erster Linie als Anpassung zur Verminderung der Verdunstungsgröße be- trachtet. Die oben erwähnten Versuche Linsbauers über den durch Trichombedeckung gewährten Lichtschutz erweitere ich im folgenden. Einer experimentellen Untersuchung habe ich zwei sehr verschiedene Pflanzengruppen mit dichter Haarbekleidung unterworfen und bin zu dem Resultat gekommen, daß die Menge der an Haarbekleidungen zerstreuten Strahlen recht bedeutend sein kann. 10) Ursprung, 1. c. p. 61. 117 1. Schuppenhaare der Bromeliaceen. Zunächst führe ich meine Untersuchungen über extrem atmosphärische Bromeliaceen der Gattung Tülandsia hier an. Über topographische Anordnung des Schuppenkleides dieser Formen sind nähere Angaben bei Schimper^) und Mez^) gemacht. Ich rekapituliere aus denselben die folgenden wichtigsten Punkte: Jede Schuppe besteht aus einem zentralen, relativ derben und im wesentlichen der direkten Wasser- aufnahme dienenden Schild und einem flach ausgebreiteten oder schräg nach oben gestellten, zarten, hyalinen, aus schmalen, radiär angeordneten Zellen gebildeten Flügel. Während das Schild mit seiner Unterseite mit der Blattepidermis fest verwachsen ist und keinen Luftraum zwischen sich und der Blattepidermis läßt, sind die Zwischenräume zwischen Flügel und Blattepidermis, sowie bei der überall eintretenden partiellen gegenseitigen Deckung der Flügel zwischen diesen selbst, im trockenen Zustande mit Luft erfüllt. Was die genauere, für die optischen Erscheinungen in Frage kommende Struktur dieser Flügelzellen betrifft, so kann ich nach meinen Untersuchungen die Angaben Hedlunds^) bestätigen, daß dieselben im trockenen Zustand nach oben oöene Schalen darstellen, das heißt, ihre Konkavflächen nach außen richten. Während Seh im per der Meinung ist, daß diese Trichomflügel im wesentlichen dem Verdunstungsschutz der Pflanzen dienen, hat Mez über- zeugend dargetan, daß ihre vorzüglichste Funktion in der Hinleitung atmo- sphärischen Wassers zu den Scheibeuzellen der Trichome besteht, wobei er selbstverständlich auch ihre nebensächliche Bedeutung als Schutzorgane gegen allzu intensive Verdunstung betont. Ich möchte diesen beiden Funktionen noch eine dritte zur Seite stellen, nämlich die als Lichtschutzapparat, wobei ich mir darüber klar bin, daß auch diese Eigenschaft der Trichome nur eine sekundäre ist und gegenüber ihrer Bedeutung als kapillar wasserzuführende Organe zurücktritt. Meine ersten Untersuchungen an derartigen Bromeliaceenblättern be- zogen sich bei dem zunächst vorhandenen Mangel an lebendem Material von anderen typischen Formen nicht auf die Oberseite, sondern auf die Unterseite der Blätter von CryiAcmthus acauUs Otto et Dietr. Diese Ver- suche waren in Anbetracht der Tatsache, daß es sich hier bei der aus- gebreiteten Lage der Rosettenblätter von Pflanzen um Verhältnisse handelt, die nicht als Lichtschutzverhältnisse gedeutet werden können, wesentlich informatorischer Natur. Die Größen der Zerstreuung der Strahlen, die ich 1) Seh im per, A, F. W., Die epiphy tische Vegetation Amerikas. Jena 188S p. 69. 2) Mez, C, Physiolog. Bromeliaceen Studien I. Sep, aus Pringsh. Jahrb. f. wiss. Bot. Bd. XL, Heft 2. 1904 p. 185 ff. 3) Hedlund in Botanisca Notiser 1901 p. 217—224, zit. nach Bot. Zentralbi. LXXXIX (1902) p. 149. 8* 118 hier gefunden habe, geben nur einen Maßstab für die Wirksamkeit der Licht- zerstreuung durch Schuppenbelege, die normaler Weise nicht dem direkten Licht ausgesetzt sind und dementsprechend nicht als Lichtschutz dienen dürften. Ein Interesse haben diese Versuclie trotzdem deswegen, weil sie zeigen, wie groß die Wirkung der gerade bei Cryptanthus acaulis Otto et Dietr. *) studierten, der kapillaren Wasseraufsaugung dienenden Belege ohne spezielle Anpassung an Lichtverhältnisse sind. Die im Nachstehenden dargestellten Versuche wurden an Blättern aus- geführt, in welche die Thermonadel eingestochen war. Sie ergaben eine nicht unbeträchtliche, wenn auch, wie die folgenden Versuche zeigen werden, in ihrer Höhe keineswegs auffällige Zerstreuung der Strahlen, denn die Temperatur stieg bei Blättern mit Schuppenbelag auf 20,0, bei solchen ohne Schuppenbelag auf 22,5 Skalenteile im Mittel. Setzt man die bei der Versuchsanordnung Tabelle 1 No. 2 angegebenen Skalenteile (22,5) gleich 100, so würden der Unterseite mit Schuppen (No. 1 : 20,0 Skalent.) nur 88,9 Skalen- teile entsprechen, d. h. 11,1% der Strahlen werden durch den Schuppen- belag reflektiert resp. zerstreut. Tabelle No. 1. Name der Pflanze: Cryptanthus acaulis Otto et Dietr. Zeit der Belichtung: 1 Min. — Versuchsanordnung: im dampfgesättigten Raum. Versuch No. 1. Unterseite mit 2 Unterseite ohne 3. Unterseite mit 4. glänzende Oberseite Versuchsreihe Schuppen; trocken Schuppen Schuppen; benetzt ohne Schuppen No. Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile 1 20,5 22,5 23,0 21,5 2 20,0 23,0 23,5 21,0 3 19,0 21,0 21,5 19,5 4 18,5 21,5 22,0 20,0 5 19,5 22,0 22,0 20,5 6 19,0 21,5 22,5 20,0 7 20,0 23,0 23,5 21,5 8 20,5 22,5 23,0 21,0 9 22,0 24,0 24,0 22,5 10 21,0 24,0 25,0 22,5 Gesamt-Mittel: 20,0 22,5 23,0 21,0 Diff. von: V2 % 'U in Prozent: 11,1% 2,2 % 6,7% Ich werde unten nochmals auf Cry^ftantJms acaulis Otto et Dietr. zurück- zukommen haben und an dieser Spezies zeigen, daß auf der Unterseite der Blätter, durch die in eigenartiger, ganz charakteristischer Weise hohlspiegel- artig gebauten Epidermiszellen, die Lichtreflexion eine beträchtliche Höhe erreichen kann. Die Unterseite des Blattes von Cryptantims acaulis Otto et Dietr. zeigt auch eine glänzende Epidermis, welche die Wirkung des Schuppenbelages *) Tietze, M., 1, c, p. 42. 119 noch verstärkt. Tritt aber Benetzung der Pflanze ein, so wird dadurch, daß die Kapillarräume zwischen Schuppen und Blattepidermis mit Wasser ausgefüllt werden, diese an der glänzenden Außenseite der Blattepidermis stattfindende Lichtbrechung in derselben Weise aufgehoben, wie dies durch Zwischenschaltung des Zedernholzöles zwischen Deckglas und Frontlinse unserer Mikroskop-Immersionssysteme geschieht. Sind diese Kapillarräume mit Wasser gefüllt, so zeigt das Galvanometer nach einer Minute einen Anstieg bis zu 23,0 Teilstrichen im Mittel, überholt also den Anstieg, der von der schuppenlosen Oberfläche erreicht wird, nochmals um 2,2%. Es versteht sich, daß diese Versuche mit benetztem Schuppenbelag im dampfgesättigteji Raum ausgeführt wurden; daß daher die gefundenen Differenzen eher zu gering als zu groß sind, geht aus meinen oben gemachten Ausführungen hervor. Noch ausschlaggebender waren die Resultate, die ich bei den Unter- suchungen von Blättern erhielt, die von extrem atmosphärischen Tillandsia- Arten stammten und sich durch ihre allseitige, spreuartige Schuppenbekleidung auszeichneten. Tabelle No. 2. Name der Pflanze: Tillandsia Gardneri Lindl. Versuchsanordnung: im danipfgesättigten Raum. Versuchsreihe No. I: Blatt mit Schuppen; trocken. Zeit der Belichtung : 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 5 Min. Laufende No. Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile 1 45,5 104,0 160,5 211,5 259,5 2 45,0 104,5 160,0 211,0 260,0 3 47,5 106,5 162,5 213,5 262,0 4 47,0 106,0 162,0 213,0 261,5 5 46,0 105,0 161,0 212,0 260,5 6 46,5 105,5 161,5 212,5 261,0 7 44,5 103,5 159,5 210,5 259,0 8 44,5 103,5 159,5 210,5 259,0 9 46,5 106,0 161,5 212,5 261,0 10 47,0 105,5 162,0 213,0 261,5 Gesamt- Mittel: 46,0 105,0 161,0 212,0 260,5 Versuchsre ihe No. II: I ilatt ohne Sei luppen. 1 55,5 120,5 180,0 234,5 284,0 2 56,0 120,0 179,5 234,0 284,5 3 57,5 122,5 182,0 236,5 286,0 4 58,0 122,0 182,5 236,0 286,5 5 56,5 121,0 181,5 235,0 285,5 6 56,5 121,5 181,5 235,5 285,0 7 55,5 119,5 180,0 233,5 283,5 8 55,0 119,5 179,5 233,5 283,5 9 57,0 121,5 181,5 235,5 285,5 10 57,5 122,0 182,0 236,0 286,0 Gesamt- Mittel: 56,5 121,0 181,0 235,0 285,0 120 V ersuchsreihe No. Iir. Blatt mit Sehupp( Mi; benetzt. Zeit der Belichtung: 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 5 Min. Laufende No. Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile 1 56,5 123,5 183,0 237,5 285,0 2 55,5 122,5 182,5 236,5 286,0 3 58,0 125,0 186,0 240,0 287,5 4 59,0 126,0 185,5 239,0 288,5 5 57,0 124,0 184,5 238,5 287,0 6 57,5 124,5 184,0 238,0 286,5 7 55,5 123,0 182,5 236,5 285,0 8 56,0 122,5 183,0 237,0 285,5 9 57,0 124,0 184,0 239,0 286,5 10 58,0 125,0 185,0 238,0 287,5 Gesamt- Mittel: 57,0 124,0 184,0 238,0 286,5 DifF. von: No. I/II I/II I/II I/II I/II in Prozent: 18,6% 13,2% 11,0% 9,8% 8,6% DifF. von: No. I/III I/lII I/III I/III I/III in Prozent: 19,3% 15,3% 12,5% 10,9% 9,1% Tabelle No. 3. Name der Pflanze: Tillandsia aloifolia Hook. Versuchsanordnung: im dampfgesättigten Raum. Versuchsreihe No. I: Blatt mit Schuppen; trocken. Zeit der Belichtung; 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. Laufende No. Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile 1 32,0 75,0 113,0 148,5 2 32,0 74,5 113,0 148,0 3 30,5 74,0 111,5 148,0 4 31,0 73,5 112,0 147,5 5 29,5 73,0 110,5 146,0 6 30,0 73,0 111,0 146,0 7 31,0 73,5 111,5 147,5 8 30,5 74,0 112,0 147,0 9 29,0 72,0 110,0 145,5 10 29,5 72,5 110,5 146,0 Gesamt-Mittel: 30,5 73,5 111,5 147,0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gesamt-Mittel: Versuchsreihe No. 38,5 38,0 36,5 37,0 35,0 36,0 37,0 36,5 35,0 35,5 36,5 II: Blatt mit 82,5 83,0 81,5 81,0 80,5 80,0 81,5 81,0 79,0 80,0 81,0 Schuppen; benetzt 126,0 125,5 123,5 125,0 123,5 124,5 125,0 125,5 123,5 123,0 124,5 167,0 166,5 165,0 164,5 164,0 165,5 164,5 165,0 163,5 164,0 165,0 121 Versuchsreihe No. III: Blatt o line Schuppen. Zeit der Belichtung: 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. Laufende No. Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile 1 41,5 87,5 131,5 173,0 2 41,0 87,5 131,0 173,0 3 40,0 86,0 131,0 172,0 4 40,5 86,5 130,0 171,5 5 39,5 85,5 129,0 170,5 6 39,5 85,0 129,5 171,0 7 40,0 86,5 130,5 172,0 8 40,5 86,0 130,0 171,5 9 39,0 84,5 129,0 170,0 10 38,0 85,0 128,5 170,5 Gesamt-Mittel: 40,0 86,0 130,0 171,5 Diff, von : I/III I/III I/III I/III in Prozent : 23,8% 14,5% 14,2% 14,3% Diff. von: J/II I/II I/II I/II in Prozent: 16,4% 9,3% 10,4T 10,9% Meine Tabellen No. 2 und No. 3 beziehen sich auf Tillcmdsia Gardneri Lindl., die von allen Autoren als Typobjekt für die Anpassungserscheinungen der extrem atmosphärischen Tillaudsien studiert worden ist und auf die an besonders trockenen und hellen Standorten vorkommende TiUandsia aloifolia Hook. Bei der ersteren beträgt, wie meine Tabelle ergibt, die Zerstreuungs- größe der trockenen Schuppen im Vergleich mit dem schuppenlosen Blatt 18,6% der gesamten einfallenden Strahlen; bei TiUandsia aloifolia Hook. (Tab. 3) steigt dieser Betrag sogar bis auf 23,8 "/o und ist der höchste, den ich bei Bromeliaceeublättern überhaupt beobachtet habe. Ähnliche Resultate ergaben die Untersuchungen der Blätter von TiUandsia streptophylla Scheidw. und TiUandsia vestita Ch. et Schdl. ; es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Strahlenzerstretmng an der Schuppenbedeckung der Blätter extrem atmosphärischer Bromeliaceen konstant einen sehr hohen Wert besitzt. Es könnte überraschen, daß die mit besonders stark abstehender Be- schuppung versehene TiUandsia Gardneri Lindl. in ihrer Lichtzerstreuungs- fähigkeit überragt wird von TiUandsia aloifolia Hook., deren Schuppen der Blattfläche viel ebener anliegen, an Größe diejenigen von TiUandsia Gardneri Lindl. nicht erreichen und daher sich nicht so vielfach decken als jene. Aber TiUandsia aloifolia Hook, und eine geringe Anzahl nächstver- wandter Arten zeichnet sich in anatomischer Bezielmng, was den Schuppenbau betrifft, vor allen übrigen TiUandsia- Arten aus. Es handelt sich hier^) um die Eigenschaft der TiUandsia aloifolia Hook., daß die Membranen ihrer Schuppenflügel dicht mit feinen, sehr deutlichen Körnchen bedeckt sind, deren ganze Anordnung es erklärlich maclit, daß sie die Lichtzer- 5) Vgl. die Figur in Pringsh. Jahrb. f. wis,s. Bot. 40 (1904) Heft 2 p. 159 Fig. 1. 122 Streuung an den Schuppenmembranen auf das wesentlicliste unterstützen. Ich möchte in dieser anatomischen Eigenschaft der untersuchten TiUanäsia aloifolia Hook, den Grund für die besonders hohe Lichtzerstreuungsfähigkeit ihrer Schuppenmembranen sehen und zweifle nicht daran, daß die be- schriebenen Körnchen nichts anderes sind als Lichtzerstreuungsapparate. Die Erscheinung, welche bereits bei Cryptmithm acaulis Otto et Dietr. hervortrat, — daß nämlich dann, wenn die Intercellularräume zwischen Schuppenmembrau und Epidermis mit Wasser erfüllt sind, die Lichtzer- streuung aufgehoben wird, ja daß sogar in diesem Falle die Einwirkung der Strahlen, obgleich sie die Schuppenmembranen und die zwischen ihnen enthaltenen Wasserschichten durchsetzen müssen, bedeutender ist, als wenn die gesamte Schuppenbekleidung entfernt wird, - — tritt auch bei TiUanäsia Garäneri Lindl. auf. Bei dieser Spezies betrug die höhere Erwärmung bei benetztem Schuppenbelag in der zweiten Minute drei Teilstriche im Mittel, d. h. um 2,4% wurde die schuppenlose Oberfläche weniger erwärmt. Bei Tillandsia aloifolia Hook, dagegen ist ein so großer Ausschlag, der durch die Benetzung des Schuppenbelages erzielt wird, nicht zu be- obachten. Wie die Tabelle ergibt, werden nach 2 Minuten bei trockenem Schuppenbelag 73,5, bei fehlendem Schuppenbelag 86,0 Skalenteile erreicht. Die Temperaturerhöhung bei benetztem Schuppenbelag (81,0 Skalenteile) hält die Mitte zwischen den Werten der schuppenlosen und beschuppten Pflanze; daß dieser Wert nicht (wie bei Tillandsia Garäneri Lindl.) die Höhe des schuppenlosen Zustandes übertrifft, dürfte auf Rechnung der Lichtzerstreuung zu setzen sein, die an den beschriebenen Körnchen stattfindet. Tatsächlich erkennt auch das unbewaffnete Auge einen wesentlichen Farbenunterschied zwischen den benetzten Blättern von Tillandsia Garäneri Lindl. und Tillandsia aloifolia Hook. Jene sind, wie dies Schimper^) mit Recht besonders hervorhebt, im benetzten Zustande hellgrün, diese da- gegen, auch wenn vollständig mit Wasser getränkt, immer noch grüngrau. Aus den bei den gesamten Bromeliaceen beschriebenen Verhältnissen geht klar hervor, daß der Lichtschutz, der von der Schuppenbedeckung gewährt wird, nur in Zeiten der Trockenheit wirklich große Bedeutung besitzt, dagegen vollständig aufhört oder, wie z. B. bei Tillandsia aloifolia Hook., wesentlich gemindert wird, sobald Regen fällt. In trockenen Zeiten setzt die Pflanze durch das Vorhandensein des Schuppenbelages allein schon ihre Verdunstung auf das wesentlichste herab. Wie bedeutend die Ver- dunstungshemmung ist, wie langsam das Wasser aus den Intercellularen des Schuppenbelages heraus verschwindet, wurde durch M e z '^) rechnerisch und experimentell festgestellt. Dazu kommt nun aber auch im trockenen Zustand noch die Reduktion derjenigen Strahlenmenge, welche nicht der Assimilation dient, sondern nur die Verdunstungsgröße heraufsetzt. ^) Schimper, 1. c. p. 70; vgl. auch: Mez, 1. c. p. 182. '') Mez in Pringsb. Jahrb. f. wiss. Bot. 40, 1904 1. c p. 191, 197. 123 Ein gleiches ist bei den benetzten Pflanzen nicht der Fall. In den- jenigen Zeiten, welche reichlich Bewässerung bringen, kommt es auf größere oder geringere Verdunstung weniger an; demnach sehen wir, daß die in ihrer Wirksamkeit vorher, im trockenen Zustand des Blattes, stark geminderte Lichtfülle nun ungeliiudert ins Blattiunere gelangt. Allerdings dürfte die Lichtmenge, die das im natürlichen Zustande benetzte Blatt trifft, des be- wölkten Himmels wegen, dem ja doch der Regen entstammt, eine wesentlich geringere sein, als die Strahlenmenge, die der unbewölkte Himmel der trockenen Jahreszeit herabsendet. Die hier beschriebenen Verhältnisse sind in dieser Ausbildung natürlich nur bei solchen Pflanzen möglich, bei denen infolge fehlender Cuticulari- sation der Trichommembranen eine völlige Beuetzung derselben möglich und zugleich infolge des Zusammenhangs der durch die Trichome gebildeten Capillarsysteme eine sehr vollständige ist®). § 22. 2. Gewöhnliche Haare anderer Pflanzengruppen. Wo immer das Wasser nicht die Haarbekleiduug durchtränkt, kann auch während der feuchten Zeit die lichtzerstreuende Wirkung des Trichom- belages nicht wesentlich herabgesetzt werden. Dies ist bei einem meiner Versuchsobjekte der Fall, das sich durch besonders stark weißfilzige Blätter auszeichnet, nämlich bei Centaurea candidissinia Lam. Diese Spezies zeichnet sich durch einen dichten Filz aus, der von außer- ordentlich langen, schlaffen, nach dem Typus der zweiarmigen Trichome gebauten Haaren gebildet wird. Die Schenkel dieser Haai-e stehen nicht ab, sondern laufen der Blattfläche mehr oder weniger parallel; sie sind so dicht miteinander verflochten, daß man von lockerem Gewebe im ursprüng- lichen Sinne des Wortes sprechen kann. Dabei bieten sie mit ihren zahl- reichen plötzlichen Biegungen und Knickungen, sowie dadurch, daß sie streckenweise ihr Lumen deutlich erkennen lassen, streckenweise aber auch wieder zusammengefallen sind, eine übergroße Menge von Unregelmäßig- keiten dar, welche lichtzerstreuend wirken. Die Entfernung der Haare ist mit Hilfe eines feinen Skalpells soweit möglich, daß die grüne Unterlage vollkommen unverletzt erscheint. Ich habe bei Vergleich von Oberseite mit Haarbelag resp. nach experimenteller Entfernung desselben meine Tabelle 4 erhalten, welche zeigt, daß bei dieser Centaurea in der ersten Minute ca. 37% der Strahlen zerstreut resp. reflektiert werden. 8) Mez, 1. c. p. 174, 191. 124 Tabelle No. 4. Name der Pflanze: Centaurea candidissima Lam. Blatt-Oberseite und Unterseite mit dichtem, weißem Filz. Versuchsanordnung: im dampfgesättigten Raum. A. Versuchsreihe I: Blattoberseite mit Filz. Zeit der Belichtung : 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 5 Min. No. Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skaleuteile 1 18,0 49,5 81,5 113,0 140,5 2 17,5 49,0 82,0 112,5 141,0 3 19,5 50,5 83,0 114,0 142,5 4 19,0 51,0 83,5 114,5 142,0 5 18,5 49,5 82,5 113,0 141,5 6 18,0 50,0 82,0 113,5 141,0 7 19,0 50,5 83,5 114,5 142,5 8 19,5 51,0 83,0 115,0 142,0 9 21,0 52,5 84,0 114,5 143,5 10 20,0 51,5 85,0 115,5 143,5 Gesamt -Mittel: 19,0 50,5 83,0 114,0 142,0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gesamt -Mittel: Prozent: Versuchsreihe II: Blattoberseite ohne Filz. 29,0 28,5 30,0 30,5 29,5 29,0 30,5 30,0 32,0 31,0 30,0 36,7% 67,5 67,5 69,0 69,5 69,0 68,0 69,0 69,5 71,0 70,0 69,0 26,8% 103,0 102,5 104,0 105,0 103,5 102,5 104,5 104,0 105,5 105,5 104,0 20,2% 134,5 135,0 136,5 136,0 135,0 135,5 137,0 136,5 137,5 136,5 136,0 16,2% Versuchspflanze No. 2. B. Versuchsreihe I: Blattoberseite mit Filz. 1 20,5 2 20,0 3 20,0 4 21,0 5 18,5 6 19,0 7 22,0 8 21,0 8 18,5 10 19,5 Gesamt -Mittel: 20,0 52,5 52,5 53,0 52,0 50,5 50,5 53,0 53,5 51,0 51,0 52,0 86,0 85,5 87,0 86,0 84,5 85,0 87,0 88,0 85,5 84,5 86,0 163,0 163,0 164,0 164,5 163,5 163,0 164,0 164,0 166,0 165,0 164,0 13,4% 118,5 147,0 118,0 147,0 118,0 147,5 119,0 146,5 116,5 145,0 117,0 145,0 119,0 147,5 119,0 148,0 117,5 145,5 117,5 145,5 118,0 146,5 125 Versuchsreihe II: Blattoberseite ohne Filz. Zeit der Belichtung : 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 5 Min. No. Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile 1 32,0 73,0 110,5 141,5 169,0 2 32,5 73,5 110,5 141,0 168,5 3 33,0 73,0 111,0 141,5 169,5 4 32,0 74,0 110,0 142,5 169,0 5 30,5 72,0 108,5 140,0 167,0 6 31,0 71,5 108,5 140,5 167,0 7 34,0 74,5 111,0 143,0 169,5 8 33,0 74,5 111,5 142,5 170,0 9 30,5 71,5 109,0 140,5 167,5 10 31,5 72,5 109,0 141,0 167,5 Gesamt- Mittel: 32,0 73,0 110,0 141,5 168,5 Prozent: 37,5"/o 28,9 7o 21,8% 16,6% 13,1% Bemerkenswert erschien, daß bei dieser Spezies diejenigen Blätter, welche im Kalthaus während des Winters, d. h. bei ungenügender Be- leuchtung getrieben waren, sich durch wesentlich verminderte Behaarung auszeichneten, derart, daß sie im extremen Fall deutlich grün waren. Versuche, die ich mit solchen jungen Blättern angestellt habe, zeigten, daß tatsächlich die Lichtzerstreuung an ihnen beinahe vollständig aufgehoben war, ja die von mir gefundenen Größen, welche in Tabelle 5 dargestellt sind, ergeben gegen- über den vorher verzeichneten derartig große Differenzen, daß dieselben nicht allein auf die aufgehobene Lichtzerstreuung zurückgeführt werden können. . Die Erklärung für diese Zahlen ist, daß diese Blätter zugleich in ihrer ganzen Textur sehr verschieden, nämlich das zweite sehr viel dünner war, als das während des Sommei's ausgebildete erste, das eine dicke, ledrige Konsistenz besaß. Demnach beweisen meine Zalilen in Tabelle 5 nur, daß tatsächlich eine sehr große Menge von Strahlen von diesen grünen, bei ungenügender Beleuchtung erwachsenen Blättern aufgenommen wird. Um wie viel größer diese Strahlenmenge ist als diejenige, welche in normale Blätter eindringt, kann dagegen nicht ausgesagt werden, weil ein unbekannter, aber, wie ich glaube, hoher Prozentsatz der Temperaturerhöhung auf die dünne Textur der Blätter berechnet werden muß. Die Tatsache, daß dichter Haarbelag als Lichtschutzeinrichtung dienen kann, wurde, wie oben ausgeführt, besonders von Wiesner ^) betont. Der- selbe hat nachgewiesen, daß junge Blätter von Tussilago Farfara L. dann, wenn man den oberen Haarbezug ohne Verletzung entfernt, im Sonnenlicht merklich erblassen, also eine Schädigung des Chlorophylls durch das Licht erfahren; auch nach Überdeckung mit einem Glassturz, der die Transpiration einschränkte und alle anderen schädigenden Einflüsse ausschloß, so daß nur noch die Lichtwirkung in Frage kam, war ein deutliches Erblassen der Blättchen zu beobachten. ') 1. c. § 11. 126 Tabelle No. 5. Centaurea candidissima Lam. — im dampfgesättigteii Raum. Zeit der Belichtung: 1 Min. 2 Min. 3 Min. Oberseite eines bei 1 22,5 56,0 90,5 genügender Beleuchtunger- 2 22,5 56,0 90,0 wachsenen jungen Blattes, 3 22,0 55,0 90,0 beiderseits mit Filzhaaren 4 21,5 55,5 90,0 bedeckt. 5 21,0 54,5 89,0 6 21,5 55,0 89,5 7 20,5 53,5 88,5 8 20,0 54,0 88,0 9 19,5 53,0 87,0 10 19,0 52,5 87,5 Gesamt -Mittel: 21,0 54,5 89,0 Oberseite eines bei 1 42,5 96,0 142,5 ungenügender Beleuchtung 2 43,5 95,5 142,5 erwachsenen jungen,beider- 3 41,5 95,0 141,0 seits grünen Blattes. 4 42,5 94,5 142,0 5 42,0 95,5 141,5 6 41,5 95,0 141,0 7 40,5 93,0 140,0 8 41,0 94,5 141,0 9 39,5 92,5 139,5 10 40,5 93,5 139,0 Ges amt-Mittel: 41,5 94,5 141,0 Ich habe Tussilago Farfara L. , durch diese Wi es n ersehe Notiz an- geregt, gleichfalls als Uutersuchungsobjekt verwendet und gefunden, daß die Differenz zwischen haarbedeckteu und künstlich entblößten Blattflächen recht bedeutend ist. Meine Tabelle 6 gibt darüber Auskunft. Tabelle No. 6. Name der Pflanze: Tussilago Farfara L. Versuchsanordnung: im dampfges. Raum. — Zeit der Belichtung: i/g Min. Junges, entfaltetes ganz junges, noch nicht ganz junges Blatt Blatt entfa tetes Blatt desgl. Oberseite mit Oberseite Oberseite mit Oberseite Oberseite mit Oberseite Haarbedeckung ohne Haar Haar ohne Haar Haar ohne Haar 1 26,0 30,0 13,5 17,0 19,0 27,0 2 25,5 30,5 13,5 16,5 19,5 26,5 3 27,5 31,5 14,5 18,0 20,0 27,5 4 27,0 1 32,0 14,0 18,0 19,0 26,5 5 28,0 33.0 13,5 17,0 21,5 29,5 6 28,5 32,5 12,5 16,0 22,0 29,0 7 28,5 33,0 11,5 15,5 21,0 28,5 8 27,0 31,5 12,5 15,0 20,5 28,0 9 26,5 31,0 12,5 16,0 20,5 28,0 10 25,5 30,0 12,0 16,0 22,0 29,5 Gesamt- Mittel : 27,0 1 31,5 13,0 16,5 20,5 28,0 Prozent: 14, 2% 21,' 2«/o 26, 37o 127 Es erscheint mir bemerkenswert, daß die anatomische Struktur des Haarfilzes bei Tussüago Farfara L. ähnlich ist derjenigen, welche oben für Centaurea canäidissima Lam. beschrieben wurde; es sind auch hier außerordentlich lange, schlaflfe, sehr vielfach und unregelmäßig gewundene Trichome, die einem kurzen, wenigzelligen Basalteil aufsitzen und deren Gestalt man nicht mit Unrecht mit derjenigen einer Hetzpeitsche verglichen hat 2). Auch hier bilden diese Haare eine dicht verflochtene Schicht über der Blattfläche. Ein gewisser biologischer Unterschied zwischen der be- schriebenen Centaurea candidissima Lam. und Tussüago Farfara L. ist insofern vorhanden, als bei ersterer die Haarbekleidung das ganze Leben hindurch bestehen bleibt, während bei Tussüago Farfara L. nur die Blatt- unterseite, des Verdunstungsschutzes halber, die Haarbekleidung behält; von der Oberseite wird sie abgeworfen, nachdem die völlige Ausbildung der Gewebe und des Clilorophylls eingetreten, der jugendliche Zustand des Blattes also überwunden ist. Es kann keinem Zweifel unterliegen und wird auch von Wiesner u. a. betont, daß aus Filzhaaren gebildete Lichtschutzeinrichtungen gerade bei jugendlichen Blattzuständen besonders häufig sind, da die jungen Blätter mit ihrem unentwickelten Chlorophyllgewebe am meisten des Lichtschutzes bedürfen. Ich meine damit nicht die Bedeckung noch im Knospenzustand befindlicher Blätter, welche weniger dem Lichtschutz, als vielleicht mecha- nischen Zwecken dient, sondern diejenigen Filzbekleidungen, welche während Tabelle No. 7. Name der Pflanze : Cydonia vulgaris = Pyrus Cydonia L. Versuchsanordnung: im dampfges. Raum. — Zeit der Belichtung: 1/2 Min. I. II. .Tunges Blatt, Unterseite und Ganz junges, noch nicht ganz ent- Oberseite mit Haarbedeckung faltetes Blatt. Haarbedeck, wie I Oberseite mit Oberseite ohne Oberseite mit Oberseite ohne Haar Haar Haar Uaar 1 28,5 32,5 18,0 20,5 2 29,5 33,5 20,5 23,0 3 31,0 34,5 19,0 21,5 4 30,0 34,5 20,0 22,5 5 31,5 35,5 18,0 20,5 6 28,5 32,5 20,0 22,5 7 31,5 35,0 17,5 20,5 8 29,0 33,5 19,5 21,5 9 30,5 34,0 19,0 21,5 10 30,0 34,5 18,5 21,0 Gesamt- Mittel: 30,0 34,0 19,0 21,5 Prozent: H, 8% 11, 6% *) Arzneibuch für das Deutsche Reich, 4. Ed. (1900) p, 167. 128 der Entfaltung der jungen Blätter besteben, dann aber nacb Fertigstellung der Organe abgeworfen werden^). Zu diesen Schutzeinrichtungen gehört die einzige bisher in ihrer Wirkung quantitativ untersuchte und oben zitierte Haarbekleidung der jungen Blätter von Cijdonia vulgaris L.; verwunderlich ist dabei allein die geringe Wirk- samkeit der Haarbekleidung, die Linsbauer berechnet^). Ich habe deswegen auch hier nach der Methode der thermoelektrischen Messung eine Nachprüfung der Wirksamkeit dieses Haarkleides vorgenommen und bin zu den in Tabelle 7 dargestellten Resultaten gekommen. Es ist hier der Ort, auf die von Linsbauer ausgeführten photometrischen Versuche und besonders auf die von ihm angewendete Methode zurückzu- kommen. Lins bau er hat von Cydonia vulgaris eine ganze Anzahl von Versuchen gemacht in der Weise, daß er vom jungen bis zum ausgewachsenen Zustand der Blätter die Wirkung der Haarbekleidung prüfte. Indem er die Intensität des auffallenden Lichtes gleich Eins setzte, fand er, daß ein ganz junges Blatt durch die normale Blatthälfte 0,014 und die enthaarte 0,027 der Einheit durchließ. Die älteren Blätter ergaben mit fortschreitender Enthaarung geringere Differenzen. Von der relativen Licht- menge wurde, um bei dem jüngsten Stadium zu verbleiben, vom Blatt- gewebe 0,973, von den Haaren allein 0,013 der Einheit aufgehalten. Diese Zahlen sind, was die geringe Wirksamkeit der Haarbekleidung betrifft, derart abweichend von meinen Ergebnissen, daß, abgesehen natürlich von dem Unterschied, den Linsbauer durch senkrecht oder unter kleinem Einfallswinkel wirkendes Sonnenlicht erhalten mußte '-'), nur die Methode der Untersuchung hierfür als Erklärung herangezogen werden kann. Es sei darauf hingewiesen, daß Linsbauer^) selbst betont, daß seine Zahlenwerte wegen der abweichenden Methode absolut nicht mit denen von N. J. C. Müller, Engelmann, Reinke, Vierordt verglichen werden können, und ich bin deshalb auch nicht erstaunt, daß seine und meine Zahlen solche ungeheuren Abweichungen zeigen. Die Gestalt der Lichtschutzhaare von Cydonia vulgaris ist derjenigen sehr ähnlich, welche eben für Tussilago Farfara und Centaurea candidissima beschrieben wurde: ausßerordentlich langgestreckte und durcheinander gewirrte Trichome mit dünner Wandung und weitem Lumen, an den vielen Krümmungen schon unter dem Mikroskop lebhafte Lichtreflexe zeigend. Es dürfte eine nicht uninteressante Aufgabe sein, durch Stichproben im Pflanzenreich der Frage näher zu treten, ob die Gestalt der Lichtschutzhaare, wie ich sie bei meinen Objekten mit den schlaffen und durcheinander ge- wirrten Trichomen gefunden habe, vielleicht allgemeiner ist. Daß diese Haargestaltung besonders geeignet für den angegebenen Zweck ist, kann 8) 1. c. § 11. *) 1. c. § 19. 5) Linsbauer, 1. c. p. 57, 77 Anm. 1. 8) Linsbauer, 1. c. p. 55. 129 keinem Zweifel unterliegen*, aber auch die Schuppenhaare der Bromeliaceen, welche völlig anders gestaltet sind und sich nur durch die Abteilung der Trichomscheiben in viele schmale Segmente den bezeichneten Haaren einiger- maßen nähern, zeigen, daß mit Hilfe von verschiedenen morphologischen Ge- staltungen die gleichen Resultate bezüglich des Lichtschutzes erreicht werden können. — Übrigens wurde von Tietze ') nachgewiesen, daß auch bei vielen Bromeliaceen dadurch gleichfalls dicht verfilzte Auflagen auf den Blättern ent- stehen können, daß die Trichome an ihren Rändern in lange gewellte Fortsätze auslaufen; diese Filzbekleidung ist nicht nur habituell, sondern auch funk- tionell mit derjenigen der beschriebenen Compositen in eine Linie zu stellen. § 23. Die Wirkung der glänzenden Oberflächen. Wie bereits oben ausgeführt, war es gleichfalls zuerst Wiesner ^), der glänzende Oberflächen als eine Einrichtung des Lichtschutzes der Pflanzen ansah, ohne jedoch in quantitative Erwägungen über die Wirksamkeit dieses Schutzmittels einzutreten. Ganz besonders weist er darauf hin, daß Blätter, welche im jugendlichen Zustand durch andere Einrichtungen geschützt sind, nach der Entfaltung eine stai'k lichtreflektierende Cuticula besitzen, und durch sie vor Schädigungen bewahrt werden. Die Tatsache, daß stark glänzende Blattoberflächen eine Lichtschutz- funktion ausüben, geht schon aus den Beobachtungen, die wir in unserer heimischen Flora machen können, mit großer Wahrscheinlichkeit hervor. Der habituelle Eindruck, den die Blätter des im dichten Waldesschatten wachsenden Unterholzes machen, ist wesentlich verschieden von demjenigen, welchen auf großen Lichtgenuß gestimmte Blätter hervorrufen. Stahl 2) hat sich mit diesen Fragen genauer beschäftigt, hat aber bei seinen Untersuchungen mehr die innere Struktur der Licht- und Schattenblätter als ihre Obei"fläche berücksichtigt. Daß diese nicht vernachlässigt werden darf, geht schon daraus hervor, daß es gerade die Lichtreflexe sind, die auf dem Sonnenlaub so häufig auftreten und, wie ich glaube, den wesentlichen physiognomischen Unterschied zwischen Licht- und Schatteugewächsen hervorbringen. Um mich in dieser Beziehung auf möglichst gesichertem Boden zu be- wegen, habe ich, der Erfahrung der praktischen Gärtnerkunst vertrauend, mich in Vilmorins^) Blumengärtnerei über tj'pische Schattengewächse in- formiert und finde dort eine lange Liste von Gehölzen, die sich dadurch auszeichnen und praktische Bedeutung besitzen, daß sie noch im tiefsten Schatten zu gedeihen vermögen, also einen außerordentlich geringen Licht- 7) Tietze, 1. c. p. 28 (40). *) Wiesner, Die natürl. Einriebt, etc. 1. c, p. 42. 2) Stahl, Bot. Ztg. 1880 1. c. p. 868—874. ') Vilmorins Blumengärtnerei; ed. 3 (1896) p. IGl. 130 genuß nötig haben. Mit Ausnahme von Hex Aquifolhim L., die aber auch, wie bekannt, an sonnigen Standorten vorkommt und gerade dort sich am schönsten baumartig entwickelt, zeichnen sich die Blätter aller dieser Pflanzen durch vollkommen matte Oberflächen aus ; außer bei Hex Äqtiifolhim L. ist bei keiner derselben eine spiegelnde Epidermis vorhanden; im Gegenteil haben einige der dort angeführten Spezies Andeutungen derjenigen sammet- artigen Beschaffenheit, welche wir an Blumenblättern zu sehen gewöhnt sind und welche auf Papillenbildung der Epidermis beruht, also gerade auf dem Gegensatz zu einer spiegelnden Außenseite. Für derartige Blätter hat zweifellos die Bemerkung Stahls^) über die Vermehrung der Belichtung durch die Papillenbildung Berechtigung. Eine gleiche Zusammenstellung extremer Lichtgewächse finde ich leider am angeführten Orte nicht. Aber die Beobachtung, welche Haberlandt^) als erster in den Tropen gemacht hat, daß in höchster Lichtesfülle auch die größte Menge spiegelnder Blätter vorkommt, finde ich in prägnanter Weise durch seine oben zitierten Worte bestätigt, — das Nähere hierüber sei bei Hansgirg'') nachgelesen, der eine Anzahl von Typen stark glän- zender Lichtblätter unterscheidet, unter denen der Palmentypus wohl der hervorstechendste ist. Ein nicht uninteressantes Beispiel für die Tatsache, daß Schattenblätter im allgemeinen glanzlose, Lichtblätter dagegen stark glänzende Obei-flächen zu besitzen pflegen, bietet Hedera Helix L., deren Wachstum im all- gemeinen im Schatten stattfindet, wähi'end die Blütenbildung durch inten- sives Licht bedingt wird, so daß die Pflanze sich also aus einem Gewächs Tabelle No. 8. Name der Pflanze: Hedera Helix L. Schattenblatt mit stumpfer Oberseite. L Blattoberseite. Zeit der Belichtung: 1/2 Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 14,5 37,0 86,5 126,5 160,0 2 14,5 37,5 86,0 126,5 161,0 3 15,0 38,0 87,5 127,5 161,0 4 15,5 38,5 87,0 127,0 161,5 5 14,5 37,0 86,5 126,0 160,5 6 14,0 37,5 86,0 126,5 160,0 7 13,5 36,5 85,5 125,5 159,5 8 13,0 36,0 85,5 125,0 159,0 9 12,5 36,0 84,5 125,0 159,0 10 13,0 36,0 85,0 124,5 158,5 Gesamt- Mittel : 14,0 37,0 86,0 126,0 160,0 *) Stahl, Über bunte Laubblätter, 1. c. p. 208. ^') 1. c. § 10. "J Hansgi rg, 1. c. Typus 24, 26 etc. 131 II. Blat tu literseife. Zeit der Rt'lichtune: 1/2 Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 13,5 36,5 86,5 125,5 160,0 2 14,5 36,5 85,5 126,5 160,0 3 14,5 37,0 86,5 127,0 160,5 4 15,0 37,5 86,5 126,5 161,0 5 13,5 36,5 85,5 126,0 160,0 ^G 14,0 36,0 86,0 125,5 159,5 7 12,5 35,0 85,0 125,0 158,5 8 13,0 35,5 84,5 124,5 159,0 9 12,0 34,5 84,5 124,5 158,0 10 12,5 35,0 84,5 124,0 158,5 Gesamt- Mittel: 13,5 36,0 85,5 125,5 159,5 tiefen Schattens im Laufe ihrer Entwicklung zu einem charakteristischen Lichtgewächs weiterbildet. Als Grundlage für die Untersuchungen der glänzenden Lichtblätter von Hedera Helix L. mußten zunächst Unter- suchungen über die Reflexionstätigkeit von Oberseite und Unterseite der glanzlosen Schattenblätter vorangehen. Die Zahlen in Tabelle No. 8 zeigen, daß bei Stellung des Blattes unter einem Winkel von 45" zum auffallenden Liclite die Erwärmung der Blatt- oberseite, mithin die Menge der von dieser absorbierten Strahlen eine dauernd um ein geringes höhere ist als diejenige der Blattunterseite. Dieses Resultat hat nichts überraschendes, denn die blassere Farbe der Blattunter- seite, welche durcli die hiftgefüllten Intercellularen des Schwammparenchyms verursacht wird, zeigt schon dem bloßen Auge, daß auf der Unterseite eine etwas größere Lichtzerstreuung stattfindet als auf der Blattoberseite. t Tabelle No. 9. Name der Pflanze: Hedera Helix L. stark glänzendes Sonnenbiatf. I. Blatti interseite. Zeit der Belichtung V2 Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. No. Skalenfeile Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile 1 16,5 39,5 86,0 121,5 144,5 2 15,5 39,5 87,0 121,0 144,5 3 15,0 38,5 85,5 121,0 143,5 4 15,0 38,0 85,5 1 20,0 143,0 5 13,5 37,5 84,5 119,0 142,0 6 14,0 37,0 84,0 119,5 142,5 7 14,5 39,0 86,0 120,5 143,5 8 15,5 38,5 85,0 121,0 144,0 9 1 2,5 36,5 83,5 118,0 141,0 10 13,5 36,0 83,0 118,5 141,5 Gesamt- Uittel: 14,5 38,0 85,0 120,0 143,0 Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Bd. IX, Heft II. 132 11. Blattoberseite. Zeit der Belichtung: Va Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. No. Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile 1 14,.0 3G,0 79,5 112,5 133,5 2 14,5 36,5 79,0 112,0 133,5 3 14,0 35,0 78,0 111,5 132,5 4 14,5 36,0 78,5 111,5 132,0 5 12,5 34,0 77,5 110,5 131,0 6 13,0 34,5 77,5 110,0 131,5 7 14,0 35,5 78,5 112,0 133,0 8 14,0 36,0 79,0 111,5 132,5 9 12,0 33,0 76,0 109,5 130,0 10 12,0 33,5 76,5 109,0 130,5 Gesanit- Mittel: 13,5 35,0 78,0 111,0 132,0 Prozent : 7,2 0/0 7,9% 8,0% 7,5 7o 7,7 % Bei den Liclitblättein verkehrt sich nun, wie Tabelle No. 9 zeigt, dieses Verhältnis vollkommen ins Gegenteil: Die schwächere Erwärmung, d. h. die geringere Menge der einfallenden Strahlen, welche in den ersten vier Minuten der Untersuchung eine zwischen 7,2% und 8,0% betragende Größe besitzt, also ungefähr ein Zwölftel des aufgestrahlten Lichtes, kann allein auf Rechnung der spiegelnden Oberseite gesetzt werden, während beim Schatten- blatt eine derartige Schwächung des einfallenden Lichtes nicht stattfindet. Bevor ich mit der Darstellung meiner auf die Größe der Lichtrefiexion an glänzenden Blättern bezüglichen Untersuchungen fortfahre, sei zunächst ein Unterschied zwischen verschiedenen Arten spiegelnder Blätter betont. Bei dem Lichtblatt von Hedera Helix L. wurden die in Tabelle No. 9 erlialtenen Werte dadurch erzielt, daß die Strahlen der Lichtquelle nicht senk- recht, sondern unter einem Winkel von 45^ auf die Blattfläche geschickt wurden. Von allen Autoren, welche sich mit den Fragen von Lichtgenuß und Lichtschutz grüner Pflanzenorgane beschäftigen, wird die Milderung des Lichtes, die durch schrägen Einfall erzielt wird, ganz besonders hervor- gehoben und ist ja ohne weiteres verständlich. Die Lichtmenge, welche die Flächeneinheit eines ebenen Blattes empfängt, ist proportional dem cosinus des Einfallswinkels der auffallenden Strahlen ; sie nimmt also mit zunelnnendem Einfallswinkel ab. Dazu kommt noch, daß im allgemeinen mit zunehmendem Einfallswinkel i die reflektierte Lichtmenge zunimmt, die eindringende Licht menge dagegen abnimmt. In der Natur wird bei sämtlichen Lichtblättern, wie es scheint ohne Ausnahme, die Tendenz verfolgt, das intensivste Licht des Mittags niemals rechtwinklig auf die assimilierenden Blattfläclien auf- fallen zu lassen, sondern stets dem Lichteinfall einen mehr oder weniger großen Winkel darzubieten. Ohne mich hier auf die Anführung vieler weiterer Zitate einzulassen, beschränke ich mich auf das Zeugnis von Ewart^), '') Ewart, A. J., Effects of Tropical Insolation; , Annais of Bot,', vol. 11 p. 439. 133 der aus eigener lieobuclitung feststellt, dal5 „uo tropical plant places or allows its leaves to be in such a position that tlie uppei' surfaces are at right angles to the sun's incident rays when at the zenith". Ganz besonders sind es überall die jugendlichen lilätter, welche durch ihre Stellung zum einfallenden Liclit auf das deutlichste das Bestreben der Pflanze erkennen lassen, eine Reflexion der Lichtstrahlen durch schräge Stellung der Blattflächen zum einfallenden intensivsten Lichte zu erzielen'^). Weder bei dem Lichtblatt von Hedera Helix L. noch bei allen anderen von mir untersuchten dicotylen glänzenden Laubblättern konnte irgend eine gröf3ere Difterenz gegenüber der matten Unterseite gefunden werden, wenn die spiegelnde Blattfläche dem Lichteinfall senkrecht entgegengestellt wurde. Völlig anders dagegen verhielten sich die wenigen Bromeliaceenblätter mit spiegelnder Oberfläche, die ich untersuchen konnte. Vor allem ergab mir die Untersuchung von Gnjptantlms acanlis Otto et Dietr., bei welcher besonders an den jungen Blättern eine sehr starke Lichtreflexion an der oberen Epidermis stattfindet, die Erscheinung, dali eine Schwächung des einfallenden Lichtes durch die Blattoberseite selbst dann enitrat, wenn die Lichtstrahlen senkrecht auffielen, ja gerade unter diesen Umständen ihr Maximum erreichten. Habituell schon sind bedeutende Differenzen zwischen den Blättern der von mir untersuchten spiegelnden Dicotylen und denjenigen der Bromeliaceen vorhanden. AVährend bei allen untersuchten dicotylen Blättern ein Blattstiel vorliegt, an dem die Spreite unter einem stumpfen Winkel ansetzt und welcher geeignet ist, die Blätter in schräge Stellung zum einfallenden inten- siven Licht zu bringen, ist bei den untersuchten Bromeliaceen keine der- artige Einrichtung vorhanden. Die Blätter sind von der Basis bis zur Mitte ungefähr gleich breit; sie sind sehr fest und stark und nehmen mit ihrer Ober- seite eine fixe Lage zum Lichteinfall ein und zwar eine Lage, welche, — da die Blätter dem Erdboden mehr oder weniger parallel verlaufen, bei Cryptanthus acanlis Otto et Dietr. ihm sogar fest angedrückt sind, — gerade um Mittag beim höchsten Stand der Sonne ein senkrechtes Einfallen der Lichtstrahlen bedingt. Diese habituellen Verschiedenheiten entsprechen höchst merkwürdigen anatomischen Differenzen in der Epidermis der Blätter. Ohne alle Ausnahme habe ich bei den untersuchten spiegelnden dicotylen Blättern gefunden, daß es die Außenwand der Epidermiszellen ist, welcher im wesentlichen die Wirkung der Lichtreflexionen zugeschrieben werden muß. Es ist die glatte Cuticula, ganz besonders aber auch neben ihr die deut- liche, bei den untersuchten am stärksten glänzenden Blättern, besonders der Ficus-Arten, auffällig starke Schichtung der äußeren Epidermiswände, welche hier als erklärendes Moment in Frage kommt. Es sei bemerkt, daß auch in der Physik tolale Reflexion der feinsten Art gerade durch parallele Lamellen reflektierender Flächen hervorgebiacht 8) Vgl. Hansgirg, 1. c. p. 439 ff. 134 wild und daß mau sich z. B. vor der Einführung des N i c o 1 - Prismas, dessen Wirksamkeit auf der großen Menge reflektierender paralleler Flächen beruht, künstlich zusammengesetzter Platten bediente, die aus feinsten Glas- lamellen bestanden, um Lichtpolarisation zu erzeugen ^). Die Tatsache, daß auch im Innern von Pflanzen, an Stellen, welche jeden Gedanken an Lichtschutzeinrichtuugen ausschließen (z. B. Sklerenchym- faseru in tiefer Rindenschicht, Reservezellulose in Samen etc.), geschichtete Membianen vorkommen, ja unter Umständen eine besonders starke Ent- wicklung der Schichten zeigen, kann nicht als Beweis angeführt werden gegen die für die beschriebenen speziellen Fälle gegebene Deutung, denn es ist klar, daß eine auf allgemeinen Ursachen beruhende Erscheinung unter Umständen zur Erreichung spezieller Zwecke Verwertung finden kann. So sind es also nach meinen Untersuchungen die oberflächlichen Mem- branen der dicotylen Blätter, welche das Phänomen der Spiegelung hervor- rufen, und nicht nur auf Dicotylen bezieht sich meine Ausführung, sondern auch auf einige untersuchte monokotyle Blätter, besonders aus der Familie der Araceen und Orchideen, welche durch den Blattstiel, oder wenn es sich nm sitzende Blätter handelt, durcli die Art ihrer Insertion an sich schon schräg zum einfallenden intensiven Licht gestellt sind. Bei den genannten spiegelnden Bromeliaceen-Blättern dagegen sind es „Hohlspiegel"-Einrichtuugen der Epidermiszellen, welche diese Eigenschaft der Lichtreflexion im wesentlichen bedingen. Dabei ist die Einrichtung nicht nur auf Cryptantlmü acaulis Otto et Dietr. und das gleichfalls untersuchte Nidularmm sjjlendens beschränkt, sondern tritt bei den Gattungen Vriesea und Tillandsia bei vielen Arten auf, welche den Epiphyten niederer Ordnung zugezählt werden müssen ^'^); als Beispiele für besonders schön ausgebildete Hohlspiegelzellen seien genannt: TiUandsia (doifolia Hook., TiUanäsia (joyacensis Mez, TiUanäsia myosura Griseb., TiUandsia Palmana Mez, TiUanäsia violacea Bak., TiUanäsia rohusfa Griseb., ChevaUieria sphaero- ce])hala Gaudich., Vriesea sceptrnin Mez n. a. Der Querschnitt der Epi- 1±xr j'/^iViVj^ViV/ Figur No. 2. TiUandsia Goyacensis Mez. Figur No. 3. TiUandsia violacea Bak. Hühlspiegelartige Epidermiszellen der Blattoberseite, dermis eines solchen Blattes (Fig. No. 2, 3) zeigt, daß sämtliche Epidermis- zellen mehr oder weniger vollständig im Querschnitt Hohlspiegelgestalt ä) Vgl. Hager-iMez, Das Mikroskop und seine Anwendung. 9 ed. (1904) p. 41. 10) Tietze, 1. c. p. 43 ff. J^5 aufweisen, so dal.) hier ähnliclio Vcrliältnisse der Lichtreflexiou vorliegen, wie dies bei den von NolP'l beschriebenen Beispielen des Protonemas von ScJnsfostega osmundacea Sehimp. der Fall ist, wo die hohlspiegel- artigen Zellen das einfallende Licht in smaragdgrünem Glänze reflektieren. Nur hat die Einrichtung bei den glänzenden Bromeliaceenblätteni einerseits, bei Schistostega osnmndacea Sehimp., dem Leuchtmoos, andererseits, durchaus verschiedene Wirkung, denn die Hohlspiegelfläclien der Epidermiszellen der gesamten höheren Pflanzen werfen einen Teil des Lichtes heraus und be- schützen das darunterliegende Chlorophyllgewebe vor Liclitübei-flu(J, Avährend bei Schistostega osmvnäacea Sehimp., das nur in engen Felshöhlen wächst, das Licht auf die in den Brennpunkten der Hohlspiegel liegenden Chlorophyll- körner konzentriert wird^-). Aus meiner in Tabelle 1 § ^ l gegebenen vierten Spalte, die nun hier zur Besprechung heranzuziehen ist, ergibt sich, dali die Wirkung der schuppenlosen stark glänzenden Obei-fläche beinahe ebenso groß ist, wie diejenige des trockenen Schuppenbelages der Unterseite; die Temperatm- steigt nämlich bei der Unterseite mit trockenen Schuppen nur auf 20,0 Teilstriche, bei der glänzenden Oberseite ohne Schuppen auf 21,0 Teilstriche, während die Blattunterseite ohne Schuppen die Größe von 22,5, die Blatt- unterseite mit benetzten Schuppen diejenige von 23,0 Skalenteilen ergab. Vergleicht man bloß die Daten miteinander, die sich auf den schuppen- losen Zustand der Blattseite beziehen, so werden durch die Hohlspiegel- systeme auf der Oberseite der Blätter 6,7% der einfallenden Strahlen her- ausgeworfen, die die Unterseite, die eine ähnliche Hohlspiegelbildung nicht so ausgesprochen darbietet, passieren. Ganz besonders sei nochmals hervorgehoben, daß es sich bei diesen Versuchen um senkrecht auffallendes Licht handelt, und daß die Prozentzahl 6,7 unter allen Umständen eine Minimalzahl ist, weil auch auf der Unterseite eine, wenn auch geringere, Lichtzerstreuung selbstverständlich stattfindet. Die Blätter der genannten Bromeliaceen sind rinnenförmig gebogen. Demnach wird während der hellsten Zeit des Tages eigentlich nur die Mitte des Blattes von den senkrechten Strahlen getroffen; alle diejenigen Partieen dagegen, welche mehr seitlich stehen, werden auch mehr oder weniger schief getroften werden und sind dadurch schon von selbst im Lichtschutz. Mit dieser Überlegung stimmt überein, daß die Zellen, die wie konkave Hohlspiegel wirken, in der Mitte der Blattoberseite weitaus am besten aus- gebildet sind und nach den Blatträndern zu ihre typische Gestalt allmählich verlieren. Eine besondere Wirksamkeit dieser Hohlspiegeleinrichtung der inneren Zellwände kann nur unter besonderen Umständen vorhanden sein. Die Reflexion bezieht sich nur auf diejenigen Strahlen, welche auf die ge- ") Noll, über da.s Leuchten der Schistostega osnmndacea Sehimp. Arbeit, d. Bot. Inst, in Wiirzburg 1888 Bd. 3 p. 477—488. 12) ibid. Abbild, p. 480, 481; vgl. auch Pfeffer, I. 1. c. p. 345. 136 krümmten Wände der Zellinnenfläclie fallen , dagegen nicht auf die nach außen flachen Trennungswände dieser Zellen. Diese werden von allen senkrecht einfallenden Strahlen jedenfalls durchsetzt werden. Je größer also die von den Trennungswänden der Epiderraiszellen eingenommenen Flächen sind, um so geringer muß die Wirksamkeit der Hohlspiegelsysteme ausfallen. Bei den bezeichneten Bromeliaceen findet sich nun die Ein- richtung, welche bei der größten Menge der Monokotylen vorhanden ist, daß die Epidermiszellen in der Richtung der Längserstreckung der Blätter außerordentlich langgestreckt sind. Es fällt deshalb eine bedeutende Größe der Minderung der Reflexionswirkung, welche bei isodiametrischen Epidermis- wänden durch die in der Querrichtung gestellten Wände verursacht werden, bei den genannten Monokotylen von selbst weg. Ich habe keinen genugenden Überblick über die Verbreitung dieser Einrichtung im Pflanzenreich, doch möchte ich aus den hier dargelegten Erwägungen folgern, dal.^ wahrscheinlich bei den Monokotylen glänzende Blätter, welche ihre Lichtreflexion hohlspiegelförmig gekrümmten Zellinnen- flächen verdanken, noch weiter verbreitet sind. Ganz besonders dürften sie in der Familie der Palmen gefunden werden. Bei den Blättern mit spiegelnder resp. mehr oder weniger glänzender Ober- fläche und geschichteter Außenhaut habe ich bei meinen Untersuchungen die im folgenden (Tabelle No. 10 bis Tabelle No. 20) dargestellten Resultate erhalten, wobei die Versuche sämtlich unter einem Lichteinfall von 45 ^' auf das Untersuchungsobjekt angestellt worden sind. Tabelle No. 10. Name der Pflanze: Cinnanionmm Tamala T. ältere, glänzende Blätter. B 1 a 1 1 b e r s e i t e B 1 a 1 1 r. n t c r s e i t e Zeit der BeUchtung Va Min. 1 Min. Va Min. 1 Min. No. Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile 1 22,5 53,0 24,5 57,5 2 22,0 53,5 24,5 57,0 3 24,5 55,0 26,0 59,5 4 24,0 55,0 26,5 59,0 5 23,0 54,5 25,0 58,5 6 23,5 54,0 25,5 58,0 7 21,5 52,0 23,0 56,5 8 22,0 52,5 23,5 56,5 9 23,0 55,0 25,5 58,5 10 24,0 55,5 26,0 59,0 Gesamt-Mittel: 23,0 54,0 25,0 58,0 Prozent: 8,0 % 6,9 % — 137 Tabelle No. 11. Prunus Laurocerasns L. glänzende Blätter. Tabelle No. 12. Encephalartos Hildebrandtl A. Bi-. stark glänzende, ledeiartigc Blätter, I. Blatt Oberseite I. 31 attober Seite Zeit der Belichtung;: 2 Min. 3 Min. 1/2 Min. 1 Min. j 4 Min. 1 70,5 104,0 11,0 34,5 177,0 2 70,0 104,5 11,0 34,0 176,5 3 68,5 102,5 11,5 34,0 176,0 4 68,5 102,0 10,5 35,0 177,0 5 69,0 103,0 9,0 32,5 174,0 6 68,5 102,5 9,5 33,0 175,0 7 71,5 106,0 10,0 35,0 177,0 8 72^0 100,0 11,5 36,0 177,5 9 70,5 104,5 10,0 33,5 175,5 10 71,0 1 104,5 9,5 32,5 174,5 Gesamt-Mittel: 70,0 104,0 10,5 34,0 176,0 II. Blattiintcrsei te 11. Blattunterseite 1 78,0 115,0 12,0 37,5 189,5 2 77,5 114,5 12,5 38,0 189,0 3 75,0 113,0 13,0 37,0 189,0 4 75,5 1 1 3,0 12,0 37,5 190,0 5 75,5 113,0 10,5 35,5 188,0 6 76,5 113,5 11,0 36,0 187,5 7 79,0 116,5 13,0 38,0 190,0 8 78,5 116,0 14,0 38,5 191,0 9 77,0 114,5 11,0 35,5 188,0 10 77,5 115,5 11,0 36,5 188,0 Gesarat-Mittel : 77,0 114,5 12,0 37,0 189,0 Prozent: 9,1% 9,2 % 12,5 "/o 8,1 7o 6,9% Tabelle No. 13. Name der Pflanze: Ficus bcnyalensis L. lederartiges, glänzendes Blatt. I. Blatt Oberseite. Zeit der Belichtung: 1/2 Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 12,5 39,0 91,5 131,0 157,5 2 12,0 39,5 91,5 131,5 157,5 3 14,0 41,5 94,0 133,5 159,0 4 1 5,0 42,0 93,5 134,0 1 60,0 5 13,5 40,0 92,0 132,0 157,5 6 13,0 40,5 92,5 132,5 158,5 7 14,5 41,0 93,5 133,0 159,0 8 14,5 41,5 93,0 133,5 159,5 9 15,0 42,5 94,0 134,0 160,5 10 16,0 42,5 94,5 135,0 161,0 Gesamt- Mittel : 14,0 41,0 93,0 133,0 159,0 138 II. Blattunter Seite. Zeit der Belichtung : 1/2 Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 14,5 43,5 98,0 139,0 167,0 2 15,0 43,0 97,5 139,5 167,5 3 1 G,0 45,5 99,5 141,0 169,5 4 16,5 46,0 99,0 142,0 170,5 5 14,5 44,0 98,0 140,5 1 68,0 6 15,5 44,5 98,0 140,0 168,5 7 16,0 45,0 99,0 141,5 169,0 8 17,0 45,5 99,5 141,5 169,5 9 17,0 4(;,o 100,5 142,0 170,0 10 18,0 47,0 100,5 143,0 171,0 Gesamt- Mittel : 16,0 45,0 99,0 141,0 169,0 Prozent: l-2,5"/o 8,9 % 6,1% 5,7 "/o 5,9% Tabelle No. 14. Mimusopf> Elengi L. I. Blattoberseite. II. Blattu nter Seite. Zeit der Belichtung: 1/2 Min. 1 Min. V2 Min. 1 Min. 1 12,0 37,0 14,5 39,0 2 11,5 37,0 14,0 38,5 3 13,5 38,5 16,0 40,5 4 12,5 36,5 14,0 39,0 5 13,5 37,5 15,0 39,0 6 14,0 38,0 15,5 40,0 7 14,5 39,0 16,0 41,0 8 13,5 38,0 16,5 40,5 9 15,5 39,5 17,0 41,5 10 14,5 39,0 16,5 41,0 Gcsamt- Mlltel: 13,5 38,0 15,5 40,0 Prozent: 12,97o 5,0% Tabelle No. 15. Landoliihia florida Bentli. I. B 1 a 1 1 b e r s e ite. Zeit der Beliclilung: 1/2 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 28,5 111,0 144,0 172,5 2 28,0 111,5 145,0 172,0 3 27,5 110,5 143,0 171,5 4 27,0 1 110,0 144,0 171,0 5 28,0 110,5 143,0 170,5 6 26,5 109,5 142,5 171,5 7 26,0 109,0 142,0 170,5 8 25,5 1 108,5 141,5 169,5 9 27,0 ; 110,0 142,0 170,5 10 26,0 109,5 143,0 170,5 Gesamt Sliftel: 27,0 j 110,0 143,0 171,0 139 II. Blattunterseite. Zeit der Kelichtunc: 1/2 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 33,0 130,0 172,0 198,0 2 34,0 130,0 171,0 198,5 3 32,0 129,5 170,5 197,0 4 33,0 130,5 170,5 197,5 5 32,0 128,5 170,0 198,0 6 31,5 129,0 169,5 196,5 7 30,5 127,5 168,5 195,5 8 31,0 128,0 169,5 196,0 31,0 129,0 169,5 197,0 lu 32,0 128,0 169,0 196,0 Gesamt- Mittel: 32,0 129,0 170,0 197,0 Prozent: 15,6 7o 14,7% 15,97o 13,o7o Tabelle No. 16. Hex Aquifolium L. I. Blattoberseite II, Blattuntcr Seite Zeit der Belichtung,: 1 Min. 2 Min. 3 Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 1 31,5 63,5 88,5 38,5 77,5 ' 105,0 2 31,5 63,0 89,0 38,0 78,0 105,5 3 33,5 66,0 90,0 40,0 79,0 107,5 4 34,0 66,5 91,0 39,5 80,0 109,0 5 32,5 64,0 89,5 38,0 78,0 106,0 6 32,0 64,5 88,5 38,5 78,0 106,5 7 34,5 66,0 92,0 40,5 80,5 108,0 8 34,0 66,0 91,0 41,5 80,0 108,0 9 33,0 65,5 90,0 40,5 79,5 107,0 10 33,5 65,0 90,5 40,0 79,5 107,5 Gesamt- Mittel; 33,0 65,0 90,0 39,5 79,0 ; 107,0 Prozent : 16,5 7o 17,77o 15,9 7o Tabelle No. 17. Äglaonema costatum N. E. Br. grün und weiß gefleckte, glänzende Blätter. Die Tliernionadel befand sieh unter einer giünen Stelle des Blattes. I. Blatt Oberseite. Zeit der Itelichtung: V2 Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 11,5 37,0 90,5 131,0 158,5 2 11,0 37,5 90,5 130,5 158,0 3 14,0 39,5 93,0 132,5 161,0 4 13,0 40,0 92,5 132,5 160,0 5 12,5 38,0 91,5 131,0 159,5 6 12,0 38,5 91,0 131,5 159,0 7 13,5 39,0 92,0 132,0 160,5 8 13,0 39,5 92,5 132,5 160,5 9 14,5 40,5 93,0 133,5 161,0 10 15,0 40,5 93,5 133,0 162,0 Oesamt- Miltel: 13,0 39,0 92,0 132,0 160,0 140 II. Blattunterseite. Zeit der Belichtung: 1/2 Min. I Min, 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 14,0 44,0 98,5 141,5 169,0 2 14,5 43,0 99,0 141,0 168,5 3 17,0 45,5 100,0 143,5 170,5 4 1G,5 46,0 100,5 143,0 170,0 5 15,0 44,5 98,5 142,5 169,5 6 15,5 44,0 99,5 142,0 169,5 7 16,0 45,0 100,0 143,5 170,0 8 16,5 45,5 101,0 144,0 170,5 9 17,0 46,0 101,5 144,0 171,0 10 18,0 46,5 101,5 145,0 171,5 Gesamt Mittel : 16,0 45,0 100,0 143,0 170,0 Prozent: 18,8% 13,3% 8,0 7o 7,7% 5,9% Tabelle No. 18. Ficus suhpanihirif'ormis Miq. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gesamt- Mittel: Prozent: I. Blattoberseite. Zeit der Belichtung : 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 45,5 107,5 145,0 170,0 2 45,0 107,5 145,5 169,0 3 47,0 109,0 147,0 171,0 4 47,0 108,5 146,5 170,5 5 45,0 107,5 145,5 169,5 6 45,5 107,0 145,0 169,0 7 44,5 106,0 144,5 167,5 8 44,0 105,5 144,5 168,0 9 43,0 105,0 143,0 167,5 10 43,5 106,0 143,5 167,5 Gesamt- Jlittel : 45,0 107,0 145,0 169,0 II. Blattunterseite. 59,0 58,5 59,5 60,0 58,5 58,0 57,0 56,5 56,0 57,0 58,0 22,4 % 121,5 121,0 122,5 123,0 121,0 121,5 120,5 120,0 119,0 120,0 121,0 11,6% 161,0 160,0 162,0 161,5 160,5 160,5 159,0 158,5 158,0 159,0 160,0 9,4% 185,5 185,5 187,0 186,5 185,0 185,5 184,0 183,5 183,5 184,0 185,0 8,6% 141 Tabelle No. 19. Anthurium nitidum Benth. I. Blattoberseite. Zeit der Belichtung: Va Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 1 6,0 •22,5 64,5 106,0 2 7,0 22,5 65,0 107,0 3 5,5 22,0 64,5 105,5 4 6,0 21,5 65,5 106,0 5 6,5 22,5 66,0 106,5 6 8,0 23,5 67,0 107,0 7 7,5 23,0 66,5 108,0 8 7,0 23,5 66,0 107,0 9 8,0 24,0 67,5 109,0 10 8,5 25,0 67,5 108,0 Gesamt- Mittel : 7,0 23,0 66,0 107,0 II. Blattunterseite. 1 9,5 30,0 73,0 2 10,0 31,0 73,5 3 8,5 29,5 72,5 4 8,5 30,0 73,5 5 9,5 30,5 74,5 6 10,5 31,0 75,0 7 11,0 32,0 74,0 8 10,0 31,0 73,5 9 11,5 33,0 75,5 10 11,0 32,0 75,0 Gesamt- Mittel: 10,0 31,0 74,0 *rozent: 30,0 % 25,8 % 10,8 113,0 112,5 111,0 112,0 114,0 113,5 113,0 112,5 115,5 114,0 113,0 % 5,3 "/o Tabelle No. 20. Ficus elastica Roxb. Hort. Beng. I. Blatt ober Seite. II. Bla ttun tersei tc. Zeit der Belichtung: 1 Min. 2 Min. 1 Min. ; 2 Min. 1 5,0 8,5 7,5 11,0 2 5,5 8,5 7,0 11,5 3 4,0 7,5 5,5 10,0 4 3,5 7,0 5,0 10,0 5 5,0 9,0 6,5 11,0 6 5,5 9,5 7,0 11,5 7 4,5 8,0 6,0 10,5 8 4,5 7,5 5,5 10,0 9 4,0 8,0 6,0 10,0 10 3,5 7,0 5,0 9,5 Gesamt- Mittel : 4,5 8,0 6,0 10,5 Prozent : 25,4% 23,1% 142 Aus zwölf meiner Tabellen (No. 9 bis No. 20) geht hervor, daß tatsächlich unter Umständen die Lichtretlexion an glänzenden Blättern außerordentlich bedeutende Resultate haben kann. Sie schwankt nach den Untersuchungs- ergebnissen zwischen T^/o und 30 "o der gesamten Strahlenmenge und ist jedenfalls bedeutend genug, um einen großen Einfluß auf die Vegetation zu erreichen und auch weiter noch die Aufmerksamkeit der Forscher auf sich zu lenken. Es ist bemerkenswert, daß ein Gewächs unserer heimischen Flora, nämlich Hex Aquifolium L. mit zu denjenigen Objekten gehört, welche den höchsten Ausschlag ergeben haben. Allerdings wird diese Spezies durch Ficiis elastica noch bei weitem überboten. Ich zweifle nicht daran, daß bei ferneren Forschungen in den Tropen Objekte noch auf- gefunden werden, bei welchen die Größe der Lichtreflexion an der Ober- seite der Blätter noch viel bedeutender ist, als sie bei Ficus elastica ge- funden wurde. Ganz besonders sei darauf aufmerksam gemacht, daß meine Zahlen keine absoluten Reflexionsgrößen ergeben, sondern nur Ver- gleichszahlen zwischen den stark reflektierenden Oberseiten und den weniger reflektierenden Unterseiten der Blätter sind^^). Unter allen Umständen reflektiert resp. zerstreut auch die Blattunterseite stets ein gewisses Quantum der empfangenen Stralilen, und die absoluten Zahlen, die für die Unschädlichmachung des auffallenden Lichtes durch die glänzende Oberseite gewonnen werden könnten, würden wesentlich höher sein, als die im Vorstehenden gegebenen Verhältniszahlen. § 24. Die Reflexion des Lichtes durch Wasserüberzüge an den Blättern. Im Verlaufe meiner Untersuchungen bin ich auch auf die große licht- reflektierende Wirksamkeit von feinen Wasserüberzügen auf den Blättern aufmerksam geworden. Es lag nahe, für die Wirkung der spiegelnden Blattoberfläche weitere natürliche Analoga zu suchen, und ich wurde bei nassem Herbstwetter auf den spiegelnden Glanz der Blätter von Lonicera tatarica L. aufmerksam. Diese Spezies ist eine derjenigen, welche ein typisches glanzloses Schattenlaub besitzt. Im benetzten Zustand dagegen bieten die Blätter von Lonicera tatarica L. wegen einer sie vollkommen überziehenden Wasserschicht außerordentlich häufig den Anschein exquisiter Lichtblätter. 13) 1. c. § 20. 1) Frank, A. B., Knuikheiten der Pflanzen. II. Aufl., 1895 Bd. I. p. 175. V. Tliünien, F., Über den Sonnenbrand der Rebenbiätter. Die Weinlaube. 18. Jahrg. 1886 p. 409, 410. Ich habe Lonlcera fatarica L. bezüglicli ihrer Refiexiousverliältnisse nicht untersucht, weil mir die Blätter zu dünn waren und bei meiner da- maligen noch nicht genügenden Erfahrung zu große technische Scliwierig- keiten boten. An ihrer Stelle habe ich eine ganze Anzahl dicker Schatten- blütter untersucht und bestätigt gefunden, daß tatsächlich feine Wasserüberzüge ^^el stärker lichtreüektierend wirken, als man annehmen möclite. Über die Wirkung der Lichtstrahlen auf benetzte Blattoberflächen sind überhaupt recht heterogene Ansichten laut geworden. Das Sonnenlicht sollte durch einen Wassertropfen analog wie durch ein Brennglas konzentriert werden und so eine lokale Tötung des Pflanzengewebes bewirken ^). Dem- gegenüber wurde dann durch Experimente nachgewiesen, daß durch Wasser- tropfen auf der Blattfläche mit Hilfe starker Insolation und längerer Zeit verhinderter Verdunstung sowie durch Wasser von einer Temperatur bis über 60" C, womit die Pflanzen besprengt waren, keine Brennflecken auf den Blättern hervorgerufen werden konnten. Auch zeigten sich die Flecke liauptsächlich auf stark gebauten, dicken lederartigen Blättern, seltener auf dünnen und behaarten Blättern. Jönsson neigt daher zu der Annahme, daß wahrscheinlich Blasen in den Glasscheiben des Gewächshauses die Ur- sache der sogenannten Brennflecken sind 2). Durcli anatomische Untersucliungen hat sich ferner ergeben, daß Blätter nur dann unbenetzbar sind, wenn eine Waclisschicht resp. Luftschicht vor- lianden ist; die Wölbung der Außenwände der Epidermiszellen allein ist dagegen nicht maßgebend')- Dal.) die Blätter der den feuchtwarmen Tropengebieten angehörigen Ge- wächse gewöhnlich durch vollständige Benetzbarkeit der Oberseiten aus- gezeichnet sind, ist zuerst von StaliH) gebührend hervorgehoben worden. Unbenetzbarkeit ist nach Stahl bei den westjavanischen Gewächsen ein seltener Ausnahmefall'^), denn der Nutzen der Benetzbarkeit der Blattober- seite sei vor allem die schnelle Ableitung und dadurch bedingte Entlastung des Blattes vom Wasser, die Eehiigung der Blattoberseite, die dadurch einigermaßen eingeschränkte Epiphyllie und endlich die rasche Trocken- legung der Spreite zur Förderung der Transpiration''). Im Einklang mit den Stahlseilen Ansichten steht Wiesner'), der hervorhebt, daß Be- netzbarkeit eine nie fehlende Eigenschaft des ombrophilen Blattes sei; das ombropliobe Blatt verträgt eine solche Wasseraufnahme nicht, und wenn es nicht den Schutz der Unbenetzbarkeit erworben hat, so geht es unter der 2) Bengt Jöns.son, Oiii bräiinfläckar pa växtblad. Botaniska Notiser. För ar 1891. Lund 1891 p. 1—16, 49—62. 3) Knothe, Kricli, Vergleichende Anatomie der unbenetzbaren Blätter. Inaug. Diss. Heidelberg 1902 p. 27 IW, 46. *) Stahl, E., Regenfall und Blattgestalt. F2in Beitrag zur Ptlanzenbiologie. Extrait des Annales du .lardin Bot. de Buitenzorg, Vol. XI. 1893 p. KX). 5) ibid. p. 117. 8) ibid. p. 120 ff. '') Wiesner, Ptlanzenphysiol. Mitt. aus Bnit, III. 1. c. p. 185—187. 144 Einwirkung des Regens um so rascher zu Grunde. Eine große Zald von Pflanzen sind, besonders nach direkter Bestrahlung durch die Sonne, nur unvollkoininen benetzbar, werden es aber wieder, wenn Regen fällt, oder wenn die Blätter unter Wasser getaucht werden. Bemerkenswert ist auch, daß die im ausgebildeten Zustande völlig benetzbaren Blätter im Jugend- zustande garnicht oder wenig benetzbar sind^). Obgleich ich nur mit einer beschränkten Zahl von Blättern experimen- tierte, habe icli den Eindruck, daß die leicht benetzbaren Blätter dem Typus der Schattenblätter angehören, und daß die Eigenschaft großer Be- netzbarkeit besonders unter den Schattenblättern weit verbreitet ist. Dies stimmt auch gut zu der Tatsache, daß bei Lichtblättern im allgemeinen eine sehr viel stärkere Ausbildung der Cuticula als bei den Schattenblättern vorhanden ist, und mit der Beobachtung, daß mangelnde Cuticularisatiou die Benetzung beträchtlich fördert, sehr starke Ausbildung der Cuticula, besonders, wenn aus ihr Wachs ausgeschieden ist, die Benetzbarkeit mindert oder vollständig aufhebt. Ich komme nochmals auf die Tabelle No. 8, das Schattenblatt von Hedera Helix L. betreffend, zurück. Dasselbe für die Versuche der Tabelle No. 8 verwendete Blatt habe ich auch für die in Tabelle No. 21 dar- gestellten Untersuchungen verwendet, welche in der Weise angestellt wurden, daß mit einem feinen Pinsel Wasser aufgetragen und soviel wie möglich gleichmäßig verteilt wurde, so daß ein dünner Wasserüberzug auf dem Blatt haften blieb; dann wurde das Blattstück im dampfgesättigten Raum ebenso wie bei den entsprechenden Versuchen vorher unter einer Neigung von 45*^ den einfallenden Lichtstrahlen ausgesetzt. Tabelle No. 21. Hedera Helix L, Schattenblatt. I. Blattoberseite trocken. Zeit der Belichtung: 1/2 Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 14,5 37,0 86,5 126,5 160,0 2 14,5 37,5 86,0 126,5 161, (t 3 15,0 38,0 87,5 127,5 161,0 4 15,5 38,5 87,0 127,0 161,5 5 14,5 37,0 86,5 126,0 160,5 6 14,0 37,5 86,0 126,5 160,0 7 13,5 36,5 85,5 125,5 159,5 8 13,0 3G,0 85,5 125,0 159,0 9 12,5 3G,0 84,5 125,0 159,0 10 13,0 36,0 85,0 124,5 158,5 Gesamt- Mittel: 14,0 37,0 86,0 126,0 160,0 «) ibid. p. 188. 145 II. Blattoberseite benetzt. Zeit der Helichtune: Va Min. 1 Min. 1 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 11,5 30,5 ' 75,5 114.5 147,0 2 12,0 31,5 76,5 116,0 148,0 3 13,0 32,5 77,0 115,0 14G,5 4 12,5 31,5 76,0 114,0 146,0 5 11,5 30,5 75,5 113,5 146,5 6 12,0 3 1 ,0 76,5 114,5 146,0 7 10,5 30,0 74,5 113,0 145,0 8 11,0 31,5 75,0 114,0 145,5 9 10,0 29,5 73,5 112,0 144,0 10 11,0 31,5 75,5 113,5 145,5 Uesamt- Mittel: 11,5 31,0 75,5 114,0 . 146,0 Piozeiit: 17,9% 16,2% 12,2% 9,5% 8,8% Die Ergebnisse der Tabelle No. 21 sind auffallend verschieden von denjenigen der Tabelle No. 8, die das gleiche Blatt betrefien und zeigen, daß tatsächlich die Reflexion an dem das Blatt überziehenden Wasserhäutchen Größen erreicht, die von vielen mit glänzender Oberfläche von der Natur versehenen Lichtblättern nicht geliefert wurden. Um zu zeigen, daß diese Eigenschaft der Lichtreflexiou an vollkommen benetzten Blättern nicht auf Hedera Heli.r L. beschränkt ist, sondern in den verschiedensten Pflanzen- familien in vollkommen gleichmäßiger Weise auftritt, also eine weitgehende Bedeutung besitzt, füge ich im folgenden meine Tabellen No. 22, 23, 24 ein. Tabelle No. 22. Laurus nohilis L. 1. Hl a tt Oberseite tiocken. Zeit der Belichtung: 1/2 Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. No. Skalcnteile Sivalenteile Skalenteile Skalcnteile Skalcnteile 1 14,0 34,5 75.0 108,5 137,0 2 13,5 34,0 74,0 109,0 137,5 3 11,5 31,0 73,0 106,5 134,5 4 11,5 31,5 72,5 106,5 134,0 5 13,5 33,0 74,0 108,5 136,0 6 13,0 33,5 74,5 109,0 136,5 7 14,0 34,0 75,0 108,5 136,5 8 14,5 34,0 76,0 109,5 137,5 9 12,0 32,5 72,5 107,0 135,0 10 12,5 32,0 73,5 108,0 135,5 Gesamt- Miltel: 13,0 33,0 74,0 108,0 136,0 146 IL Blatt Unterseite. Zeit der Belichtung 1/2 Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. No. Skaleiiteile Skalenteile Skalenteile Skalenteile Skaleiiteile 1 14,0 33,5 75,5 109,5 136,5 2 1 3,0 33,5 74,5 109,0 137,5 3 11,5 31,5 73,5 106,0 135,5 4 12,0 32,0 73,0 106,5 135,5 5 13,5 33,5 74,5 108,0 136,5 G 13,5 33,0 75,0 108,5 137,5 7 14,0 34,0 75,5 109,0 137,0 8 14,5 34,5 76,5 109,0 138,0 9 12,5 32,5 74,0 107,5 135,5 10 11,5 32,0 73,0 107,0 135,0 Gesamt- Mittel : 13,0 33,0 74,5 108,0 136,5 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gesamt- Mittel: Dill V I/Ill iu Prozent: III. Blattoberseite benetzt. 13,5 12,0 10,5 11,5 13,0 1 2,0 13,5 12,5 11,0 10,5 12,0 7,7 7o 32,0 30,5 28,5 29,5 30,0 31,0 31,0 30,5 29,0 28,0 30,0 9,1% 69,5 68,5 66,0 66,5 68,0 68,5 70,0 69,0 67,5 66,5 68,0 8,1 7o 100,0 99,0 97,5 98,0 99,0 99,5 100,5 100,0 98,5 98,0 99,0 8,3 °/o 127,0 126,5 124,0 124,5 126,0 127,0 127,5 127,0 125,0 125,5 126,0 7,4% Tabelle No. 23. Rhododendron ponticum L., ältere Blätter. I. Blatt ober Seite trocken. Zeit der Helichtung: V2 Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min, 1 11,5 32,0 78,5 118,0 153,5 2 12,0 32,5 78,0 119,0 154,0 3 12,5 33,0 78,0 119,5 153,5 4 13,0 34,0 80,0 120,0 155,5 5 14,0 34,5 79,5 j 120,5 155,0 6 13,5 34,0 79,0 119,0 154,5 7 14,5 35,0 80,5 1 121,0 156,0 8 14,5 34,0 80,0 120,0 155,5 9 15,0 36,0 81,0 122,0 156,5 10 14,5 35,0 80,5 121,0 156,0 Gesamt- Mittel : 13,5 34,0 79,5 120,0 155,0 14t II. Blattunterseite. Zeit der Belichtung: V2 Mi". 1 Min. 2 Min. 3 Min, 4 Min. 1 12,0 33,0 78,0 118,5 154,5 2 13,0 32,5 78,0 119,5 154,0 3 14,0 33,5 79,0 120,0 156,0 4 13,0 32,0 78,5 119,0 154,0 5 14,5 35,0 80,0 121,5 155,5 6 14,0 34,0 79,5 120,5 155,0 7 15,(» 35,0 80,5 121,5 156,0 8 14,0 34,5 79,5 121,0 156,5 9 15,5 36,0 81,5 122,0 157,0 10 15,0 34,5 80,5 121,5 156,5 Oesamt- Witlel: 14,0 34,0 79,5 120,5 155,5 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Geaamt- Mittel: Diff. V. I/lll in Prozent: III. Blattobei' Seite benetzt. 10,0 10,5 12,0 11,0 13,0 12,0 13,5 12,0 13,5 12,5 12,0 11,1% 30,0 29,5 31,5 30,5 32,0 31,5 32,5 31,0 33,5 33,0 31,5 7,4 % 73,5 74,0 75,5 73,5 74,5 75,5 7G,0 75,0 76,0 76,5 75,0 5,7% 113,0 113,5 145,5 146,5 114,0 145,5 112,0 146,0 114,0 147,5 114,5 148,0 115,0 148,0 114,5 147,5 115,5 148,5 1 1 4,0 147,0 114,0 147,0 5,0% 5,2% Tabelle No. 24. Ruscus Hypoglossum L. I. Moi phologische Oberseite, trocken. Zeit der Belichtung: 1/2 Min. 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 13,5 35,0 83,0 124,0 159,0 2 13,0 35,5 82,0 123,5 158,5 3 14,0 36,0 82,5 123,5 159,5 4 12,5 35,0 81,5 122,0 158,0 5 12,0 34,0 81,0 122,5 157,0 6 11,5 33,0 80,5 121,0 157,5 7 13,0 34,5 82,0 122,5 158,5 8 12,0 34,5 81,0 122,0 157,5 9 14,5 36,0 83,0 125,0 160,0 10 14,0 36,5 83,5 124,0 159,5 Gesamt- Mittel : 13,0 35,0 82,0 123,0 158,5 Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Bd. IX, Heft II. 10 148 II. M r p h 1 g sehe Unterseite. Zeit der Belichtung: 1/2 Min. 1 Min. 2 Min, j 3 Min. 4 Min. 1 14,0 36,0 82,5 123,5 159,5 2 13,5 35,0 82,0 123,5 159,0 3 13,0 36,0 83,0 124,0 159,0 4 12,5 34,0 81,5 122,5 157,5 5 11,5 33,5 80,0 121,0 156,5 6 12,0 34,0 81,0 122,0 158,0 7 13,0 35,0 82,0 123,0 158,0 8 12,0 34,0 81,5 122,0 157,5 9 15,0 36,5 84,0 124,5 160,0 10 13,5 36,0 82,5 124,0 160,0 Gesamt- Mittel: 13,0 35,0 82,0 123,0 158,5 III. Morphologische Oberseite, benetzt. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gesamt- Mittel : ] Diff. V. I/III I in Prozent: 10,5 11,0 12,0 10,0 9,5 8,5 10,5 9,5 12,5 11,0 10,5 19,2% 29,0 28,0 29,5 28,5 • 27,5 27,0 28,5 27,5 30,0 29,5 28,5 18,6% 73,0 72,0 73,0 71,5 71,0 70,0 71,5 71,0 74,0 73,0 72,0 12,2% 113,0 112,5 113,5 112,0 111,5 111,0 112,0 112,0 114,0 113,0 112,5 8,5 % 149,0 148,5 149,0 147,5 146,5 146,0 148,0 147,0 150,0 148,5 148,0 6,6% Die Tabellen No. 22, 23, 24 betreffen die mir gerade zur Hand ge- wesenen Schattenfornien der Blätter von Lavrns nohiJis L., Bhoilodendron ponticum L. und der Cladodien von Ruscus Hypoglossum L. Ich habe in diesen Tabellen zunächst dargestellt, daß es sich bei den Blättern dieser Pflanzen, wenigstens bei den Schattenblättern — denn sowohl Lauriis nohilis L. wie Rhododendron ponticum L. bilden an den dem Licht stark ausgesetzten Stellen häufig auch oberseits glänzende Blätter aus — zunächst um vollkommene Gleichheit der Retlexionsverhältnisse auf Blatt- oberseite und Blattunterseite handelt ^ im benetzten Zustand dagegen, d. h. in dem Augenblick, wo ein feiner Wasserbelag die Blattfläche überzieht, nehmen die Blätter den Charakter extremer Lichtblätter an, reflektieren also bedeutende Mengen der einfallenden Strahlen. Es ist hier die Stelle, auf die Bedeutung der von Jungner ^) an den Blättern der Pflanzen des regenreichen Kamerungebirges beobachteten „Stachelspitzen" oder „Träufelspitzeri" ^^') für das Leben derjenigen ^) Jungner, J. R., Anpassungen der Pllan/en an das Klima in den Gegenden der regenreichen Kamerungebirge. Bot. Zentralbl. 1891, Bd. XLVII. No. 12 p. 353 ft. 10 ) Stahl, E., 1. c. 100 ff. 149 Pflanzen zurückzukommen, die mit diesem so außerordentlich auffälligen und charakteristischen Merkmal versehen sind. StahP'), dem wir die Untersuchung der biologischen Verhältnisse ver- danken, die ihren morphologischen Ausdruck in der Träufelspitze der Blätter gefunden haben, hat überzeugend dargetan, daß diese Einrichtung dazu dient, die Blätter möglichst rasch von dem anhängenden Wasser zu be- freien. So wurde z. B. ein unversehrtes Blatt von Coffea arahica in 1 5 Minuten vollständig entwässert, während es nach Entfernung der Träufel- spitze zwei Stunden brauchte, um zu trocknen^-). — Die hauptsächlichste Bedeutung dieser Einrichtung wird von Stahl darin gesehen, daß durch die Träufelspitze eine möglichst rasche und vollständige Entlastung des Blattes eintrete, damit kein Zerreißen des Auf Ijaues der Pflanze erfolge ^^). Auch Wiesner^^) hat sich mit vorliegender Frage beschäftigt. In Über- einstimmung mit Stahl weist er darauf hin, daß es vor allem die ombro- phile Vegetation der Tropen sei, welche die Träufelspitzen im höchsten Maße ausgebildet besitze, ja daß die Träufelspitze direkt einen typisclien Charakter des extrem ombrophilen Laubes darstelle^''). Auch mit der Stahlseilen Erklärung, daß es sich um möglichst rasche Entlastung der Blätter vom Wasser durch die Träufelspitzeu handele, ist Wiesner ^•') ein- verstanden. Ich zweifle nicht daran, daß diese Erklärung teilweise wenigstens zutrifft, möchte aber doch darauf aufmerksam machen, daß nach der bekannten Wirkung von Gebrauch oder Nichtgebrauch von Organen, um mich der Darwinschen Ausdrucksweise zu bedienen oder nach der Fortentwicklung, welche diese Darwinschen Sätze in der Entwicklungsmechanik erfahren haben, einigermaßen seltsam ist, daß ein Schutz gegen übermäßige Belastung nicht durch Ausbildung der mechanischen Gewebe von Blattstiel und Blatt, sondern durch Entwicklung der Träufelspitzen geschaffen sein soll. Wir kennen viele Anpassungen an mechanische Verhältnisse im Pflanzenreich; sie betreffen aber sämtlich die Ausbildung mechanischer Gewebe. Die Träufelspitzen sind die einzige bisher bekannt gewordene Ausnahme von dieser Regel. Ich habe versucht, mich in der Litteratur darüber zu unterrichten, ob die Träufelspitzen nicht vielleicht zugleich ein Ausdruck der Organisation des tropischen Schattenblattes seien, habe aber gefuiulen, dal.) diese Frage bisher noch nicht aufgeworfen worden ist. Einiges ist den Angaben Stahls ^'J zu entnehmen, der die Träufelspitze als ein charakteristisches Merkmal der ") Stahl, 1. c. p. 98 ff. 12) ibid. p. lOS. 13) ibid. [,. 121. ") Wicsncr, 1. c. p. 185, 186. ^^) ibid. p. ISG. i«) ibid. Vgl. aiuli die Abbild, von Blättern mit Träufel.spitzen bei Stahl, 1. c. Taf. X bis XII, Hansgirg, 1. c. p. 112. — Eine anßerordentlich lange, 75 mm messende Träufelspitze wies eine 100 mm lange Blattspitze von FicHS reliyiosa auf. (Stahl, 1. e. p. 103.) ") Stahl, I. c. p. 100, 129. 10* 150 regeiireiclieii westjavanischen Flora bezeichnet, wo „mir wälirend weniger Morgenstunden spärlich Sonnenstrahlen auf den Grund des düsteren Urwaldes mit dem vollständig durchnäßten Boden dringen". In Gegenden mit sehr trockenem Klima, auf hohen Berggipfeln und am Meeresstrand, also bei Ptlanzen mit xerophilem Charakter, wie überhaupt bei Blättern, die mit Schutzmitteln gegen starke Verdunstung ausgerüstet sind, kommen Träufel- spitzen selten vor. Auch in unserem gemäßigten Klima erreichen die Träufel- spitzen gerade an sehr feuchten, halbschattigen Standorten ihre größte Aus- bildung i"*). Die mir durch Herrn Prof. Mez in liebenswürdiger Weise vermittelte mündliche Auskunft des genauen Kenners der Flora des brasilianischen Ama- zonasgebietes und seiner biologischen Anpassungen, des Herrn E. Ule, lautet dahin, daß, soweit seine Erinnerung gehe, typische Träufelspitzen sich entweder nur oder doch vorzüglich bei Gewächsen finden, welche im Urwald hauptsächlich dem Unterholz angehören (Melastomaceen etc.), die also wohl Schattenblätter aufweisen. Da ich zur Beurteilung dieser Frage keine weiteren Unterlagen habe, so möchte ich hier nur darauf hinweisen, daß nach meinen Untersuchungen die Träufelspitzen recht wohl den Zweck lialjen könnten, die Blätter vom Wasser schnell zu befreien, nicht um sie zu entlasten, sondern um ihnen eine möglichst intensive Assimilation zu ermöglichen, denn es ist keine Frage, daß ein Wasserüberzug, der, wie meine Untersuchungen beweisen, die Gesamtmenge der auf das Blatt fallenden Strahlen um etwa 10 bis 20 Prozent schwächen kann, gerade Gewächsen zum Schaden gereichen muß, die an sich schon an Orten mit geringer Beleuchtung wachsen. Ich betone jedoch, daß diese Ausführungen über die Bedeutung der Träufelspitzen für die Pflanzen durchaus hypothetischen Charakter besitzen und durch Untersuchungen an Ort und Stelle auf ihre Stichhaltigkeit erst noch geprüft wei'den müssen. Lichtschutz durch nicht-trichomatöse Auflagen auf der Epidermis. § 25. 1. Wachsauflagen. Auch auf den Lichtschutz, den besonders lichtzerstreuende Wachs- bedeckungen gewähren, wurde in der Literatur bereits mehrfach hingewiesen, ohne daß jedoch quantitative Untersuchungen, die Aufschluß geben könnten über die Bedeutsamkeit dieses Schutzmittels, bisher vorhanden waren oder zu einem Resultat geführt hätten^). 18) Stahl, 1. c. p. 134. 1) Vgl. Ursprung, 1. e. 62. 151 Obgleich ich nur eine relativ geringe Anzahl derartiger Gewächse unter- suchte, konnte ich doch feststellen, daß tatsächlich Wachsauflagcn auf Blättern unter Umständen zu ziemlich bedeutender Lichtzerstreuung führen können. Ich zweifle demnach nicht daran, daß die Angaben der Autoren, die bisher nur allgemein von lichtschUtzender Wirkung derartiger Auflagen gesprochen haben, wohlbegründet sind. Eines der merkwürdigsten Gewächse bezüglich seines Lichtgenusses ist ohne Zweifel EHcalyptu.'i GJoh/dns, bei dem der Lichtschutz, den die Profil- stellung der Folgeform der Blätter der Pflanze gewährt, zu den bekanntesten Schulbeispielen der Lichtschutzeinriclituugen gehört. Im Gegensatz zu der Blattstellung der Folgeform zeigt bekanntlich die Jugendform dieser Pflanze gegenständige Blätter, die nichf ihre Kanten, sondern ihre Flächen dem Lichteinfall darbieten. Je jünger diese Blätter sind, um so dicker sind sie mit einem bläulich-weißen Wachsreif überzogen, der unter Umständen ganz jungen Blättern ein schneeweißes Aussehen geben kann. Dieser Wachsreif ist mit Hilfe von Äther leicht zu entfernen; ich habe deshalb die Blätter von Eucalyptus Glohuluf; Labill. Voy. zur Unter- suchung herangezogen. Tabelle No. 25. Eucalyptus Globulus Labill. Voy. I. Blattoberseite, mit Reif. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gesamt- Mittel: Prozent : Zeit der Belichtung; 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 1 59,0 132,0 197,5 259,5 2 58,5 131,5 198,0 259,5 3 60,0 133,5 199,5 262,0 4 60,5 134,0 199,0 261,0 5 61,5 134,5 200,5 263,0 6 61,0 133,5 200,5 262,0 7 60,0 133,0 199,5 261,5 8 61,0 134,0 . 200,0 262,0 9 59,5 132,5 198,0 259,5 10 59,0 131,5 197,5 260,0 Gcsaint- .Mittel: 60,0 133,0 199,0 261,0 II. Blattoberseite 63,0 138,0 62,0 137,5 64,0 140,0 65,0 140,5 66,0 141,5 65,0 140,0 63,5 139,5 64,5 140,5 64,0 139,0 63,0 138,5 64,0 139,5 6,3 % 4,6 ?/o ohne Reif. I 207,5 j 206,0 i 208,0 208,5 210,0 209,0 208,0 208,5 207,5 j 207^0 208,0 4,3% 270,5 270,0 271,5 272,0 273,5 272,5 272,0 272,5 271,0 269,5 271,5 3,9 7o 152 Tabelle No. 25 gibt meine Uiitersuchungsresultate wieder, die sich auf bereits herangewachsene, aber doch noch ihrer ganzen Textur nach innerlich nicht völlig ausgebildete Blätter beziehen. Ein anderes Beispiel mit stärker bereiften Blättern ist Coiijledon pul- veritlenta Bak. Obgleich durch mehrfache Untersuchungen nachgewiesen wurde, daß derartige Succulenten eine ganz besonders hohe und eine die Norm weit übersteigende Temperaturerhöhung vertragen können-), so ist doch auch hier die Bereifung deutlich als Lichtschutzeinrichtung zu er- kennen. Blackman und Matthaei^) haben außerdem gezeigt, daß bei gewöhnlichen Blättern hohe Temperaturen erreicht werden können, wie sie vorläufig nur für Succulenten bewiesen worden sind; jedenfalls geht bei den dicken succulenten Blättern nicht so viel Wärme hindurch als dies bei Tabelle No. 26. Cotyledon pulvernlcnta Bak. I. Blatt I 11 it Reif. Zeit der Belichtung: 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 5 Min. 6 Min. 7 Min. 1 10,0 30,0 47,0 63,5 79,5 95,0 108,0 2 9,5 30,5 46,5 63,0 79,0 94,0 106,5 3 9,0 29,0 47,0 63,0 78,0 93,0 106,0 4 9,0 29,5 47,5 64,0 79,0 93,5 106,5 5 10,5 31,5 48,0 64,5 80,0 95,0 108,0 G 11,0 32,0 49,0 65,0 80,5 96,0 109,0 7 11,5 31,5 49,0 65,5 81,0 95,5 109,0 8 12,0 32,5 49,5 66,5 81,5 96,5 110,0 9 11,0 31,0 48,5 64,5 80,0 95,0 108,0 10 11,5 32,5 49,0 65,5 81,5 96,5 109,0 Gesamt- Mittel : 10,5 31,0 48,0 64,5 80,0 95,0 108,0 1 10,5 2 10,0 3 11,0 4 10,0 5 12,0 6 11,5 7 12,5 8 13,0 9 12,5 10 12,0 Gesamt Mittel: 11,5 Prozent: 8,7 7o II. Blatt ohne Reif. 116,5 115,0 116,0 115,5 117,0 118,0 117,0 1 1 9,0 116,5 118,5 117,0 7,7% 2) Pfeffer, 1. e. II. p. 295, 848. — Askenasy, Über die Tcniperatnr, welche Pflanzen im Sonnenlicht annehmen. Bot. Ztg. Leipzig 1875 p. 442, Ursprung, 1. c. p. 74 n. a. ') Blackman und Miß Mattliaei, 1. c. p. 411. 33,5 52,0 70,5 87,0 103,0 33,0 51,5 69,0 86,0 101,5 33,0 51,0 69,5 86,5 102,0 32,5 51,0 69,0 86,0 101,0 34,5 53,0 71,5 88,0 103,5 34,0 52,5 71,0 87,5 103,5 35,0 53,5 70,5 88,0 104,0 35,5 54,0 72,0 88,5 104,5 35,0 53,0 71,5 87,5 103,0 34,0 53,5 71,0 88,0 104,0 34,0 52,5 70,5 87,5 103,0 8,8% 8,6% 8,5% 8,6% 7,8% 153 dünnen Blattern der Fall ist. Es ist daher begreif licli, daß gerade auch bei succulenten Blättern Schutzeinrichtungen nötig sind, die von vornherein einen gewissen Prozentsatz von Strahlen zurückwerfen, damit auch hier, gerade wie bei dünnen Blättern, nicht übermäßig viel Wärme das Blatt in ungünstiger Weise beeinfluße. Meine Tabelle No. 26 zeigt, daß über 8''/o der Strahlen durch diesen Wachsreif zerstreut werden. Auch bei Echeveria-Avten ist es leicht, den Reif, der auf den Bättern liegt, durch Abwischen zu entfernen. Zugleich kommt hier aber noch eine Komplikation für die Lhitersuchung der Verhältnisse hinzu, die darin besteht, daß nach dem Abwischen des Reifes eine glänzende Epidermis sichtbar wird. Es handelt sich hier also um eine Kombination der von mir im dritten und fünften Kapitel des experimentellen Teils behandelten Eigenschaften; eine Würdigung der bei der Lichtzerstreuung vorhandenen beiden Komponenten ist hier aber deswegen leicht möglich, weil die Haut der Blätter sich auf große Strecken mit Leichtigkeit abziehen läßt, so daß nacheinander der auf liegende Reif wie auch die glänzende Oberseite entfernt werden kann. Tabelle No. 27. Echeveria bracteosa. Lindl. ii. Paxt. = CotijJedon Pachyi^hijtum Bak. I. Blatto beiseite mit Reif. Zeit der Belichtung 1 Min. 2 Min. 3 Min. ! 4 Min. 5 Min. 1 20,5 49,0 79,0 1 110,5 139,5 2 21,5 50,0 79,5 111,0 140,5 3 20,0 49,0 78,0 109,5 140,0 4 20,5 48,5 78,0 110,0 141,5 5 21,0 49,5 80,0 110,5 141,0 6 22,5 51,0 80,5 •■ 111,0 142,0 7 21,5 50,5 79,0 111,5 141,5 8 22,0 50,0 79,5 112,0 143,0 9 22,5 51,0 80,5 112,0 142,5 10 23,0 51,5 81,0 112,0 143,5 Gesamt- Mittel; 21,5 50,0 79,5 111,0 141,5 II. Bla tt Oberseite ohne Reif. 1 25,0 2 25,5 •> o 24,5 4 25,5 5 26,5 6 27,0 7 25,5 8 26,0 9 27,0 10 27,5 Gesamt- Mittel : 26,0 58,0 59,0 57,5 58,0 59,0 60,0 59,0 59,5 60,0 60,0 59,0 88,5 89,5 89,0 90,5 90,0 91,0 90,5 91,5 92,0 92,5 90,5 120,5 121,5 120,0 121,0 120,0 122,0 121,0 123,0 122,5 123,5 121,5 151,0 152,0 151,0 152,5 152,0 153,0 152,5 153,5 153,0 154,5 152,5 154 11 . Blattoberseite ohne H aut. Zeit der Belichtung : 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 5 Min. 1 28,5 62,5 98,5 132,0 166,5 2 29,0 64,0 99,5 132,5 167,0 3 27,0 63,0 98,0 132,0 165,5 4 28,0 64,0 98,5 133,5 166,5 5 28,5 63,5 99,0 133,0 167,0 6 30,0 65,0 100,5 134,5 167,5 7 29,0 64,5 99,5 134,0 167,5 8 30,0 65,5 100,0 134,0 168,5 9 29,5 65,5 100,5 134,5 168,5 10 30,5 66,5 101,0 135,0 169,5 Gesamt- Mittel : 29,0 64,5 99,5 133,5 167,5 Diff. von I/Ill in "/n ■■ = Wirkung 25,9% 22,5% 20,1% 16,9% 15,5% V. Reif + Haut: Diff. von II/III in o/„: — Wirkung 10,3% 8,5% 9,0% 9,0% 9,0% V. Haut: Tabelle No. 28. Echeveria imbricata Deleui I. Blattoberseite mit Reif. Zeit der Belichtung: 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 5 Min. 1 21,5 56,5 95,0 133,0 172,0 2 21,5 57,0 95,5 134,0 173,0 3 22,5 57,5 96,0 134,5 173,5 4 22,0 56,5 95,0 134,0 172,5 5 23,0 58,0 96,5 135,5 174,5 6 23,5 58,5 97,0 136,0 174,5 7 24,5 59,5 98,0 136,5 176,0 8 24,0 59,0 97,5 135,5 1 174,0 9 23,5 58,5 97,0 135,0 ; 174,5 10 24,0 59,0 97,0 136,0 175,5 Gesamt- Mittel: 23,0 58,0 96,5 135,0 1 174,0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gesamt- Mittel: II. Blattoberseite ohne Reif. 24,0 24,5 23,5 24,0 25,0 26,0 26,5 26,0 25,0 26,5 25,0 61,5 62,5 63,0 63,0 63,5 64,5 64,0 65,0 63,5 65,5 63,5 102,0 103,0 103,5 103,0 104,0 104,5 105,0 105,0 104,5 105,5 104,0 143,0 143,5 144,0 143,0 144,0 145,0 146,5 145,5 145,0 145,5 144,5 183,0 184,0 184,5 183,5 185,0 186,0 186,5 186,0 185,0 186,5 185,0 155 III. Blattoberseite ohne H aut. Zeit der Belichtung: 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 5 Min. 1 28,0 70,5 114,5 158,0 200,0 2 29,0 72,0 115,5 158,5 201,5 3 30,0 71,0 ; 115,0 159,0 201,5 4 28,5 70,0 114,5 158,0 200,5 5 30,0 72,0 116,5 159,5 202,5 6 31,0 72,5 117,0 160,0 202,0 7 31,5 74,0 117,5 161,0 204,0 8 30,5 72,5 117,0 160,5 202,5 9 30,0 72,0 116,5 160,0 202,0 10 31,5 73,5 117,0 160,5 203,5 Gesamt- Mittel : 30,0 72,0 116;0 159,5 202,0 Diff. V. I/IU in "/„: = Wirk. V. 23,3 °/o 19,4 «/o 16,8% 15,4% 13,9% Reif + Haut: Diff V. II/III in o/„: — Wirk V 16,7% 11,8% 10,3% 9,4 % 8,4% Haut : In Tabelle No. 27 habe ich die Untersuchungsresultate von Echeven'a hracteosa, in Tabelle 28 diejenigen von Echeveria hnhricata dargestellt. Es ergibt sich, daß bei dem ersteren Untersuchungsobjekt die Gesamtgröße der Wirkungen beider Reflexionseinrichtungen 25,9 "/o, bei den letzteren 23,3% der einfallenden Strahlen beträgt. Davonkommt beider in Tabelle No. 27 dargestellten Spezies ungefähr die Hälfte der Wirkung auf die hier besonders auffällige Reifbedeckung, während bei Echeveria imhricata (Ta- belle No. 28) die Reifbedeckung nur mit ca. 7%, die spiegelnde Obeiüäche mit etwas über 16% am Resultat beteiligt sind. Ein ähnliches Verhältnis der Kombination von Reifbedeckung mit spiegelnder Obei-fläche der Epidermis dürfte auch bei Cacalia repens L. Tabelle No. 29. Cacalia repens. L. =: Senecio succulentiis. Zeit der BeUchtUDg : 1 Min. I. Mit Reif. 2 Min. 1 3 Min. 4 Min. 5 M ni. 1 19,5 54,0 92,5 131,5 171,0 2 19,0 53,5 92,0 131,5 170,5 3 18,0 52,5 90,5 130,0 169,0 4 17,5 52,0 91,0 131,0 168,5 5 18,5 53,0 90,5 130,0 170,0 6 17,5 52,0 89,5 129,5 169,5 7 19,0 53,5 92,0 130,5 170,5 8 20,0 54,5 92,5 132,0 171,5 9 21,0 55,5 93,0 133,0 172,5 10 20,0 54,5 91,5 132,0 172,0 Gesamt- Mittel: 19,0 53,5 91,5 131,0 170,5 156 I!. Oh n e R e i f, Zeit der Belichtuni;: 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 5 Min. 1 23,0 59,5 99,0 138,0 177,0 2 22,5 59,0 98,5 137,5 176,0 3 21,0 58,5 97,0 136,5 175,0 4 20,0 57,5 96,5 135,5 174,0 5 21,5 57,0 97,0 135,5 174,0 6 20,5 56,5 97,0 135,0 173,5 7 23,0 58,5 99,0 138,0 176,5 8 23,5 59,0 98,0 137,0 175,0 9 23,0 60,0 99,5 139,0 177,5 10 22,0 59,5 98,5 138,0 176,5 Gesamt- Mittel : 22,0 58,5 98,0 137,0 175,5 Prozent: 13,6% 8,5% 6,7% 4,4% 2,8% vorbanden sein, nur ist mir hier, weil sich die Epidermis nicht so gut ab- ziehen läßt, die Verteilung der Wirkung auf die einzelnen Faktoren nicht in gleicher Weise gelungen wie bei Echeveria. Tabelle No. 29 stellt deswegen nur die Reflexionswirkung dar, die von dem Reifbelag allein ausgeübt wird; dieselbe hält sich ungefähr auf der Höhe, wie sie bei den Echeveria-Arten uns entgegentritt, und es ist nach Analogie mit diesen anzunehmen, daß die spiegelnde Epidermis den Gesamt- betrag der Strahlenreflexion noch wesentlich erhöht. § 26. 2. Rauhe Oberflächen. In Tabelle No. 30 stelle ich noch die Untersuchungsergebnisse an der Kapländischen Rochea falcata D. C. dar, bei welcher die lichtzerstreuende Schicht der fleischigen Blätter nicht durch Reif, sondern durch „dicht an- einander schließende, panzerartige Oberhautzellen" gebildet wird. Hansgirg^) macht auf den Eochea-Ty\n\s besonders aufmerksam und hebt die eigen- tümliche Einrichtung der Oberhautzellen vor allem als Schutz gegen über- mäßige Verdunstung und gegen Tierfraß hervor. Ferner zeichnet sich unter den bei dem Dickblätter-Typus vorkommenden Einrichtungen zum Schutz gegen intensive Insolation usw. Bochea falcata noch besonders durch Profll- stellung aus -). — Bei dieser Spezies ist es nun ebenso wie bei der Echeveria leicht, die Blattepidermis auf große Strecken abzuziehen; wie meine Tabelle ergibt, ist die lichtzerstreuende Wirkung der Epidermis und ihrer Auflagen hier gleichfalls sehr bedeutend. *) Hansgirg, 1. c. j). 182. 2) Hansgirg, 1. c. p. 194, 195. 157 Tabelle No. 30. Rochea f'alcata D. C. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gesatnt Mittel: Prozent: II. Ol )er Seite des Blattes oh 37,0 84,5 1 133,0 36,0 84,0 132,5 37,0 86,0 133,0 38,0 86,5 134,0 37,5 85,0 133,5 38,5 86,0 134,0 39,5 87,5 135,5 40,0 88,0 136,0 38,0 86,5 134,5 38,5 86,0 134,0 38,0 86,0 134,0 15,8'»/o 13,4''/o ll,9 7o 179,0 178,0 180,0 180,5 178,5 179,5 181,5 182,0 180,5 180,5 180,0 10,3 7o I. Oljcrsei tc des Blattes mit Haut. Zeit der Belichtung: 1 Min. 2 Min. 3 Min. 4 Min. 5 Min. 1 30,5 73,5 117,0 161,0 203,5 2 30,0 72,5 116,0 160,5 203,0 3 32,0 74,5 117,5 162,0 205,5 4 32,5 75,0 118,5 162,5 205,0 5 31,0 73,0 117,0 160,0 204,0 6 31,5 73,5 117,5 160,0 204,5 7 32,5 76,0 119,0 163,0 207,0 8 33,5 76,5 120,0 163,5 207,0 9 33,0 75,0 118,5 161,5 205,0 10 33,5 75,5 119,0 163,0 205,5 Gesarat- Mitlel: 32,0 74,5 118,0 161,5 205,0 223,0 221,5 222,5 223,5 223,0 224,0 224,5 225,5 223,5 224,0 223,5 8,3 7o § 27. Ändere Ergebnisse meiner Versuche. Zum Schluß sei es mir gestattet, in kurzem noch auf einige andere Verliältnisse hinzuweisen, die ich bei meinen Untersuchungen gefunden habe. Zunächst habe ich der Tatsache zu gedenken, daß unter Umständen bei Succulenten auch Epidermisausbildungen vorhanden sind, die nicht eine Schwächung, sondern eine Verstärkung der einfallenden Lichtintensität be- wirken. Ich liabe lange Zeit mit Mesemhrianthemiim cristallimon L. mich ab- gemüht, weil ich annahm, daß auch bei dieser Pflanze die bekannten linsen- artigen, mit klarem Zellsaft erfüllten Blasen auf Blatt und Achse irgend etwas mit Lichtschutz zu tun hätten. Die Methode meiner Untersuchung, die hier selbstverständlich im dampfgesättigten Raum stattfand, war die gleiche wie bei den vorhergehenden Versuchen. Ich entfernte die epider- malen Linsen dadurch, daß ich sie mit einem Skalpell ritzte, zerquetschte 158 und durch vorsichtiges Rollen auf Fließpapier die Objekte so gut wie möglich trocknete. Ich ging von der Voraussetzung aus, daß auch hier ein Anstieg der Temperatur nach Entfernung der bezeichneten Gebilde sich bemerkbar machen werde. Tabelle Nr. 31. Mesembrianthemum cristallinum L. Vesuclisreilie I: Mit Blasen. Ohne Bla.sen. Zeit der Belichtung : 1 Min. 1 Min. 1 11,0 9,0 2 11,0 8,5 3 10,5 9,0 4 11,5 9,5 5 12,0 10,5 6 12,5 11,5 7 13,5 11,0 8 13,0 10,0 9 12,5 10,5 10 12,5 10,5 Gesamt- Mittel: 12,0 10,0 Prozent: 16,7% Meine Tabelle No. 31 beweist, daß dies nicht der Fall ist, ja daß direkt das Gegenteil eintrat. Die klaren, wie Krystalle glänzenden Blasen, auf Blatt und Achse von Mesemhn'anthemim cristalJinmn L. wirken dem- nach nicht als liclitzerstreuende, sondern als lichtsammelnde Apparate. Die liauptsächlichste Bedeutung dieser blasenartigen Ausstülpungen von Epidermiszellen liegt allerdings in der Regulierung der Absorption des Wassers und ist somit eine Schutzeinrichtung gegen die Gefahr des Aus- trocknens. Die Pflanzen entziehen nämlich, wie Volkens beobachten konnte, in Ermangelung der für sie, besonders zur Zeit der Fruchtentwicklung, not- wendigen Feuchtigkeit, den Blasen ihren flüssigen Inhalt, um schließlich bis auf die heranreifenden saftigen Früchte ganz zu vertrocknen. Morphologisch ähnliche Wasserblasen wie Mesembrijcmthemiim cristallinum zeigen auch Aizoon canadense, Aizoon liispanicum. Caylusea canescens, Reseda pruinosa, Reseda arahica und verschiedene Atriplex-Arten^). Ferner bin ich bei meinen Untersuchungen über die Lichtzerstreuung an Bromeliaceen-Blättern auf zwei allerdings vereinzelt auftretende, aber doch höchst charakteristische anatomische Merkmale aufmerksam geworden, die, wie ich glaube, gleichfalls mit dem Lichtschutz zu tun haben-). Bei Acanthostachys strobilacen Klotzsch und Tillandsia vernicosa Bak. wurde unter Schuppenbelag und Epidermis der Blätter eine feste Hypoderm- 1) Volkens, 1. c. p. 54, 54; vgl. Abbild. Taf. XIII. 2) Hohlspiegelartige Zellen, vgl Fig. 2, 3. § 23. 159 läge gefunden, die in sehr sonderbarer Weise ausgebildete Lumina zeigt. Fig. 4 stellt diese Verhältnisse dar; die Querschnitte der Hypodermzellen zeigen, daß die Lumina außer- ordentlich schmal und langgezogen sind, so daß zunächst die Ansicht sehr wahrscheinlich ist, daß es sich bei diesen gewölbeartig ge- bauten Sklerenchymschichten um eine mechanische Einrichtung oder um Verdunstungsschutz handele. Aber die Ausbildung der nach oben und unten erweiterten Lumina, die im trockenen Zustand mit braun- gefärbtem Inhalt versehen sind, könnte doch auch darauf hinweisen, Figur No. 4. Tülandsia ocruicosa Bak. Denn es geht aus meiner daß diese Zellen als Beleuchtungsschutz dienen Figur hervor, daß die ZelUumina mit ihrem braunen Lihalt als Blenden wirken, und dalf) nur diejenigen Strahlen ungehindert zum Chlorophyllgewebe gelangen können, welche die schmalen Lücken zwischen den Zelllumina passieren. Bei Tülandsia Karwinskyana Schult, tritt gleichfalls die Bildung eines Hypoderms auf, von dem ich annehme, daß es ebenfalls mit Lichtschutz zu tun habe. Ich fand nämlich (vgl. Fig. 5) diese Hypodermzellen aus- Figur No. 5. Tülandsia Karwinskyana Schult. gefüllt mit großen zerklüfteten Kieselbrocken, welche, wie die Beobachtungen unter dem Mikroskop zeigten, sowohl ihrer unregelmäßigen Form wegen, wie wegen der Spalten, die sie durchsetzten, eine beträchtliche lichtzer- streuende Wirkung besaßen. Die großen Schuppen von Tülandsia Kar- winskyana Schult, stehen überdies sehr dicht und auch die Epidermis ist besonders nach iimeu sehr stark verdickt. Andere Beispiele sind Tillandsia ixioides Griseb., das sich durch einen auf das ganze Blatt ausgedehnten 160 sehr starken Sklerenchymschutz auszeichnet, der aus den bis auf ein meist nagelförmiges Lumen verdickten Epidermiszellen und einem starken, stein- zellenartigen Hypoderm besteht, das mit liclitbrechenden Körnchen dicht voll- gepfropft ist und als (vgl. Fig. 6) intensive Lichtzerstreuungsschicht dienen -;:;r-i^-T=5-— — — r=:s-^_ dürftc. TUlanäsia Duratü Vis., mit rfTrTi ..'/T/T, /v^T^«»'i mu r Figur No. 6. Tülandsia ixioides Griseb. der nach innen etwas verdickten, ziemlich großzelligen Epidermis, ist im Hypoderm mit vielen stark licht- brechenden , teilweise sphaerokry- stallischen Brocken sehr schön aus- gezeichnet, und bei der Tillanilsia andicola Gill. weist die nach innen verdickte Epidermis in jeder Zelle ein Krystalloid auf; auch einzelne Hypodermzellen sind noch mit solchen versehen. Derartige Kieselkörper in Epidermiszellen oder Hypodermzellen assi- milierender Organe sind bekanntlich gerade bei den Monokotylen nichts seltenes ^). Ob sie hier als Lichtzerstreuungsapparate wirken, und ob dies vielleicht allgemein ihre Funktion ist, vermag ich nicht mit Sicherheit zu sagen, doch spricht mein hier dargestellter Befund, wenigstens was TiUandsia luificinshyana Schult, betrifft, für diese Annahme. § 28. Resultate. 1 . Die Arbeit gibt eine Übersicht der in der Litteratur bekannt gewordenen Lichtschutzeinrichtungen, Dabei zeigt es sich, daß den zahlreichen Be- obachtungen umfassendere quantitative Untersuchungen nicht zuteil ge- worden sind. 2. Die Methode der vorliegenden Untersuchungen wird beschrieben und diskutiert. Bei den Versuchen beträgt der Einfallswinkel der auf die Blätter fallenden Strahlen 45 '^*, ausgenommen bei den Bromeliaceen-Blättern. Die Messungen werden ausgeführt mit Hilfe eines Thermoelements und eines Galvanometers. (Fig. 1. § 20.) 3. Die Versuche ergeben, daß behaarte Blätter weniger stark erwärmt werden als glatte Blätter; — z. B. wurde ein der dichten weißen Filz- bekleidung auf der Blattoberseite beraubtes Blatt von Centaurea candiäisshna Laur. um 37,5% stärker erwärmt. 4. Bei, besonders auf der Blattoberseite, glänzenden Blättern zeigt sich, daß die Erwärmung des Blattes stärker ist, wenn die das Licht weniger intensiv ä) Kohl, Anatomisch -physiologische Untersuchung der Kalksalze und Kiesel- säure in der Pflanze. Marburg 1889 p. 267 ff. 161 reflektierende Blattuuterseite der Lichtquelle zugewandt wird; — bei einem Blatt von Änthmütm nitidum Benth. z. B. betrug der Unterscliied 30%. 5. Die mit einem Wasserüberzug versehenen, benetzten Blattoberfläehen weisen eine den glänzenden Blättern entsprecliende Wirkung auf. — Im benetzten Zustand wurde ein Phyllocladium von Busens Hijpocjlosstim L. z. B. um 19,2% weniger erwärmt als im trockenen Zustande. Die Be- deutung dei- Träufelspitze als Ausdruck der Organisation eines Schatten- blattes liegt daher vielleicht in dem Bestreben, das Wasser deshalb schnell zu entfernen, um die an sich schon geringe Lichtintensität zwecks größerer Assimilation möglichst auszunützen. Ganz andere Verhältnisse liegen bei den wasseraufnehmenden Bromeliaceen-Schuppen vor; hier wird durch die wassergetränkten Schuppen die Lichtbrechung aufgehoben, also die benetzte Pflanze höher erwärmt. 6. Bereifte, also mit Wachsbedeckungen versehene Blätter werden (z. B. Cacalia repens L. um ISje^/o) weniger erwärmt, als die gleichen der Waclis- bedeckung beraubten Blätter. Die Wirkung der Wachsbedeckung kann jedoch durch eine darunter liegende glänzende Epidermis (z. B. Echeveria bracteosa Lindl. u. Faxt.) wesentlich erhöht werden. In gleicher Weise wirken die dicht aneinanderschlielienden Oberhaut- zellen von Rochea falcata D. C. 7. Die Außenwand der Epidermiszelleu, die glatte Cuticula, daneben die starke Schichtung der äußeren Epidermiswände, besonders bei den Ficus- Arten, also jedenfalls die oberflächlichen Membranen der Blätter, rufen das Phänomen der Spiegelung hervor. Bei einer Anzahl von Bromeliaceen sind es dagegen Epidermiszelleu, die, wie Hohlspiegel wirkend, die Lichtreflexion im wesentlichen bedingen dürften. (Fig. 2, 3. § 2.3.) Während linsenförmige epiderraale Gebilde (z. B. von Mesembrianthemwn cristallinum L.j eine Konzentration des Lichtes verursachen können, läßt die eigenartige Ausbildung der mit braunem Inhalt angefüllten, sehr schmalen und langgezogenen Lumina der Hypodermzellen bei den Blättern von Acan- thosiachys strobüacea Klotzsch und Tillandsia vernicosa Bak. vermuten, daß diese Lumina mit ihrem braunen Inhalt als Blenden wirken. (Fig. 4. § 27.) 8. Wahrscheinlich werden auch die Krystallkörper in der Hypodermis der Blätter verschiedener anderer Bromeliaceen (z. B. Tillandsia Kdririns- kijana Schult.) mit ihrer beträchtlichen lichtzerstreuenden Wirkung als Licht- schutz in Erwägung gezogen werden müssen. (Fig. 5, 6. § 27.) Vorliegende Arbeit wurde unter Anleitung des Herrn Prof. Dr. Mez in Halle a. S. ausgeführt; es sei mir gestattet, für die ständig mir zuteil ge- wordene liebenswürdige Anregung und Unterstützung auch an dieser Stelle herzlich zu danken. Inhaltsübersicht. A. E i n 1 e i t u n g. B. His t orisclier Teil. I. Tlieorie der Lichtseliutzeinrichtungen. II. Die hislier beschriebenen Liclitschutzeinrichtnngen. 1. Bewegungsfähigkeit der Chloi-ophylikörner. 2. Einstellung in den Schatten anderer Organe, a) Altere Laubblätter als Lichtschutz. 1)) Nebenblätter als Lichtschutz. c) Blattscheiden als Lichtschutz. d) Zusammendrängung der Vegetationsorgane zu dichten Haufen, Polstern und Rasen. 3. Periodische Bewegungen der Laubblätter. 4. Meridian- (Profil-) Stellung turgescenter Blätter. 5. Profilstellung nicht turgescenter Blätter. 6. Einrollung, Faltung und Runzelung der Blätter. 7. Entwicklung einer glänzenden Oberfläche. 8. Dichte Haarbekleidung. 9. Ausbildung cuticularer Wachssehiehten. 10. Krystallinische, salzkrustenbildende Überzüge und Kalkablagerungen IL Anatomische Struktur der Sonnenblätter. 12. Farbstoff. 13. Panachierte Blätter. , 14. Zellinhaltsbestandteile. 15. Einige andere angebliche Lichtschutzeinrichtungen. G. Experimenteller Teil. L Methode der Untersuchung. IL Die Größe der Lichtzerstreuung an mit Trichomen bedeckten Blatt- gebilden. 1. Schuppenhaare der Bromeliaceen. 2. Gewöhnliche Haare anderer Pflanzengruppen. III. Die Wirkung der glänzenden Oberflächen. IV. Die Reflexion des Lichtes durch Wasserüberzüge auf den Blättern. V. Lichtschutz durch nicht-trichomatöse Auflagen auf der Epidermis. 1. Wachsauflagen. 2. Rauhe Oberflächen. VI. Andere Ergebnisse. D. Schluß (Resultate). über den Einfluss des geotropisclien und lieliotropischen Reizes auf den Turgordruck in den Geweben, Von Karl Kerstan. D A. Historische und sachliche Einleitung. er Einfluß des geotropisclien und heliotropischen Reizes wird augen- fällig, wenn Pflanzenorgane in ihrem tropistischen Gleichgewichtszustande gestört werden. Bekanntlich " führen dann die Pflanzen, solange sie dazu fähig sind, Krüramungsbewegungen aus. In den bisherigen Studien dieser Krümmungen wurde nicht nur deren äußerer Verlauf berücksichtigt, sondern das Augenmerk der Forscher richtete sich auch auf die inneren Vorgänge. Über den Krttmmungsmechanismus wurden die verschiedensten Ansichten geäußert^). Im Hinblick auf die Bewegungsmechanik müssen nach Pfeffer (VI. p. 353/54) Nutations- und Variationsbewegungen unterschieden werden. Nachdem seit Frank (I. p. 97) die Nutationsbewegung als Erfolg einer modifizierten Wachstunistätigkeit erkannt worden war, spielten die ver- schiedenen Anschauungen über den Wachstumsmechanismus auch in der Er- klärung der Mechanik bei Krüinmungsbewegungen eine Rolle. Sachs und de Vries hatten die Bedeutung des Turgors für das Wachstum hervor- gehoben. Für letzteren (II. p. 5171 lag es nahe, bei Wachstumskriimmungen mehrzelliger Organe die Differenz im Wachstum der konvexen und konkaven Seite als Folge einer einseitigen Steigerung der Turgorausdehnung zu er- klären. Die Veränderung des osmotischen Druckes in den antagonistischen Seiten beruht nach ihm (I. p. 835) auf der verstärkten Produktion osmotisch wirksamer Stofle in der couvex werdenden Seite des Pflanzenorgans. Er folgerte dies daraus, daß eine eben begonnene geotropische oder helio- tropische Krümmung durch die plasmolysierende Wirkung einer 20 "/o igen Kochsalzlösung wieder rückgängig gemacht werden konnte. In bezug auf 1) Ausführliche Literaturangahen linden sich bei: Cisielski, Untersuchung über die Abwärtskrfimmung der Wurzel. Dissertation 1870, p. 1 — 8. Schober, Anschauungen über den Geotropismus seit K night. Hamburg 1899. Wissenschaft- liche Beilage zum Bericht der Realschule Eilbeck. Wiesner, Die heliotropischen Erscheinungen im Pflanzenreiche 1878, I. Teil, p. 4 ff. Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Bd. IX, Heft II. 11 164 die heliotropischen Krümmungen mehrzelliger Organe haben auch andere Forscher die Ansicht geäußert, daß sie durch Turgorwechsel veranlaßt werden. So schUeßt Sachs (I. p, 806) die „Veränderung des Turgors" als Krümmungsursache nicht aus, und nach Wiesner (I. p. 21) kommt der positive Heliotropismns dadurch zustande, daß außer den Cohäsions- verhältnissen der Zellmembranen auf den antagonistischen Seiten auch der Turgor allseitig oder nur einseitig verändert wird. Allein nähere Unter- suchungen über die vermutete Turgoränderung waren von den erwähnten Forschern nicht angestellt worden. Ihre Annahme wurde auch bald durch die Ergebnisse von G. Kraus (II. p. 87 f.) in Frage gestellt. Er fand nämlich, daß während der geotropischen und heliotropischen Krümmung eines Sprosses eine absolute Abnahme des Zuckers, sowie eine Zunahme des Wassergehaltes in der erdwärts gerichteten Stengelhälfte eintritt, woraus eher eine Verminderung als eine Steigerung des osmotischen Druckes auf der Konvexseite gefolgert werden konnte. Dieses der de Vries sehen An- nahme direkt widersprechende Resultat veranlaß te denn auch Wortmann (I. p. 961), den Turgordruck in den Zellen der konvexen und konkaven Seite mehrerer geotropisch gekrümmter Stengel nach der plasmolytischen Methode zu untersuchen. Er erhielt immer das übereinstimmende Resultat, daß tatsächlich keine Diiferenz in der Turgorkraft auf beiden Seiten vor- handen ist. Dasselbe negative Ergebnis in bezug auf einseitige Erhöhung der Turgorenergie fand Noll (I. p. 511) bei einer „ganzen Reihe von Beob- achtungen ", ja bei sehr stark und rasch sich krümmenden Organen fand er in den Zellen der Konvexseite eine sichtliche Abnahme des plasmolytischen Wertes, übereinstimmend mit den von Kraus erhaltenen Befunden. Damit kann — so schließt Noll — die Annahme einer Turgorsteigerung auf der Konvexseite von de Vries nicht länger mehr in Betracht gezogen werden. Allein so ausnahmslos zurückzuweisen, daß gesteigerte Turgorenergie bei geotropischen Krümmungen beteiligt sei, wird eingeschränkt durch Beob- achtungen Pfeffers (IV. p. 399): bei plasmolytischen Untersuchungen von horizontal gelegten Grasknoten, deren Aufwärtskrümmung dui'ch einen Gips- verband gehemmt war, wurde in einem Falle, nämlich in den Knoten von Hordeum vulgare, eine Steigerung des Turgors in den unterseitigen Parenchym- zellen um 1 — 2% Kaliumnitrat gefunden. Ferner wollte Kohl (Lp. 60, 66) an horizontal liegenden Stengeln, sowohl gekrümmten, als auch an unge- krümmten, sowie an krümmungsunfähigen, eine absolute Erhöhung des Tur- gordruckes in der Konkavseite als Folge des geotropischen Reizes beob- achtet haben. In der ausführlichen Entgegnung NoUs (II. p. 36) wurde aber mit Recht darauf hingewiesen, daß Kohls Bestimmungen der abso- luten Turgorerhöhung auf der Konkavseite sehr mangelhaft sind. Auf die Beobachtung Pfeffers geht Noll nicht ein, obwohl er seine Theorie gegen dessen Kritik ausführlich verteidigt. — Wenn nun auch der einseitigen Er- höhung der Turgorenergie bei Hordeum eine generelle Bedeutung für den KrUmmungsmechanismus nicht beigemessen werden darf — dies verbietet 165 schon der Umstand, daß Pfeffer bei den in derselben Weise am Auf- krümmen verhinderten Knoten von Triticum vulgare, Trüicum spelta und Glyceria spectahüis eine Turgorsteigerung nicht beobachten konnte ■ — so wäre sie dennoch beachtenswert, wenn sie sich als eine durch den Schwer- kraftsreiz veranlaßte Reaktion erwiese. Eine Untersuchung in dieser Richtung liegt aber bis jetzt noch nicht vor. Ferner ist noch nicht festgestellt, ob ein- seitige Steigerung der Turgorenergie bei gehemmter tropistischer Nutations- krümmung überhaupt allgemeiner verbreitet ist; denn die vorliegenden plasmolytischen Untersuchungen Wortmanns und NoUs erstrecken sich nur auf realisierte Krümmungsbewegungen, uud die Versuche Heglers [Hinweis bei Pfeffer (HI. p. 227)], die zu dem erwähnten Zwecke an- gestellt wurden, liegen nicht im einzelnen vor. Könnte die Änderung des Turgordruckes in manchen Fällen wirklich als das Mittel festgestellt werden, wodurch die Wachstumstätigkeit horizontal gelegter Ptlanzenorgane modi- fiziert wird, so hätte sie für manche Nutationskrümmungen dieselbe Be- deutung, wie für die Variationskrümmungen. Denn Pfeffer (H, p. 140) bewies, daß letztere verursacht werden nur durch die Dehnung der Mem- branen, welche durch die auf der erdwärts gewandten Hälfte vennehrten Expansiouskraft bewirkt wird. Hilburg (I. p. 30/31) konnte auch durch plasmolytische Untersuchung des tropistisch gekrümmten Blattgelenkes von Phaseolus vulgaris bestätigen, daß der osmotische Druck auf der konvex werdenden Gelenkhälfte eine Steigerung erfahren hatte, die etwa 1 % Kalium- nitrat äquivalent ist. Die Frage, ob dieser Turgorvariation die Bedeutung einer geotropischen oder heliotropischen Reaktion im Gelenkpolster der Bohne beizumessen ist, ist bisher noch nicht experimentell beantwortet, ferner ist auch noch nicht untersucht worden, ob die tropistischen Variationskrüm- mungen anderer Pflanzen auch durch einen Turgorwechsel bewirkt werden. Es ergibt sich also für mich die Aufgabe: 1. zu untersuchen, ob Turgorreaktionen als Folge des tropistischen Reizes Ursachen der Krümmung sind, (diese Untersuchung schloß an die bisherigen Beobachtungen und Behauptungen an), 2. zu untersuchen, wie weit verbreitet diese Erscheinungen sind. Da in bezug auf den Bewegungsmechanismus von vornherein Nutations- und Variationskrümmungen zu unterscheiden sind, so ordnen sich diese Teile den beiden Hauptabschnitten ein: Turgorverhältnisse bei a) Nutations- (Abschnitt C) und b) Variationskrümmungen (Abschnitt D). B. Methodisches. In der vorliegenden Untersuchung ist der Turgordruck immer nach der plasmolytischen Methode gemessen worden. Als Plasmolysator wurde Kali- salpeterlösung verwendet, und zwar wurden die verschiedenen Konzentrationen hergestellt durch volumetrische Vei-dümmng einer Normallösung, die 10,1 g 11* 166 KNOg auf 100 ccm Lösung enthielt. Zur Bestimmung des plasmolytischen Grenzwertes wurden meist um 0,5^/o verschiedene Lösungen für ausreichend genau erachtet und eventuellen Unterschieden von 0,2% im Turgordruck keine prinzipielle Bedeutung für die Krümmungsbewegung beigemessen, weil einem osmotischen Werte von 0,5 % Kaliumnitrat ein Energieaufwand von 1 — 2 Atmosphären entspricht, und dieser mindestens zur Ausführung der tropistischen Krümmung erforderlich ist. Nur in einigen Fällen wurde eine Genauigkeit bis auf 0,2% KNOo angestrebt. Plasmolysiert wurden mediane Längsschnitte in der Richtung der Krümmungsebene oder an deren Stelle Querschnitte (bei kurzen Bewegungsgelenken). Um Verwechselungen der antagonistischen Flanken bei der mikroskopischen Untersuchung vorzu- beugen, habe ich die konvexe Seite eines Schnittes durch einen leichten Einschnitt markiert. Da ich im Laufe meiner Untersuchungen die Turgorhöhe nur nach der gewöhnlichen plasmolytischen Methode bestimmte (und nur selten nach der plasmolytischen Transportmethode, deren Ergebnisse stets durch die erstere kontrolliert wurden), so mußte ich die Mängel jener Methode kennen, um meine Ergebnisse kritisch beurteilen zu können. Auf Unzulänglichkeiten dieser Methode ist wiederholt hingewiesen worden^). Für meine Unter- suchung kommen vor allem folgende Punkte in Betracht. Zunächst ist die elastische Kontraktion der Membranen bei der Beurteilung des gefundenen Turgordruckes zu berücksichtigen. Sie konnte auch meine Ergebnisse be- sonders bei den nicht durch Wachstum fixierten Variationskrümmungen in Frage stellen, wenn etwa die Zellmembranen der allein verlängerten Flanke bei der Plasmolyse eine ansehnliche Kontraktion erfahren, bevor sich der Plasmakörper von der Membran abhebt; doch konnte eine solche nicht be- obachtet werden. Auch in den Objekten liegen manche Fehlerquellen. Es gibt Pflanzen- zellen, in denen bei Plasmolyse eine Abhebung des Plasniakörpers auch im lebenden Zustande und zwar aus verschiedenen Gründen nicht stattfindet. So kann einerseits die Beschaffenheit der Membran den Eintritt der Lösung erschweren oder überhaupt verhindern, oder es kann anderseits der Plasma- körper so fest an die ihn umgebende Membran gepreßt sein, daß er sich entweder garnicht oder nur unter Zerreißung abhebt. Derartige Verhältnisse scheinen tatsächlich in vielen Grasknoten (vergl. p. 185) und im Wasser- gewebe der Marantaceen (vergl. p. 206) vorzuliegen. Auf andere anato- mische und physiologische Eigenschaften (Kleinheit der Zellen, Verdickung der Membranen, besondere luhaltstofte, individuelle Schwankungen der plas- molytischen Grenzwerte), die die Bestimmung der isotonischen Lösung manchmal erschweren, wird bei den einzelnen Versuchsobjekten hingewiesen werden. ») Vei-gl. de Vries llll. p. 544 ff.), Wortmann (II. p. 249), Hilburg {I. p. 25), Pfeffer (III. p. 228 und IV. p. 295, 305 f.). 167 Wie vorher erwähnt, bestimmten auch Wortmann, Noil und Kohl den Turgordruck in gekrümmten Pflanzenorganen nacli der plasmolytischen Methode. Die genannten Forscher handhabten diese Methode so, daß sie die Schnitte in eine noch nicht isotonische Lösung otten auf den Objekt- träger brachten und dann, wälirend sich die plasmolysierende Lösung all mählich durch Verdunstung konzentrierte, mikroskopisch den Eintritt der Plasmolyse in den antagonistischen Seiten erwarteten. Weil auf diese Weise sowohl die sich ändernde Konzentration der Lösung als auch die Zeit der beginnenden Plasmolyse als Maß des Turgordruckes benutzt wird, ist es möglich, auch sehr kleine Turgorunterschiede zwischen den beiden Gegen- seiten zu bestimmen. Trotzdem wandte ich diese Art der Messung nicht an, sondern gab der von Pfeffer (V. p. 127) erwähnten und oben be- schriebenen Manier den Vorzug; denn einmal brauchte ich, wie schon dar- getan, auf geringere Ditferenzen kein Gewicht zu legen, und in den Fällen, wo dies geschehen mußte, ist sie nicht zu empfehlen, weil sie infolge fort- während stattfindender Verdunstung der Lösung den genauen prozentualen Wert der Konzentration und damit die Größe der Differenz in den antago- nistischen Seiten unbestimmt läßt. Ferner können die Resultate der Ver- dunstungsmethode durch mancherlei Nebenumstände unsicher werden, z. B. die Dicke des Schnittes oder die räumliche Beschränktheit des mikroskopischen Gesichtsfeldes. Durch letztere kann nämlich die Zahl der gleichzeitig Plas- molyse zeigenden Zellen auf jeder Seite nur allgemein bestimmt werden. Da aus zahlreichen früheren Untersuchungen [z. B. de Vries (IV. p. 561), Pfeffer (IV. p. 304), Copeland (L p. 39), E. Pringsheim (Lp. 112, 121)] bekannt ist, daß auch äuLiere Einflüsse — besonders kommen Beleuchtung, Temperatur und Wassermangel in Betracht — für die normalen Turgor- verhältnisse sehr wesentlich sind, so mußten dieselben bei den Versuchen sorgfältig berücksichtigt werden, um dadurch eine Fehlerquelle auszuschalten. C. Turgorverhältnisse bei den tropistischen Nutations- krümmungen. I. Die Krümmung ist realisiert. a) Keim Stengel, Sprosse und Wurzeln. Die tropistischen Nutationskrümmungen der Wurzeln und meisten Sprosse kommen dadurch zustande, daß die konvex werdende Flanke in der Zone der normalen Wachstumstätigkeit eine Wachstumsbeschleunigung erfährt. Diese Veränderung könnte durch eine Turgorsteigerung bezw. Turgorditferenz in den Geweben verursacht werden. Doch ist dies nicht unbedingt erforder- lich; denn die normale Turgorkraft ist groß genug, um mit Hilfe gesteigerter Dehnbarkeit der Zellmembranen (Noll I und II) oder sogleich beschleunigten Membranwachstums (Pfeffer IV. p. 416) eine Aufkrümmung einzuleiten. Im letzteren Falle hat sie allerdings nur formale Bedeutung. Würde aber 168 auch in diesen Fällen im Laufe der Krümmung eine Erhöhung des Turgors eintreten (und in manchen Grasknoten scheint dies der Fall zu sein), so wäre die größere Turgorenergie eine Begleiterscheinung, die das Wachstum der Zelle beschleunigen könnte. Solche Erwägungen über eine mögliche Beteiligung des Turgors an der tropistischen Krümmung weisen auf Gesichts- punkte hin, die bei den Untersuchungen und Versuchsanordnungen wohl zu berücksichtigen sind. So müssen, ehe überhaupt irgendwelcher Einfluß des tropistischen Reizes auf den Turgordruck der sich krümmenden Pflanze konstatiert werden kann, zuerst die normalen Turgorverhältnisse bestimmt werden. Wenn ferner die Turgorsteigerung die Ursache der Krümmung ist, so muß sie kurz vor Beginn der Krümmung, und da vielleicht besonders deutlich, zu beobachten sein. Darum untersuchte ich Pflanzen nicht nur, wenn die Krümmung sich vollzog, sondern auch kurz nach dem Horizontal- legen oder nach begonnener Einwirkung einseitigen Lichtreizes, also dann, wenn überhaupt noch keine Krümmung zu sehen war. Pflanzen aber, deren Krümmung beendet war, wurden überhaupt nicht mehr als für die Unter- suchung geeignet erachtet. Immer wurden gleichaltrige Objekte von möglichst gleichem Äußeren und gleicher Länge ausgewählt. Um bei der normal stehenden Pflanze die Zone zu bestimmen, in der die ansehnlichste Krüm- mung stattfindet, wenn jene horizontal gelegt würde, habe ich vorher ein anderes Exemplar, das nicht plasmolysiert wurde, die Krümmung ausführen lassen, um daran die Zone der ansehnlichsten Krümmung zu erkennen. Umstehend sind die Ergebnisse der plasmolytischen Untersuchungen mehrerer tropistisch gekrümmter Pflanzenorgane mitgeteilt. Die plasmolytischen Grenz- werte sind in Salpeterprozenten angegeben. R bedeutet die Zellen des Rinden-, M die des Markparenchyms. Die beigefügten o und u bezeichnen die Ober- und Unterseite des gekrümmten Pflanzenteils. Temp. 16 — 18° C. Geotropische Krümmung von Keimwurzeln. Die Turgorverhältnisse der in normaler Stellung befindlichen Wurzeln von Vicia Faba und Zea Mays sind eingehend und genau von Pfeffer (IV. p. 296 flf.; Turgorkurve für Fütawurzel p. 297, für Zea p. 299) be- schrieben worden. Die bei der geotropischen Krümmung in der Mitte der Krümmungszone herrschenden Turgorverhältnisse sind im folgenden bestimmt worden. In feuchten Sägespänen gerade gewachsene Wurzeln von 30 bis 40 mm Länge wurden horizontal gelegt in der von Sachs (II. p. 405) als vorteilhaft bezeichneten Weise. Vicia Faba (4—7 nun von der Spitze) Zea Mays (3 — 5 mm von der Spitze) R M R M > 3,0 3,8-4,0 4,8—5,0 o 2,9 u 3,0 3,0 3,8 4,8—5,0 550 40" 16 Std. 169 Stengel von Keimpflanzen. a) Negativ geo tropische Krümmung: Die Pflanzen befanden sich in Töpfen, und diese wurden umgelegt. Die in Klammer befindliche Ziffer gibt die Gesamtlänge des Stengels an, die beigefügte Angabe: ,, Entfernung von der Spitze" gibt das obere Ende der Zone an, der die Schnitte entnommen wurden. Pflanze Xi Normale 7o Gekrümmte Pflanze 7o 00 c ea CO 3 3 4) Hypokotyl v. Lupinus albus (40 mm lang) 20 mm von der Spitze Hypokotyl von Cuciirhita Pepo (90 mm lang) 30 mm von der Spitze Epikotyl v. Phaseolus multiflortis (95 mm lang) 30 mm vom Scheitelpunk Hypokotyl v. Ricinus communis (110 mm lang) 45 mm von der Spitze Epikotyl von Vicia Faha (90 mm lang) 35 nim von der Spitze R M R und M R M R M R M 2,3 2,3-2,5 2,5 3,0 3,0-3.2 ) 2,8 2,6—2,8 2) \ do. do. o 3,0 u 2,5 o 3,0— 3,2 u 2,5-2,8 o 2,8 u 2,5 2,8 o 2,6 u 2,5 2,6 - 2,8 35" 40" 45" 60" 40" 50" IV2 Tg. iTg. 20 Std. 2 Tg. ITg. ß) Positiv heliotropische Krümmung: Etiolierte Pflanzen wurden in einem Dunkelkasten mit wagerechtem Spalt in der Vorderwand an einem Südfenster dem Tageslichte ausgesetzt. Pfl an ze Gewebe Normale 7o Gekrümmte Pflanze 7o Grösse des Krümmungs- winkels Versuchs- dauer Epikotyl V. Phaseolus multiflorus (80 mm lang) 20 mm vom Scheitelpunkt Hypokotyl v. Helianthns annuus (60 mm lang) 15 mm von der Spitze Hypokotyl v. Ijmmoea jmrpurea (40 mm lang) 10 mm von der Spitze R M R M Ru. M 3,0 3,2 2.53. 2,8 ' 2,5-3,0 l 2,8 [ do. do. 10" 15-20" 90" 5 Tg. 3-5 Tg. 4 Std. Versuche mit großen Exemplaren: Coleus hybridus, 25—30 cm hoch R M 2,0—2,5 2,5 \ 2,5 — Impatiens Siiltani, 40 cm hoch R M 1,8 2,0 \ do. — — Achyranthes Verschaffeltii, 30 — 35 cm hoch R M 4,5-5,0 6,0 - 6,5 5,0 u 4,5 6,5 u 6,0 — — 1) Vgl. Wort mann (I. p. 461), Pfeffer (IV. p. 378). 2) Vgl. Pfeffer (IV. p. 378). ^) Vgl. Pfeffer (IV. p. 378). 170 Werden die Ergebnisse der plasmolytischen Untersuclinngen überblickt, so ergibt sich in bezug auf die Beteiligung des Turgors, daß bei den ge- krümmten Organen eine Turgorsteigerung gegenüber der normalen Ptlanze nirgends gefunden wurde, weder auf der Konkav- noch auf der Konvexseite, weder während der Krümmung noch auch dann, wenn nach V2 — 1 stündigem Horizontallegen der Pflanze die Krümmung noch nicht begonnen hatte. Dieses negative Resultat stimmt überein mit den Befunden Wortmanns (I. p. 961) und Nolls (I. p. 511). Bei vielen Pflanzen sinkt sogar die Turgorenergie etwas auf der Konvexseite in der Krümmungszone. Mehrfach (Lupinus, CncHrhita, Helianthus, Ipomoea, Coleus, Impatiens, Wurzel von Zea) wurde allerdings auch Konstanz des Turgors in dieser Flanke beobachtet. Noll (I. p. 511 und p. 525 Anmerkung) konstatiert dasselbe und zwar bei „sehr stark und rasch gekrümmten Organen". Auch nach meinen Beobachtungen ist wahrscheinlich, daß der Winkel der Krümmung, deren Schnelligkeit und die Größe der Krümmungszone von wesentlichem Einfluß auf die Turgor- erniedrigung der Konvexseite sind. Denn die Keimstengel von Phaseolus, Vicia und die i^'rt^ftwurzel zeichnen sich in der Tat durch rascheren Ver- lauf der Krümmung gegenüber den Lupinusstengein und der Zeawurzel aus. Freilich ist der Rückgang des Turgors auf der Konvexseite nicht immer mit schnellerer Krümmung verbunden ; denn im Hypokotyl von Ricinus, das sich nicht so rasch wie etwa Phaseolus krümmt, wurde ein Rückgang eben- falls gesehen, während ihn der sich ziemüch schnell krümmende Impaiiens- stengel nicht erkennen ließ. Überdies ist zu bedenken, daß die Turgor- verhältnisse überhaupt individuellen Schwankungen unterworfen sind, sodaß es nicht überraschen darf, wenn ein geringerer osmotischer Wert auf der Konvexseite nicht bei allen Individuen einer Gattung und Art zu sehen ist. Mit zunehmender Größe des Krümmungswinkels wird auch die Differenz des Turgors zwischen Ober- und Unterseite größer. Das geht aus einem Versuche mit Keimstengeln von Phaseolus hervor. Als die Turgorvei'hältnisse solcher Stengel nach 2 Stunden Horizontallage untersucht wurden, zeigten sie eine Krümmung von ca. 10^' und eine Turgorabnahme von 0,2 % Salpeter (Mittelwert) im Rindenparenchym der Unterseite. Nach 3 Stunden, als der Krümmungswinkel durchschnittlich 15° betrug, war der gleiche Rückgang von 0,2% auch in den benachbarten Zellen des Markparenchyms der erd- wärts gewandten Hälfte zu bemerken. Als die Stengel 7V2 Stunden lang horizontal gelegen und sich ca. 20** gekrümmt hatten, betrug der Rückgang sowohl im Rindenparenchym als auch in den angrenzenden Markparenchym- zellen 0,5 %. Viel höher wurde der Unterschied im osmotischen Werte der Gegenseiten nicht gefunden, nur einmal betrug er 0,7 %. Nachdem die apikal gelegenen Stengelteile aus der Krümmungszone herausgetreten waren, also sich wieder gestreckt hatten, hatte der Turgor der Unterseite die alte Höhe wieder erreicht, und demzufolge war die Turgorditferenz verschwunden. Doch tritt dies erst nach einer gewissen Zeitdauer ein, die von der Größe der Differenz abhängig zu sein scheint. Als nämlich die Unterseite in der 171 Kriimrnimjrszone einen um 0,2 "/o niedrigeren Tiirgorwert als die Oberseite zeigte, waren in dem Stengelstücke oberhalb der Zone, welches die Krüm- mung schon durchlaufen hatte, die Turgorwerte der beiden antagonistischen Flanken gleich; während die Ditferenz in dem wieder gerade verlaufenden Spitzenteile noch nicht immer aufgehoben war, als sie in der sich krümmen- den Zone nach 7 V2 stündiger Horizontallage 0,5% betrug. Die regulatorische Tätigkeit der Pflanze braucht eben zur Herstellung des früheren Turgor- wertes eine gewisse Zeit. Die Tatsache, daß die Turgorabnahme auf der Unterseite sehr bald ausgeglichen wird, läßt sich sehr gut mit den Ansichten Pfeffers (IV. p. 412 und VI. p. 668) und Nolls (I. p. 525 und II. p. 45) in Einklang bringen, nach welchen die Ditferenz nur dadurch zustande kommt, daß bei dem einseitig beschleunigten Wachstum die Produktion osmotischer Substanz nicht gleichen Schritt hält mit der Volumzunahme und Wasseraufnahme der Zellen. In allen Fällen lehrt der Vergleich des Turgordruckes in der gekrümraten mit dem in der normalen Pflanze, daß die Turgorditferenz zwischen Ober- und Unterseite durch den Rückgang des plasmolytischen Wertes auf der unteren (konvexen) Seite zustande kommt, nicht, wie Kohl (I. p. 60) lehrt, durch Erhöhung auf der konkaven Seite. ^) Dieses negative Resultat braucht jedoch nicht allgemeine Gültigkeit zu haben. Wälirend bei den bisherigen Objekten die Krümmung einen flachen Bogen darstellt, und infolgedessen die Verlängerung auf eine große Zahl von Zellen sich verteilt, woi*aus wieder folgt, daß jede einzelne nur geringen Anteil hat, ist sie bei andern Pflanzen ein scharfer Knick, indem sich die Wachsturasarbeit auf eine kurze Strecke verteilt, sodaß die einzelne Zelle der Unterseite stark in Anspruch genoraraen wird. Hier tritt vielleicht eine einseitige Turgorsteigerung ein. Solche kurze Krümraungszonen liegen bei den Gelenkpflanzen vor. 1) K oh 1 folgert dies aus Unteisuchuiigeri, die er nur an gekrümmten Organen vorgenommen hatte, ohne ilire Turgorverhältnisse mit denen der normalen Pflanze zu vergleichen. Kv fand nämlich z. B. bei einem gekrümmten Stengel von Pisum sativum na';h der Verdunstungsmethode (s. o. p. 167) zwischen Ober- und Unterseite einen Unterschied von 0,5 — IjC/o Salpeterwert. Bei meinen Untersuchungen an Pisum fand ich einen so wesentlichen Unterschied nicht. Deshalb prüfte ich die Befunde Kohls mittels der von ihm angewandten Methode nach. Weiter wollte ich auch an Stelle der sehr allgemeinen Zeitangaben Kohls ,,sehr bald", „sofort", „nach einiger Zeit" eine bestimmte Zeitdauer wissen. Nach diesen Untersuchungen nmß ich Kohls Ergebnisse als nicht einwandfrei bezeichnen. Denn nicht immer trat die Plasmolyse an der Konvexseite eher ein als an der I^onkavseite, sondern in manchen Schnitten begann der Plasmakörper auf beiden Seiten sich abzuheben und zwar nach 45 Sekunden. Aber selbst in den Fällen, wo eine zeitliche Differenz beobachtet wurde, betrug diese höchstens 10 Sekunden. Unter solchen Umständen kann wohl von einem wesentlichen Unterschiede im Turgordruck der antagonistischen Seiten nicht gesprochen werden. 172 b) Stengelknoten. Der äußere Verlauf der geotropischen Krümmung von Stengelkuoten ist von Barth (I) und Kohl (II) näher beschrieben worden. Bei den folgenden Versuchen wurden Knoten sowohl horizontal als auch aufrecht in feuchten Sand gesteckt, der sich in einem Zinkkasten befand. Die normal stehenden Knoten wurden während der Kriimmungsdauer der andern unter denselben Bedingungen gehalten. 1. Knoten, die nur krümmungsfähig sind, solange sie wachsen. Pflanze Normale Gekrümmte Pflanze Grösse des Krümraungs- wlnkels 1 1^ V o % Vo > a) Knoten ohne Blattscheiden. Crassula spathulata Ru. M 3,0-3,5 do. 30» 2 Tg. Galeopsis tctrahit R M 3,5-4,0 4,5 1) \ do. 20° 2 Tg. Mercurialis perennis R M 4,0 4,5 4,0 u 3,8 4,5 40» 1 Tg. (ober Mimulus luteus u. unterhalb der Knotenplatte) 2) R M 2,2 2,5 o 2,2 u 2,0 o 2,5 u 2,2 25 1 Tg. As])erula tinctoria Ru. M 5,5 do. 15« 3 Tg. ß) Knoten mit Blattscheide, die se ist bei der Krümm ung passiv. Melandryum alhwm R M 2,5—2,8 2,8 \ do. 25« 2 Tg. Polygonuni Bistorta R M 3,2 3,5 3,2 u 3,0 o 3,5 u 3,0 30« 1 Tg. 2. Knoten, die im fast ausgewachsenen Zustande noch krümmungs fähig sind. Blattscheide ist bei der Krümm ung passiv. Tradescantiastengel. Der anatomische Bau und die geotropische Aufrichtung der Tradescantia- stengel ist außer von Barth (I. p. 16, 18 ff.) auch von Miehe (I. p. 531) beschrieben worden, ebenso wie dort [Miehe (I. p. 535 Skizze)] wurden zu den folgenden Versuchen abgeschnittene Stengel von 3 — 4 Internodien- längen verwendet. Tracl. fluminensis Trad. virginica Callisia repens R M 1,9-2,1 2,0-2,2 2,1 u 2,0 2,1 26 «bez. 55« 1 bez 3 Tg. R M 2,8 3,0 1 do. 27« 1 Tg, R M 1,8 2,0 1,8 u 1,7 2,0 25« 2 Tg. 1) Vgl. Briquet (I. p. 17), der den normalen Turgorwert auf 10 atm. = ca. 3«/o KNO3 feststellte. Der von mir gefundene höhere Wert kann dadurch erklärt werden, daß ich eine eingebrachte, wenig welke Pflanze untersuchte. 2) Nach Barth (I. p. 7) werden hier die Bewegungsknoten von beiden Teilen zweier benachbarter Internodien gebildet. 173 Die Ergebnisse der plasmolytischen Untersuchung der Stengelknoten stimmen also überein mit denen bei Keimpflanzen*, nirgends wurde ein höherer Turgorwert auf der Unterseite gefunden. Hieraus braucht aber noch nicht gefolgert zu werden, daß die Turgorenergie als Betriebskraft der Krümmung außer Frage kommt. Denn es ist sehr wohl möglich, daß eine Turgorsteigerung stattgefunden hat, daß diese aber bei der Krümmung, bez. durch dieselbe aufgehoben ist. Ob dies der Fall ist oder nicht, kann ermittelt werden, wenn die Krümmungsbewegung mechanisch gehemmt wird. Dies kann sowohl durch Eingipsen als auch durch Zug in der Längs- richtung des Objektes geschehen. Während im Gipsverband außer der Krümmung auch das Wachstum verhindert wird, demgemäß eine etwaige Turgorsteigerung auch durch Wachstumshemmung verursacht sein kann, dauert das Längenwachstum bei Zug ziemlich ungestört fort. Der Anteil des Turgors am Krümmungsraechanismus liegt dann klar zutage. Darum werden im folgenden Ergebnisse plasmolytischer Untersuchungen über die Turgorverhältnisse solcher Pflanzen mitgeteilt, deren tropistische Krümmung mechanisch gehemmt worden ist. IL Die Krümmung ist mechanisch gehemmt. a) Einleitendes. Zur Beurteilung dieser Ergebnisse war es nötig, frühere bei solcher Ver- suchsanordnung gewonnene Resultate zu berücksichtigen. Außer einigen früheren Arbeiten liegen Untersuchungen von Wortmann (I), Elfving (II), Heg 1er (I) und Ball (I) vor. Die anatomischen Veränderungen bei hori- zontaler Zwangslage und geotropischer Induktion hat neuerdings Bücher (I) eingehend studiert. Schon Wortmann und Elfving stellten an horizontal gehaltenen Objekten bezüglich der Wanddicke von Bast- und Colleuchym- zellen große Unterschiede zwischen Ober- und Unterseite fest, die erklärt wurden von Hegler als Reizwirkung einseitiger Zugspannung, von Ball in manchen Fällen als solche der Schwerkraft. Bücher, der die Ansichten beider bestätigen kann, nennt die anatomischen Veränderungen ersterer Art Kampto-, die letzteren Geotrophismus. Über die osmotischen Verhältnisse bei den unter Zugspannung gehaltenen Pflanzen sowohl der aufrecht stehen- den als auch der horizontal gelegten, sowie über die eingegipster Pflanzen spricht sich nur Hegler aus [I. p. 407 ff., Hinweis bei Pfeffer (III. p. 227)]. Er bestätigt die Ergebnisse Pfeffers (IV. p. 296, 303, 378, 398), daß eingegipste wachstumstätige Pflanzenorgane einen höheren Turgordruck zeigen als die freiwachsenden. In den Streckungszonen der unter Zugspannung aufrecht stehenden Pflanzen stellte er einen allseitig höheren plasmoly- tischen Grenzwert fest, und er gibt an, daß er „bei Hemmung geotro- pischer Wachstumskrümmungen (unter Fortdauer des Längenwachstums)" in den Zellen der konvex werdenden Seite eine Turgorzunahrae beobachtet habe. In bezug auf den letzten Punkt befinde ich mich in Widerspruch 174 mit Heg 1er, denn meine plasmolytischen Untersuchungen ergaben, daß bei vielen durch Zug horizontal gehaltenen Keimstengeln niemals eine einseitige Turgorschwellung eintrat, sondern eine allseitige, analog der von Hegler bei vertikaler Stellung beobachteten. Während ich also die oben angeführten Beobachtungen sowohl über die anatomischen Veränderungen als auch über die osmotischen Verhältnisse im allgemeinen bestätigen konnte, gilt dies nicht in diesem einen Falle. b) Ergebnis. Über die Methode des Eingipsens vgl. Pfeffer (IV. p. 238 ff.). Die Hemmung der Krümmung (durch Zug) erfolgte in der üblichen Weise. Vgl. Wortmann (I. p. 819), Ball (I. p. 323), Bücher (I. p. 308 Ab- bildung). Von den zu untersuchenden Pflanzen wurden in demselben Topf gezogene Paare von gleicher Länge und Kräftigkeit ausgesucht. Während die eine Pflanze die Krümmungsbewegung ungehindert ausführte, wurde die andere durch Zuggewichte in der Reizlage festgehalten, sodaß nur das Längenwachstum fortdauern konnte. Nachdem die eine Pflanze eine an- sehnliche Krümmung ausgeführt hatte, wurde in beiden der Turgordruck nach der plasmolytischen Methode bestimmt. Untersucht wurden die gleichen Pflanzen und Pflanzenteile (Keimstengel von Lupinus, Cucurbita, Phaseolus, Ricinus, Vicia, Helianfhus, Ipomoea, Stengel von Coleus, Impatiens, Ächy- ranthes, Keimwurzeln von Vicia und Zea, Stengelknoten von Crassula, Galeopsis, Merciirialis, Mimulus. Melandryum, Polygonum und Traäes- cantia), deren osmotische Verhältnisse schon bei ausgeführter geo- oder beliotropischer Krümmung festgestellt worden waren (vgl. plasmolytische Grenzwerte im vorhergehenden Teil I). Die Stengel wurden außer durch Eingipsen besonders durch Zugspannung in der Längsrichtung an der Krümmung verhindert, während bei den untersuchten Wurzeln und Stengel- knoten die Hemmung erfolgte einerseits durch Eingipsen in der Pfef fer- schen (IV. p. 230, 296 ff.) Weise, anderseits wurden sie, um das Längen- wachstum nicht zu hemmen, in enge Glasröhren eingeführt. Bei der Aus- wahl der Wurzelstrecken, denen Längsschnitte zum Zwecke der Plasmolyse entnommen wurden, war für die entgipsten Wurzeln zu berücksichtigen, daß sich im Gipsverbande die Wachstums- und demgemäß auch die Krümmungs- zone verkürzt (Pfeffer IV. p. 352) und ferner, daß da, wo Krümmung realisiert wird, die Haiiptkrümmung bereits nach einigen Stunden basalwärts gewandert ist (Pfeffer VI. p. 654). Es wurden deshalb Schnitte aus ver- schiedenen Regionen des 8 — 10 mm langen Spitzenteiles der Wurzel unter- sucht. Bei den Hemmungsversuchen, speziell mit Fhaseolus- und Vicia- Keimstengeln, bestätigte sich die Behauptung Balls (I. p. 323, 327), nach der kräftig wachsende Pflanzen selbst bei ansehnlichstem Zuge nicht voll- ständig an der Krümmung verhindert werden können. Durch diesen und den ferneren Umstand, daß bei der Abnahme des spannenden Gewichtes die Pflanze sofort eine Schnellbewegung (Pfeffer VI. p. 537, 667) im Sinne 175 der geotropischen Krüramunpr ausführt, wird der beobachtete geringe Rück- gang des Turgors (um 0,2 Salpeterprozent) auf der konvex werdenden Seite erklärlich, annähernd derselbe Effekt, der auch bei Realisierung der Krümmung erzielt wird. Von einer einseitigen Zunahme der osmotisch wirksamen Substanzen kann aber beim Hemmen der durch den tropistischen Reiz angestrebten Nutationskrümmungen keine Rede sein. Denn von den wenigen beobachteten Ausnahmen — im eingegipsten Zustande ließen manche Stengel von Impatiens Sultcmi und Vicia Faha auf der Unter- seite einen um 0,2 — 0,5 Salpeterprozent höheren Turgor erkennen — läßt sich die Erhöhung bei Impatiens und Vicia ebensowohl durch Wachstums- hemmung erklären, da bei Zugspannung die Turgorsteigerung nicht eintritt. Bei MelamJriium alhum aber, wo zwei Knoten eine Turgorschwellung unter- seits zeigten, und zwar der eine in der Gipshülle um 0,3 — 0,5, der andere in der Glasröhre um 0,2 — 0,3 % Salpeter, hat sie keine generelle Bedeutung; denn ich konnte sie in drei weiteren Knoten nicht beobachten. Zudem dürfte die gefundene Differenz auch nicht ausreichen, um die geotropische Bewegung allein zustande zu bringen. Da die durch mechanische Eingriffe veranlaßten allseitigen Turgorerhöhungen , die Pfeffer durch Eingipsen wachsender Organe, Hegler durch Zug in der Längsrichtung manchmal erzielte, bei horizontaler Lage genau so eintreten wie bei normaler Stellung, also mit der gleichen Intensität auf beiden Seiten, so werden sie nicht durch die Schwerkraft beeinflußt, sondern beruhen bloß auf Wachstumsstörung und deren Folgen. Die allseitige Turgorschwellung betrug in der Gipshülle bez. bei Zug oder in der Glasröhre z. B. bei den Keimstengeln von Lupinus albus 1,0 bez. 0,5% Salpeter, und Vicia Faha 0,5 bez. 0%, bei den Keim- wurzeln von Vicia 1,0 bez. 7o, und Zea stets 7o. (Vgl. Pfeffer IV. p. 299.) III. Verschiedenes. Eine mehr oder weniger weitgehende Hemmung der geotropischen Krümmung kann speziell beim Gelenkknoten von Tradescantia flumintnsis nach Miehe (I. p. 535/3